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Hans-Walter Schmuhl: Kur oder Verschickung?

Rezensiert von Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt, 28.07.2023

Cover Hans-Walter Schmuhl: Kur oder Verschickung? ISBN 978-3-86218-163-6

Hans-Walter Schmuhl: Kur oder Verschickung? Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Dölling und Galitz Verlag (München) 2023. 304 Seiten. ISBN 978-3-86218-163-6. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 23,00 sFr.

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Thema

Hans-Walter Schmuhl widmet sich mit seiner Studie zu Kinderkuren und Kurheimen der Deutschen Angestelltenkasse, dem, vor allem von Betroffenen der schwarzen Pädagogik angestoßenen, und noch wenig untersuchten Thema der Kinderverschickungen der Nachkriegsjahrzehnte. Neben vielen anderen Trägern wie der, der freien Wohlfahrtspflege, der Kommunen und Länder, oder privater Anbieter, gehörte die Deutsche Angestelltenkasse zu den großen Institutionen mit Verschickungsheimen; auf sie richtet sich der Fokus.

Autor

Hans-Walter Schmuhl ist Historiker und außerplanmäßiger Professor an der Universität Bielefeld. Er hat wegweisende Studien vorgelegt zu Krankenmorden im Nationalsozialismus. Weitere Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind Forschungen zu Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, der Eingliederungshilfe und der Psychiatrie. Er ist zudem Mitglied des Expertenkonsortiums der Initiative Verschickungskinder.

Entstehungshintergrund

Die Deutsche Angestelltenkasse möchte mit der Aufarbeitung der Bedingungen in den Kinderkurheimen einen Beitrag zur Anerkennung des Leids der Opfer leisten: Dazu wurde Hans-Walter Schmuhl beauftragt, der neben den in den Archiven verwahrten Quellen die Erinnerungen der ehemaligen Verschickungskinder nutzt, um den quantitativen und qualitativen Dimensionen der Verschickung und dem meist von Gewalt geprägten Alltag in den Kurheimen nahe zu kommen.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Geleitwort der Auftraggeberin und des Vereins Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickungen e.V. stellt Hans-Walter Schmuhl in der Einleitung das Thema vor und ordnet es in den, von um Anerkennung von Leid bemühten Forschungsprozess ein. Dabei würdigt er die von Betroffenen, insbesondere von Anja Röhl geleistete Forschungs- und Vernetzungsarbeit. Er führte qualitative Interviews mit Zeitzeug*innen und sichtete neben Quellen einschlägiger Archive noch persönliche Dokumente der Befragten.

Im ersten Kapitel wird eine historische Einordnung des Kinderkurwesens von den Anfängen der Weimarer Republik bis zum Bruch durch die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs 1944/45 vorgenommen. Deutlich hervorgehoben wird hier der bereits sich in den 1920er Jahren verfestigende Grundsatz einer Kurkonzeption, der zivilisationskritisch die als schädlich erachtete urbane Lebenswelt betonte und eine Gegenwelt in den Bergen oder an der See konstruierte. Als weiteres auf ein Gegenbild aufbauendes Ideal wurde, so Schmuhl, das, der Erziehung und Prägung in der Gruppe formuliert. Die moderne Kleinfamilie hingegen galt als ein Ort, körperlicher und physischer Verweichlichung.

Ein Überblick über das Kinderkurwesen der DAK in der Bundesrepublik Deutschland folgt in Kapitel zwei. Hier werden mehrere Einzelaspekte ausgebreitet: neben der quantitativen Entwicklung der von der DAK in eigene oder fremde Heime verschickten Kinder, geht es um die Veränderung der Verschickungsgründe und Diagnosen bei denen erneut der zivilisationskritische Grundtenor deutlich wird. Zudem werden die drei kasseneigenen Kinderkurheime „Haus Quickborn“ in Westerland, „Haus Hamburg“ und „Haus Schuppenhörnle“ im Schwarzwald vorgestellt und sowohl ihre Ausstattung, ihre Architektur, die Lage und auch die Konzepte der Kur in en Blick genommen.

In Kapitel 3 wird der theoretische Deutungsrahmen, anhand dessen sich der Autor dem Alltag in den Kurheimen annähert, ausgeführt. Zum einen ist dies das von Erving Goffman definierte Konzept der „totalen Institution“ und ein aus dem von Goffman beschriebenen definierten „Territorien des Selbst“ entwickeltes Konzept der „Verletzung des Selbst.“ Inwiefern die Kinderkurheime als „totale Institution“ zu bezeichnen sind und warum es hilfreich sein kann diesen Begriff als Deutungsfolie für Kinderkurheime zu nutzen, wird anhand sich an der Definition orientierender Fragen nachvollziehbar erläutert. So bietet sich an zu erkunden, inwieweit die Einrichtungen offen oder geschlossen waren, ob die Kinder sich dem System der Einrichtung unterordnen mussten und dies sie prägte und ob die begrenzten personellen und wirtschaftlichen Mittel das Entstehen dieses institutionellen Systems so auch die entindividualisierte Tagesstruktur förderten.

Das Konzept der „Gewalt als Verletzung des Selbst“ fokussiert im Vergleich zu anderen Gewaltdefinitionen auch die sonst eher unterbelichteten Formen von subtiler Gewalt. Darunter fällt auch, keinen Raum für sich zu haben, Strafen bei sich und andern zu erleben oder nicht angemessen angesprochen zu werden.

Das Kapitel vier ist mit 95 Seiten das umfänglichste und widmet sich nach der Vorstellung und kritischen Einordnung der narrativen Methode, dem Alltag in den DAK-Kinderkurheimen. Durchgängig stehen dabei die Erfahrungen der ehemaligen Verschickungskinder im Zentrum. Begonnen wird mit den Gründen der Verschickung, der Kurbewilligung und der Fahrt in das Heim, einem Ereignis, das für viele schon mit einem Gefühl der „Beklommenheit“ einherging. Der durchgetaktete Tagesablauf, der Essenzwang, und die Anordnung Mittagsschlaf zu halten, unabhängig davon wie alt man war, sowie die Briefzensur folgen und zeigen in aller Deutlichkeit die Unterordnung der Kinder unter das Paradigma der Ordnung und Normierung im Heim. Die Nacht im Kurheim wird aufgrund der hier spezifischen hart sanktionierten Regeln, wie dem Verbot auf Toilette zu gehen ausführlich behandelt. Strafen betrafen hier vor allem Kinder mit Ängsten, Heimweh oder sogenannte „Bettnässer“. Letztere wurden häufig auch bloßgestellt und waren der Strenge der oft als allmächtig erlebten Nachtwachen ausgesetzt. Wie die ehemaligen Kurkinder die Betreuerinnen wahrnahmen und welche Gefühle und Verhaltensweisen sie entwickelten, wird im Weiteren beschrieben. Das Thema Angst, Strafe und Gewalt bin hin zu sexualisierter Gewalt, die nicht verfolgt und geahndet wurde, macht deutlich, welch geschlossene Institution diese Heime darstellten. Das dort Geschehene drang nicht nach draußen, die Kinder litten still und konnten sich niemandem anvertrauen. Auch daheim wagten es wenige, von den schrecklichen Erfahrungen zu erzählen. Taten sie es doch und die Eltern beschwerten sich, so erlebten sie, dass die DAK die Kritik nicht ernst nahm. Von den 16 Interviewpartner*innen, deren Erinnerungen in diese Studie einflossen, gaben 15 an unter den Folgen der Kur bis in die Gegenwart zu leiden. Vor dem Kapitel fünf, das die Ergebnisse zusammenfasst und diskutiert befindet sich ein Abschnitt mit Fotos und Dokumenten. Gitta Jacob, Psychotherapeutin, führt in diesen Teil und weist darauf hin, dass diese Bilder Emotionen auslösen können, die Unterstützung durch Therapeut*innen erfordere.

In Kapitel fünf nimmt der Autor eine Einordnung vor und kommt zu dem Schluss, dass eine Subkultur von Gewalt in allen Formen und Ausprägungen in diesen Einrichtungen bestand und aufrechterhalten wurde. Vermutlich war manches davon bedingt durch Betreuerinnen, die während des Nationalsozialismus sozialisiert waren, aber auch durch ein grundlegend zivilisationskritisches Konzept. Einer „vermeintlich drohenden Auflösung gesellschaftlicher Ordnung“ sollte mittels eines auf Ordnung und Gemeinschaft zielenden Erziehungsziels entgegengewirkt werden. Eine rechtshistorische Betrachtung ordnet die Formen von Gewalt unter juristischen Fragestellungen ein. Deutlich wird hier, dass manches davon, wie Schläge oder sexualisierte Gewalt auch damals hätte geahndet werden müssen.

Diskussion

Diese Studie ist eine bedeutende Arbeit zur Erforschung des Komplexes der Kinderkurheime und Verschickungspraxis. Sie gibt Einblicke in den Alltag der Kinderkuren und stellt dabei die Erinnerungen der Befragten in den Mittelpunkt. Dabei werden strukturelle Fragen nach dem Aufbau der Anstalt, dem Personal, dem Kurkonzept und der Familien als Welt außerhalb der Heime mitgedacht. Die Deutungsfolien der „totalen Institution“ und des breiten Gewaltkonzepts erweisen sich als strukturell und inhaltlich nachvollziehbares bedeutendes Instrument. Sprachlich gewandt und vom Aufbau sich an dem Ablauf einer Kur orientierend, wird dieses Buch – in bestem Sinne – zu einer wissenschaftlich fundierten, theoretisch unterfütterten Erzählung. Die Grenzen der Methode und eine Kritik an den Quellen zeigen gleichzeitig auf, wo und wie weitergeforscht werden sollte. Hier sind vor allem Einzelstudien zu nennen und Vergleiche zwischen unterschiedlichen Heimen, um so neben Kontinuität auch Veränderung aufspüren zu können.

Fazit

Dieses Buch ist eine wegweisende Arbeit, an der sich weitere Studien zum Thema Verschickungskinder in der BRD in den Jahren 1945 bis 1990 orientieren werden. Die zentralen Themen von Gewalt werden benannt und eingeordnet. Den Betroffenen wird sehr deutlich und auf wissenschaftliche und zugleich empathische Weise Gehör verschafft.

Rezension von
Dr. rer. soc. Gudrun Silberzahn-Jandt
Referentin Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V., freiberufliche Kulturwissenschaftlerin Esslingen, Lehrbeauftragte an Hochschulen und Universitäten
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Es gibt 20 Rezensionen von Gudrun Silberzahn-Jandt.

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Zitiervorschlag
Gudrun Silberzahn-Jandt. Rezension vom 28.07.2023 zu: Hans-Walter Schmuhl: Kur oder Verschickung? Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Dölling und Galitz Verlag (München) 2023. ISBN 978-3-86218-163-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30789.php, Datum des Zugriffs 22.05.2024.


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