Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Dieter Kulke, Iris Kohlfürst et al. (Hrsg.): Ethische Fallreflexion für die Praxis sozialer Berufe

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 27.05.2024

Cover Dieter Kulke, Iris Kohlfürst et al. (Hrsg.): Ethische Fallreflexion für die Praxis sozialer Berufe ISBN 978-3-7841-3518-2

Dieter Kulke, Iris Kohlfürst, Michael Leupold, Frank Como-Zipfel (Hrsg.): Ethische Fallreflexion für die Praxis sozialer Berufe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. 198 Seiten. ISBN 978-3-7841-3518-2. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Die politischen und sozialen Entwicklungen haben die gesellschaftlichen und individuellen Wertesysteme in den letzten Jahren in diesem Land dermaßen marodiert, dass eine Vorstellung von Moral nicht mehr so homogen ist, als dass sie als Richtschnur einheitlichen Handelns und Entscheidens gelten und unhinterfragt durchgesetzt werden kann. Im professionellen Kontext führt das bei Fachkräften in sozialen Bereichen zu Irritationen und Unsicherheiten, zumal sich die Unklarheiten hier auch in den Lebenswelten des jeweiligen Gegenübers zeigen. Umso wichtiger ist es in der Aus- und Weiterbildung, ethische Fragestellungen aus diesem Zusammenhang mit in den Blick zu nehmen.

Die Autor:innen des vorliegenden Bandes bieten einen grundlegenden Fundus an theoretischen, empirischen und vor allem praxisbezogenen Erkenntnissen dazu. Ethik wird hier als „Reflexion von Moral“ verstanden „im Sinne der Reflexion der moralischen Dimension fallbezogener beruflicher Praxis“ (8). „Fallreflexion“ steht hier als Dachbegriff für die disziplinüblichen Bezeichnungen „Fallberatung“, „Fallbesprechung“ und „Fallarbeit“.

Autor:innen und Entstehungshintergrund

Dr.in Iris Kohlfürst ist FH-Professorin für Ethik und Methoden der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Oberösterreich, Campus Linz.

Dr. Dieter Kulke ist Professor für Soziologie an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt.

Dr. Michael Leupold ist Professor für Theorien und Methoden Sozialer Arbeit an der Hochschule Hamburg.

Dr. Frank Como-Zipfel ist Professor für Sozialpädagogische Methoden an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. 

Der Band entstand aus der Annahme heraus, dass Fachkräfte aus dem interdisziplinären Spektrum der Sozialen Arbeit in ihrer beruflichen Praxis immer häufiger vor moralisch herausfordernden und anspruchsvollen Aufgaben stehen.

Aufbau und Inhalt

In elf Beiträgen laden acht Autor:innen zu einer intensiveren Beschäftigung mit Ethik in den sozialen Berufen im Kontext der ethischen Fallreflexion ein. Die Aufsätze sind hierbei drei Teilen zugeordnet.

  1. Konzeptionelle Zugänge ethischer Fallreflexion
  2. Empirische Zugänge zur Ethik sozialprofessionellen Handelns
  3. Methoden der Bearbeitung ethischer Problemlagen

Como-Zipfel, Kohlfürst und Weiß beschreiben (un-)moralische Strukturen in der Praxis pädagogischer, pflegerischer und psychosozialer Berufe, wobei sie sich den fallbezogenen Handlungsspielräumen und Entscheidungsmöglichkeiten der Fachkräfte widmen. Die Autor:innen differenzieren hierbei die Faktoren der Mikro-, Meso- und Makroebene und zeigen, welche Einflüsse gesellschaftliche und politische Entwicklungen auf diese Ebenen haben können.

Leupold hat für die Kollektive Ethische Fallberatung (KEF) eine Typologie von ethischen Problemlagen erstellt. Diese erläutert er an Praxisbeispielen und verdeutlicht ihre Nutzung zur Strukturierung von Fallreflexionen.

Weber diskutiert prinzipiengeleitete im Gegensatz zu hermeneutisch-dialogischen Verfahren der ethischen Fallbesprechung. An jeweils typischen Beispielen skizziert er die konzeptionellen Grundlagen und reflektiert die Vor- und Nachteile für eine grundsätzliche Anwendbarkeit im Kontext des Buchthemas.

Kulke und Weiß konstatieren: „Zum Thema Ethik in der Sozialen Arbeit wird generell wenig empirisch geforscht, und auch der grundlegenden Frage, was eine ethische Fragestellung in der Praxis Sozialer Arbeit überhaupt ist, wird selten empirisch nachgegangen“ (64). Auf dieses Manko wollen sie wie auch die nächsten beiden Artikel reagieren. Aus einer größeren quantitativen Untersuchung werden hierbei von Fachkräften der Sozialen Arbeit formulierte ethische Fragestellungen vorgestellt.

Kohlfürst und Kulke widmen sich dem Dilemma zwischen theoretischer Formulierung und praktischer Umsetzung der Berufsethik. Zwar ist ein relativ hoher Anteil der in der Sozialen Arbeit Tätigen der Meinung, dass ein solcher Transfer gelingt, doch gibt es zahlreiche Einschränkungen und Hinderungsgründe. Die Autor:innen zeichnen diese nach, erörtern dabei auch Gelingensfaktoren.

Kulke und Kohlfürst gehen in einem zweiten Aufsatz der Frage nach, „welche Bedeutung Formate und Institutionen zur ethischen Orientierung und Beratung, wie beispielweise die ethische Fallreflexion, für die Praxis haben“ (105).

Leupold und Wallroth nehmen den Aspekt der „professionellen Weisheit“ im Kontext der Sozialen Profession in den Blick, der sich im Gegensatz zur „ärztlichen Weisheit“ im deutschsprachigen Publikationsraum noch nicht etabliert habe. Dies sei insofern bedauerlich, als dass damit „mögliche begriffliche Unterscheidbarkeitsgewinne bei der allseits umstrittenen Kontrastierung und Zuordnung von ‚Fachkompetenz‘ und ‚Haltung‘ verspielt“ würden (126).

Wallroth stellt ein Theorie-Praxis-Projekt zur kollegialen ethischen Fallberatung vor, das an der FH Münster auf den Weg gebracht wurde.

Weber zeichnet in vergleichbarerer Weise ein Projekt an der Hochschule Hannover nach, wobei er die theoretischen Ausführungen des Theologen und Sozialethikers Heinz-Eduard Tödt (1918-1991) als grundlegendes Schema wählt.

Deterra und Leupold erörtern das aktuelle Konzept der Kollegialen Ethischen Fallberatung (KEF), wie sie im Rahmen der seit 2020 agierenden AG „Ethik in der Sozialen Arbeit – Wissen erweitern, Urteilskraft stärken“ an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg (HAW) entwickelt wurde. Wichtige Aspekte sind hierbei: Theoretische Grundlagen, Ziele und Leistungsbeschreibung. Vorgestellt werden der Basisleitfaden und zwei Sonderleitfäden zu „Anwendungskonflikt“ und „Bedrohung der moralischen Integrität“.

Kohlfürst stellt das Vier-Faktoren-Modell zur Reflexion (un-)moralischer (Handlungs-)Situationen in der Praxis sozialer Berufe vor, wie es an der Fachhochschule Oberösterreich entwickelt und erprobt wurde. Im Blick stehen (1) das „Wissen um das aus professionsmoralischer Sicht Gebotene bzw. Verbotene“, (2) das „Können zur Umsetzung des Gebotenen bzw. Verbotenen“, (3) der „Willen zur Umsetzung des Gesollten bzw. Nicht- Gesollten“ und (4) der eventuelle „Zwang zur Umsetzung des Gesollten bzw. Nicht-Gesollten“ (179). Ein Leitfaden zur Analyse einer (un-)moralischen (Handlungs-) Situation und ein praktisches Beispiel runden diesen Aufsatz ab.

In einem Fazit skizzieren die Herausgebenden Perspektiven einer „Ethik in Institutionen des Sozial- und Gesundheitswesens“ (192ff).

Diskussion

Studierende, die nach der Praxisphase wieder ins Studium zurückkehren und auch Berufsanfänger:innen schildern oft ihre Praxisschock-Situationen. Dabei beschreiben sie eigene Mängel und innere Widersprüche zumeist als Zusammenwirken von Wissen, Können und Haltung (vgl. Börrnert 2023). Diese Aspekte sind bekannterweise die Trias professionellen Handelns; Haltung bezieht sich hierbei auf eine ethische Grundeinstellung. Das vorliegende Buch fokussiert die Haltungsebene und formuliert sehr gut sortiert konzeptionelle, empirische und methodische Aspekte. Hervorzuheben sind hier die Typologie ethischer Problemlagen für die Fallberatung (Leupold) und das Vier-Faktoren-Modell (un-)moralischer (Handlungs-)-Situationen (Kohlfürst). Mehrfach und gut sind in den Aufsätzen die jeweils besonderen Aspekte der Makro-, Meso- und Mikro-Ebene und auch ihr Zusammenspiel herausgearbeitet. Es gibt dazu klar gestaltete Abbildungen, die diese Ausführungen ergänzen; gewinnbringend sind ebenso die angebotenen Leitfäden.

Im Fazit formulieren die Herausgeber:innen zwei Kernbereiche, in denen weitergehende Diskussionen fortzuführen wären. Im ersten Fokus stehen Bildungsformate mit der Frage, welches Wissen und Können Fachkräfte brauchen, um professionsmoralisch gestärkt werden können. Der zweite Fokus richtet sich auf die Professionalisierung der ethischen Entscheidungsfindung zugunsten einer fachlich-kompetenten Praxis.

Lesende werden sich in das Buch hineinarbeiten müssen, da die einzelnen Beiträge zwar eine Fülle an sinnstiftendem Input liefern, aber jeweils für sich stehen. Dieser Aufwand aber ist gewinnbringend. Für die Lehre und Weiterbildung im Rahmen der Sozialen Arbeit (im weitesten Sinne) können die Texte sowohl allgemein im ethischen Kontext als auch im Besonderen, so für Beratungs-Module, genutzt werden.

Fazit

Das Buch ist unbedingt empfehlenswert für Fachkräfte im Kontext der Sozialen Arbeit im weitesten Sinne, weil hier die Relevanz der ethischen Kompetenz theoretisch, empirisch und methodisch sehr gut herausgearbeitet wird.

Literatur

Börrnert, R. (2023): Wie kann eine Ausbildung von Sozialen auf den „Praxisschock“ vorbereiten?; in: M. Görtler, G. Taube, N. Thielemann (Hrsg.): Soziale Arbeit und Professionalität. Reflexionen zwischen Theorie, Lehre und Praxis, Verlag Barbara Budrich (Opladen) 2023, S. 171-182.

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
Mailformular

Es gibt 43 Rezensionen von René Börrnert.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 27.05.2024 zu: Dieter Kulke, Iris Kohlfürst, Michael Leupold, Frank Como-Zipfel (Hrsg.): Ethische Fallreflexion für die Praxis sozialer Berufe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. ISBN 978-3-7841-3518-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30811.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht