socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ursula Bos-Nünning, Yasemin Karakaşoğlu: [...] Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund

Cover Ursula Bos-Nünning, Yasemin Karakaşoğlu: Viele Welten leben. Zur Lebenssituation von Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2005. 580 Seiten. ISBN 978-3-8309-1496-9. 29,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Theoretischer Ausgangspunkt

Obwohl der Anteil der Jugendliche mit Migrationshintergrund etwa ein Drittel der jugendlichen Bevölkerung ausmacht, finden sie - so die Verfasserinnen - "in den aktuellen sozialwissenschaftlichen Studien und Abhandlungen wenig Beachtung und bleiben "häufig immer noch völlig unberücksichtigt" (S.11). Außerdem seien in der Migrationsforschung "die Frauen lange Zeit unberücksichtigt" (S.13) geblieben und die publizierten Arbeiten konzentrierten sich "auf Mädchen und Frauen mit türkischem Migrationshintergrund , die stellvertretend für die "Migrantin" stehen sollen" (S.13). Auch wenn der elfte Kinder- und Jugendbericht von 2002 Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund mit einbezog und sich der 6. Familienbericht von 2000 sich "ausschließlich" auf "Familien mit ausländischer Herkunft" bezog, so lassen sich nach Auffassung der Autorinnen drei Grundtendenzen in der wissenschaftlichen Literatur zusammenfassend feststellen: "In der Jugendforschung werden Jugendliche mit Migrationshintergrund kaum berücksichtigt, die Frauenforschung ignoriert bislang die Migrantinnen weitgehend und die Migrationsforschung vernachlässigt die Differenzierung nach dem Gender-Aspekt" (S.15).

Forschungsfragen und -ziele

Im Rahmen einer Mehrthemenbefragung von Mädchen und jungen Frauen ist es das Ziel der Studie, "Aufschluss über die Bedingungen und Voraussetzungen sowie die Bewältigungsformen von jugend-, frauen und (ethno-) bzw. minderheitenspezifischen Aspekten ihrer Lebenswelt(en)" (S.25) zu geben. Anhand eines differenzierten Fragebogens "wurden 967 ledige Mädchen und junge Frauen im Alter von 15-21 Jahren in sieben deutschen Städten und zwei Landkreisen befragt" (S.39). Insgesamt konnten 950 Fragebögen in die Auswertung miteinbezogen werden, die sich auf folgende Gruppen beziehen:

182 Befragte sind griechischer, 183 italienischer, 172 jugoslawischer (...) Herkunft (...), sowie 213 Befragte türkischer Herkunft und 200 Aussiedlerinnen (...) aus der ehemaligen Sowjetunion" (ebd.: S.39). Auch wenn die Autorinnen einräumen, dass ihre Stichprobe nicht repräsentativ sei, u.a. aufgrund hoher Verweigerungsraten bei den Ausgewählten, aber auch der Festlegungen der befragten Regionen und des Schneeballsystems als Auswahlkriterium (vor allem bei den Aussiedlerinnen) als Auswahlmethode, so betonen sie dennoch die Aussagefähigkeit der Ergebnisse, insbesondere auf die "Unterschiede zwischen den nationalen Herkunftsgruppen" bezogen (S.46).

Ergebnisse der Untersuchung

Die Auswertung der Befragung der fünf Gruppen wird auf insgesamt 11 Teilaspekte bezogen, die, angefangen mit den spezifischen Wanderungsursachen , über Lebensumfeld, Familienbeziehungen, Freizeit, Bildung, Sprachmilieu, Geschlechterrollen, Sexualität, Ethnizität, soziale Lagerung , Religion, bis hin zur Situation von Migrantenjugendlichen im Kontext offener Jugendarbeit und der Inanspruchnahme von Jugendhilfeangeboten reichen.

Durch detaillierte Hintergrundrecherchen dreier wissenschaftlicher Mitarbeiterinnen, Milenka Gribić, Bożena Krüger und Livia Novi (S.9) und von Expertisen zu den jeweiligen Befragungsgruppen von Charitini Iordanidou, Yvonne Rieker, Milenka Gribić, Safiye Jalil und Bożena Krüger gelang es den Autorinnen die Befragungsergebnisse auf den jeweils aktuellen Diskussionsstand der Fachdiskussion zu beziehen. Dadurch werden die Ergebnisse nicht "nur" isoliert zum Sprechen gebracht, sondern tragen auch dazu bei, vorhandene Interpretationsmuster zu korrigieren und zu relativieren. Dies gilt z.B. für die innerethnischen, innerfamilialen Rollenbezüge. Außerdem gelingt es den Autorinnen, "sensible" Bereich der Lebenssituation der Befragten anzusprechen, die sich direkt auf die eigene Leiblichkeit beziehen.

Auch hier gehen die Autorinnen davon aus, dass unabhängig von der nach wie vor starken Bindung der praktizierten Sexualität an die Ehe, das Sexualitätskonzept der Mädchen keineswegs als "duldsam und passiv" zu beschreiben sei. Dies wird aus der Antwort auf die Frage" nach der Bedeutung einer erfüllten Sexualität für eine Beziehung" abgeleitet, die von 66% aller befragten Mädchen und jungen Frauen betont wird (S.286). Ob aus dieser Antwort allerdings die aus anderen Studien zitierte Auffassung entscheidend gestützt wird, dass "das Sexualitätskonzept islamischer im Gegensatz zu christlich-calvinistischen Gesellschaften positiv ausgerichtet sei und dass in ihm die Frau eine aktive Rolle habe" (S.287), ist zumindest fraglich. Auch wenn die Autorinnen diese These weiter relativieren, so kommen sie doch zum Ergebnis, "dass Sexualität für eine erfüllte Partnerschaft eine große Rolle spielt" (S.287). Doch worauf bezieht sich diese Frage und auf wen? Es wäre auch denkbar, dass hier gerade "traditionelle" Muster verbalisiert werden, da mit der Antwort zwar unterstellt wird, diese beziehe sich auf die Befragten, dies muss aber nicht zwingend sein. Nach der Umfrage - wenn auch mit Einschränkungen für die türkischen Mädchen - wird immerhin von 58% der Mädchen eine voreheliche sexuelle Beziehung "akzeptiert". Dies leitet sich aus der Frage ab, "vorehelicher Geschlechtsverkehr ist nicht Falsches" (S.283). Gerade die Formulierung des Akzeptierens und der Vorehelichkeit spricht weniger für die angenommen Veränderungen der sexuellen Moralvorstellungen eines Teils der Migrantinnen. So wird auch eine Sexualpädagogin zitiert, die davon ausgeht, dass von geschätzten 20% der nicht jungfräulich in die Ehe gehenden Frauen, zahlreiche junge Frauen sind, die "ausschließlich vorehelichen Geschlechtsverkehr mit ihrem späteren Ehemann ausüben" (S.282). Dies lässt nicht zwingend auf "erfüllte Sexualität in der Partnerschaft" (S.294) generell schließen, auch wenn den Autorinnen zuzustimmen ist, dass man nicht von einer idealtypischen Gegenüberstellung von unterdrückter weiblicher Sexualität in orientalischen Kulturen und emanzipierten Westen ausgehen kann (S.287).

Breiten Raum nimmt die Untersuchung der ethnischen Lagerung der Migrantinnen ein. "Auch wenn sich ein großer Teil in erster Linie als Angehörige der Herkunftsgruppe sieht, fühlen sich weitaus die meisten Mädchen und jungen Frauen in Deutschland wohl und nicht fremd" (S.312). Mädchen mit türkischem Hintergrund sind am "konsequentesten an Deutschland" (S.314) orientiert. Deutlich tritt auch bei der Frage nach der weiteren Lebensplanung der Mädchen und Frauen die Zukunftsvorstellung hervor, in Deutschland leben zu wollen (S.325). Dies gilt allerdings nicht für 41% der griechischen und für 23% der italienischen Frauen. Allerdings würden 23% der Menschen griechischer Herkunft und ca. 15% der italienischen Mädchen und 15 % der türkischen Frauen gerne Pendeln.

Der Teil über die Zufriedenheit mit der eigenen Lebenslage gibt wichtige Hinweise: Mädchen aller Herkunftsgruppen sind mit den angesprochenen Dimensionen der Lebenslage (schulisch und beruflich Erreichtem, finanzielle Situation, Wohngegend und Menge an Freizeit) "zufrieden und bewerten ihre Lebensbedingungen insgesamt als positiv" (S.341). Die These einer "Psychiatrie der Migration", also der Zunahme psychosomatischer Beschwerden durch Migration, wird durch diese Umfrage nicht bestätigt, die Mädchen haben überwiegend ein "positives Selbstbild" (S.345). Allerdings sind Schlaf- und Konzentrationsstörungen bei etwa ein Drittel der Befragten mit türkischem Hintergrund stärker ausgeprägt (S.344).

Der Abschnitt über Religiosität ist sehr informativ, insbesondere auch zur "Stellung der Frau in der Religion" (S.415.). Die Autorinnen verdeutlichen, dass die im Alltagsdiskurs vertretene Auffassung der Zementierung eines "inferioren Status" insbesondere von muslimischen Migrantinnen sowohl in den "Herkunftsgesellschaften aber auch in den Migrantencommunities" (S.415) nicht zutreffe. "Die Befragten fühlen sich religionsgruppen- und herkunftsgruppenübergreifend in ihrer Religion überwiegend akzeptiert und nur eine äußerst kleine Minderheit fühlt sich unterdrückt" (S.415). Im Kontext der aktuellen Diskussion um die systematische Erteilung islamischen Unterricht an den Schulen kann man - auch in Anbetracht der in dieser Studie erstmals vorgenommenen Binnendifferenzierung der Glaubensgemeinschaften nach Religionszugehörigkeit und Herkunftsgruppen - Hinweise zum Sinn der Vermittlung glaubensspezifischer Inhalte erhalten: Religiosität ist eine "Ressource zur Lebensbewältigung" und ein "Faktor zur Gestaltung des familiären Lebens, sofern Partnerwahl und Erziehung der Kinder betroffen sind" (S.426). Der Wunsch nach intensiverer Information über die eigene Religion in den Schulen wird von immerhin 58% der Musliminnen und 59% der orthodoxen Mädchen und jungen Frauen jugoslawischer Herkunft geäußert (S.414).

Das abschließende Kapitel bezieht sich auf die Nutzung der unterschiedlichen Angebote der offenen Jugendarbeit/Freizeitangebote und der Hilfeeinrichtungen in ihrer ganzen Spanne. Hier werden einerseits Freizeiteinrichtung betrachtet und andererseits die Beratungs- und Hilfeangebote. Hier treten zwei Aspekte hervor, die insbesondere in der Jugendarbeit zu berücksichtigen wären: Nichtorganisierte Angebote, das heißt Treffen in privaten Räumen sowie an öffentlichen Plätzen spielen für alle (…) befragten Mädchen ein weitaus größere Rolle" als organisierte Freizeitangebote (S.435). Deutlich wird aber auch die "wachsende Tendenz von Migranten und Migrantinnen und ihren Kindern (…), sich in eigenen Vereinen zu organisieren (S.440). Die Inanspruchnahme von Hilfen ist trotz der interkulturellen Öffnung der Regeldienste im Verhältnis nach wie vor relativ gering. Andrerseits sind jedoch hohe Ausländeranteile in der Jugendgerichtshilfe, den stationären Jugendhilfeeinrichtungen, der Jugendberufshilfe und in "Notunterkünften für Frauen und Mädchen" (S.432) auffällig. Offensichtlich ist die Nutzung der Beratungsstellen aber auch von den Bedingungen innerhalb der Beratungsstellen abhängig. Sind einerseits die Ausländerberatungsstellen häufiger personell und materiell schlechter ausgestattet, so fehle es in den Regeleinrichtungen nach wie vor an "sprachlich und interkulturell geschultem Personal" (S.453). Dennoch lassen sich differenzierte Gründe für die Inanspruchnahme von Hilfen auffächern: Problemlagen, die mit der Psyche und dem Körper (...), Problemlagen die sich auf innerfamiliäre Schwierigkeiten beziehen und von außen herangetragene soziale Probleme" (S.454). Auch hier werden innerhalb der einzelnen Gruppen Unterschiede deutlich: Bei persönlichen Problemlagen " sind es die Mädchen und jungen Frauen aus Aussiedlerfamilien, die seltener professionelle Hilfe in Anspruch nehmen wollen (S.455).

Diskussion

Aus ihrer Datenfülle leiten die Autorinnen Folgerungen für Politik und Pädagogik ab, die "sich teilweise in die Fachdiskussion einfügen, teils Korrekturen der Sichtweisen verlangen" (S.467). Die zentrale Erkenntnis ist m. E. die der Wahrnehmung nicht nur der "bestehenden Unterschiede zwischen den verschiedenen Herkunftsgruppen, sondern auch (…), dass innerhalb der nationalen Herkünfte die Mädchen und Frauen eine große Pluralität an Orientierungen und Einstellungen aufweisen" (S.470). Auch wenn die realisierte Stichprobe nicht - im statistischen Sinne - repräsentativ ist, so gibt diese differenzierte Untersuchung eine Fülle von Hinweisen und zeigt vorhandene Forschungslücken auf. Der Bezug zur Praxis bleibt etwas kursiv, so dass auch die Empfehlungen an Politik und Pädagogik kaum auf die alltägliche Arbeitsgestaltung eingehen. Doch dies wäre auch kaum zu leisten, denn hier bedarf es spezieller Analysen, die den Rahmen dieses Werkes sprengen würden.

Fazit

Ein wichtiges Buch zur Lebenslage und -führung junger Migrantinnen. Durch die systematischen Abhandlungen zum jeweiligen Erkenntnisstand zu den einzelnen Themenkomplexen dient dieses Buch der umfassenden und zugleich detaillierten Wissensvermittlung. Die Autorinnen und Mitarbeiterinnen haben mit diesem Buch einen wichtigen Beitrag zu einer sich weiter differenzierenden Forschung von Migrationsprozessen geleistet.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
E-Mail Mailformular


Alle 55 Rezensionen von Friedhelm Vahsen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 28.02.2006 zu: Ursula Bos-Nünning, Yasemin Karakaşoğlu: Viele Welten leben. Zur Lebenssituation von Mädchen und jungen Frauen mit Migrationshintergrund. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2005. ISBN 978-3-8309-1496-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3078.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!