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Corinne Michaela Flick (Hrsg.): Gleichheit in einer ungleichen Welt

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 24.04.2023

Cover Corinne Michaela Flick (Hrsg.): Gleichheit in einer ungleichen Welt ISBN 978-3-8353-5390-9

Corinne Michaela Flick (Hrsg.): Gleichheit in einer ungleichen Welt. Wallstein Verlag (Göttingen) 2023. 280 Seiten. ISBN 978-3-8353-5390-9. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR.
Reihe: Convoco! Edition.

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Vielfalt ist Gleichheit

In der „Globalen Ethik“, wie das Rechts- und Menschheitsdokument, die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (1948), die Gleichheit der Menschen bestimmt, heißt es: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Der anthrôpos, als evolutionäres Lebewesen, beansprucht Individualität und Intellektualität und grenzt sich von anderen Lebewesen ab, bis hin zum Aufweis eines Alleinstellungsmerkmals. Das Dilemma wird deutlich: Das Bewusstsein, dass „Ungleichheit, also Verschiedenheit und Andersartigkeit das Grundmerkmal des Menschseins“ darstellt, darf nicht bedeuten, Ungerechtigkeiten in der Welt das Wort zu reden (vgl. dazu: Miranda Fricker, Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und Ethik des Wissens, 2023, www.socialnet.de/rezensionen/30603.php). Der anthropologische, politische und gesellschaftliche Anspruch zur Durchsetzung von Gleichheit unterliegt vielfältigen Anforderungen und Ansprüchen: politischen, rechtlichen, ökonomischen, sozialen, moralischen. Im hergebrachten, alltäglichen Diskurs heißt die Antwort: „Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandeln!“.

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

In der wissenschaftlichen Diskussion wird die Forderung erhoben: „Wir wollen und brauchen ein großes Maß an Gleichheit als Fundament unseren (individuellen und kollektiven, lokalen und globalen, JS) Zusammenlebens und als Ausdruck von Gerechtigkeit“. Um diese Visionen zu erreichen, wird ein vielfältiger, individueller und konstitutiver, wissenschaftlicher Dialog geführt. Hier soll die Aufmerksamkeit auf eine Initiative gelenkt werden, die als internationales Netzwerk zu Wort kommt: CONVOCO, die gemeinnützige Stiftung zur Förderung der Wissenschaft und Bildung, mit Sitz in München. Die Einrichtung tritt mit verschiedenen, intellektuellen Aktivitäten an die Öffentlichkeit: Mit „Convoco Lectures“, „Forum“, „Potcast-Gesprächen“ und „Editionen“. Die Vorstands-Vorsitzende der Stiftung, die Rechtsanwältin und Sozialwissenschaftlerin Corinne Michaele Flick gibt den Sammelband „Gleichheit in einer ungleichen Welt heraus (vgl. auch: Corinne Michaela Flick, Hg., Wie viel Freiheit müssen wir aufgeben, um frei zu sein? 2022, www.socialnet.de/rezensionen/29300.php).

Aufbau und Inhalt

Die Autorinnen und Autoren leiten, neben der Einführung durch Corinne Michaela Flick, ihre Beiträge mit jeweils einer These ein. Der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Schön fragt: Wohlstand garantiert?“, indem er den aktuellen Zustand in Deutschland, Europa und in der Welt während und nach den Krisen – Corona, Klima, Ökonomie, Sicherheit – analysiert und sich damit auseinandersetzt, welche individuellen und staatlichen Aktionen und Reaktionen daraus erfolgen. Das politische Versprechen gilt es zu hinterfragen: „Der Wohlstand wird garantiert, und was der freie Markt nicht leistet, wird zur Aufgabe des Staates erklärt“. Die wichtigen, individuellen und aufgeklärten Anforderungen an jeden Einzelnen werden dabei vernachlässigt.

Die Rechtswissenschaftlerin Marietta Auer setzt sich auseinander mit „Gleichheit im Recht“. Sie arbeitet historisch und aktuell die Bedingungen und Strukturen heraus, die sich im Rechtsgedanken bündeln: Freiheit, Unabhängigkeit, Gerechtigkeit.

Der Wirtschaftswissenschaftler Francisco H. G. Ferreira fragt: „Welches ist das optimale Maß an Ungleichheit?“. Es sind die im internationalen Vergleich ermittelten Fakten, die als Menschheitsskandal gelten: Die sowieso schon Wohlhabenden werden reicher, und die Habenichtse ärmer! Es sind ethische und utilitaristische Positionen, die die Werte „Chancengleichheit“, „Besitz- und Verteilungsgerechtigkeit“… bestimmen sollten.

Der Sozialwissenschaftler Jonathan Wolff thematisiert die Unterschiede: „Gleichheit als Verteilungsgerechtigkeit oder Gleichheit als relationales Ideal?“. Der normative Aspekt von Gerechtigkeit ist Voraussetzung für gutes, gelingendes Leben; relationale Gleichheit ist Handhabung für Gerechtigkeit. Sie kann auf Hierarchien und Klassifizierung der Individuen verzichten. Der Historiker Jörn Leonhard zeigt auf, wie sich seit dem 18. Jahrhundert Gleichheitskämpfe und Ungleichheits-Entwicklungen vollzogen haben. Er erkennt vier gesellschaftspolitische Gleichheitskonzepte: Den Nationalstaat, Revolution, Kolonialismus und Faschismus, Globalisierung.

Die Berliner Ökonomin Raji Jayaraman fragt mit ihrem Beitrag: „Justice or Just is?“, indem sie sich mit den Zusammenhängen von Ungleichheit und der Entwicklung und Praxis in den angewandten Wirtschaftswissenschaften auseinandersetzt. Sie vermisst realistische, faktische, problemlösende Theorien und Werkzeug zur Lösung und Veränderung von lokal und global real existierenden Ungleichheiten.

Der Wirtschaftswissenschaftler Kai A. Konrad reflektiert mit dem Text „Romantische Liebe und intergenerative Mobilität“ die ‚endogamische‘ Praxis, Eheschließungen (und damit auch ökonomische Vorteile und Macht) innerhalb von bevorzugten homogenen, sozialen Gruppen zu arrangieren und damit ungleiche soziologische Formen wie z.B. „Upper-Class“ zu produzieren.

Der Volkswirtschaftler Clemens Fuest verdeutlicht „Soziale Mobilität und Meritokratie“. Er diskutiert die Bedeutung der Kompetenz, im Bildungs- und Produktionsprozess sozial mobil zu sein und Aufstiegs- und Entwicklungschancen zu ermöglichen, und er verweist auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür. Dort, wo sich aristokratische und meritokratische Zustände ergeben, entstehen undemokratische Zustände.

Der britische Wirtschafts- und Politikwissenschaftler Sir Paul Collier konfrontiert mit dem Beitrag „Die Umkehr der Polarisierung. Wie Menschen gemeinsame Ziele finden können“ die Entwicklungen in extrem polarisierenden Gesellschaften. Bei den sozialen und politischen Auseinandersetzungen und Kontroversen bleibt zuallererst die Chancengleichheit auf der Strecke. Er thematisiert die gesellschaftlichen Entwicklungen in Großbritannien und zieht Parallelen zu weiteren Ländern. Als Lösungsmöglichkeiten nennt er Beispiele aus Bottom-up- und Top-down-Prozessen.

Die Politikwissenschaftlerin Claudia Wiesner zeigt mit ihrem Beitrag „Demokratische Gleichheit und die Veränderung in modernen freiheitlichen Gesellschaften“ Prozesse auf, die sich positiv und negativ auf die etablierten, liberalen, repräsentativen Demokratien auswirken und sowohl Stabilisierungs- als auch Veränderungsprozesse erfordern, wie „demokratische Dekonsolidierung“ – „Widerstand gegen Populismus“ – „Demokratische Innovationen“.

Der Philosoph Mathias Risse bezieht sich mit dem Beitrag „Die Welt im post-imperialen Zeitalter: Über die Rolle des Handels bei der Schaffung einer gerechteren Welt“ auf Erwartungshaltungen, Hoffnungen und Ideologien, dass Wirtschaften eine bessere Welt hervorbringen könne. Seine Analyse, dass eine humane, gerechte Weltwirtschaftsordnung sich entwickeln und dadurch Gleichheit und Gerechtigkeit befördern würde, ist nicht optimistisch – doch die Hoffnung darauf muss bleiben!

Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Gabriel Felbermeyer setzt sich mit „Handels- und Machtpolitik zur Zeitenwende“ auseinander. Es sind die geoökonomischen Konflikt-, Krisen- und Kriegssituationen in der Welt, die nach Alternativen, nach demokratischen, freiheitlichen Reaktionen und geopolitisch abgestimmten Sanktionen rufen.

Der Rechtswissenschaftler Christoph G. Paulus plädiert mit dem Beitrag „Gleichheit, Ungleichheit, Recht“ für das Recht als „Gleichmacher“, indem er, anstelle des etablierten und praktizierten Insolvenzrecht das „Revolvenzrecht“ in den Diskurs bringt: „Mit Hilfe solch eines Verfahrens könnte eine Gleichbehandlung herbeigeführt werden, die im Verbund mit Transparenz, Vorhersehbarkeit und Berechenbarkeit … das Kernelement der Rechtsstaatlichkeit“ hergestellt werden.

Der Verfassungsrechtler Stefan Korioth schlägt mit dem Text „Gleichheit – vom Postulat zum Problem“ einen Bogen von religiösen Gleichheitsansprüchen bis hin zu menschenrechtlichen Prämissen.

Der Wirtschaftspsychologe Timo Meynhardt nimmt mit dem Beitrag „Führen im Anthropozän – Ungleichheiten im Verhältnis zur Natur erkennen und ausbalancieren“ Bezug zum existentiellen Umgang des Menschen mit sich und seiner Umwelt: „Laissez faire – laissez aller“ – oder Auseinandersetzung mit den Grenzen des Wachstums und des Planeten!

Den Schlussbeitrag liefert der Künstler und Kurator Hans Ulrich Obrist, der mit dem burkinischen Architekten Diébédo Francis Kéré ein Interview über „Architektur für eine globale Gemeinschaft“ führt – um Orte und Räume zu schaffen, in denen die Menschen gleich und vielfältig sein können.

Diskussion

Ego-, ethnozentristische, rassistische, faschistische, populistische Einstellungen versperren die humanen, antropogenen, evolutionären Möglichkeiten und Perspektiven für Entwicklung und Veränderung des Menschen. Wenn der aus dem afrikanischen Land Burkina Faso stammende Architekt Kéré dafür plädiert, Lebensräume für die Menschheit zu schaffen, die es ermöglichen „groß zu träumen“ und gut zu leben, verdeutlichen sich die enormen Herausforderungen, die jeden Menschen betreffen. Es sind Visionen, keine Illusionen, die bewältigt werden müssen: „He, Du dort!/Mach‘ Dich auf,/Wir müssen zusammenkommen/​unter diesem Baum/der noch nicht gepflanzt ist“ – diese Gedichtstrophe aus einem lateinamerikanischen Poem könnte ein Exempel und ein Aufruf sein zum individuellen und kollektiven, lokalen und globalen Denken und Handeln für eine bessere (Eine) Welt.

Fazit

Convoco will Verantwortung für die Welt von Morgen übernehmen. Diese Herkules-Aufgabe ist zu begrüßen; vor allem deshalb, weil die Akteure die Grundlage ihres Denkens und Tuns wissenschaftlich begründen. Es sind Hinweisschilder und Wegweiser, die weder als Rezepte daherkommen, noch als Medizin verabreicht werden, sondern Ratschläge und Anregungen zum Selbst-, Mitdenken und –tun sind.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1652 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.04.2023 zu: Corinne Michaela Flick (Hrsg.): Gleichheit in einer ungleichen Welt. Wallstein Verlag (Göttingen) 2023. ISBN 978-3-8353-5390-9. Reihe: Convoco! Edition. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30695.php, Datum des Zugriffs 20.05.2024.


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