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Erika Ziltener, Ruedi Spöndlin: Zwischen Sorge, Hoffnung und Vertrauen

Rezensiert von Prof. Dr. habil. Gisela Thiele, 22.11.2023

Cover Erika Ziltener, Ruedi Spöndlin: Zwischen Sorge, Hoffnung und Vertrauen ISBN 978-3-907351-17-8

Erika Ziltener, Ruedi Spöndlin: Zwischen Sorge, Hoffnung und Vertrauen. »Lernen aus Fehlern« für mehr Sicherheit im Gesundheitswesen. rüffer & rub Sachbuchverlag (Zürich) 2023. 320 Seiten. ISBN 978-3-907351-17-8. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 30,00 sFr.

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Thema und Autoren

Wer sich in ein Spital begibt, darf erwarten, dass die medizinische Behandlung sicher und in hoher Qualität erfolgt. Doch längst nicht immer ist die gewünschte Sicherheit gewährleistet. Gemäß internationalen Studien sind allein in Spitälern gegen 12 Prozent aller Patienten von einem unerwünschten Ereignis betroffen. Fehler passieren, das lässt sich nicht verhindern. Aber sie lassen sich deutlich minimieren, wenn aus ihnen gelernt wird. Das Buch zeigt Verbesserungspotenzial und -vorschläge auf. Es schildert dazu Geschichten von Patientinnen und Patienten aus der Herzchirurgie des UniversitätsSpitals Zürich (USZ).

Der Herausgeberin des Bandes ist Erika Ziltener, Historikerin und diplomierte Pflegefachfrau und war Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zehn Kapitel unterschiedlicher Länge unterteilt.

Im ersten Kapitel „Mythos Gesundheitswesen“ wird herausgearbeitet, dass Gesundheit uns alle angehe und schon morgen wir betroffen sein könnten. Ein leichteres und längeres Leben ermögliche uns das Gesundheitswesen, das zugleich große individuelle und kollektive Erwartungen an die Medizin, Pflege und Betreuung wecke. Vertrauen in Ärzte und Betreuende seien notwendig, denn wir müssen uns darauf verlassen, dass das kostbare Gut- unser Leben – stets nach bestem Wissen und Können „behandelt“ wird. Sicheres Arbeiten gelinge nur dann optimal, wenn es Teil des Berufsethos ist und entsprechend gelebt werde. Diese Publikation beleuchte die Sicherheit der Patienten, des Personals sowie die Qualität der Gesundheitsversorgung aus verschiedenen Perspektiven. Das Thema von Kapitel zwei steht unter der Überschrift „Wie steht es um die Patientensicherheit?“ Hier wird zunächst eine Fallvignette vorgestellt, eine herzkranke Frau, die durch verschiedene Ärztefehler und ein noch nicht zugelassenes Produkt an den Folgen der Operation stirbt. Die Ursachen für solche Fehlleistungen seien vielfältig: Fehlendes Know – how, Unsorgfalt, Eigeninteresse wirtschaftlicher Natur und das Streben nach Macht und Reputation. Meistens liege eine Kombination verschiedener Ursachen vor. Ein weiterer Fall wird vorgestellt, eine Bandscheibe „Wunderscheibe“ genannt, die als Implantat 2002 auf den Markt kam. Sie wurde an sechs Pavianen getestet. Die Ergebnisse waren nicht durchgängig gut, aber die Mitarbeiter der produzierenden Firma zeichneten in Fachartikeln ein sehr positives Bild und unterschlugen die Mängel. Rechtsanwälte wiesen auf die Notwendigkeit der Offenlegung von Interessenkonflikten bei der Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Industrie hin und betonten, dass das eine Voraussetzung sein müsse, um das Vertrauen der Patienten in die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten. Solche Fälle seien keine Einzelfälle, die Anzahl solcher Vorkommnisse bliebe aber im Dunkeln. Mit Medizinprodukten und Implantaten sei viel Geld zu verdienen und das Streben nach Reputation sei ein zusätzlicher Treiber, ein Implantat gegen alle Vorsicht auf den Markt zu bringen.

„Wie steht es um die Patientensicherheit?“ ist die Frage, die in Kapitel zwei gestellt wird. Eine 76- jährige Frau leidet an einer Herzklappeninsuffiziens und wird operiert. Hier kommt es zu ungeahnten Schwierigkeiten, sodass die Patientin schließlich stirbt. Die Beweggründe für Fehlleistungen sind vielfältig: Fehlendes Know-how, Unsorgfalt, Eigeninteresse wirtschaftlicher Natur oder das Streben nach Macht und Reputation. Das sind keine Einzelfälle, die Anzahl solcher Vorkommnisse bleibt im Dunkeln. Mit Medizinprodukten und Implantaten ist viel Geld zu verdienen und das Streben nach Reputation ist ein zusätzlicher Treiber, ein Implantat gegen alle Vorsicht auf den Markt zu bringen.

Kapitel drei setzt sich mit der Thematik auseinander „Was schief gehen kann, geht schief“. Um sich im Kampf um die Herztransplantation besser zu positionieren, lässt sich das UST etwas Besonderes einfallen. Sie operieren vor laufender Kamera eine Transplantation an einer 57- jährigen Patientin in der Nachrichtensendung „10 vor 10“ des Schweizers Fernsehens. Leider hatte die Patientin die Blutgruppe 0 und das zu transplantierende Herz die Blutgruppe A. Sie stößt das Herz ab und stirbt drei Tage nach der Operation. Der tragische Todesfall lancierte erneut eine Debatte um die Sicherheit der Patienten. Im Folgenden werden die Bemühungen des Züricher Universitätsklinikum um die Vormachtstellung in den Herztransplantationen geschildert, um die Fehler einzelner Ärzte und die Absetzung dieser zu rechtfertigen. Es wird festgestellt, dass die Kardiologen und Herzchirurgen nie zusammengearbeitet hätten, was sie im Interesse der Sicherheit hätten tun müssen. Ein Grund dafür soll im individuellen Eigeninteresse der betroffenen Personen liegen, die eine pseudointerdisziplinäre Zusammenarbeit lebten.

Kapitel vier widmet sich der Thematik „Der neue Umgang mit Fehlern und kritischen Ereignissen“. Es wird wieder eine Fallvignette vorangestellt: Ein Mann, 62- jährig soll an einer Herzklappe mit einer minimalinvasiven Methode operiert werden. Es kommt zu größeren Komplikationen. Fazit der Leidensgeschichte des Patienten ist falsche Devise, Massenblutung, Herzinfarkt, zahlreiche Operationen. Infektrisiko durch offensichtlich zweifelhafte Operationsqualität, Nachoperationen und schließlich ein nahezu provozierter Infekt, der außer Kontrolle gerät. Es folgen Ausführungen über verschiedene Qualitätsmanagementverfahren und wie Fehlern durch Behandlungsfehler vermieden werden könnten.

Kapitel fünf beginnt mit einer weiteren Fallvignette eines Mannes, der 61- jährig ist der an einer Herzklappe operiert werden soll. Erleidet ein Patient wegen eines Behandlungsfehlers einen gravierenden, bleibenden Gesundheitsschaden, hat er Anspruch auf Schadenersatz und Genugtuung, er muss diesen als ursächlich zusammenhängende Gesundheitsschädigung jedoch beweisen. Diesen Anspruch durchzusetzen ist für Laien sehr anspruchsvoll; der Weg ist lang und hürdenreich.

Kapitel sechs setzt sich mit der Thematik „Die Sicherheitskultur“ auseinander. Gefährdungs- und Risikoanalysen bilden die Grundlage für Maßnahmen zur Verhütung von Behandlungsfehlern sowie zur Identifikation von Gefährdung, der Eintrittswahrscheinlichkeit der Risiken und die Bewertung des Schadensausmaßes. Risikomanagement ist eine Methode, in systematischer Form Fehler und Risiken in der Patientenversorgung zu verhindern. Frauen tragen ein höheres Risiko, Opfer eines Behandlungsfehlers zu werden oder Nebenwirkungen zu erleiden. Frauen mit Herzschwäche kommen mit sehr viel geringeren Medikamentendosen als Männer aus. Bei der halben Dosis ist ihre Sterblichkeit am niedrigsten.

„Die Rolle des Bundes bei der Qualität und Patientensicherheit“ steht im Mittelpunkt des siebenten Kapitels. Problemfelder wie die Medikationssicherheit sind seit Jahren bekannt, trotz wissenschaftlicher Erkenntnisse ist die Sicherheit nicht gewährleistet, ebenso ist kein funktionierendes, nationales Fehlermeldesystem vorhanden. Die medizinischen Leistungen der Grundversorgung sollten wirksam sein, ineffiziente Behandlungen reduzieren, teure Fehl- und Überversorgungen vermieden und die Behandlungsqualität erhöht werden

Wichtige Ziele sind die Projekte zur Qualität zu koordinieren und Qualitätskonzepte zu lancieren, mit denen die Qualität gemessen werden können.

Der „Die Sicherheit der Prätendentinnen und Patienten geht alle ist“ ist Kapitel acht gewidmet. Angestrebt wird der individuelle Nutzen einer Behandlung. Das führt zu einer optimierten und qualitativ hochstehenden, integrierten Versorgung, die sich auch auf die Kosten positiv auswirkt. Partizipative Entscheidungsfindung ist eine Form der Arzt-Patienten-Interaktion, bei der beide Partner aktiv und verantwortlich an Entscheidungsprozessen beteiligt sind. Es würden immer mehr Behandlungen durchgeführt, die den Patienten mehr schaden als nützen. Die Frage ist: Wie schaffen wir einen datenbasierten Erkenntnisstand, der statistischen Erhebungskriterien standhalten wird?

Kapitel neun schließt sich an mit der Thematik „Zusammenarbeit über die Schweizer Grenzen hinweg“. Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) erstellt Standards, die festhalten, was gesund ist und was eine Gefahr für die Gesellschaft ist. Die Schweiz ist seit der Gründung der WHO-Mitglied. Obduktionen beantworten grundlegende Fragen zum Gesundheitszustand, zur Krankheitsentwicklung, zu den Therapien, zur Todesursache und zu ärztlichen Fehlern.

Das letzte und damit zehnte Kapitel ist dem „Schlusswort“ vorbehalten. Hauptsächliches Anliegen dieses Buches war es, zur gelebten Sicherheit der Patienten und des Personals beizutragen. Solange es keine verbindlichen Maßnahmen, Kontrollen und Sanktionen bei einer Vernachlässigung der Sicherheit eingeführt werden, wird sich daran nichts ändern.

Diskussion

Diese Publikation setzt sich mit einer Thematik auseinander, die in der wissenschaftlichen Literatur bisher wenig beachtet worden ist – mit der Patientensicherheit. Für die Sicherheit der Patienten ist die Dokumentation der Gesundheitsversorgung und die Kommunikation mit den Patienten, Angehörigen und zwischen allen beteiligten Fachpersonen in der ambulanten und stationären Gesundheitsversorgung von zentraler Bedeutung. Dieses Problem erörtert die Autorin vollumfänglich und führt sehr viele Zitatstellen, Organisationen, Gesundheitsberichte sowie wissenschaftliche Studien auf, um die Problematik zu erhellen. Allerdings ist der Lesefluss des Textes etwas getrübt, weil zu viele Einzelaussagen aneinander gereiht werden, so dass der Gesamtzusammenhang darunter erheblich leidet. Da wird von der einer Reklamation, über Studien, Aussagen von Experten und weiteren Details gesprochen, die insgesamt eher verwirren als aufklären.

Fazit

Es ist schwer bei so derartig vielen Fakten den Überblick zu behalten. Dennoch ist es der Verdienst der Autorin, auf ein bisher kaum beachtetes, wichtiges Thema aufmerksam gemacht zu haben, man hat aber den Eindruck, dass diesbezüglich bisher nicht allzu viel erreicht worden ist.

Rezension von
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Es gibt 196 Rezensionen von Gisela Thiele.

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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 22.11.2023 zu: Erika Ziltener, Ruedi Spöndlin: Zwischen Sorge, Hoffnung und Vertrauen. »Lernen aus Fehlern« für mehr Sicherheit im Gesundheitswesen. rüffer & rub Sachbuchverlag (Zürich) 2023. ISBN 978-3-907351-17-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30827.php, Datum des Zugriffs 26.02.2024.


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