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Waltraud Grillitsch, Florian Kerschbaumer et al. (Hrsg.): Kinderrechte – Bildung – Beteiligung

Rezensiert von Wolfgang Schneider, 25.07.2023

Cover Waltraud Grillitsch, Florian Kerschbaumer et al. (Hrsg.): Kinderrechte – Bildung – Beteiligung ISBN 978-3-7799-7523-6

Waltraud Grillitsch, Florian Kerschbaumer, Christian Oswald, Josefine Scherling (Hrsg.): Kinderrechte – Bildung – Beteiligung. Perspektiven aus Theorie und Praxis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 357 Seiten. ISBN 978-3-7799-7523-6. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR.

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Thema

In den Beiträgen in diesem Sammelband werden vielfältige regionale und internationale Perspektiven auf Kinderrechte dargestellt. Der besondere Fokus liegt dabei auf Bildung und Partizipation. Dabei werden sowohl theorie- und forschungsgeleitete Fragestellungen erörtert als auch Erfahrungen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis reflektiert.

Autor:innen

Waltraud Grillitsch ist Fachhochschulprofessorin für Sozialwirtschaft und Sozialmanagement an der Fachhochschule Kärnten. Sie leitet dort sowohl den Bachelor- als auch den Master-Studiengang Soziale Arbeit. Florian Kerschbaumer ist Hochschullehrer an der Pädagogischen Hochschule Kärnten mit den Schwerpunkten Politische Bildung, Partizipation, Soziale Arbeit und Geschichte sozialer Bewegungen. Christian Oswald ist Professor für Kindheitswissenschaften an der EH Darmstadt, zuvor hatte er neun Jahre eine Professur an der Fachhochschule Kärnten inne. Josefine Scherling ist Professorin für Politische Bildung an der Pädagogischen Hochschule Kärnten und Lektorin am Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung der Universität Klagenfurt.

Entstehungshintergrund

Die Entstehungsgeschichte des Bandes findet ihren Ursprung in der vorbereitenden Planung, Beantragung und Durchführung zweier Drittmittelprojekte, die unter Beteiligung von Wissenschaftler:innen der Kärntner Hochschullandschaft (Fachhochschule Kärnten, Pädagogische Hochschule Kärnten – Viktor Frankl Hochschule, Universität Klagenfurt) zwischen 2014 und 2020 in Kärnten durchgeführt wurden: JeKi - Jugendliche erforschen Kinderrechte und Jugendbeteiligung im Zeitalter der Beschleunigung. Ein großer Teil der Beiträge, auch wenn sie nicht mehr unmittelbar mit den Projekten in Verbindung zu bringen sind, entstand in Auseinandersetzung mit beiden Projekten.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Oberthemen, die jeweils auch zwei weitere Unterpunkte haben, unter denen die einzelnen Kapitel – zum Teil in englischer Sprache – subsumiert werden.

Der erste Oberabschnitt trägt den Titel Forschung und Theorie und untergliedert sich in Theoretische Impulse und Empirische Einsichten. Der Teil Theoretische Impulse widmet sich den Themenfeldern Kinderrechte und die Perspektiven des Subjekts, Demokratiefähigkeit von Gesellschaft als Basis zur Gestaltung von Zukunft, Das Kinderrecht auf Partizipation in der Agenda 2030, Über das Recht des Kindes auf seine Sprache und daraus abzuleitende Implikationen für gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung sowie Participation rights and inclusive education und Children’s participation – human dignity as recognition. Zum Unterkapitel Empirische Einsichten gehören folgende Texte: Stärkung der Stimme der Kinder und Jugendlichen zur Umsetzung der Beteiligungsrechte in der Kinder- und Jugendhilfe, Kinderrechte aus Kinder- und Jugendsicht, Peer und Service Learning Ansätze in Schule und Hochschule und Stärkung der Kinderrechte durch Kinderschutz-Konzepte in der Kita. Zur Bedeutung einer partizipativen Haltung der begleitenden Fachkräfte

Das zweite Oberthema des Sammelbandes lautet Praxis und Re­flexion. Dem Unterkapitel Reflexionen sind dabei folgende Kapitel zugeordnet: Ein kritischer Blick auf europäische Jugendbeteiligung, Kinderrechte im Blick: Ein Interview; Jugendbeteiligungsmodelle für die Kommune – eine Zusammenschau praktischer Beispiele, Partizipation von jungen Menschen in öffentlichen Diskurs und kommunaler Politik als Beispiel für einen gelebten Kinderrechtsansatz, Partizipation – eine Aufgabe der Bildung?, Human rights education, children’s rights and participation: theoretical insights and an excursus on Italy. Das zweite Unterkapitel trägt den Titel Praxis Idee (sic!) und untergliedert sich in die Kapitel Lebenslagen und Perspektiven von Kärntner Jugendlichen im Nationalsozialismus – eine Lernchance für die Bildungsarbeit, Die Nutzung des öffentlichen Raums als außerschulischen Lernort zur Erforschung von Kinderrechten – Ein Projektbericht, Partizipativ gestaltete Bildung für begleitete Kinder und Jugendliche auf der Flucht sowie Das Recht auf Bildung für Kinder und Jugendliche in riskanten Lebenslage

Inhalt

An dieser Stelle sei das Kapitel von Hartwig Weber „Straßenkinder – Das Recht auf Bildung für Kinder und Jugendliche in riskanten Lebenslagen“ geworfen, weil es exemplarisch wunderbar verdeutlicht, warum es in diesem Sammelband geht – nämlich um Kinderrecht, und das mit einem besonderen Fokus unter anderem auf Bildung. Es versteht sich anhand des Titels förmlich von selbst, dass dieses Kapitel dem Abschnitt Praxis Idee entnommen ist.

Millionen von Kindern und Jugendlichen auf der ganzen Welt müssen sich auf den Straßen als Bettler, Diebe, Prostituierte und Drogendealer durchschlagen. Ihnen fehlen nicht nur Nahrung, Unterkunft und Fürsorge, sondern auch Bildung, auf die sie ein grundlegendes Recht haben und die eine Bedingung für eine menschenwürdige Zukunft ist. Ein neues E-Learning-Programm vermittelt künftigen Straßenpädagoginnen und -pädagogen die wichtigsten Grundlagen und Methoden einer „Pädagogik für Kinder und Jugendliche in gesellschaftlichen Risikosituationen/Straßenpädagogik“. Patio13 – Schule für Straßenkinder nennt sich das Ganze und ist in einer deutsch- und spanischsprachigen Variante aufgelegt. Dieses zweijährige Fernstudium, das auf den seit Jahrzehnten im Straßenmilieu gewonnenen Erfahrungen fußt, qualifiziert Interessierte dafür, mit „gesellschaftlich randständigen jungen Menschen“ (S. 350) Bildungsarbeit zu leisten, mithin also ihr Recht auf Bildung zu verwirklichen. Anbieter dieses ganz speziellen Curriculums ist die Universität Heidelberg. Sechs miteinander vernetzte Module behandeln zum Beispiel Lebensschicksale von Straßenkindern oder auch Kindersoldaten, Was steckt nun hinter diesem Ansatz der Straßenpädagogik? Oberstes Ziel ist es, Kinder und Jugendliche durch Bildung dazu zu befähigen, über sich und ihre individuelle Lebenssituation sowie ihre Stellung in der Gesellschaft nachzudenken. Denn auch vom gesellschaftlichen Leben über weite Strecken ausgeschlossene junge Menschen sind trotz ihrer Problematik fähig, „sich als Individuen mit je eigenem Recht zu verstehen“ (S. 350).

Aber auch ein Text aus dem theoretischen Teil des Sammelbandes soll in dieser Rezension vorgestellt werden. Der Rezensent hat dafür den Beitrag „Fremduntergebracht und fremdbestimmt? Stärkung der Stimme der Kinder und Jugendlichen zur Umsetzung der Beteiligungsrechte in der Kinder- und Jugendhilfe“ von Maria Groinig und Stephan Sting ausgewählt. Diese Beteiligung ist in den UN-Kinderrechten verbrieft. Und auch das deutsche Kinder- und Jugendhilferecht hat durch die Novellierung des SGB VIII im Sommer 2021 einen erheblichen Schub in Sachen Beteiligung bekommen. Auch wenn sich die Daten hier zu einem Teil auf Österreich beziehen, muss konstatiert werden. „Während der fachliche Partizipationsanspruch in der Kinder- und Jugendhilfe unbestritten ist, verweisen empirische Studien nach wie vor auf Realisierungsdefizite“ (S. 141). Umso wichtiger sei es, so die Verfasser:in, aus Sicht der Adressat:innen empirisch zu forschen, um das aufzudecken und Abhilfe zu schaffen. Inhaltliche Grundlage dieses Kapitels sind narrative Interviews mit Careleaver:innenn, in denen diese von ihren Erfahrungen mit Partizipation berichten. Und auch wenn aufgrund der komprimierten Form in einem Sammelband nur wenige Aussagen aus den Gesprächen zitiert werden können, haben es diese in sich. Denn Beteiligung sieht anders aus, das soll an dieser Stelle verraten sein. Und so fällt die Schlussfolgerung aus diesem Forschungsprojekt verheerend aus. Die jungen Menschen stellen sehr deutlich heraus, dass sie „in der Retrospektive eher wenige Partizipationsmöglichkeiten wahrnehmen. Sie sehen sich disziplinierenden Reglementierungen wie im „Militär“ [sic!] ausgesetzt[,] oder sie müssen aus ihrer Sicht selbstverständliche Alltagsdinge wie das Verfügen über ein Mobiltelefon erkämpfen“ (S. 149).

Diskussion

Auch wenn die Herausgeber:innen zum großen Teil aus Österreich kommen und dementsprechend auch ein großer Fokus auf dortige Themen liegt, lassen sich die beschriebenen Erkenntnisse durchaus dafür nutzen, auch außerhalb des Alpenlandes daraus Nutzen zu ziehen. Ob das immer für die eigene Praxis sein dürfte, sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall werden durch die Lektüre dieses Sammelbandes auf jeden Fall die fachlichen Fähigkeiten der Leser:innen erheblich erweitert.

Gerade das Thema Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe ist sehr prägnant, zeigt sie doch Erfahrungen von jungen Menschen, die alles andere als Beteiligung erlebt haben. Daraus müssen die Fachkräfte lernen. Und, das sei an dieser Stelle ganz deutlich angemerkt: Partizipation bedeutet nicht, jedem Wunsch der Klient:innen nachzugeben, sondern sie mitzunehmen, im Zweifel mit ihnen gemeinsam entwickeln, warum ein Wunsch nicht umgesetzt werden kann. Das ist viel Arbeit, für die im Alltag oft die Zeit fehlen mag. Aber das kann kein Argument sein, denn es geht hier um gesetzlich verbriefte Rechte.

Ohne die hinter der Veröffentlichung eines solchen Sammelbandes steckende Arbeit zu schmälern: Es stellt sich aber schon die Frage, wieso man für ein Buch mit unter 350 Textseiten als Druckversion 58 Euro zahlen soll. Wer so viel Geld in die Hand nimmt, der dürfte aber auf jeden Fall hohes fachliches Interesse an diesem auf hohem Niveau stehenden Sammelband und seines Grundthemas haben.

Fazit

Dieser Sammelband ist sicherlich nichts für die breite Masse der Fachkräfte, sondern für solche, die sich ganz gezielt auf einer fachlich hohen Ebene mit Kinderrechten auseinandersetzen wollen. Dafür wird in teils komplexen Texten viel Input gegeben.

Rezension von
Wolfgang Schneider
Sozialarbeiter
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Es gibt 207 Rezensionen von Wolfgang Schneider.

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ISSN 2190-9245