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Norbert Peichl: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit als Ermöglichung von Teilhabe

Rezensiert von Prof. Dr. Arnold Pracht, 15.02.2024

Cover Norbert Peichl: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit als Ermöglichung von Teilhabe ISBN 978-3-7799-7513-7

Norbert Peichl: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit als Ermöglichung von Teilhabe. Ein Orientierungsrahmen zur Weiterentwicklung wohnbezogener Hilfen und Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 392 Seiten. ISBN 978-3-7799-7513-7. D: 78,00 EUR, A: 80,20 EUR.

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Autor

Dr. phil. Norbert Peichl ist sowohl Dipl. Pädagoge als auch Dipl. Soziologe. Er verfügt über einen reichhaltigen Erfahrungsschatz im Bereich der Leitung und des Managements von Institutionen der der Hilfe für Menschen mit Behinderung. Sein Schwerpunkt liegt hierbei in Fragen der Dezentralisierung, der gemeinswesenintegrierten Wohnangebote sowie des Wohnens mit Assistenz.

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um die Veröffentlichung einer Dissertation an der Universität Siegen, Fakultät II.

Aufbau

Das Buch gliedert sich grob in fünf Teile

Der Erste Teil stellt die Einleitung dar, in der die Motivation des Verfassers und die grobe Vorgehensweise beschrieben sind. Im Zweiten Teil wird die in Institutionen praktizierte Soziale Arbeit unter besonderer Berücksichtigung der jeweils zugrundeliegenden Konzepte der Behindertenhilfe analysiert. Dabei werden einige Missstände offengelegt. Im dritten Teil wird der Ansatz der Lebensweltorientierung von Thiersch auf die Soziale Arbeit mit Menschen mit Behinderung theoretisch zugeschnitten. Im vierten Teil wird dieser Ansatz mit Hilfe der strukturierten Beobachtung und unter Zugrundelegung der „Grounded Theory“ in einem qualitativen Ansatz angewandt und umgesetzt. Letztlich und fünftens werden die Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick gegeben.

Inhalt

Im Rahmen des ersten Kapitels zeigt der Verfasser holzschnittartig den Aufbau seines Buchs auf. Die Motivation des Verfassers für dieses Werk besteht darin, dass aus seiner Sicht die Behindertenhilfe in der erlebten Praxis konzeptionell z.B. der Jungendhilfe oder der Sozialpsychiatrie weit hinterherhinkt. In diesem Rahmen umreißt er das Ausmaß, in welchem die bestehenden Institutionen der Behindertenhilfe in Deutschland generelle Menschenrechte von Menschen mit Behinderung, insbesondere im Lebensbereich Wohnen, verletzen. Die Frage stellt sich, ob mit gemeindeintegrierten Konzepten, ausgerichtet am individuellen Bedarf, sich die Lage wesentlich verbessern könnte. Als Maßstab für diese Diskussion soll das Lebensweltmodell von Thiersch dienen, das wohl schon seit geraumer Zeit handlungsleitend etwa in der Jugendhilfe oder Sozialpsychiatrie ist.

Im Rahmen des zweiten Kapitels geht er auf die Entwicklungslinien in den Hilfen für Menschen mit Behinderung ein. Im Fokus steht dabei die Frage, wie die Institutionen der Behindertenhilfe darauf jeweils reagiert haben. Insbesondere der Prozess der Dezentralisierung sollte den Boden bereiten für die Umsetzung sämtlicher neueren Ansätze in der Sozialen Arbeit für Menschen mit Behinderung. Es wird in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass beispielweise die Aktion Mensch nur Wohnprojekte fördert, die innovativen, das heißt in aller Regel, gemeindeintegrierten Charakter aufweisen. In der Folge wird ein grober Entwicklungsrahmen von Konzepten in der Behindertenhilfe aufgezeichnet, die im Grunde auf ein immer höheres Maß an Selbstbestimmung und Individualisierung abzielen, jedoch in der erlebten Praxis als immer noch in erster Linie restriktiv und stark bevormundend einzustufen sind. Er macht dies unter anderem an einer stark ausgeprägten therapeutischen Haltung der Protagonisten in der Behindertenhilfe fest.

Das dritte Kapitel geht der Frage nach, inwiefern die Behindertenhilfe durch das BTHG neu ausgerichtet wird.

Hier wird angemerkt, dass zwar verwaltungstechnisch mit dem Terminus „besondere Wohnformen“ die Aufteilung zwischen stationär und ambulant aufgehoben wurde, de facto aber das Heimgesetz für das Wohnen im Heim immer noch greife. Das Recht auf freie Wahl des Wohnraumes, das in der UN-BRK formuliert wurde, wird im Rahmen des BTG durch eine sogenannte Angemessenheitsprüfung eingeschränkt. Eingehend wird die Umsetzung des Paradigmenwechsels durch die UN-BRK eingefordert, bei der Angebote im Sinne einer Dienstleistungsfunktion für Menschen mit Behinderung entwickelt werden sollen. Im Rahmen der UN-BRK wird sehr deutlich darauf hingewiesen, dass Institutionalisierung der Behindertenhilfe, die z.B. bei uns in Deutschland gängige Praxis ist, kontraproduktiv sei. Dies wird insbesondere anhand des Beispiels der Heimmindestbauverordnung in Baden-Württemberg verdeutlicht. Hier setzt auch die Kritik des Ausschusses für Rechte von Menschen mit Behinderung der Vereinten Nationen an. Die uneinheitliche nicht konventionskonforme Entwicklung von Aktionsplänen auf Länderebene bei uns in Deutschland wird als sehr negativ beurteilt.

Mit dem BTHG sollte in Deutschland der nationale Rahmen geschaffen werden, innerhalb dessen die UN-BRK umgesetzt werden kann. Neben der Trennung von Fachleistungen und existenzsichernden Leistungen, konkretisiert das BTHG die Personenzentrierung durch das Wunsch- und Wahlrecht. Hier kommt jedoch wiederum einschränkend der Kostenvorbehalt zum Tragen. Dies, wiederum, betrifft in erster Linie die Menschen mit einem hohen Unterstützungsbedarf. Kritik kommt auf, wenn man in der Praxis sich vor Augen führt, wie der personenbezogene Hilfebedarf ermittelt wird. Ebenso sieht es mit dem Sozialraumbezug aus. Durch den Mangel am BTHG, welche Angebotspallette die Leistungserbringer konkret vorhalten sollen, verbleibt hierbei ein viel zu weiter Interpretationsspielraum. So wird der Sozialraumbezug in der Praxis sehr stark am vorhanden Angebotsspektrum der Leistungsträger ausgerichtet und nicht oder viel zu gering an der Lebenswelt der einzelnen Menschen mit Behinderung.

Der ICF (International Classification of Functioning, Disability ans Health) der WHO gilt als handlungsleitend für die UN-BRK und dem BTHG. Dieser Ansatz, der die Aspekte der Person und ihrer sozialen, ökonomischen und ökologischen Umwelt in einem ganzheitlichen Sinne auffasst, wird im Folgenden näher ausgeführt. Er legt gewissermaßen die Lebensweltorientierung als innovatives Konzept der Hilfe für Menschen mit Behinderung nahe. Wie weit das Paradigma der Teilhabe, das diesem Konzept innewohnt von der Wirklichkeit der Sozialen Arbeit mit Menschen mit Behinderung entfernt ist, wird im Abschluss zu diesem Kapitel eindrucksvoll beschrieben.

Im Rahmen des vierten Kapitels geht der Verfasser dann näher auf das Konzept der Lebensweltorientierung ein. In der Lebenswelt wird der Alltagsbezug der Sozialen Arbeit betont. Man setzt sich über das Expertentum und die vornehmlich therapeutische Orientierung hinweg. Im Zentrum steht demnach die Person in ihrer ganz spezifischen Herausforderung bei der Alltagsbewältigungsaufgabe. Dabei wird der Alltag auch in seiner Ambivalenz gedeutet. Einerseits hebt die Lebensweltorientierung den Respekt vor dem Alltag hervor und andererseits regt sie an zur Kreativität, neue Wege zu suchen, um kritischen Situationen, wie Ungerechtigkeiten zu begegnen. Dieser Vorgang wird in Anlehnung an Grunwald und Thiersch als „Destruktion der Pseudokonkretheit“ des Alltags bezeichnet. Das Konzept der Lebensweltorientierung schwankt zwischen diesen beiden Polen und muss daher fallweise unterschiedliche Handlungsmuster entwickeln bzw. einsetzen. Letztlich heißt dies ganz konkret, den Alltag dort zu hinterfragen, wo er z.B. Gerechtigkeitslücken aufweist. Als Konsequenz bedarf es eines Eintretens in einen Aushandlungsprozess zur Schließung dieser Lücken. Die Angebote für Menschen mit Behinderung müssen sich am Alltag ausrichten, also, überall wo möglich, einen primär ambulanten und stützenden Charakter aufweisen. Die verschiedenen Facetten der Lebensweltorientierung werden im Folgenden sehr akribisch in ihrem Bezug zur sozialen Arbeit mit Menschen mit Behinderung aufgezeigt und diskutiert. Hervorzuheben sind hier die Kapitel 4.3.2 und das Kapitel 4.3. Beim Kapitel 4.3.2 geht es um die Handlungs- und Strukturmerkmale lebensweltorientierter Sozialer Arbeit. Hier werden ganz konkret die Strategien der Freien Träger angesprochen. Im Vordergrund steht die Forderungen nach präventiver Orientierung in den Konzepten und, vor allem, um die organisationale Optimierung, z.B. bei Komplexträgern. Dabei wird insbesondere der Stellenwert der Dezentralisierung und der Regionalisierung hervorgehoben. Beim Kapitel 4.4. geht es um das Verhältnis Lebenswelt- zu Dienstleistungsorientierung. Hier wird dezidiert verdeutlicht, wie Einrichtungen der Behindertenhilfe auf Basis des Lebensweltansatzes ihre Arbeit auszurichten haben. Interessant ist hier, dass der Verfasser – im Gegensatz von einigen Vertretern der Sozialen Arbeit mit Menschen mit Behinderung – die Dienstleistungsorientierung bei den Freien Trägern nicht als konträr, sondern als durchaus kompatibel, hinsichtlich einiger Aspekte des Lebensweltansatzes, sogar als förderlich einstuft.

Im 5. Kapitel geht der Verfasser nun auf sein Erkenntnisinteresse und auf das Forschungsfeld ein. Hier gewinnt man zunächst den Eindruck, von da ab beginne nicht nur ein neues Kapitel, sondern gar ein ganz neues Thema. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die in Nordrhein-Westfalen schon weit fortgeschrittenen Konzepte von Wohnformen, die gemeindeintegrierten Charakter aufweisen und dennoch traditionell stationären Einrichtungen zugehörig sind. Heute spricht man generell von „besonderen Wohnformen.“ Charakteristisches Merkmal ist die Trennung von Fachleistungen und existenzsichernden Leistungen bei der Finanzierung. In der Folge zitiert der Verfasser mehrere Forschungsprojekte, die sich mit innovativen Wohnformen beschäftigt haben. Im Tenor wird deutlich, dass diese mehrheitlich von den betroffenen Menschen mit Behinderung positiv gewertet wurden. Hier wird konstatiert, dass im Ergebnis einer Frage noch nicht nachgegangen wurde: Wie erleben die Menschen mit Behinderung in dezentralen Wohnformen ihren Alltag ganz konkret und welche Schlüsse lassen sich daraus für ein Unterstützungssystem ggf. ableiten? An dieser Frage setzt das Forschungskonzept an, das ab Kapitel 5.3. näher beschrieben wird.

Hier wurde zunächst ein qualitativer Forschungsansatz begründet und der potenzielle Beitrag des Forschungsvorhabens für die Praxis der sozialen Arbeit hervorgehoben. Bei den Methoden zur Konzeptionalisierung der Daten wird sowohl die Grounded Theorie im Rahmen des Lebensweltansatzes begründet. Diese Methode muss aber insoweit eingeschränkt werden, als dass die Theoriebildung im Rahmen des Forschungsprozesses ausgeklammert werden muss. Allerdings wird von der Grounded Theorie die grundsätzliche Forschungshaltung und das Codierverfahren übernommen. Zur Datengewinnung hat sich der Verfasser für eine (offene) teilnehmende Beobachtung entschieden. Samt und sonders wurden die Analysen in Wohngruppen außerhalb von größeren Heimen durchgeführt. In Süddeutschland waren dies ausgelagerte Wohngruppen von Komplexeinrichtungen. In Norddeutschland handelt es sich um zwei Wohngruppen innerhalb eines größeren Gebäudekomplexes, die als ambulant betreutes Wohnen konzipiert sind. Der Untersuchung zugrunde lagen die drei bedeutenden Aspekte der erfahrenen Lebenswelt von Menschen mit Behinderung:

  • Raum
  • Zeit
  • Sozialbezüge.

Jeder einzelne Aspekt wurde nun in Beobachtungsdimensionen weiter untergliedert. Die Ergebnisse der Beobachtung hinsichtlich jeder Kategorie wurden dann – in der Folge – vom Verfasser interpretiert.

In einer separaten Sequenz wurden jeweils anschließend für die jeweiligen Aspekte (also Raum, Zeit, Sozialbezüge) die Kategorien für das Handeln der Mitarbeitenden des Trägers gebildet. Diese Ergebnisse wurden ebenfalls dokumentiert und anschließend interpretiert.

Am Ende der Beschreibung jedes Aspektes wurde jeweils eine tabellarische Zusammenfassung für das Handeln der Menschen mit Behinderung einerseits und das Handeln der Mitarbeiter*innen, andererseits, erstellt.

Schließlich erfolgt noch eine Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse im Rahmen des Schlusskapitels sowie ein Ausblick, samt einiger Impulse für die Praxis.

Diskussion

Wie zu Beginn erwähnt, handelt es sich hier um eine Dissertationsschrift. Die Arbeit ist daher in ihrer theoretischen Reichweite sehr umfassend. Dies betrifft sowohl die Kritik an der Umsetzung von Konzepten in der bisherigen Arbeit mit Menschen mit Behinderung der letzten Jahrzehnte bis hin zu Gegenwart als auch was den Bogen angeht, der mit dem lebensweltorientierten Ansatz gespannt wurde. Dies hemmt den Lesefluss für so manchen Praktiker. Die Beschreibung des Lebensweltansatzes und seine Transformation auf die Soziale Arbeit mit Menschen mit Behinderung nimmt einen enorm hohen Stellenwert ein. Allerdings erscheint dieser in seinen Kernaussagen gar nicht so weit entfernt von den Ansätzen der Vergangenheit, die zu Beginn der Ausführungen herangezogen wurden. Auch dort hat sich die Kritik des Verfassers weniger auf die Konzepte selbst, sondern in erster Linie auf deren praktische Umsetzung bezogen. Ungeachtet dessen wird diesen Ansätzen samt und sonders immer wieder vorgeworfen, sie seien zu therapeutisch ausgerichtet und würden die Menschen mit Behinderung in ihrem So-Sein daher nicht akzeptieren. Die mangelhafte Praxis in der Sozialen Arbeit mit Menschen mit Behinderung wird immer wieder aus der individuellen Erfahrung des Verfassers heraus konstatiert. Auch der Rezensent sieht dies ähnlich. Aus streng wissenschaftlicher Sicht fehlt hier jedoch eine gewisse empirische Untermauerung der Aussagen. Die Analysen in der Feldforschung unter Umsetzung des Lebensweltansatzes wurden samt und sonders in relativ innovativen Settings durchgeführt. Daher fand man keinesfalls die in den ersten Kapiteln der Arbeit beschrieben Mängel in der Praxis vor. Selbstredend stand dort ja auch noch nicht der lebensweltorientierte innovative Ansatz Pate. Interessant wäre es daher, die identische Untersuchung auf Basis des Lebensweltansatzes in traditionellen Einrichtungen (z.B. der ehemals sogenannten „vollstationären Heimen“) der Behindertenhilfe durchzuführen.

Fazit

Insgesamt ein lesenswertes Werk, für die weniger wissenschaftlich interessierten Lesergruppen, aber erst ab Kapitel 6, S. 138.

Rezension von
Prof. Dr. Arnold Pracht
Hochschule Esslingen
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Es gibt 6 Rezensionen von Arnold Pracht.

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Zitiervorschlag
Arnold Pracht. Rezension vom 15.02.2024 zu: Norbert Peichl: Lebensweltorientierte Soziale Arbeit als Ermöglichung von Teilhabe. Ein Orientierungsrahmen zur Weiterentwicklung wohnbezogener Hilfen und Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7513-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30728.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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