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Dorothee Gutknecht: Wenn Kinder beißen

Rezensiert von Alexandra Großer, 05.04.2024

Cover Dorothee Gutknecht: Wenn Kinder beißen ISBN 978-3-451-39652-6

Dorothee Gutknecht: Wenn Kinder beißen. Achtsame und responsive Handlungsmöglichkeiten. Entwicklungs- und Bildungsort Kita. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2023. 112 Seiten. ISBN 978-3-451-39652-6. D: 18,00 EUR, A: 18,60 EUR, CH: 25,90 sFr.

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Thema

Beißvorfälle in Kindertageseinrichtungen stellen alle Beteiligte vor große Herausforderungen. Das Buch enthält fachlich fundiertes Hintergrundwissen zu den vielen Aspekten zum Thema Beißen. Praxisnah werden Handlungsmöglichkeiten zum Umgang mit Beißvorfällen dargestellt und gezeigt wie pädagogische Fachkräfte Kinder und Eltern achtsam und responsiv begleiten und unterstützen können.

AutorIn

Dorothee Gutknecht ist Dipl. Pädagogin, Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin, Logopädin, Mund- und Esstherapeutin. Seit 2010 ist sie Professorin für Pädagogik der Kindheit an der Evangelischen Hochschule Freiburg mit en Arbeitsschwerpunkten Säuglings- und Kleinkindpädagogik, Inklusion, frühkindlicher Spracherwerb, Achtsamkeit und Responsivitätsforschung. Sie ist Autorin, Herausgeberin verschiedener Fachbuchreihen und Fortbildnerin.

Aufbau

Das Buch setzt sich aus acht Kapiteln mit Unterkapiteln, einem Vorwort, einer Einleitung und einem Anhang zusammen. Im Anhang finden sich verschiedene Arbeitshilfen, wie zum Beispiel für Entwicklungsgespräche, Kollegiale Beratung, Analysefragen zu Beißvorfällen.

Inhalt

1. Wenn das Haut-Ich eines Kindes verletzt wird

„Die Haut ist weit mehr als eine simple Hülle. Gerade bei einer Bissverletzung zeigt sich die enge Zusammengehörigkeit von Identität, Selbstbewusstsein und Haut“ (S. 11). Dies sind die einleitenden Sätze des ersten Kapitels. Durch Beißen wird das „Haut-Ich“ (S. 11) eines Kindes verletzt. Die Verletzung ist noch lange sichtbar, wodurch alle Beteiligte immer wieder mit allen aufwühlenden Gefühlen an den Beißvorfall erinnert werden. Ein Grund, weshalb Bissverletzungen „vollkommen anders bewertet werden als zum Beispiel schubsen, an den Haaren ziehen oder schlagen“ (S. 12).

2. Ist „Beißen“ eine Verhaltensstörung?

Die Autorin klärt in diesem Kapitel, ab wann das Beißverhalten eines Kindes zur Entwicklung gehört und wann als „besonders Besorgnis erregend“ (S. 16). Beißen, hier ist sich die Fachwissenschaft einig, gehört „zu den Verhaltensweisen, die viele Kinder ab einem Jahr bis zum Alter von drei Jahren häufiger zeigen“ (S. 14), während es bei „Kindern über drei Jahren […] deutlich seltener“ (S. 14) vorkommt. Das Beißverhalten von Kindern zwischen einem und drei Jahren kann verschiedene Ursachen haben, wie zum Beispiel Kontaktaufnahme, Stressabbau, Exploration. Zeigen Vorschul- und Schulkinder Beißverhalten „kann der Verdacht auf eine aggressiv motivierte Störung des Sozialverhaltens bestehen“ (S. 17). Die Autorin weist darauf hin, dass „neben dem Beißen auch andere aggressive Formen des Verhaltens“ gezeigt werden. Dorothee Gutknecht betont in diesem Zusammenhang, dass Beißverhalten ab drei Jahren ein Entwicklungsrisiko darstellen kann und es eine genaue Analyse der Ursachen braucht, da sich aggressive Verhaltensweisen ab fünf Jahren als „sehr stabil zeigen“ (S. 16). Am Ende des Kapitels finden sich Fragen „zur Einschätzung des Beißverhaltens“ (S. 21).

3. Bei den Ursachen des Beißverhaltens ansetzen

In diesem Kapitel erläutert Dorothee Gutknecht die drei „Ursachenbereiche“ (S. 23), die zum Beißen führen.

4. Achtsame und responsive Strategien im Umgang mit Beißen

Die Autorin geht in diesem Kapitel auf verschiedene Ursachen ein, die bei Kindern zu einem Beißverhalten führen können.

  • Zahnen und die mundmotorische Exploration,
  • Reizüberflutung in der räumlichen Umgebung und damit verbunden
  • zu wenig „Rückzugs- und Ruhemöglichkeiten“ (S. 32),
  • Langeweile,
  • Müdigkeit,
  • Hunger,
  • „ungenügend gestaltete Übergangssituationen“ (S. 36),
  • Ablauf der Tagesstruktur,
  • Beengte Verhältnisse, zum Beispiel in der Garderobe,
  • das Bedürfnis nach „Nähe und Distanz“ (S. 40) und damit verbunden das Thema
  • Grenzen setzen und wahren,

sind nur einige Ursachen, die bei Kindern zu Beißverhalten führen können. Daher ist es wichtig Situationen in denen es zu Beißvorfällen kommt genau zu analysieren, um die Stressoren herauszufinden, die bei einem Kind zum Beißverhalten führen. Bei Reizüberflutung gilt es die räumliche Umgebung zu verändern, und zum Beispiel Farbkonzepte zu berücksichtigen. Bei „Bedrängungssituationen“ (S. 36) kann eine Möglichkeit sein, mehr Rückzugsmöglichkeiten für die Kinder zu schaffen. Neben der Überprüfung der Tagesstruktur, sollten vor allem den Mikrotransitionen „besondere Aufmerksamkeit“ (S. 37) geschenkt werden. In der Entwicklungsphase, in der Kinder den Umgang mit Nähe und Distanz lernen, kommt es öfter zu Beißverhalten, weil Kindern unter Umständen die Worte fehlen, um sich vor zu viel Nähe zu schützen oder ihre Wünsche zum Mitspielen zu äußern. Die Autorin beschreibt anhand von Beispielen, wie pädagogische Fachkräfte Kinder begleiten und unterstützen können, ihre Bedürfnisse nach Nähe und Distanz auszudrücken ohne zu Beißen. Gleichzeitig werden pädagogische Fachkräfte zu Modellen, indem sie Kindern Worte und Sätze geben, als auch „körpersprachliche Strategien“ (S. 44), um mit anderen ins Spiel zu kommen oder sich abzugrenzen. Ebenfalls können überbordende Emotionen „bei jungen Kindern“ (S. 47) zu Beißverhalten führen. Manche Kinder „erbeißen“ sich auch gemeinsame Beziehungszeit mit pädagogischen Fachkräften, wenn sie erfahren haben, dass sie „direkt nach einem Beißvorfall“ (S. 49), die Aufmerksamkeit bekommen, die sie vermissen.

5. Erstellung eines Handlungsplans

Um ein Handlungskonzept zu erstellen braucht es zunächst eine genaue Beobachtung und Analyse zum „Beißvorfall“ (S. 57). Gleich zu Beginn des Kapitels finden sich hierzu „Analysefragen“ (ebd.). Des Weiteren erläutert Dorothee Gutknecht neun Handlungsschritte, nachdem das Beißen aufgetreten ist. Anhand von Beispielen zeigt sie auf, wie pädagogische Fachkräfte adäquat auf akute Beißvorfälle reagieren können. Die Autorin plädiert dafür, sich für alle Fälle ein Repertoire an Sätzen und Strategien aufzubauen, um beide Kinder in dieser Situation responsiv und achtsam begleiten und unterstützen zu können. Im Anschluss geht die Autorin auf problematische, kinderrechtsverletzende Maßnahmen ein.

6. Medizinische Aspekte im Zusammenhang mit Beißen

Wenn Kinder gebissen wurden besteht oft die Sorge einer Infektion. Die Autorin greift die „wichtigsten Infektionsrisiken“ (S. 73) auf. Sie weist daraufhin, dass bei einer Bissverletzung, die blutet, oder einer Bisswunde im Gesicht, immer „ärztlicher Rat in Hinblick auf die Beurteilung und Versorgung der Wunde eingeholt“ (S. 74) werden sollte.

7. Responsiv beraten: Zusammenarbeit mit Eltern

In der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft im Zusammenhang mit Beißvorfällen müssen, pädagogischen Fachkräfte „drei unterschiedliche Elterngruppen in den Fokus nehmen“ (S. 76). Zum einen die „Eltern, des Kindes, das gebissen hat“ (ebd.), zum anderen „die Eltern, des Kindes, das gebissen wurde“ sowie die „Eltern, die weitere Beißvorfälle in der Gruppe befürchten oder die sich um einen Nachahmungseffekt sorgen“ (ebd.). Dorothee Gutknecht zeigt auf, das pädagogische Fachkräfte mit den Eltern responsiv und sensibel kommunizieren sollten sowie Handlungsstrategien zur Verfügung haben, um die Eltern zu diesem „hochsensible Thema“ (S. 79) zu informieren. Keinesfalls sollte das Thema „zwischen Tür und Angel verhandelt werden“ (ebd.). Zur „Entwicklungsberatung im Kontext Beißverhalten“ (S. 80) hat die Autorin einige Hinweise zusammengetragen. In Gesprächen mit den Eltern, geht es darum, die Ängste und Sorgen der Eltern ernst zu nehmen und sowohl die Eltern zu begleiten und zu unterstützen deren Kind gebissen wurde, als auch die Eltern, deren Kind gebissen hat. Gegenseitige Schuldzuweisungen, wie sie manchmal vorkommen, führen zu nichts. Wenn Kinder in der Kita Beißverhalten zeigen, muss das Team analysieren, woran es liegt. Dies bedeutet, die eigenen Rahmenbedingungen und Strukturen in den Fokus zu nehmen. Gleichzeitig müssen die Eltern beruhigt werden, „deren Kinder (noch) nicht betroffen sind“ (S. 85). Die Autorin plädiert hier für „einen klaren Informationsfluss im Sinne eines Krisenmanagements“ sowie für einen Maßnahmenkatalog, der das Vorgehen der pädagogischen Fachkräfte beschreibt.

8. Als Institution professionell mit Beißvorfällen umgehen: Fachkräfte – Leitung – Träger

Im letzten Kapitel nimmt Dorothee Gutknecht die Emotionen und Haltungen der pädagogischen Fachkräfte in den Fokus. Unterschiedliche Sichtweisen im Team „beeinflussen entscheidend die Art und Weise, wie in der Einrichtung mit dem Thema Beißen umgegangen wird“ (S. 93). Zudem bringt jede pädagogische Fachkraft ihr eigenes inneres Kind mit in die Einrichtung, ihre eigenen Emotionsskripte und Biografie. Die Autorin weist daraufhin, dass Supervision und Kollegiale Beratung Möglichkeiten zur Reflexion und zur Erarbeitung eines Handlungsplans bei einem Beißvorfall bieten.

Diskussion

Beim Lesen des Buchs fand sich ein Satz, den ich persönlich sehr kritisch sehe: „Manche Kinder sind zum Beispiel sehr gerne in dem zonierten Bereich, in den sie nach jedem Beißvorfall abgesetzt werden“. Bedauerlicherweise geht die Autorin nicht weiter auf den „zonierten Bereich“ ein. Eine Erklärung wäre hier gut gewesen. Denn im Zusammenhang mit dem Beißverhalten entsteht schnell der Eindruck, dass ein Kind, welches ein anderes gebissen hat, separiert wird. An anderer Stelle geht Dorothee Gutknecht auf die problematischen Methoden „Time-out“ (S. 67) und „stillen Stuhl“ (S. 68) ein und klärt, darüber auf, dass diese „Zwangsmaßnahme[n]“ (S. 67) als „problematisch einzustufen“ (S. 68) sind. Damit positioniert sie sich ganz klar gegen diese kinderrechtsverletzenden Maßnahmen.

In ihren Ausführungen macht sie deutlich, dass beide Kinder, das, dass gebissen wurde, als auch das, welches gebissen hat, Trost, Begleitung und Unterstützung der pädagogischen Fachkräfte brauchen. Da sich beide Kinder in „höchster Erregung“ (S. 68) befinden. Außer Frage steht, dass in einem ersten Schritt das Kind, welches ein anderes beißt, in seinem Verhalten gestoppt werden muss. Die Autorin macht deutlich, dass beide Kinder in ihrer Not Begleitung und Unterstützung brauchen. Das Kind, welches gebissen hat, hat einen guten Grund für sein Verhalten. Es drückt damit ein unerfülltes Bedürfnis aus und die pädagogischen Fachkräfte sind diejenigen, die den guten Grund des Kindes herausfinden müssen. Dorothee Gutknecht geht neben möglichen Bedürfnissen des Kindes, welches mit Beißverhalten reagiert, auch anschaulich auf die verschiedenen Temperamente von Kindern ein, als auch welche Rolle die Umwelt dabei spielt. Des Weiteren beschreibt die Autorin Alternativen, die pädagogische Fachkräfte Kindern anbieten können, um Konflikte zu lösen. Ebenso gilt es, das gebissene Kind zu trösten und zu schützen. Da die Rahmenbedingungen oft nicht so sind, dass eine Fachkraft sich um das eine Kind und die andere um das andere Kind kümmern kann, erläutert sie ebenfalls, wie beide Kinder gut von einer Fachkraft versorgt werden können.

Die Autorin veranschaulicht die Sorgen und Nöte der Eltern und legt dar, wie pädagogische Fachkräfte Eltern unterstützen können. In ihren Ausführungen betont sie immer wieder, wie wichtig eine klare Kommunikation ist. Gleichzeitig spricht sie sich für Supervision aus, die pädagogische Fachkräfte beziehungsweise das Team bei Beißvorfällen in der Kita in Anspruch nehmen sollten.

Dorothee Gutknecht findet klare Worte, wenn es um den Umgang mit Beißvorfällen geht. Sie zeigt auf, welche Maßnahmen unangemessen sind und wodurch grenzverletzendes Verhalten entstehen kann. Sie beschreibt, was pädagogische Fachkräfte tun können, welchen Verantwortungsbereich sie haben, wofür sie die Verantwortung tragen. Neben verschiedene Ursachen, die zu Beißvorfällen führen können, weist sie explizit darauf hin, dass es die pädagogischen Fachkräfte sind, die die Situation rund um den Beißvorfall analysieren müssen, immer mit dem Blick auf die Kinder und deren guten Gründe hinter dem Verhalten.

Fazit

Pädagogische Fachkräfte erhalten mit „Wenn Kinder beißen“ keine Patentrezepte, sondern fundiertes Hintergrundwissen und Handlungsmöglichkeiten für ihre pädagogische Praxis, die es ihnen ermöglichen Standards im Umgang mit Beißen zu entwickeln.

Rezension von
Alexandra Großer
Fortbildnerin, päd. Prozessbegleiterin, systemische Beraterin
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Es gibt 27 Rezensionen von Alexandra Großer.

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Zitiervorschlag
Alexandra Großer. Rezension vom 05.04.2024 zu: Dorothee Gutknecht: Wenn Kinder beißen. Achtsame und responsive Handlungsmöglichkeiten. Entwicklungs- und Bildungsort Kita. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2023. ISBN 978-3-451-39652-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30837.php, Datum des Zugriffs 21.05.2024.


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