Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Michael Savage, Monika Krause: Die Rückkehr der Ungleichheit

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens, 29.01.2024

Cover Michael Savage, Monika Krause: Die Rückkehr der Ungleichheit ISBN 978-3-86854-377-3

Michael Savage, Monika Krause: Die Rückkehr der Ungleichheit. Sozialer Wandel und die Lasten der Vergangenheit. Hamburger Edition (Hamburg) 2023. 500 Seiten. ISBN 978-3-86854-377-3. D: 45,00 EUR, A: 46,20 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Mike Savages vorliegendes Buch ist die Abhandlung eines Soziologen zur Thematik Ungleichheit und Sozialer Wandel. Sozialer Wandel ist eines der Ur-Themen sozialwissenschaftlicher Theorie und Empirie, und das Thema Ungleichheit hat in den Sozialwissenschaften seit geraumer Zeit Konjunktur. Das Besondere des hier vorliegenden Beitrags zum wissenschaftlichen Diskurs lässt sich treffend beschreiben mit den Worten seiner Londoner Kollegin Monika Krause: Der Autor verbindet „die Analyse von Ungleichheiten im Wandel nicht nur mit der Wahrnehmung von Ungleichheit, sondern auch mit der akademischen Wissensproduktion über Ungleichheit“ (S. 460).

Entstehungsgeschichte

Das Buch ist die von Stephan Gebauer gekonnt besorgteÜbersetzung des 2021 bei Harvard University Press erschienenen Originals The Return of Inequality. Social Change and the Weight of the Past. Erschienen ist das Buch im Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS). Dort wurde vor einem Jahrzehnt François Bourguignons Die Globalisierung der Ungleichheit publiziert. Der Verlag bietet originellen Autor(inn)en immer wieder einen Platz für die öffentliche Rede; man denke nur an Raymond Geuss’ Über die Arbeit von 2023 oder Nick Srniceks Plattform-Kapitalismus von 2018.

Autor

Der Brite Mike Savage, Jg. 1959, ist Professor für Soziologie und hat seit 2014 die Martin White Professur für Soziologie an der London School of Economics and Political Science inne. Zuvor lehrte er an der University of Manchester und der University of York. 2007 wurde derAutor zum Fellow der British Academy, der britischen Nationalakademie für Geistes- und Sozialwissenschaften, gewählt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Analyse und Untersuchung der Interdependenz von sozialer Schichtung, Ungleichheit und Klasse. Sein zentrales Interesse gilt dem sozialen Wandel. Er ist Gründungsdirektor des Centre for Research on Socio-Cultural Change, einer gemeinsamen Forschungsinitiative der University of Manchester und der Open University, der größten staatlichen Universität in Großbritannien und Europa.

Mike Savage war Mitglied der Sociology Research Evaluation Exercises, in der Redaktion von The Sociological Review und auch als deren Herausgeber tätig. Im Juni 2023 erhielt er den vom HIS gestifteten und damals zum fünften Mal vergebenen Siegfried-Landshut-Preis; die Laudatio, die dieser Buchausgabe eingefügt ist, hielt Monika Krause, Soziologieprofessorin an der London School of Economics and Political Science.

Aufbau und Inhalt

Das Buch wird eröffnet mit einem Vorwort, in dem der Autor knapp erklärt, weshalb er das Buch gerade jetzt publiziert und was dessen wesentliches Ziel ist: „[Ich] frage […], was uns die Ungleichheit über die Welt verrät, in der wir leben, und ich zeige, dass wir uns an einem historischen Scheideweg befinden.“ (S. 11).

Dann folgt die Einleitung, mit dem Untertitel „Worin besteht die Herausforderung der Ungleichheit?“. Als zentrale Antwort auf diese Frage kann man ansehen: „Meine ambitionierte These lautet, dass wir Zeugen der Entstehung eines Ungleichheitsparadigmas sind, das die langfristigen Annahmen über Richtung und Beschaffenheit des gesellschaftlichen Wandels erschüttert.“ (S. 14)

Der Buchkern umfasst drei Teile mit insgesamt elf fortlaufend nummerierten Kapiteln.

Den ersten Teil UNGLEICHHEIT IN ZEIT UND RAUM eröffnet das Kapitel Das Teleskop wird umgedreht, in dem sich Mike Savage mit der Aussagekraft unterschiedlicher Darstellungen von Einkommensverteilung (relative Armut, Extremgruppenvergleich, Gini-Koeffizient etc.), aber auch deren Grenzen auseinandersetzt. Das Kapitel endet mit der Frage: „Wie können wir eine Definition von Ungleichheit entwickeln, die berücksichtigt, wie die Menschen selbst die Beziehungen einschätzen, in denen sie leben.“ (S. 69)

Im nachfolgenden Kapitel Die Gesellschaft als Spielfeld wird mit Pierre Bourdieus Ansatz, wie er ihn in Die feinen Unterschiede (1982; Original 1979) präsentiert hat, ein erster Antwortversuch dargestellt, diskutiert und als ungenügend bewertet. Es bleibt eine Aufgabe, „sowohl Zeit als auch Raum in die Analyse de Ungleichheit zu integrieren“ (S. 93).

In Ein erneuerter Marx mit dem Untertitel Kapitalakkumulation und das Gewicht der Geschichte geht Mike Savage diese selbst gestellte Aufgabe an. Die Überlegungen nehmen ihren Ausgang bei der „Rückbesinnung auf die wesentliche marxistische Erkenntnis, dass das Kapital eine Akkumulationskraft ist“ (S. 95): „Kapital ist Geld, das eingesetzt wird, um mehr Geld zu erzeugen.“ (S. 95) Damit verschiebt sich bei Betrachtung der Ungleichheit der Fokus von Einkommen auf Vermögen. Mit Blick darauf zeigt sich Dreierlei: Es ist in Staaten des globalen Westens seit rund vier Jahrzehnten noch ungleicher verteilt als das Einkommen, seine volkswirtschaftliche Bedeutung nimmt stetig zu und es wird intergenerational tradiert (z.T. direkt durch Erbschaft)

Aus dem Fazit: „Trotz der Einführung immer neuer Technologien, Roboter und Geräte geraten wir in tiefere Abhängigkeit von der Vergangenheit. Die heutige Gesellschaft ist gefangen unter dem Schutt früherer Akkumulationsphasen, die grundlegend für unsere Jetztzeit sind. Im frühen 21. Jahrhundert hält die Geschichte die Gegenwart fester im Würgegriff als in den virausgegangenen Jahrhunderten.“ (S. 123)

Mit dem letzten Kapitel des ersten Buchteils ist der Zusammenhang zwischen der Ungleichheit und dem Gewicht der Vergangenheit erklärt. In den folgenden Kapiteln, die in Teil 2 UNGLEICHHEIT, IMPERIUM UND NIEDERGANG DER NATIONEN zu finden sind, will der Autor, ausgehend von dieser Grunderkenntnis zeigen, dass die Ungleichheit mit einer Rückkehr historischer Formen und einer aktiven Besinnung auf das Alte einhergeht. Besondere Aufmerksamkeit gilt der erneut wachsenden Bedeutung von Imperien, ethnischen Klüften, Eliten und Urbanismus. Zugleich ist zu zeigen, dass das von der Moderne hervorgebrachte irreführend „präsentische“ Selbstverständnis in historischer Perspektive betrachtet werden muss, um gewissen Missverständnissen über die Bedeutung der Ungleichheit zu wehren.

In Länderrankings zeigt er, dass scheinbar objektive Rankings nationale Räume destabilisieren. So ist etwa, um ein Beispiel zu nennen, das der Autor nicht wählt, aber für deutsche Leser(innen) eindrucksvoll ist, jede PISA-Studie (Heekerens, 2020) aufs Neue einen Angriff auf das konventionelle Selbstbild als Land der Dichter und Denker darstellt – aber auch einen auf die progressive Selbstwahrnehmung als ein Land, das durch Bildungspolitik soziale Benachteiligung kompensiere.

Das materialreiche und mehr als 40 Seiten lange Kapitel Die Rückkehr der lmperien analysiert Ungleichheit im globalen Maßstab. Als zentrales Doppelergebnis ist festzuhalten: Es gibt gegenwärtig drei große imperiale Blöcke: China, Russland und die USA, und dort finden sich zunehmend mehr die Superreichen der Welt.

Mitglieder und Außenseiter befasst sich in langfristiger Perspektive mit race, Gender und Klasse. Ungleichheit meint ja einen Unterschied, dessen wir – oft schmerzlich – bewusst werden. Nicht wir als isolierte Individuen, sondern als Mitglieder einer Gruppe (Kategorie), die sich soziologisch durch bestimmte Merkmale – race, Gender und Klasse etwa – charakterisieren lässt. Es wird gezeigt, wie sich die Definitionen dieser kategorialen Ungleichheiten über die Zeit geändert haben – und dies im Einklang mit dem früher beschriebenen Wandel der Parameter wirtschaftlicher Ungleichheit.

Beim Lesen der nächsten Kapitelüberschrift Viszerale Ungleichheit im 20. Jahrhundert werden die einen die Stirne runzeln oder den Kopf schütteln. Die ersten, weil sie nicht wissen, was viszeral bedeutet, die anderen, weil sie das sehr wohl wissen: viszeral = die Eingeweide betreffend; Visceralchirurgen nennt man jene Ärzte, die beispielsweise Leistenbrüche operieren. Nach Lektüre des Kapitels kann man das dort immer wieder vorkommende Wort viszeral mit körperlich übersetzen. Treffender aber wäre von leiblich zu sprechen; damit der von Helmuth Plessner getroffenen Unterscheidung folgend, wonach der Mensch einen Körper hat, aber ein Leib ist.

Man kann die in diesem Kapitel entwickelten Gedankengänge in knapper Form nicht anders darstellen als in den Worten des Autors selbst: „Die viszerale Ungleichheit ist […] Teil einer Zangenbewegung, Auf der einen Seite sehen wir eine Abnahme der relativen Ungleichheit, was es verschiedenen Gruppen erlaubt, sich miteinander zu vergleichen und zu erkennen, dass sie nicht intrinsisch anders sind als andere. Auf der anderen Seite wird die Ungleichheit in den physischen Vertretern der Eliten konkretisiert, die in ihrer großen Mehrheit weiße Männer sind. Die viszeral empfundene Ungleichheit entspringt also der Erkenntnis, dass die Karten ungleich verteilt sind, weshalb man unmöglich an die Spitze gelangen kann, sosehr man sich auch bemüht.“ (S. 266)

In Städte, Eliten und Akkumulation wird zunächst erklärt, dass und weshalb große Städte nicht nur Produkte, sondern auch Produzentinnen von Ungleichheit sind, um danach die Funktion der Großstadt als Ort der Vermögenskonzentration zu erläutern. Abschließend wird dargelegt, dass sich in großen Städten nicht nur zunehmend mehr wirtschaftliches, sondern auch soziales und kulturelles Kapital akkumuliert.

Mike Savage wirdnicht müde darin, bei unterschiedlichen Gelegenheiten und aus verschiedenen Anlässen auf die wiedererstarkende Kraft der Geschichte hinzuweisen. Aber, so nimmt ereinen möglichen Einwand vorweg, aber weisen denn die in den letzten Jahrzehnten erfolgten technologischen Fortschritte, insbesondere in digitaler Kommunikation und Information, nicht in eine andere Richtung? Nein, sagt er und entwickelt begründet in

Die Kraft von Information und Technologie die These: „Wissen und Daten befreien uns nicht von der Geschichte, sondern sie erleichtern die Mobilisierung der Vergangenheit.“ (S. 291) Sein zentrales Argument: „Jegliche Daten können zusammengesetzt und zu gewaltigen Akkumulationen angehäuft werden, sodass umfassende historische Vorläufer herangezogen werden können, um Schlüsse zu ziehen.“ (S. 313)

Im dritten und letzte Teil DIE POLITIK DER UNGLEICHHEIT IM 21. JAHRHUNDERT findet sich zunächst das Kapitel Die Wiederherstellung der politischen Zeit. Dort diskutiert der Autor Notwendigkeit und Möglichkeit politischer Maßnahmen zur Bekämpfung von Ungleichheit. Er hält solche Eingriffe, die von (erhöhten) Steuern bei Einkommen, Vermögen und Erbschaft bis zu Umverteilungen wie bedingungsloses Grundeinkommen. Bürgergeld oder Grunderbe reichen können, für wünschenswert. Aber es stellt sich ihm die Frage, „ob die nationale demokratische Politik überhaupt dazu in der Lage ist“ (S. 318). Begründete Zweifel daran breitet er aus.

Die Überschrift Was tun? erinnert an Lenins gleichnamige Schrift von 1902. Aber anders als Lenin setzt Mike Savage nicht auf Revolution, wie er überhaupt vor der „akzelerationistischen Verlockung nagelneuer politischer Rezepte und wissenschaftlicher Methoden“ (S. 359) warnt. Er breitet seine Vorschläge für eine grundlegende Veränderung der mit Ungleichheit verbundenen gesellschaftlichen Missstände aus in fünf Abschnitten, die folgende Titel tragen:

  1. Die Wiederbelebung des Radikalismus
  2. Das Ende der Wachstumsmodelle
  3. Von einer Politik der Knappheit zur Rechenschaftspflicht des Kapitals
  4. Ausgewogene Definitionen des Wohlergehens
  5. Nachhaltiger Nationalismus

Im Buchanhang finden sich die knapp 200 Anmerkungen, ein Glossar der wichtigsten im Buch zu findenden Konzepte (von Kapitalismus bis Liberale Moderne), Verzeichnisse der Abbildungen, Tabellen und Literatur sowie eine Danksagung, die eindrücklich vor Augen führt, dass Wissensproduktion und -publikation kein einsames Geschäft ist.

Der deutschen Ausgabe des Buches angefügt ist Monika Krause Laudatio zur Verleihung des Siegfried-Landshut-Preises mit dem Titel

Die Frage nach dem sozialen Wandel. Die dortigen Ausführungen helfen bei der näheren Verortung des vorliegenden Buches; einmal, indem es eingebettet wird in Mike Savages Denken, und zum anderen dadurch, dass sein spezifischer Beitrag zum fachlichen Diskurs bestimmt wird.

Diskussion

Die elf auf die drei Buchteile verteilten Kapitel sind fortlaufend nummeriert; das sollte man ernst nehmen und das Buch tatsächlich von vorn nach hinten lesen. Andererseits macht die Gliederung in drei Teile Sinn, weil damit sachlich enger zusammenhängende Kapitel eine einigende Hauptüberschrift finden. Man kann die drei Teile, ja selbst die einzelnen Kapitel je für sich lesen. Freilich sollte man dann den Hinweis des Autors beherzigen, zuvor das Glossar mit der Darstellung zentraler Konzepte zu lesen; mit deren Hilfe können die narrativen Verbindungen der einzelnen Kapitel hergestellt werden. Die im Glossar versammelten Konzepte scheinen auf den ersten Blick vertraut, aber wenn man sie gelesen hat, weiß man: Der Autor versteht sie auf eine ganz eigene Weise. Was er beispielsweise meint, wenn er von Kapitalismus spricht, ist doch recht verschieden von dem, was sich in der Traditionslinie der marxistischen Orthodoxie findet.

Das Buch sorgt nicht nur hier, sondern an vielen Stellen für Überraschung. Das liegt einmal daran, dass es von beeindruckender Breite ist und oft durch die Tiefe seiner Argumentation imponiert. Zu wiederkehrender Überraschung trägt ferner bei, dass Mike Savage verschiedene Welten der Ungleichheitsanalyse und -forschung, besonders sozioökonomische und sozialgeschichtliche Ansätze. zusammenbringt. Und dann verschränkt er das auch noch mit einer intersektionalen Perspektive auf kategoriale Ungleichheiten wie race, Gender und Klasse.

Man kann das Buch je nach Vorkenntnis und Interessenlage unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen. Man kann es ebenso als Geschichtsdarstellung lesen wie als Traktat über sozialwissenschaftliche Methodik oder politisches Manifest. Und natürlich darf es als bedeutsamer Beitrag zum Diskurs über Ungleichheit in ihren verschiedenen und miteinander verschränkten Ungleichheiten gelesen werden. Dieser Diskurs hat die deutsch(sprachig)e Soziale Arbeit spätestens vor rund einem Jahrzehnt erreicht (vgl. etwa Heekerens 2014, 2018a, 2018b, 2018c). Und er ist heutzutage von allgemeinem öffentlichem Interesse.

So liest man etwa im DIW-Bericht (Bartels u.a. 2023) vom November 2023 über Vermögensungleichheit in Deutschland: Während das erweiterte Vermögen der unteren 50 Prozent zwischen 2012 und 2017 lediglich um 8 Prozent gestiegen ist, liegt der entsprechende Prozentsatz beim reichsten 1 Prozent bei 37. Ebenfalls im November 2023 hat Oxfam International unter dem Titel Climate Equality: A planet for the 99 % einen Report (Khalfan u.a. 2023) veröffentlicht, in dem ein hierzulande von den Medien schnell aufgegriffener Befund berichtet wurde: Weltweit betrachtet hat im Jahr 2019 das reichste Prozent genau so viel CO2-Emissionen verursacht wie die ärmsten zwei Drittel – nämlich 16 Prozent (Khalfan u.a. 2023). Mike Savage hat auch diesen Sachverhalt vor Augen, als er am Ende seines Buches lakonisch anmerkte: „Das Verhalten der vermögenden Eliten deckt sich immer weniger mit den Erfordernissen der Gesellschaft als Ganzes.“ (S. 365)

In seiner Rezension des englischen Originals hatte Uwe Schimank, Professor für Soziologische Theorie an der Universität Bremen u.a. erklärt: „Gesellschaftlich relevant wird das Gebaren der Superreichen ja erst, wenn sie auf Kosten vieler oder aller anderen, insbesondere der ‚kleinen Leute‘ weltweit, agieren […]. Diesbezüglich wäre aber erst noch zu zeigen, welche gesellschaftlichen Krisen in überwiegendem Maße den Superreichen zuzurechnen sind – der Klimawandel ganz sicher nicht […].“ (Schimank 2021) Sicher, am Klimawandel sind die Superreichen nicht allein schuld, wohl aber in unverhältnismäßigen Umfang.

Das vorliegende Buch hat zwei Schwächen. Die kleine besteht darin, dass in den Verzeichnissen sowohl der Abbildungen als auch der Tabellen die Seitenangaben fehlen; ohne die ist eine nachträgliche Suche einfach mühsam. Der größere betrifft bestimmte Abbildungen, die in Gestalt graphischer Darstellungen daherkommen. Die können, wenn sie gelungen sind, erhellend sein und dem Slogan gerecht werden, wonach ein Bild mehr sagen kann als 1000 Worte. Einige graphische Darstellungen aber geben ihr Geheimnis nur schwer preis. So braucht man etwa für die Abb. E 1 auf S. 33 eine Lupe und bei der Abb. 3.4 auf S. 104 Engelsgeduld, weil die Graphik völlig überladen ist. Leider sind allzu viele Abbildungen ohne Lupe und/oder Engelsgeduld nicht erschließbar. Das ist eine schwer verständliche Schwäche eines Buches, in dem „den allgegenwärtigen Kräften der Visualisierung“ (S. 312) durchweg verbal Respekt gezollt wird.

Fazit

Trotz der genannten Schwächen ist Mike Savage mit dem Buch ein großer Wurf gelungen. Es ist für alle, die sich für Ungleichheit in all ihren Facetten interessieren, eine gute Möglichkeit einen Einblick in den damit verbundenen wissenschaftlichen Diskurs zu gewinnen. Empfehlen möchte ich das Buch allen Lehrenden der Sozialen Arbeit, die sich mit deren theoretischen Grundlagen beschäftigen. Das Umdrehen des Teleskops, um Mike Savages Metapher aufzugreifen, bedeutet ja, dass statt der Armut die Ungleichheit ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Was aber könnte denn eine Soziale Arbeit machen, sollten ihr die Armen abhandenkommen?

Literatur

Bartels, C., Timm Bönke, T., Rick Glaubitz, R. Markus M. Grabka M.M. & Schröder, C., 2023. Rentenvermögen macht Großteil des Vermögens der ärmeren Bevölkerungshälfte in Deutschland aus. In DIW Wochenbericht, 45/2023, S. 626–631. URL: https://www.diw.de/documents/​publikationen/73/diw_01.c.884856.de/23-45.pdf (aufgerufen am 8.12.2023).

Heekerens, H.-P., 2014. Rezension vom 25.02.2014 zu Francois Bourguignon, 2013. Die Globalisierung der Ungleichheit. Hamburg: Hamburger Edition. socialnet Rezensionen. URL:http://www.socialnet.de/rezensionen/​16250.php (aufgerufen am 17.12.2023).

Heekerens, H.-P., 2018a. Gesundheit und soziale Ungleichheit: Arme sind kränker und sterben früher. socialnet Materialien. URL: http://www.socialnet.de/materialien/​28121.php (aufgerufen am 6.12.2023).

Heekerens, H.-P., 2018b. Hochschulzugang und soziale Ungleichheit in Deutschland heute. socialnet Materialien. URL: https://www.socialnet.de/materialien/​28150.php (aufgerufen am 6.12.2023).

Heekerens, H.-P., 2018c. „… und erbt sich fort von Geschlecht zu Geschlecht“ – Neue Studien zur intergenerationalen Tradierung sozialer Ungleichheit. socialnet Materialien. URL: http://www.socialnet.de/materialien/​28167.php (aufgerufen am 6.12.2023).

Heekerens, H.-P., 2020. PISA. In socialnet Lexikon. Bonn: socialnet. URL: https://www.socialnet.de/lexikon/PISA (aufgerufen am 13.12.2023).

Khalfan, A., Nilsson Lewis, A., Aguilar, C., Persson, J., Lawson, M., Dabi, N., Jayoussi, S. & Sunil Acharya, S., 2023. Climate Equality: A planet for the 99 %. Den Haag: Oxford International. DOI: 10.21201/2023.000001. URL: file:///C:/Users/User/Downloads/​cr-climate-equality-201123-en.pdf (aufgerufen am 6.12.2023).

Schimank, U., 2021. Gegen den Strom der Ungleichheitsforschung. Rezension zu „The Return of Inequality. Social Change and the Weight of the Past“ von Mike Savage. In Soziopolis. URL: https://www.soziopolis.de/besprechungen/​rezension/​gegen-den-strom-der-ungleichheitsforschung.html (aufgerufen am 16.12.2023).

Rezension von
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Website
Mailformular

Es gibt 180 Rezensionen von Hans-Peter Heekerens.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 29.01.2024 zu: Michael Savage, Monika Krause: Die Rückkehr der Ungleichheit. Sozialer Wandel und die Lasten der Vergangenheit. Hamburger Edition (Hamburg) 2023. ISBN 978-3-86854-377-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30855.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht