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Jann Schweitzer: Sexuelle Bildung und soziale Ungleichheit

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Sielert, 28.09.2023

Cover Jann Schweitzer: Sexuelle Bildung und soziale Ungleichheit ISBN 978-3-8474-2639-4

Jann Schweitzer: Sexuelle Bildung und soziale Ungleichheit. Rekonstruktionen sexueller Sozialisationsprozesse junger Erwachsener. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. 211 Seiten. ISBN 978-3-8474-2639-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Studien zu Differenz, Bildung und Kultur - 14.

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Autor

Jan Schweitzer studierte Erziehungswissenschaft und war von 2021 – 2022 Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Erziehungswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seitdem arbeitet er als Referent der Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen Ricarda Lang (MdB) im Deutschen Bundestag.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand als Dissertation im Rahmen des Forschungsprojekts „Sexualpädagogik im Spannungsfeld von Geschlecht, Begehren und Milieu“ mit der Hauptfragestellung „Wie erleben Jugendliche schulische Erziehung“, das von 2016 – 2018 am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung der Universität Frankfurt unter der Leitung von Prof’in Dr. Alexandra Klein durchgeführt wurde. Der Buchtitel ist zugleich jener der Dissertation, die Promotion wurde 2022 an der Universität Mainz abgeschlossen.

Aufbau

Das Werk hat den klassischen Aufbau einer empirischen Qualifikationsarbeit: Desiderat und Erkenntnisinteresse, theoretische Bezugslinien, Explikation des Gegenstandsbereichs und Fragestellung(en), methodischer Zugang und Forschungspraxis, detaillierte Ergebnisdarstellung, Typenbildung und Interpretation, Ergebnisdiskussion mit Begrenzung, Fazit und Ausblick.

Inhalt

Als Erkenntnisinteresse steht die Frage im Zentrum, wie junge Erwachsene ihre Sexualität erleben, welche Rolle dabei sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität spielen und welche Ressourcen für eine selbstbestimmte Lebensführung wie auch zur Bewältigung von Herausforderungen von Bedeutung sind. Dabei lenkt der Autor die Aufmerksamkeit nicht nur auf die formelle schulische Sexualerziehung, sondern ebenso auf nonformale und informelle Bildungsprozesse, die letztlich zum Kompetenzerwerb, für Anerkennungs- und sexualkulturelle Ermöglichungsmodalitäten noch bedeutsamer sind.

Zu diesem Zweck wurden mit insgesamt 18 jungen Erwachsenen von 18–21 Jahren sechs Gruppendiskussionen geführt, je nach Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung homogen zusammengestellt. Die Auswertung erfolgte mithilfe der dokumentarischen Methode, erweitert durch eine intersektionale Heuristik und sozio-genetische Korrespondenzanalyse. Dadurch werden soziale Ungleichheiten zwischen Mädchen und Jungen, homo- und heterosexuellen sowie nonbinär bzw. trans* orientierten und Cis-Jugendlichen angesichts einer heteronormativen und patriarchal dominierten Sexualkultur innerhalb und außerhalb der Schule offensichtlich. Zudem erlebten alle analysierten „Fälle“, also die spezifischen Identitäten und Orientierungen, schulische Sexualerziehung auf spezifisch-ambivalente Weise: Körperlich-funktional, identitätsbezogen oder idealistisch-moralorientiert. Neben den sexistischen und homophoben Missachtungserfahrungen in diesen Bereichen werden aber auch gleichzeitig positive Gegenhorizonte deutlich, die sich für sexuelle Bildung als nützlich erweisen.

Diskussion

Bislang gibt es nur wenige empirische Studien dazu, wie sexuelle Sozialisationsprozesse von jungen Erwachsenen im Allgemeinen erlebt und im Rahmen ihrer Lebensführung wirksam werden. Aufgrund des gesellschaftlichen Handlungsdrucks sind in jüngster Zeit zwar eine ganze Reihe wichtiger Untersuchungen durchgeführt werden, die sexuelle Übergriffe und Gewalterfahrungen zum Inhalt haben. Dem Autor der hier besprochenen Studie ist hoch anzurechnen, dass er neben spezifischen Konflikterfahrungen auch die in seinen Gesprächen dominierenden sexuellen Wünsche, Fantasien und Erlebnisse fokussiert hat, in denen die Suche der jungen Menschen nach sexueller Handlungsfähigkeit, Anerkennung und Kompetenzerwerb aufscheint. Eine an den Interessen der Gesprächspartner*innen orientierte breite Sexuelle Bildung lässt sich dadurch weiter qualifizieren.

Mit dem geschickt eingeflochtenen Intersektionalitätskonzept werden leider nicht die Kategorien Ethnie, soziale Klasse und sexuelle Beeinträchtigung berücksichtigt, was offenbar mit der Schwierigkeit zu tun hatte, die erforderlichen Zielgruppen einzubinden. Damit weist Schweitzer zu Recht auf weitere Studien hin, die bei dem spannungsgeladenen Thema auch noch zu erwarten sind.

Wie bei Promotionen üblich, wird die eigene Studie auf dem Hintergrund der bisherigen Literatur in den vorhandenen Forschungskontext eingebettet, sodass die/der Lesende implizit eine gute Einführung in das übergreifende Thema erhält. Der Nachteil besteht für vorwiegend am Inhalt interessierte Rezipient*innen darin, sich durch die nicht immer leicht zu lesenden akademischen Präsentationsrituale durchkämpfen zu müssen. Das kann sicher durch die alleinige Zurkenntnisnahme der Ergebnisdiskussion vermieden werden. Anzuempfehlen sind allerdings auch die ausführlichen Rekonstruktionen der Gruppendiskussionen, mit denen ein sehr lebendiger Eindruck vom Erleben und Denken der jungen Erwachsenen vermittelt wird, der sicherlich auch durch die geschickte Diskussionsführung durch den Autor möglich geworden ist. Wäre da nicht ein Sprachduktus, der auch in wissenschaftlichen Texten nicht immer erforderlich ist. So beinhaltet die Aussage einer Diskussionspassage über „ficken und Liebe machen“ auf S. 111 („Bb validiert die Anschlussproposition durch eine Elaboration in Form einer Differenzierung…“) nichts anderes als dass Bb den Unterschied zwischen beidem bestätigt und zugleich hervorhebt, es „könne ja eine Mischung aus beidem“ sein.

Fazit

Das Buch ist ein aktueller und dringend erforderlicher Puzzelstein für eine empirisch gestützte Theorie der sexuellen Sozialisation, die der Sexualpädagogik als wissenschaftliche Disziplin noch immer fehlt. 

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Sielert
Uwe Sielert, arbeitete bis 2017 als Professor für Pädagogik mit den Schwerpunkten Sozial- und Sexualpädagogik an der Christian- Albrecht-Universität zu Kiel. Zurzeit als Dozent tätig an der Medical School Hamburg und Mitarbeit im Modellvorhaben der PKV und des WIR Bochum zur Implementation einer positiven Sexualkultur zur Förderung sexueller Gesundheit in Einrichtungen des Erziehungs-, Bildungs- und Gesundheitswesens.
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Es gibt 11 Rezensionen von Uwe Sielert.

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Zitiervorschlag
Uwe Sielert. Rezension vom 28.09.2023 zu: Jann Schweitzer: Sexuelle Bildung und soziale Ungleichheit. Rekonstruktionen sexueller Sozialisationsprozesse junger Erwachsener. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. ISBN 978-3-8474-2639-4. Reihe: Studien zu Differenz, Bildung und Kultur - 14. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30835.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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