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Karen Gloy: Das Projekt interkultureller Philosophie aus interkultureller Sicht

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 26.05.2023

Cover Karen Gloy: Das Projekt interkultureller Philosophie aus interkultureller Sicht ISBN 978-3-8260-7518-6

Karen Gloy: Das Projekt interkultureller Philosophie aus interkultureller Sicht. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2022. 181 Seiten. ISBN 978-3-8260-7518-6. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR.

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Thema

Die Welt ist ein globales Dorf! Diese eingängige wie gleichzeitig problematische, weltanschauliche Sichtweise dient vielfach als Exempel dafür, die natürlichen und menschengemachten Vielfalten des kosmischen Weltalls zu verstehen. Da geht es darum, sich die Welt als kleines Dorf mit 100 Einwohnern vorzustellen, um die Verhältnisse und Entwicklungen auf den Planeten darzustellen und zu verändern (Josef Nußbaumer/Andreas Exenberger, Hrsg., Unser kleines Dorf. Eine Welt mit 100 Menschen, 2010). Es geht um die Erkenntnis, dass der Mensch auf der Erde (und darüber hinaus) nicht alles machen dürfe, was er kann oder zu können meint, und es eines Paradigmenwechsels im Denken und Handeln der Menschen bedarf: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995). Es sind neue Perspektiven gefragt, wenn es um Fragen geht, wie angepasst und widerständig ein menschenwürdiges, gegenwärtiges und zukünftiges Leben der Menschen auf der Erde aussehen soll (Philipp Staab, Anpassung. Leitmotiv der nächsten Generation, 2022).

Entstehungshintergrund und Autorin

In der sich immer interdependenter, entgrenzender entwickelnden Welt kommt es darauf an, Begriffe wie „kulturelle Identität“ auf den globalen Prüfstand zu stellen. Eine „interkulturelle Identität“ und ein „ethnisches Welt- und Mensch-Bewusstsein“ sind gefordert: Identität ist ein Beziehungsbegriff, keine Mauer (vgl. z.B. dazu auch: Joachim Bauer, Wie wir werden, wer wir sind. Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz, 2022, www.socialnet.de/rezensionen/29229.php). „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst“ – diese Gedichtstrophe drückt in eindeutiger Weise aus, dass kulturrelativistische, dominante Einstellungen und Verhaltensweisen abgelöst werden müssen durch universales Denken und Handeln. Es sind die aufklärerischen Prozesse, dass Kulturalität gleichwertiges Bewusstsein voraussetzt und Höherwertigkeitsvorstellungen, wie gleichzeitig Minderwertigkeitszuordnungen einer „globalen Ethik“ widersprechen und verhindert werden müssen. Die Philosophin Karen Gloy ist überzeugt, dass interkulturelles Philosophieren eine „polyloge“, existentielle Lebenslehre ist (www.socialnet.de/materialien/174.php, 28. 1. 2014). Im zivilisatorischen, kulturellen Denken sind das „Alles und Nichts“, das „Sein und Werden“, das „Bewusste und Unbewusste“, das „Objektive und Subjektive“, das „Yin und Jang“ allgemeingültige Wertmaßstäbe, „zyklische Logiken“ und „dialektische Bewegung(en), die Klarheit, Deutlichkeit und Präzision auf wissenschaftlicher und … formaler Ebene nicht behindert“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre Studie in 13 Kapitel. Im ersten thematisiert sie „Zugänge zu fremden Kulturen“, im zweiten formuliert sie „Definition(en) von Kultur und Kulturtheorien“, im dritten setzt sie sich mit „Alterität“ auseinander: „Wie sehen wir Fremde und Fremdes?“ im vierten geht es um Fragen nach „Einheit und Vielfalt der Kulturen“, im fünften fragt sie, ob „Philosophie ein europäisches oder internationales Projekt“ sei; im sechsten fragt er nach den Unterschieden und Bedeutungen von „Universalität oder Partikularität der Logik“, im siebten ist es die „Zyklische Logik“, die die natürlichen und menschengemachten Prozesse bestimmt, im achten führt er die „Klassifikations- bzw. Spezifikationslogik“ in den Diskurs ein, im neunten setzt er die „Widerspruchslogik (Paradoxienbildung)“ dagegen, im zehnten ist es die „Logik der Netzwerke als moderne Fortsetzung der Analogielogik“, die die alltäglichen Verläufe bestimmt, im elften sind es „Begriffe, Determinative und Symbole“, die den lokalen und globalen Kommunikations- und Forschungsprozess kennzeichnen, im zwölften nimmt sich die Autorin „die diversen Zeittypen der verschiedenen Kulturen“ vor, und im dreizehnten, letzten Kapitel, werden die unterschiedlichen wie gleichbedeutenden „westliche(n) und östliche(n) Natureinstellung(en)“ diskutiert.

Um Fremde, andere Kulturen zu beschreiben, zu erklären, zu vergleichen und zu werten, braucht es intellektuelles, anthropologisches, soziologisches, politisches und philosophisches wissenschaftliches Handwerkszeug. Es sind komparative, logische, polylogische, transkulturelle und empathische Zugangsweisen, die kulturelles Denken und Handeln ermöglichen und sich in der Definition der UNESCO ausdrücken: „Die Kultur kann in ihrem weitesten Sinne als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte angesehen werden, die eine Gesellschaft oder eine soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertsysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen“. Die geschichtliche und hermeneutische Herleitung dieses globalen Kulturverständnisses unternimmt die Autorin und kommt zu einer „strukturalistischen Kulturtheorie“, die darauf beruht, dass „Kultur durch die Präferenz bestimmter allgemeiner wie spezieller Strukturen und Muster charakterisiert ist, die aus der unendlichen Fülle von Möglichkeiten, welche Natur und Geist vorgeben, herausgegriffen werden und sich dadurch auszeichnen, dass sie das (humane, JS) Überleben einer Gesellschaft in einer bestimmten Gegend der Welt unter bestimmten klimatischen Bedingungen und bestimmten ökologischen Voraussetzungen gestattet“.

Es sind die Paradoxien, die ein friedliches, gleichberechtigtes, interkulturelles, humanes Zusammenleben der Menschen auf der Erde erschweren. Dass Paradoxien aber auch notwendiges, unverzichtbares und logisches Denken und Handeln bedingt, wird im transkulturellen Diskurs deutlich: Es sind symmetrische und asymmetrische Argumentationen, die sich in der „globalen Ethik“ verdeutlichen, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde … die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“. Es sind die jeweils evolutionär und kulturell entstandenen sprachlichen und Deutungsformen, die Entwicklung und Achsenzeit (Jan Assmann, 2018) präsentieren, und sich in den kulturellen Paradigmen verdeutlichen; etwa im taoistischen Symbol des Tai Chi, als das Vollkommene, Ganze, Gemeinsame, Gleichwertige, Harmonische.

Diskussion

Die Auseinandersetzung mit Kultureinstellungen, -entwicklungen, -meinungen und fremden kulturellen Aktivitäten vollzieht sich historisch und aktuell in zwei grundlegend unterschiedlichen Auffassungen: Da ist zum einen das ethnische, gewohnte und praktizierte Bewusstsein, dass eigenes kulturelles Denken und Handeln das einzig gültige Erstrebens- und Lebenswerte sei. Daraus hat sich die germano- und eurozentrierte Bewusstsein entwickelt (Ian Morris; Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, 2011; Silvio Vietta, Die Weltgesellschaft. Wie die abendländische Rationalität die Welt erobert und verändert hat, 2016,). Und die andere, indigene, emanzipatorische, postkoloniale, universalistische Erkenntnis, dass die Menschheit in EINER WELT lebt (Joseph-Achille Mbembe, Politik der Feindschaft, 2017; Omri Boehm, Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität, 2022; Tsitsi Dangarembga, Schwarz und Frau. Gedanken zur postkolonialen Gesellschaft, 2023).

Interkulturelle Philosophie ist eine (alte, neue) Denk- und Lebensform. Sie gründet auf dem humanen, anthropologischen Bewusstsein, dass der Mensch in seiner evolutionären Entwicklung ein genuines, erdbewusstes Glied im kosmischen Natur-Kulturprozess ist, das ein gutes individuelles und kollektives Leben anstrebt. Der komparative Zugang ist es, der Interkulturalität und Universalität schafft. Er erschließt sich in der Überzeugung und Einstellung, wie sie Immanuel Kant im kategorischen Imperativ zum Ausdruck bringt und im Sprichwort – „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinen andern zu!“ – lebbar wird; und verdeutlicht sich in dem Bewusstsein: „Der/das Fremde bin ich selbst!“.

Fazit

Es ist nicht die Büchse der Pandora, die die Philosophin mit dem Projekt „Interkulturelle Philosophie“ öffnet, sondern sie präsentiert das Füllhorn mit der Vielfalt alles Seins als humane, globale Herausforderung. Es ist eine Lektüre, die Humanität bringt, ohne die die Menschheit nicht human leben kann!

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.05.2023 zu: Karen Gloy: Das Projekt interkultureller Philosophie aus interkultureller Sicht. Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) 2022. ISBN 978-3-8260-7518-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30778.php, Datum des Zugriffs 20.05.2024.


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