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Raymond Geuss: Über die Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens, 01.06.2023

Cover Raymond Geuss: Über die Arbeit ISBN 978-3-86854-372-8

Raymond Geuss: Über die Arbeit. Ein Essay. Hamburger Edition (Hamburg) 2023. 200 Seiten. ISBN 978-3-86854-372-8. D: 15,00 EUR, A: 15,40 EUR.

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Thema

Der hier publizierte Essay, den der Autor als politischer Philosoph der Sache nach zur historischen Anthropologie zählt, „liefert eine Momentaufnahme aus derjenigen Arbeitswelt, die gerade vor unseren Augen mit bemerkenswerter Geschwindigkeit untergeht, wenn sie nicht schon vollständig verschwunden ist“ (S. 11).

Autor

Raymond Geuss, Jg. 1946, seit 2011 Mitglied der British Academy, war zuletzt und bis zu seiner Pensionierung Professor für Philosophie an der Universität Cambridge, lehrte davor aber auch an anderen Universitäten – darunter in Deutschland, wo er auch Fellow am Wissenschaftskolleg in Berlin war. Einige seiner zahlreichen Publikationen sind auf Deutsch erschienen. Das vorliegende Buch wurde 2021 bei Cambridge University Press im englischen unter dem Titel A Philosopher Looks at Work veröffentlicht. Und so sollte man das Buch auch denn lesen: als Betrachtungen von „Arbeit“ aus der Perspektive und durch die Brille eines akademischen Philosophen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält nach einem einleitenden Vorwort vier jeweils gut 45 Seiten lange Kapitel mit 47 über den Text verteilten Fußnoten, woran sich knapp kommentierte Lektüreempfehlungen anschließen.

Was ist Arbeit?

Enthält des Autors allgemeine Definition von Arbeit mit gesonderten Ausführungen zu Anstrengung (körperliche und moralische in Abgrenzung zu Müßiggang, Spiel, Ferien und Ruhestand), Notwendigkeit (individuelle und soziale; ein Exkurs zu Geld und Kredit) und Objektivität (Unterschied und Gemeinsamkeit von Güter-Herstellung und Dienstleistung sowie Überlegungen dazu, was es heißt, Dinge um ihrer selbst willen zu tun).

Die Organisation von Arbeit

Das zweite Kapitel hat die Abschnitte „ln unserer Welt „ und „Andere Tätigkeitsarten“. Zunächst wird dargestellt wie in zeitgenössischen westlichen Gesellschaften die Organisation von Arbeit reflektiert wird, danach werden historische Alternativen zu dieser Betrachtungsweise vorgestellt.

Die Anthropologie und Ökonomie der Arbeit

hat drei Teile, die mit „Faulenzer“, „Das aktive Tier“ und „Die Ökonomie von ‚Ich und Wir‘“ überschrieben sind. Dem essayistischen Charakter des Gesamttextes entsprechend finden sich hier Überlegungen, die man schlecht zusammenfassen, wohl aber illustrieren kann. Im ersten Teil findet sich etwa die, dass man in der gesamten Literatur der europäischen Antike „keine Figuren [findet], die als bewundernswert dargestellt werden, weil sie Armut durch eigener Hände Arbeit überwunden haben“ (S. 108-109). Im zweiten liest man den (Warn-)Hinweis, man müsse „scharf zwischen der Teilung von Arbeit und der Verteilung des Personals auf verschiedenen Berufsgruppen unterscheiden“ (S. 128). Und im dritten steht: „Wer arbeitet, steht immer in einem Arbeitszusammenhang mit anderen.“ (S. 131) Was selbst für einen Philosophie-Professor gilt.

Das vierte und letzte Kapitel Unbehagen an und Zukunft der Arbeit ist weitaus strukturierter als die drei vorherigen, bezieht sich systematischer auf Gedankengänge anderer Philosophen (Hegel, Marx und Heidegger etwa) und wirkt noch dichter (material- und reflexionsreicher). Die Ausführungen sind zwei Abschnitten zugeteilt. Der erste trägt die Überschrift „Formen radikalen Unbehagens“ und enthält u.a. Nachdenkliches über die Forderung/den Wunsch nach Abschaffung der Arbeit sowie Grundlegendes zu Entfremdung der Arbeit. Der zweite Abschnitt „Die Zukunft der Arbeit“ handelt von Automatisierung und Prekarisierung, Outsourcing und Amazonifizierung, Bullshitjobs – und der Frage, ob der ökologische Kollaps denn noch vermeidbar sei.

Diskussion

Das Buch trägt in der deutscher Übersetzung den Titel-Nachsatz „Ein Essay“. Ich verstehe das als wohlgemeinten Hinweis der Hamburger Edition zum Verständnis des Werkcharakters. Den ernst nehmen erspart mögliche Enttäuschungen. Nein, das Buch enthält keine „geordnete“ Darstellung, wie man es bei Fachbüchern üblicherweise in Gestalt von etwa Einleitungen, Hand- und Lehrbüchern erwarten darf. Es enthält einen Essay. Darunter versteht man eine literarische Gattung, die sich durch drei Merkmale auszeichnet: eine geistreiche Abhandlung zu wissenschaftlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Themen, in Gestalt einer persönlichen Auseinandersetzung des Autors zur jeweiligen Thematik ohne Anspruch, die Kriterien wissenschaftlicher Methodik einzuhalten. An Essays sind deutschsprachige Leser(innen) der psychosozialen Szene nicht gewöhnt; die einschlägigen Fachbücher kommen hier in der Regel schwerblütiger daher. Aber man und frau kann Essays schnell lieben lernen.

Zumal dann, wenn sie wie hier mit Scharfsinnigkeit gewürzt und durch Humor aufgelockert sind. Es gibt allerdings Eines, was das Lesevergnügen hindern könnte: der Hang (auch) dieses philosophischen Autors, Sätze zu überladen. Ich biete zur Anschauung eine Probe mittlerer Komplexität, Kompliziertheit und Länge. „Für Organisationen, die sowohl in ständigem Wachstum begriffen und den ökonomischen, zumal finanziellen Imperativen ausgesetzt sind, die in unserer Gesellschaft am Werk sind, als auch dazu tendieren, immer hierarchischer zu werden, bedeutet dies, dass sich diejenigen, die direkte Verantwortung tragen, gezwungen sehen, zunehmend Tätigkeiten auszuüben, die losgelöst von direkter produktiver Arbeit sind.“ (S. 187) Wer Text-Verstehen noch in der ersten Gymnasialklasse anhand von Cäsars De bello Gallico gelernt hat, hat’s hier besser.

Als 68er-Student in Heidelberg las ich zusammen mit anderen Linken, die ihr Heil weder in Moskau noch in Peking sahen, sowohl das „Kapital“ als auch die „Pariser oder ökonomisch-philosophischen Manuskripte“. Seither habe ich immer wieder, zu verschiedenen Anlässen und in unterschiedlichen Zusammenhängen nachdenken dürfen, können und müssen über „Arbeit allgemein“, „Hand- und Kopfarbeit“ sowie „entfremdete Arbeit“. Aus dieser Perspektive und einigem Vorwissen habe ich das Buch gelesen: mit Irritationen, die sich bald als hilfreiche Verstörungen entpuppten, mit Bestätigungen, die aber ganz anders be- und gegründet waren, mit zunehmender Neugier und wachsendem Respekt vor Können und Wissen des Autors.

Man und frau kann von ganz anderen Voraussetzungen her auf das Buch zugehen. Zu dessen Lektüre braucht es keine fachliche Vorbildung. Es genügt eine einzige bewegende Frage. Etwa die: Hat meine Arbeit eigentlich einen Sinn?

Zum Schluss Bemerkungen zu den Fußnoten, von denen das Buch 47 hat. Fußnoten, wenn sie denn nicht einfach schnöde Quellenangaben enthalten, können insbesondere in juristischen, philosophischen und theologischen Monographien Fundorte intellektueller Perlen sein. So auch hier. Etwa in Fußnote 8 auf S. 68 zu „Schulden“, was ja auf den ersten Blick eine eindeutige Angelegenheit zu sein scheint. Das ist mitnichten so: „Wenn ich jemandem 1000 Euro schulde, kann er auf mich Druck ausüben, doch wenn ich bei einer Bank mit 1 Milliarde Euro in der Kreide stehe, werde ich die Kreditgeberin unter Druck setzen können, weil die Bank pleiteginge, sollte ich meine Schulden nicht tilgen.“ Oder nehmen wir die Fußnote 41 auf S. 160 im Nachgang von Überlegungen zu so etwas wie „Sorge um die Natur“: „Menschen neigen dazu, Dinge, von denen wir wissen, dass sie unbelebte Objekte sind, so zu behandeln, als verfolgten sie eigene Interessen.“ „Die Natur“ verfolgt keine eigenen Interessen!

Fazit

Die zentrale Bewertung des Philosophieprofessors Brian O'Connor lautet (nach Buchumschlag hinten): „Ein zeitgemäßer und wichtiger Beitrag für unser Verständnis von der komplexen Realität der Arbeit. Das Buch wirft auf originelle Weise neue Fragen auf, während es sich gleichzeitig mit den Klassikern auseinandersetzt.“ Treffender kann man das Buch, dem man viele Leser(innen) wünscht, nicht kennzeichnen.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 01.06.2023 zu: Raymond Geuss: Über die Arbeit. Ein Essay. Hamburger Edition (Hamburg) 2023. ISBN 978-3-86854-372-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30766.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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