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Michael Opielka: Soziales Klima

Rezensiert von Erik Weckel, 13.07.2023

Cover Michael Opielka: Soziales Klima ISBN 978-3-7799-7505-2

Michael Opielka: Soziales Klima. Der Konflikt um die Nachhaltigkeit des Sozialen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 182 Seiten. ISBN 978-3-7799-7505-2. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.

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Thema

„Soziales Klima“ ist eine zentrale Herausforderung der Zeit. Es verbindet die Frage der Klimaerhitzung, die ökologische Frage mit der sozialen. Dabei wird deutlich, dass als drittes noch die ökonomische Frage steht, hier jedoch gilt die Konzentration den ersten beiden und im Besonderen der ersten, der Sozialen. Michael Opielka zielt auf das „Soziale Klima“, weil dies in der dreidimensionalen Diskussion um Nachhaltigkeit zu kurz gerät. Sein Untertitel, „der Konflikt um die Nachhaltigkeit des Sozialen“ fokussiert die Konflikthaftigkeit der Diskurse. Opielka thematisiert diese Frage bereits seit den 1980er Jahren. Er zielt zur Lösung auf einen von ihm entwickelten „menschenrechtsbasierten Garantismus“ auf der Basis theoretischer Reflexionen von Parsons und Hegel.

Autor

„Rote Worte. Wir hatten nicht an sie gedacht. Dass es sie gibt. Dass es sie geben kann. Warme Worte. Ungemütliche Worte. Wahre Worte und ausgedachte, wie das Gedicht so ist.“ Opielka (Rote Worte, Lyrikband, 2022)

Michael Opielka, Sozialpädagoge, habilitierter Soziologe, mit (Gast)Professuren an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena und der Universität Leipzig. Er leitete das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin und führt das von ihm mitbegründete Institut für Sozialökologie (ISÖ) in Siegburg. Opielka publizierte viele Bücher und über 200 Aufsätze. Er ist Autor von acht Gedichtsammlungen und vier Romanen (Umschlagseite 3). Weiteres zu seiner Biografie flicht der Autor in das Essay ein (31-33, 75–77 und weitere). So erfahren die Lesenden, die Opielka duzt (10), die Verwobenheit seiner Biografie mit dem Thema seit den 1980er Jahren.

Aufbau

Der Band umfasst 13 Kapitel, die Literatur, Nachweise und Danksagungen und Informationen zum Autor. Mit „Ökologisch sehen“ leitet Opielka ein. Die Kapitel 2 bis 5 umreißen die Zusammenhänge der sozialen und ökologischen Frage. Der Autor diskutiert das Verhältnis von „Sozial- und Klimapolitik“ auf der politisch allgemeinen und aktuellen Ebene. In Kapitel 3 und 4 erweitert er die Perspektiven auf die Soziologie mit vier Zugängen zu Sozialer Nachhaltigkeit („Soziologie der ökosozialen Frage“ und „vier Konzeptionen Sozialer Nachhaltigkeit“). Das Verhältnis von „Natur und Gesellschaft“ beleuchtet das 5. Kapitel. Mit dem 6. Kapitel verbindet Opielka religiöse Sinnkonzepte und Nachhaltigkeit (Anthropozän, Corona und Endlichkeit). Kapitel 7 umreißt das „schlechte Klima“ und Vertreter_innen, die sich daran ergötzten. Die Kapitel 8 bis 12 skizzieren Perspektiven des Gelingens: Über „Gemeinschaft und sozialer Zusammenhalt“, „Nachhaltigkeit und Digitalisierung“ (Kapitel 9), „Grundeinkommen als sozialer Klimaschutz“ (Kapitel 10), „Ökologischer Klassenkampf“ (Kapitel 11) und „Ökologie, Wissensgesellschaft, Garantismus“. Mit „alles wird gut“, als 13. Kapitel, endet Opielka mit seiner katholischen Hoffnungsperspektive, wie sie christlichem Denken innewohnt.

Inhalt

Mit „ökologisch sehen“ leitet Opielka ein. Er versteht den Band als Essay (7), einen Versuch. Das entlastet und lädt zur Diskussion. Mit dem ersten Satz koppelt der Autor das Soziale mit dem Ökologischen und kritisiert, dass der Sozialstaat diese Verbindung in den Jahrzehnten der Ökologie mied. Die Klimakrise holt die Erkenntnisse über die wir seit dem Bericht des Club of Rome (1972, die Grenzen des Wachstums, von der VW-Stiftung finanziert, 66) verfügen in die Gegenwart und dringt zunehmend in den sozialwissenschaftlichen Diskurs ein. Opielka durchmisst den Gegenstand mit einer ganzheitlichen, mit Hegel und Parsons informierten Soziologie. Die Wachstumsfrage ist eine zentrale, die Grenzenlosigkeit des Kapitalismus reflektierende. Mit einem „menschenrechtsbasierten Garantismus“ bietet Michael Opielka eine Lösung an. Den Ausgangspunkt dieser Idee sieht der Autor in den 1980er Jahren, als er unter anderem mit André Gorz das ISÖ gründete, das Institut für Sozialökologie. Gorz selbst und Murray Bookchin zählt Opielka zu den Vordenkern der Sozialen Nachhaltigkeit (9). „Ein soziales Klima wird dem Klima helfen“, fliegt wie mit Hermes auf Flügelschuhen ein.

Die Verbindung von Sozial- und Klimapolitik, so Opielka im 2. Kapitel, sei selbst der Fachöffentlichkeit wenig bekannt. Mit drei Fragen zeichnet der Autor die Verbindung nach: Inwieweit verstärkt sich Exklusion durch soziale Ungleichheit und Klimakrise, warum ist Internalisierung für beide zugleich Programm und Problem und wohin führen Interdisziplinarität und Transformation. Hier verweist Opielka auf seine soziologische Typologie des „garantistischen, menschenrechtsbasierten“ Wohlfahrtsregimes (16) als vierten Typ, neben liberalen, sozialdemokratischen oder konservativen (vgl. Gøsta Esping-Andersen).

Soziologische Perspektiven und Zugänge zu Sozialer Nachhaltigkeit bearbeitet Opielka in den Kapiteln 3 und 4. Er stellt vor, dass mit der Verabschiedung der Sustainable Development Goals (SDG) die Vereinten Nationen im September 2015 erstmals soziale und ökologische Nachhaltigkeitsziele systematisch auf der Ebene der Weltgesellschaft verknüpften. Im Folgenden wird das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Kapitalismus dargestellt. Mit Fakten und Fiktionen bezieht Opielka individuelle und gesellschaftliche Handlungsperspektiven ein und zeichnet Marktdilemmata im sozial-ökologischen Handeln nach. Im Experiment des Tötens oder Nicht-tötens von Labormäusen in Abhängigkeit zu einem ausgelobten Geldbetrag für das Töten, zeigt sich die Bereitschaft zum Töten in Marktbedingungen als sehr hoch (38). Diese Erkenntnisse geben sogar Neoklassiker_innen zu denken. Dem entgegenstehend meint Opielka, dass im Sinne eines Zivilisationsprozesses nach Norbert Elias oder einer Kulturentwicklung nach Sigmund Freud Nachhaltigkeit gelingen kann. Dazu müsste jedoch der Neoliberalismus auch geistig überwunden werden.

Im Kapitel 4 sind vier Konzeptionen Sozialer Nachhaltigkeit ausgeführt. Im Sinne eines weiten Verständnisses Sozialer Nachhaltigkeit skizziert Opielka die Idee seines Regimetyps „Garantismus“, den er bereits in seinem Werk „Sozialpolitik“ (2008) einführte. Er schreibt über die „Normativität Sozialer Nachhaltigkeit“, über „konkrete Elemente einer nachhaltigen Sozialpolitik“ und über sieben Punkte „nachhaltiger Sozialpolitik“.

Das Verhältnis von Natur und Gesellschaft ist im 5. Kapitel beleuchtet. Sein Blick durch verschiedene metatheoretische Konzepte der Soziologie endet zunächst in Abstraktem.

Mit dem 6. Kapitel nimmt Opielka Religionen als Sinnstiftend für eine sozial-ökologische Transformation der Gesellschaft auf. Religionen suchen nach den „letzten Fragen“.

Antagonistisch zu seiner Darstellung sieht der Autor rechtspopulistische Positionen (7. Kapitel). Sein Blick richtet sich auf den fehlenden gesellschaftlichen Zusammenhalt, den Rechtspopulismus und auf das schlechte Klima in Europa.

Die folgenden Kapitel 8 bis 12 ziehen Gelingensbedingungen ins Zentrum: Gemeinschaft und sozialer Zusammenhalt (Kap. 8), Nachhaltigkeit und soziale Digitalisierung (Kapitel 9), Grundeinkommen als sozialer Klimaschutz (Kapitel 10), ökologischer Klassenkampf (Kapitel 11) und Ökologie, Wissensgesellschaft, Garantismus (Kapitel 12).

Im 8. Kapitel expliziert Opielka sein Verständnis von Gesellschaft auf der Basis Parsonscher Systemtheorie in Dynamisierung mittels Hegelscher Gesellschaftstheorie.

Kapitel neun verknüpft eine soziale Digitalisierung mit Nachhaltigkeit. Opielka befragt die Gesellschaft, wie sie zwischen analoger und digitaler Welt pendeln möchte und wie humanes und würdevolles Leben in Digitalität ermöglicht wird.

Das zehnte Kapitel fokussiert das Soziale im Klimaschutz. Grundeinkommen, Bürgergeld, die Zukunft des Sozialstaates und Zukunftslabore stehen in zentraler Perspektive.

Soziale Errungenschaften sind erkämpft worden. Sie stehen immer zur Disposition und es sind weitere zu schärfen und zu entwickeln. Mit Bezug auf Bruno Latour reflektiert Opielka einen möglichen „ökologischen Klassenkampf“ (Kapitel 11), dessen Akteure jedoch noch nicht ausgemacht seien. Auch die Arena ist offen.

Das Kapitel zwölf schließt die Suche nach einem gelingenden Sozialen Klima. Im Kontext von Ökologie und Wissensgesellschaft fokussiert Opielka als potente Lösung den „Garantismus“ als vierten Weg neben konservativen, liberalen oder sozialdemokratischen Wohlfahrtsformationen. Opielka bietet diesen an für die Zukunft.

„Alles wird gut“ ist die Hoffnung stiftende Botschaft des Schlusskapitels. Eine andere Botschaft ist ebenso klar: „Ein soziales Klima gibt es nicht umsonst“ (167). Wir müssen mit Brüchen arbeiten, mit Widersprüchen und Widerständen. Die Menschen sind dazu da, die Welt besser zu machen. Opielka baut auf Bloch und sein Prinzip Hoffnung, auf Freud mit seiner Kulturentwicklung und schließlich auf den Apostel Paulus: „… die Liebe ist die größte unter ihnen“ (168).

Ein umfassendes Literaturverzeichnis, in „Nachweis und Danksagungen“ zeigt Opielka, auf welchen früheren seiner Texte sich die Ausführungen beziehen. Der Band endet mit zentralen Daten seines wissenschaftlichen Schaffens.

Diskussion

Der Autor entfaltet die grundsätzliche Verbindung der Ökologischen Frage mit der Sozialen. Er verweist dabei auf die bisherige starke Vernachlässigung dieser beiden Stränge im Zusammenhang. Opielka mahnt diese Verbindung an und entfaltet die aus seiner Perspektive bedeutsamen Anschlüsse auf alle gesellschaftlichen Ebenen. Zufrieden ist Opielka, dass die Vereinten Nationen, mit ihren strategischen Zielen zur Nachhaltigkeit 2015, diese Verbindung von Ökologischem und Sozialem erstmals offiziell verknüpften. Interessant sind seine Verbindungen zu seiner Biografie und dem Thema. Er verweist auf frühe Diskussionen, z.B. mit der Gründung seines Institutes ISÖ in den 1980er Jahren und die Bedeutung wichtiger gesellschaftlicher Akteure und Impulsgeber wie André Gorz und Murray Bookchin, die er zwar in die Genealogie der Diskussionen hebt, sich selbst jedoch konkret in seinem Essay nicht auf sie bezieht. Interessant wäre sicherlich auch eine Aufnahme der frühen Diskussionen um eine sozial-ökologische Gesellschaft in den 1970ern bis 1990ern. Dass Opielka diese nicht referiert, scheint eher die Differenz zu diesen Debatten auszudrücken. Sein katholisches, humanistisch verankertes Denken stützt sich auf eine funktionalistische Systemtheorie Parsons und verknüpft diese „ganzheitlich“ mit hegelscher Dialektik. Er bleibt damit hoffnungsfroh. In Aufnahme von Blochs Prinzip Hoffnung und Freuds Kulturentwicklung schließt Opielka mit dem Apostel Paulus: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“.

Wir lernen gerade, wie ökologische Lösungen mehr und mehr die sozialen Erfordernisse implementieren müssen. Es ist nicht hinreichend, auf einen Markt und auf technische Lösungen zu setzen, es gilt die Menschen und ihre soziale Lebensqualität einzubeziehen, einen Dialog mit allen sozialen Gruppen aufzunehmen und gemeinsame Lösungen zu entwickeln. „Die Menschen sind dazu da, die Welt besser zu machen“ (168). Dafür brauchen wir Zeit. Die Verknappung der Zeit zum Handeln gerät ins hektische, tendenziell autoritäre.

Fazit

Michael Opielka mahnt zurecht die Verknüpfung der ökologischen Frage mit der sozialen an. In Zeiten, in denen die Klimaerhitzung höchstens noch begrenzbar ist, nicht mehr vermeidbar, verdeutlicht Opielka die Wichtigkeit sozial-ökologischen Denkens. Das ist eine zentrale Aufgabe unserer Zeit. Opielka will demokratische Perspektiven ermöglichen, mit einem „menschenrechtsbasiertem Garantismus“, wie er schon auf den ersten Seiten seines Essays formuliert (7).

Rezension von
Erik Weckel
M.A., Politikwissenschaftler, Dozent an verschiedenen Hochschulen, u.a. an der HAWK Hildesheim in der Sozialen Arbeit, Erwachsenenbildner
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Es gibt 14 Rezensionen von Erik Weckel.

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Zitiervorschlag
Erik Weckel. Rezension vom 13.07.2023 zu: Michael Opielka: Soziales Klima. Der Konflikt um die Nachhaltigkeit des Sozialen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7505-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30726.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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