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Ludger Kolhoff (Hrsg.): Entwicklung der offenen Jugendarbeit in Wolfsburg

Cover Ludger Kolhoff (Hrsg.): Entwicklung der offenen Jugendarbeit in Wolfsburg. Im Spannungsfeld von Nutzern, Sozialarbeit, Kommunen und Organisationsentwicklung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 197 Seiten. ISBN 978-3-531-14586-0. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema und Autor

Veröffentlichungen zu Problemen einer niveauvollen Entwicklung von Konzepten in der (meist kommunal organisierten) offenen Kinder- und Jugendarbeit sind - gedankt sei vor allem den Bemühungen von Ulrich Deinet und Benedikt Sturzenhecker - in den zurückliegenden Jahren einige erschienen. Mit dem von Ludger Kolhoff editierten Band liegt hierzu nun eine weitere Publikation vor.

Doch es ist Vorsicht geboten: Kolhoff ist ein Fremder in der (offenen) Jugendarbeit, nimmt seit über zehn Jahren eine Professur für Sozialmanagement an der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel wahr und ist nicht eben als Experte auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendarbeit ausgewiesen (vgl. sonst z. B. socialnet 04/03, 11/03, 01/05 und 08/05). Mit dem vorliegenden Band präsentiert er sozusagen seinen Erstling in diesem Segment und erlaubt sich eine kritische Draufsicht auf die offene Jugendarbeit in Wolfsburg nicht ohne erkennbare Sympathie für diesen Bereich Sozialer Arbeit. In dem von der Stadt Wolfsburg initiierten Projekt "pro 11 in wob" (ein Hinweis auf die Kinder- und Jugendarbeit präzisierende Rechtsvorschrift des Kinder- und Jugendhilfegesetzes) hat er die wissenschaftliche Begleitung wahrgenommen und dabei Methoden der Organisationsentwicklung auf Jugendarbeit angewendet. Besondere Beachtung verdient dabei sein - modischen Trends jedenfalls wenig zugeneigter - Rekurs auf das Aktionsforschungskonzept Kurt Lewins.

Zum Hintergrund

Eingeordnet in die in der Jugendarbeit seit Mitte der 90er Jahre geführte Debatte zur Marktorientierung, die Kolhoff kurz skizziert (S. 10ff), identifizierten die für die Jugendarbeit in Wolfsburg Verantwortlichen - insbesondere die Stadtjugendpflegerin Iris Bothe - einen nachhaltigen Konzeptionsentwicklungsbedarf in der offenen Jugendarbeit. Grundlegend waren die Einschätzungen für Jugendliche mangelhaft bekannter und transparenter Angebotsstrukturen, ein Verharren der in der offenen Arbeit tätigen Mitarbeiter/inne/n in Haltungen einer (abwartenden) "Komm-Struktur", ein ungenügendes Sich-Auseinandersetzen und Reagieren auf gesellschaftliche Transformationsprozesse, eine unzureichende Orientierung auf die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen verbunden mit einer unterentwickelten Sozialraumorientierung und zudem die Anforderungen der kommunalen Financiers im Kontext der Implementierung von Ansätzen einer neuen Steuerung der öffentlichen Dienstleistungs"produktion". Der in weiten Teilen der Jugendarbeit alltägliche Rechtfertigungsdruck bzw. Zwang zur Legitimation hatte auch Wolfsburg erreicht. Bothe nennt es den "Versuch, eine adäquate Anpassung der offenen Jugendarbeit an die heute bestehenden Anforderungen vorzunehmen" (S. 191). Kolhoff wurde engagiert, diesen Prozess wissenschaftlich zu begleiten und zu moderieren.

Im Wesentlichen wurde das Projekt "pro 11 in wob" zwischen dem Herbst 2003 und Mitte 2004 realisiert, ein (gemessen an den Berichten über andere Konzeptionsentwicklungsprozesse) ausgesprochen anspruchsvoller Zeitrahmen, der jedenfalls keine umfassenden "hegelianischen" Debatten zugelassen haben kann, sondern auf einen zügigen Eingriff abstellte. Hierin drückt sich das eigentlich Besondere dieses Projekts aus, das sich von anderen vergleichbaren Vorhaben unterscheidet, die (in der Regel) zwar im Detail gründlicher an den Veränderungsbedarf herangehen dürften, sich aber im Ganzen in zu vielen und zeitaufwändigen Aspekten ergehen und (zu) oft den Zusammenhang von Veränderungsbedarf und -prozess verloren gehen lassen. Der vorliegende Band rekonstruiert diesen Prozess.

Zum Inhalt

Kolhoff bezieht sich zunächst auf den Rechtfertigungszwang zur konzeptionellen Modernisierung auch in Wolfsburg und schildert die von ihm wahrgenommenen Problemfelder (S. 7ff). Matthias Hartung, als im Projekt tätiger wissenschaftlicher Mitarbeiter, schließt Anmerkungen zum methodischen Set (eine qualitative Erhebung unter Beteiligung von mehr als 300 Wolfsburger Schüler/inne/n) an (S. 22ff), während Kolhoff (unter Rekurs auf das Aktionsforschungsset Kurt Lewins) das als Organisationsentwicklungsprozess konzipierte Verfahren der Konzepterarbeitung (als dreiphasiges unfreezing, moving und re-freezing) darlegt (S. 48ff). Die Stärke der Veröffentlichung liegt unzweifelhaft in diesem Abschnitt, in dem - genau, überzeugend und materialgesättigt - das Aktionsforschungskonzept dargestellt und auf die Wolfsburger Thematik angewendet wird. Anschließend bilanziert Kolhoff den Veränderungsbedarf aus den je differenten Perspektiven von Nutzer/inne/n, in der offenen Jugendarbeit Wolfsburgs tätigen pädagogischen Mitarbeiter/inne/n, der Leitung der Abteilung Jugendarbeit und der Politik bzw. Verwaltung (S. 83ff).

Beigefügt sind fünf Aufsätze von Expert/inn/en, die im Rahmen eines in den Prozess implementierten Hearings ihre Einschätzungen vortragen konnten: Burkhard Hill (Fachhochschule München), der den Standort von Jugendarbeit zwischen dem Selbstverständnis der hier tätigen Fachkräfte und den Erwartungen der Nutzerinnen und Nutzer vermisst (S. 104ff), Siegfried Haller, der den Innovationsbedarf aus seinem Blick als Leiter des Leipziger Jugendamtes illustriert (S. 109ff), Norbert Axnick, der aus Krefelder Sicht das nordrhein-westfälische Instrument des sog. "Wirksamkeitsdialogs" in der Jugendarbeit" darstellt (S. 125ff), und Herbert Bassarak (Fachhochschule Nürnberg), der sich - eher grundsätzlich - zu einigen "Basics" der konzeptionellen Verankerung von Jugendarbeit (Sozialraumorientierung, Netzwerkarbeit und Partizipation) äußert (S 155ff). Besonders ins Auge stechen hierbei die Ausführungen von Barbara Klöver und Florian Strauss vom Münchner Institut für Praxisforschung und Praxisbegleitung (IPP), die über ein (zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossenes) Projekt der Erkundung der Nutzer/innen-Perspektive in Münchner Jugendhäusern berichten und die latente wie akute Diskrepanz herausarbeiten zwischen den Erwartungen der jungen Menschen und der Bereitschaft bzw. (angesichts der durch Jugendarbeit kaum "lösbaren" gesellschaftlichen Verwerfungsprozesse und damit fehlenden) Fähigkeiten von pädagogischen Mitarbeiter/inne/n, hierauf eingehen zu können (S. 141ff). Zu Wort kommt abschließend die zuständige Abteilungsleiterin Iris Bothe, die das Modellprojekt aus ihrer spezifischen Sicht als Verantwortlicher einschätzt (S. 180ff).

Zielgruppe

Glaubt man dem Verlag, dann wendet sich die Publikation an Praktiker/innen der Jugendhilfe, Lehrende, Forschende und Studierende an Universitäten und Fachhochschulen. Wem hilft also dieser Band? Zweifelsfrei können die in der Jugendhilfe und Jugendarbeit (bzw. Jugendförderung) tätigen Leitungskräfte wertvolle Anregung für die Entwicklung einer Konzeptions- und Organisationsentwicklungsprozesse gewinnen. Sowohl das referierte methodische Setting als auch der auf auch kurzfristige Ergebnisse angelegte Rahmen eignen sich, je nach vor Ort gegebener Lage zu prüfen, was sich wie übertragen und in welchem Umfang wo anwenden lässt. Sicherlich: Die Bedingungen in Wolfsburg - der Fluss von VW-Steuerzahlungen hat es in der Vergangenheit möglich gemacht - lassen sich vielfach mit den bereits durch Haushaltskonsolidierung bzw. "Kaputt-Sparen" geschaffenen Situationen oft nicht vergleichen. Doch der Veränderungsdruck, auf wechselnde Erwartungen junger Menschen und gewandelte Integrationsaufgaben adäquat zu reagieren, beschäftigt Jugendarbeit allgemein (wie die Beiträge von Klöver/Strauss bzw. Haller illustrieren). Das Projekt liefert hier ausreichend Material, diesen Anpassungsprozess ergebnisorientiert zu gestalten. Vor allem die von Kolhoff gewählte Darstellung des Lewin'schen 3-Phasen-Konzepts und die Dokumentation dessen Anwendung im Wolfsburger Projekt überzeugt; damit sind Übertragungen leicht möglich, auch dann, wenn - was zweifelsfrei ein Wolfsburger Spezifikum darstellt - die Ressourcen für die Einbindung einer (fach-) wissenschaftlichen Begleitung anderenorts nicht (mehr) vorhanden sind.

Auch die (Fach-) Politik findet in dem Band reichlich Anregungen einer niveauvolleren Auseinandersetzung mit den Instrumenten der Jugendarbeit als Primärprävention, die sonst - im Blick auf das Fiskalische - lediglich gedeckelt und abgebaut zu werden droht (z. B. auf die Integrationsperspektiven, wenn die Ansprüche von Nutzer/inne/n und pädagogischen Fachkräften in Deckung gebracht werden können). Mitarbeiter/innen aus der offenen Jugendarbeit werden wohl eher weniger angesprochen sein; zu stark dominiert die (ergebnisorientierte) Perspektive von Leitung und Veränderung durch Leitung. Deshalb dürfte sich der Band auch für Studierende der Sozialen Arbeit nur beschränkt eignen, sofern sie nicht ihren Schwerpunkt auf Beratung in Organisationsentwicklungsprozessen gewählt haben.

Wissenschaftler/innen (ob als Forschende oder Lehrende) schließlich erhalten mit der Veröffentlichung wichtige Anhaltspunkte für die Aktualität und Praktikabilität des (wie es mithin manchmal scheinen will) "überlebten" Konzepts der Aktionsforschung sowie Hinweise zu zeitlich eng bemessenen Entwicklungsprozessen, denen eine gewisse (von Kolhoff durchaus zur Schau getragene) Respektlosigkeit gegenüber Strukturen, Traditionen, Habitualisierungen, "liebsten Kindern" und Verfahren eigen sein muss, um zielführend sein zu können. Das - so Bothe - erzeugt "Reibung und das (ist) sicher eine gute Voraussetzung in Richtung einer Profilentwicklung" (S. 192).

Fazit

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass es sich bei dem vorliegenden Band "Entwicklung der offenen Jugendarbeit in Wolfsburg" um eine der Praxis hilfreiche und quer denkende Anregung handelt, Konzeptionsentwicklung in der offenen Jugendarbeit im Kontext von Legitimationsdebatten "etwas anders" anzugehen. Der Band ist materialreich und regt vor allem Leitungskräfte der Jugendhilfe/-arbeit zur Übertragung auf je unterschiedliche Rahmenbedingungen anderenorts an. Dass es sich bei Ludger Kolhoff nicht um einen ausgewiesenen Experten aus dem Bereich der (offenen) Kinder- und Jugendarbeit handelt, stellt sich nicht als Nachteil dar, sondern als eigentlicher Vorteil.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 15.11.2005 zu: Ludger Kolhoff (Hrsg.): Entwicklung der offenen Jugendarbeit in Wolfsburg. Im Spannungsfeld von Nutzern, Sozialarbeit, Kommunen und Organisationsentwicklung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-531-14586-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3079.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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