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Gisela Wiesner: Heilpädagogische Legasthenie- und Dyskalkulie-Förderung

Rezensiert von Prof. Dr. Carsten Rensinghoff, 15.08.2023

Cover Gisela Wiesner: Heilpädagogische Legasthenie- und Dyskalkulie-Förderung ISBN 978-3-8080-0929-1

Gisela Wiesner: Heilpädagogische Legasthenie- und Dyskalkulie-Förderung. Theorie und Praxis: Kinder adäquat fördern und begleiten. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2023. 240 Seiten. ISBN 978-3-8080-0929-1. D: 23,95 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 38,80 sFr.

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Thema

Die zu besprechende Publikation ist ein Förderprogramm, welches sich an Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche und Rechenschwierigkeiten richtet. Das Programm „dient als grundlegende Hilfe für die gesamte Schullaufbahn und wurde nach lerntherapeutisch-heilpädagogischen Gesichtspunkten […] zusammengestellt“ (Klappentext).

Autorin

In seinem Geleit befasst sich Gerhard Neuhäuser mit der Expertise der Autorin: „Gisela Wiesner hat nach einer fundierten heilpädagogischen Ausbildung, motiviert auch von Legasthenie-Problemen in der eigenen Familie, bald damit begonnen, Kindern mit Lese-, Rechtschreib- oder Rechenschwäche zu helfen“ (S. 11). In diesem Sinne ist die Autorin also Expertin in eigener Sache, die über eine erlebte Kompetenz verfügt.

Aufbau

  1. Grundlagen
  2. Wahrnehmung und Entwicklung
  3. Lernpsychologie
  4. Diagnostik/Förderplanung/Förderung

Inhalt

Liegen Probleme bei der Rechtschreibung vor, ist zu differenzieren zwischen:

  • rasch behebbaren Rechtschreibproblemen;
  • einer auf psychosomatischen Ursachen basierender Rechtschreibschwäche
  • der genetisch bedingten Legasthenie.

Dem letztgenannten Phänomen widmet sich die Autorin in dieser Publikation.

Die Legasthenie geht nicht, wie früher angenommen, mit einer geistigen Retardierung einher, die nur – so würde man heute sagen – in Förderschulen unterrichtet werden kann. „Das Hauptkennzeichen der Legasthenie besteht in einer besonderen Schwierigkeit im Erwerb von Lese- und Rechtschreibfähigkeiten“ (S. 25). Bei der Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) stehen Schwierigkeiten bei der Unterscheidung einzelner Sprachreize und Laute im Vordergrund. Dies führt zu einer gestörten Zuordnung von Laut zu Buchstabe und derselben von Buchstabe zu Laut.

Zu den LRS-typischen Auffälligkeiten sind ebensolche in Verhalten, Haltung und Motorik zu beobachten.

Als eine Nebenwirkung der Legasthenie wird angeführt, dass zu den Schwierigkeiten beim Lesen und bei der Rechtschreibung allmählich Probleme in weiteren Schulfächern, als da beispielsweise wären Mathematik und Naturwissenschaften, hinzukommen.

Für die Diagnostik ist anzumerken, dass die Lese- und/oder Rechtschreibstörungen als eine psychische Störung aufgefasst wird.

„Bei Legasthenie und LRS ist eine Förderung in den Bereichen Aufmerksamkeit, Sinneswahrnehmungen […] wichtig“ (S. 28).

Bei der Wahrnehmung handelt es sich um den vollständigen Prozess des Erfahrbarmachens von Ereignissen und Gegenständen. In diesem Sinne benötigen Kinder ganz verschiedene Sinneserfahrungen, „um sich gut zu entwickeln und ihre Umwelt und sich selbst gut zu verstehen“ (S. 62).

Als aktiver Prozess verstanden, lässt sich die Entwicklung Wahrnehmung mit dem Wachsen eines Baumes vergleichen. Hierbei symbolisieren:

  • die Wurzeln die Basissinne
  • der Stamm die Fernsinne
  • die Äste die Verknüpfung der Sinne in der Sensorischen Integration, d.h. alle Abschnitte des zentralen Nervensystems arbeiten zusammen und der Mensch kann adäquat und sinnvoll auf seine Umwelt reagieren.

Und wenn diese Grundvoraussetzungen sich gut entwickeln und wachsen, dann trägt der Baum auch Früchte“ (S. 72).

Eine gestörte Wahrnehmung zeigt sich in:

  • biologischen Faktoren, wie Allergien, Reizarmut, Bewegungsmangel, Geburtsschäden
  • sozialen Faktoren, wie frühkindlichen Traumatisierungen, gestörten Familiensystemen, chaotischen Tagesabläufen.

Wahrnehmungsstörungen zeigen sich z.B. in einer verminderten Aufmerksamkeitsspanne oder einer Reizüberflutung.

Um Wahrnehmungsstörungen zu begegnen ist beispielsweise der Einsatz von Bewegungsspielen sinnvoll. Sie fördern die Entwicklung des Kindes und es besteht ein Zusammenhang zwischen Bewegung und Wahrnehmung.

Der Lernerfolg wird durch vier Säulen bestimmt, als da wären:

  • Konzentration und Entspannung
  • Lern- und Arbeitstechniken
  • Motivation und Verhalten
  • Kommunikation und Kooperation.

Für den Lernerfolg notwendig ist das Vermeiden von Stress.

Für die Diagnostik von Legasthenie und Dyskalkulie ist die kinderärztliche und z.B. schulpsychologische Expertise einzuholen. Gerade vom Kinderarzt werden weitere Berichte, wie vom HNO-Arzt, Augenarzt, Kinder- und Jugendpsychiater eingeholt.

Nach erfolgter Diagnostik, die auch auf anamnestischen Daten beruht, sind die Förderpläne zu erstellen und zu konzipieren.

Schließlich haben die lehrenden Personen einen guten Unterricht durchzuführen, der zehn Charakteristika aufweist. Guter Unterricht:

  • ist klar strukturiert
  • weist einen hohen Anteil an echter Lernzeit auf
  • verfügt über ein lernförderliches Klima
  • weist inhaltliche Klarheit auf
  • erfolgt durch sinnstiftendes Kommunizieren
  • ist methodisch vielfältig
  • ist durch individuelles Fördern gekennzeichnet
  • erfolgt durch intelligentes Üben
  • ist durch klare Leistungserwartungen charakterisiert
  • findet in einer vorbereiteten Umgebung statt.

Diskussion

Legasthenie und Dyskalkulie nehmen scheinbar immer mehr an Relevanz zu. Vor der Lektüre des bis hierhin besprochenen Buchs von Gisela Wiesner habe ich diesen beiden Diagnosen gar nicht so viel Wert beigemessen. Beeindruckt hat mich in diesem Sinne auch nicht besonders, wenn mir jemand sagte, dass sie oder er Legastheniker ist. In der Grundschule, so kenne ich das noch von früher, gab es für Schüler mit Legasthenie extra LRS-Stunden. Das war es dann aber auch. Es gibt, so meinte ich bisher, Schlimmeres, wie die Entzündung einer Großhirnhälfte, die eine folgenreiche neurochirurgische Entfernung derselben nach sich zieht. Legasthenie ist da doch ganz harmlos. Jetzt erkenne ich erst die Fehleinschätzung: Klar ist der genannte neurochirurgische Eingriff schlimm, ganz schlimm, aber für die Legastheniebetroffenen bricht halt auch eine Welt zusammen, die sich auf das gesamte Leben auswirkt, zumindest auswirken kann.

Fazit

Aufgrund der umfangreichen Darstellung der Phänomene Legasthenie und Dyskalkulie und ihren Fördermöglichkeiten kann die Lektüre für Lehrerinnen und Lehrer, v.a. für Deutsch-, Naturwissenschaften- und Mathematikleherinnen und -lehrer empfohlen werden. Hier ist sich, auch im Zuge der schulischen Inklusion, nicht nur auf die förderpädagogische Kompetenz zu beschränken. Auch Lehrerinnen und Lehrer der allgemeinen Schulen profitieren von der Lektüre des Buchs.

Rezension von
Prof. Dr. Carsten Rensinghoff
Hochschullehrer für Heilpädagogik und Inklusive Pädagogik an der DIPLOMA Hochschule
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Es gibt 175 Rezensionen von Carsten Rensinghoff.

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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 15.08.2023 zu: Gisela Wiesner: Heilpädagogische Legasthenie- und Dyskalkulie-Förderung. Theorie und Praxis: Kinder adäquat fördern und begleiten. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2023. ISBN 978-3-8080-0929-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30758.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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