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Joel Bakan: Das Ende der Konzerne

Cover Joel Bakan: Das Ende der Konzerne. Die selbstzerstörerische Kraft der Unternehmen. Europa Verlag GmbH & Co. KG (München, Wien) 2005. Erstausg. Auflage. 230 Seiten. ISBN 978-3-203-75543-4. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 23,50 sFr.

Originaltitel: The corporation.
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Der Autor

Joel Bakan ist seit 1990 Professor  an der juristischen  Fakultät der University of British Columbia in Kanada. Bakan beschreibt in seinem Buch die Entstehung und Entwicklung der Konzerne als Unternehmensform und Rechtsfigur - "Missgeburten der industriellen Welt", wie er sie nennt, die einen kaum noch zu kontrollierenden Einfluss auf die Entwicklung der Welt ausüben. Integriert in seine sehr kritische Arbeit sind Interviews mit prominenten Protagonisten aus Wirtschaft und Wissenschaft wie dem Nobelpreisträger Milton Friedman und Noam Chomsky. Am Ende des Buchs entwickelt er eigene Vorschläge, wie der Macht der Konzerne beizukommen ist. "Das Ende der Konzerne" wurde zur Vorlage für den Dokumentarfilm "The Corporation", der nicht nur in den USA für viel Aufsehen sorgte.

Aufbau und Inhalt

    Aufstieg an die Macht
  1. Business as usal
  2. Die Externalisierungsmaschine
  3. Die Grenzen der Demokratie
  4. Unternehmen ohne Grenzen
  5. Bilanz

Kapitalgesellschaften tauchten erstmals Ende des sechzehnten Jahrhunderts auf. Ihr Spezifikum ist die Trennung von Firmeneigentum und Firmenleitung (Management). Der problematische Kern dieser Konstruktion liegt nach Bakan in der "beschränkten Haftung" der Gesellschaft, die die persönliche Haftung des natürlichen Firmeninhabers ersetzte. Schon Adam Smith warnte in "Der Wohlstand der Nationen", man dürfe Führungskräften (Managern) nicht "das Geld anderer Leute" anvertrauen, weil "Nachlässigkeit und Verschwendung" unabwendbar seien, wenn Unternehmen sich zu Kapitalgesellschaften zusammenschließen würden."  Von Anfang an befürchteten viele Kritiker, dass die beschränkte Haftung "das erste und natürlichste Prinzip der Wirtschaftsgesetzgebung" aufweichen könnte, nach dem jeder Mensch verpflichtet war, die Schulden zu zahlen, die er gemacht hatte, solange er dazu in der Lage war. Entscheidender jedoch ist nach Bakan, dass mit der Einführung von Konzernen Firmen in "juristische Personen" verwandelt wurden und  den Platz der menschlichen Besitzer einnahmen. Diese juristischen Personen, so die Intention des Gesetzgebers, sollten wie natürliche Personen handeln und wandeln können. Und das taten sie dann auch. Sie entwickelten sich nach Bakan zu "institutionelle Psychopathen".  Konzerne verfügen nach Bakan über institutionelle Charakterschwächen, die destruktiv für die Gesellschaft und Moral sind. Legt man an sie die gleichen Maßstäbe an wie an natürliche Personen, so treffen auf sie alle Kriterien einer psychopathischen Persönlichkeit zu, die der Gesellschaft großen Schaden zufügt, allerdings ohne dass sie gefasst und eingeschränkt werden können. "Die Profitabilität eines Unternehmens wächst in der Regel mit seiner Fähigkeit, andere die Rechnung für die Auswirkungen auf die Gesellschaft zahlen zu lassen," so Robert Monks, einer der wichtigsten und einflussreichsten Unternehmer der  USA. Wirtschaftswissenschaftler sprechen hier von "Externalitäten." Die Kapitalgesellschaft, so Monks, "ist eine Externalisierungsmaschine, genauso, wie der Hai eine Fressmaschine ist". Bakan beschreibt diese Externalisierungspraxis (Umwelt, Arbeit etc.) an vielen auch öffentlich bekanntgewordenen und skandalisierten Beispielen.

Soziale Verantwortung ist wider den Zweck eines Konzerns. Deswegen sei es auch naiv, Soziale Verantwortlichkeit einzufordern. Milton Friedmann formuliert unmißverständlich: "Ein Unternehmen ist Eigentum der Aktionäre". Für ihn gibt es nur eine "soziale Verantwortlichkeit" für das Management: so viel Geld wie möglich für die Anteilseigner zu verdienen. Führungskräfte, die gesellschafts- und umweltpolitischen Zielen den Vorrang vor dem Profit geben - die sich um moralisches Handeln bemühen -, verhalten sich in Wirklichkeit unmoralisch." Soziale Verantwortlichkeit als Fassade ist o.K.  Soziale Verantwortung, die über ein Lippenbekenntnis hinausgeht, ist verboten. Konzerne werden nicht erst heute als "seelenlose Ungeheuer" gebrandmarkt - uninteressiert am Schicksal der Menschen, unpersönlich und unmoralisch. Vielen gelten sie als "Frankenstein-Monster", zu jeder Schandtat fähig, uninteressiert am Schicksal der Menschen. Man findet eine gefährliche Mischung aus Habgier, Missmanagement, Macht und Verantwortungslosigkeit.

Was machen wir mit ihnen? Wie ist die Macht der Konzerne zu begrenzen und wie ist der "Psychopath Konzern" zu einem friedlicheren Mitglied des menschlichen Miteinanders domestiziert werden? Bakan ist äußerst skeptisch gegenüber der Idee der Social Responsibility von Unternehmen, skeptisch gegenüber der Vorstellung, kritische Aktionäre oder kritische Verbraucher könnten gewissermaßen als Stellvertreter für das Gemeinwohl die Konzerne bändigen und in ihre Schranken verweisen. Die seiner Auffassung nach naive Hoffnung  liegt in beiden Fällen in der Vorstellung, Konzerne durch Märkte und nicht durch den Staat kontrollieren zu können. Selbst wenn eine beträchtliche Anzahl von Verbrauchern und Aktionären bereit wäre, bei ihren Entscheidungen gesellschafts- und umweltrelevante Belange zu berücksichtigen, bleibt ein großes Problem: Wie gelangen sie in den Besitz aller dazu nötigen Informationen? Man ignoriert bei dieser Perspektive nach Bakan einen entscheidenden Faktor, nämlich dass die Existenz der Konzerne (ihre "Konzession") ausschließlich vom Staat abhängt und sie sich daher, zumindest theoretisch, immer unter staatlicher Kontrolle befinden. Ein Corporate Governance-Kodex zur Zähmung der Konzerne reicht hier für ihn aber nicht. Nach Bakan brauchen wie eine umfassende Kombination aus moralischen und Marktnormen sowie formalen staatlichen Sanktionen.

Fazit

Das Buch ist eine zuspitzend formulierende, informative Auseinandersetzung speziell mit der Konzernentwicklung in den USA, die sich in der Analyse in weiten Teilen übertragen lässt auf deutsche Verhältnisse. Es bietet für all diejenigen, die jenseits der oft naiven Kritik an falschen Managemententscheidungen einen Fundus ein Fakten und Dokumenten über die staatlich geförderte Macht der Konzerne - deren Geister man nur noch schwer wieder loswird.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Langnickel
Hochschule Lausitz
Standort Cottbus
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Zitiervorschlag
Hans Langnickel. Rezension vom 22.11.2005 zu: Joel Bakan: Das Ende der Konzerne. Die selbstzerstörerische Kraft der Unternehmen. Europa Verlag GmbH & Co. KG (München, Wien) 2005. Erstausg. Auflage. ISBN 978-3-203-75543-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3085.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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