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Édouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden

Rezensiert von David Kreitz, 21.07.2023

Cover Édouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden ISBN 978-3-351-03956-1

Édouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden. Aufbau-Verlag (Berlin) 2022. 271 Seiten. ISBN 978-3-351-03956-1. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Übersetzerin: Sonja Finck.

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Thema

Die Bücher von Éduard Louis widmeten sich bisher vor allem unterschiedlichen Spielarten von gesellschaftlicher Gewalt, sei es Klassengewalt, homophobe Gewalt, männliche Herrschaft und den daraus resultierenden traumatischen und zerstörerischen Lebensumständen und Schicksalen. In „Anleitung ein anderer zu werden“ geht es um Louis‘ radikale Selbstwerdung, seine Befreiung und Veränderung und deren Kosten und Chancen, um die zurückgelassenen und gefundenen Weggefährt*innen, um die verworfenen und ersehnten Zugehörigkeiten. Etwas grob vereinfacht ließe sich behaupten: In diesem Buch stellt Louis seinen – häufig klassentheoretische Überlegungen von Bourdieu und Eribon aufnehmenden – Gewaltanalysen der Vorgängerwerke die existentialistische Freiheitsidee eines Sartre zur Seite. Es geht um das Definiert-werden und das Sich-selbst-definieren, Gewalt angetan bekommen, aber auch sich selbst Gewalt antun.

Autor

Édouard Louis wurde 1991 geboren und lebt in Paris. Sein autobiographischer Debütroman „Das Ende von Eddy“, in dem er von seiner Kindheit und Flucht aus sehr prekären Verhältnissen in einem nordfranzösischen Dorf erzählt, sorgte 2015 für großes Aufsehen. Das Buch wurde zu einem internationalen Bestseller und Louis ein literarischer Shootingstar. Seine Bücher erscheinen in 30 Ländern und werden vielfach fürs Theater adaptiert und verfilmt. Im Sommer 2018 war Édouard Louis Samuel Fischer-Gastprofessor an der FU Berlin, wo er den Begriff der »konfrontativen Literatur« prägte (siehe dazu auch den Text von Mesut Bayraktar). Weitere Werke: „Wer hat meinen Vater umgebracht“, „Die Freiheit einer Frau“ über seine Mutter, „Im Herzen der Gewalt“ über eine fast tödliche Nacht und zusammen mit dem Regisseur Ken Loach „Gespräch über Kunst und Politik“. (siehe dazu auch Autoreninfo auf den Webseiten von S. Fischer und Aufbau)

Aufbau & Inhalt

Zwei Prologe

In den einleitenden Prologen werden die Lesenden sofort mit zwei dichten Beschreibungen und Reflexionen konfrontiert. Der erste Prolog ist eine Reflexion der Lebens- und Schreibsituation des Autors, der schlaglichtartig zurückblickt auf die diversen Stationen seines Weges, den er als Odyssee bezeichnet, die nun ausgebreitet werden soll. Kontrast dazu ist Prolog zwei, die Schilderung einer Episode aus Louis‘ Zeit als Sexarbeiter, aus der die Abhängigkeit von Kunden und die eigenen Schamgefühle deutlich werden. Die Szene endet mit einem unter der Dusche weinenden Louis, der schwört, irgendwann aufzuschreiben, wie es zu dieser Szene kommen konnte.

I Elena

Dieses Kapitel ist eine fiktive Aussprache des Autors mit seinem Vater. Louis erzählt erneut seine von Armut und Gewalt und Ausgrenzung und Beleidigungen geprägte Kindheit, richtet sich dabei aber direkt an seinen Vater als Adressaten. Er macht deutlich, dass er sowohl alles tun wollte, um im Dorf anerkannt zu werden als auch gleichzeitig seine Flucht plante. Rachegedanken und Zukunftsfantasien („denen werde ich es zeigen“, „aus mir wird was werden und ihr werdet euch noch alle wundern“, „dann wird es euch leidtun, wie ihr mich behandelt habt“) sind ständig präsent. Louis schafft es, am Gymnasium in Amiens angenommen zu werden, ein erster wichtiger Bruch mit dem Dorf. Dort lernt er Elena kennen und die erste Begegnung macht bereits deutlich, dass sie für seine soziale Veränderung, seinen Aufstieg bedeutsam sein wird: „sie saß auf dem Boden und las ein Buch, den Rücken an den Kletterturm … gelehnt“. In dieser Beschreibung haben wir alles: das Buch, die gebildete Leserin und den Weg nach oben. Louis wünscht sich bald nichts sehnlicher als Elena zu sein und zu Elenas Familie zu gehören. Er verändert sein Äußeres durch Gewichtabnahme, legt seinen Soziolekt/​Dialekt ab und gewöhnt sich Elenas Lernroutinen an. Und es ist Elenas Mutter Nadya, die aus Eddy Édouard macht. Ebenso wichtig, vielleicht sogar noch wichtiger: es gibt erste Internetbekanntschaften, die ihm ermöglichen, sein homosexuelles Begehren endlich auszuleben. Am Ende dieses Kapitels ist Édouard mit sich einverstanden, doch kurz darauf kommt es zu einer nächsten einschneidenden und entscheidenden Begegnung.

II Didier

Louis hört einen Vortrag von Didier Eribon. Eribon stellt sein Werk Rückkehr nach Reims (Link) vor. Louis erkennt sich in Eribon wieder, während des Vortrags schwankt er zwischen Neid, Eifersucht und der Erkenntnis, ein Vorbild gefunden zu haben. Schließlich stellt er fest: „An jenem Abend begriff ich durch die Begegnung mit Didier und durch den Horizont, der sich mir durch diese Begegnung eröffnete, dass meine Rache [am Dorf, an den Eltern] gerade erst begonnen hatte. Ich musste wie Didier nach Paris gehen und dasselbe erreichen wie er, ich musste Bücher schreiben und internationale Bekanntheit erlangen, wenn ich mich wirklich für meine Kindheit rächen wollte“. Louis beginnt soziologische und literarische Werke zu lesen, die in Eribons Vortrag vorkamen, denn der Entschluss selbst zu schreiben setzt zunächst das Lesen voraus und das hatte der Autor bisher sehr stark vernachlässigt. Sein Lesen beschreibt er wie eine Aufholjagd – aber teilweise sind die Bücher zu kompliziert, widersetzen sich seinem Zugang. Amiens wird zu eng, Amiens wird jetzt zum Dorf und der Autor muss weg, flüchten, muss jetzt nach Paris. Er bemüht sich um die Aufnahme an der École normale supérieur, mit Unterstützung und Hilfe von Eribon, dessen Freund und Louis‘ Pariser Liebhaber Ludovic und viel harter Arbeit schafft er es. Schließlich kommt zum Bruch mit Elena und zum Neubeginn in Paris.

III Kurze Briefe für einen langen Abschied

Dieses Kapitel richtet sich wiederum in Form einer fiktiven Aussprache an Elena. Der Autor beschreibt seine Freiheit in Paris und wie er davor zurückschreckt, dieses Gefühl mit Elena zu teilen. Er imitiert weiter die Arbeitsgewohnheiten von Eribon (wie er diejenigen Elenas kopierte), macht erste Schreibversuche, fühlt sich scheitern, vermisst Elena, fühlt, dass sein Leben nicht so ist, wie er es sich ausgemalt hat. Doch seine Veränderung wird radikaler, die Zähne lässt er sich machen und ändert Vor- und Nachnamen („Nach und nach löschte ich alle Spuren des Menschen aus, der ich gewesen war“). Das Schreiben wird schließlich verdrängt, abgelegt, und die Frage danach, was er in Paris eigentlich gewollt habe, wird von Beziehungen mit reichen Männern abgelöst. Die neue Devise ist: wenn nicht durchschreiben, dann aufsteigen und vorankommen durch die Verbindung in elitäre Kreise. Zwischendurch immer wieder Rückschläge, Geldgeilheit, die zu Prostitution führt, schließlich doch Geliebter eines sehr reichen Mannes, was ihn in die Tischgesellschaft Adeliger und zu Gesprächen über Oper, Wein und globalen Jetset bringt. Nach der Trennung folgen erneut Schreibversuche, die gleiche Verzweiflung des Scheiterns und schließlich als Ausweg eine weitere Flucht.

IV Auflösung

Die nächste Flucht erweist sich als unmögliches Unterfangen. Louis will zu Eric, einem Mann den er im Internet kennengelernt hat. Eric lebt in Barcelona, dort will auch Édouard Louis nun sein Leben führen. Aber: es geht nicht – Eric ist nicht der Richtige für so eine Lebensentscheidung – eine Woche später ist Louis zurück in Paris. Dort funktioniert es jetzt auf einmal mit dem Schreiben, auch wenn die Zweifel zunächst bleiben, doch schließlich ist es vollbracht, ein Buch ist fertiggestellt. Doch es findet sich kein Verlag, nur Absagen erreichen den Autor, bis schließlich ein Lektor anruft und sich tief bewegt von dem Text zeigt, der dann schlussendlich als „Das Ende von Eddy“ erscheint.

Epilog

„Bin ich dazu verdammt, mich immer nach einem anderen Leben zu sehnen“, fragt der Autor abschließend und gibt sich eigentlich selbst die Antwort, in dem er sich zurücksehnt: „Ich hasste meine Kindheit und ich vermisse meine Kindheit“. Ist das normal? 

Diskussion

Es gibt mittlerweile sehr viele „Klassenbücher“, also literarische, autofiktionale, autobiografische Erkundungen der eigenen sozialen Herkunft, Klasse, der Klassengewalt, des Klassismus, oft gepaart mit Rassismus und/oder Homophobie sowie weiteren Diskriminierungserfahrungen. Alle diese Werke, gedacht ist u.a. an Daniela Dröscher („Lügen über meine Mutter“, „Zeige deine Klasse“), Christian Baron („Ein Mann seiner Klasse“), James David Vance („Hillbilly Elegie“), Deniz Ohde („Streulicht“), und auch Louis Werk nehmen ihren Ausgangspunkt bei – oder sind zumindest stark beeinflusst von – Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“, m.E. der unbestrittene Ur-Text der Klassenbücher. Dies wird insbesondere für Louis deutlich, dessen Wunsch, ein schreibender Intellektueller in Paris zu werden, durch die Begegnung mit Eribon und dessen Werk entbrennt.

Wie die meisten der – als Memoire, Autoethnografie, Autosoziologie, Autofiktion oder vielleicht reicht schlicht Autobiografie betitelten – Klassenbücher, so geht auch Éduard Louis dahin, wo es wehtut. Seine Erinnerungen sind ungeschönt und auch sein eigener Blick auf sich selbst und seinen Weg. Er verschweigt nicht seinen eigenen Aufstiegswillen und dass er dabei Freundschaften zurücklassen und Beziehungen (gerade auch sexuelle) nutzte, aber auch überwinden musste.

Eine erste Fassung des Buches – so verrät uns der Autor – begann so:

„Die Geschichte meines Lebens ist eine Abfolge zerbrochener Freundschaften. Bei jeder Etappe meines Wettlaufs gegen mich selbst, ließ ich Menschen, die ich liebte, hinter mir. Ich entschied mich nicht bewusst dafür, und sie auch nicht: Ich setze alles daran, mich zu verändern, und sie teilten meine Obsession nicht, sie bleiben so. wie sie bei unseren Kennenlernen gewesen war (sic!), und irgendwann hatten wir nichts mehr gemeinsam; wir hatten uns nichts mehr zu sagen, wir verstanden uns nicht mehr. Mir bleib nichts anderes übrig, als mich auf die Suche nach neuen Menschen zu begeben, die mich aufnahmen, bis mein Veränderungsbedürfnis mich abermals in ein neues Leben katapultierte und mich zwang, auch sie zu verlassen.“ 

Fazit

Rastloses Veränderungsbedürfnis scheint, in Kurzform, Louis Anleitung, um ein anderer zu werden, was bei aller Bejahung seiner eigenen Veränderung nicht ein leichtes „Schaut her, so macht man das“ ausdrückt, sondern Verlust, Brüche, Sehnsüchte, das Verlassen und Neubeginnen deutlich hervorhebt.

Rezension von
David Kreitz
M.A., pädagogischer Mitarbeiter für politische Erwachsenenbildung bei der HVHS Mariaspring und freiberuflicher Trainer für wissenschaftliches Schreiben.
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Es gibt 28 Rezensionen von David Kreitz.

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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 21.07.2023 zu: Édouard Louis: Anleitung ein anderer zu werden. Aufbau-Verlag (Berlin) 2022. ISBN 978-3-351-03956-1. Übersetzerin: Sonja Finck. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30719.php, Datum des Zugriffs 20.05.2024.


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