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Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur

Rezensiert von Dr. Ulrich Kobbé, 19.12.2023

Cover Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur ISBN 978-3-8270-1488-7

Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur. Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise. Piper Verlag GmbH (München) 2023. 203 Seiten. ISBN 978-3-8270-1488-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

Der Autor formuliert, es „bräuchte neue Handlungsnormen und ein wirklich weitreichenderes und wesentlich tiefer gehendes Leitbild dringend“. Das heisst: „»Bewusstseinskultur« könnte ein solches kulturelles Leitbild sein, bietet sie doch eine praktische Strategie, die auf individueller und auf gesellschaftlicher Ebene funtionieren könnte, und zwar sowohl in einem Worst-Case- als auch einem Best-Case-Szenario“ (S. 8). Es gehe also um „einen neuen kulturellen Kontext, der es uns ermöglicht, mehr zu tun“, um sich „sowohl von ideologischen Formen des Zweckpessimismus als auch von den vielen verlogenen Varianten eines reinen Zweckoptimismus [zu] befreien. Es ist der Realismus [seines neuen Leitbildes, seiner Bewusstseinskultur], der auf eine neue Ebene gehoben werden muss“ (S. 10).

Autor

Thomas Metzinger wurde 1958 in Frankfurt am Main geboren und lehrte Philosophie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Laut Verlagsangaben gehört er „(…) zu den meistzitierten deutschen Gegenwartsphilosophen und gilt weltweit als einer der profiliertesten Philosophen des Geistes und der Kognitionswissenschaft“ (Klappentext). Darüber hinaus war Metzinger Präsident der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft und der Association for the Scientific Study of Consciousness und wurde im Jahr 2022 in die Nationale Akademie der Wissenschaften gewählt.

Aufbau und Inhalt

Selbstachtung, intellektuelle Redichkeit und die planetare Krise

Thematisiert werden der Klimawandel, der Umgang mit diesem Phänomen, dass Optimismus „keine Option“ sei und der Bedarf einer „robustere[n] und nachhaltigere[n] Form von Realismus“ bestehe, sodass als Lösung „etwas Tieferes“ (S. 22–23) ermöglicht werde. Es gehe um „eine »intellektuelle Tugend«, […] um moralische Integrität und Aufrichtigkeit“, […] um „innere Selbstbestimmung, geistige Autonomie“ (S. 24). „Dabei handelt es sich bei der intellektuellen Redlichkeit in gewissem Sinne auch um Entsagung, eine spezielle Form von geistiger Askese, um eine Art des Loslassens“ (S. 25).

Angesichrs eines globalen Panikpunktes, der „ein entscheidender psychologischer Kipppunkt“ sei, „brauchen wir etwas Tieferes“, sprich, so etwas wie „meine Flaschenpost an die Leser der Zukunft“ (S. 44, 46. 48).

„Stark vereinfacht ließe sich vom »Problem der Selbstachtung« sprechen“, davon nämlich, „große Schwierigkeiten [zu] haben, sich selbst anzunehmen und – in Würde zu scheitern“ (S. 59).

Bewusstseinskultur

Der Begriff bestehe „aus drei Bedeutungselementen:

  1. dem Einnehmen einer ethischen Haltung gegenüber den eigenen mentalen Zuständen; 
  2. der systematischen Kultivierung von als wertvoll eingestuften Zuständen; 
  3. einem kontinuierlichen Prozess der rationalen, evidenzbasierten Enkulturation, also einer aktiven Einbettung solcher Bewusstseinszustände in Kultur und Gesellschaft“ (S. 61). 

Dies impliziere „eine spezifsche Form von kultureller Erneuerung“, „eine neue philosophische Perspektive“, einen „ganz neuen Zweig der praktischen Ethik“ (S. 63), indem „neue begriffliche Werkzeuge“ für „eine nicht-begriffliche Weisheit“, für eine „praktische Philosophie des Geistes“ als bewusstes Erleben „»intrinsisch wertvolle[r]« Zustände“ und für eine „evidenzbasierte Kultivierung des bewussten Erklebens“ zur Verfügung gestellt werden (S. 65–66). Möglich werde dies auf Basis „einer regelrechten Explosion“ psychoaktiver Substanzen, sprich, synthetischer Drogen einerseits und andererseits dem „Ineinanderfließen von künstlicher Intelligenz (KI), virtueller Realität (VR), Neurotechnologie und Gehirn-Computer-Schnittstellen (BCIs)“ (S. 68–69). Als sowohl „gemeinwohlorientiert[e]“ wie „geistige Autonomie erhöhen[de]“ Praxis seien Optionen eines „»LSD-Führerscheins« […], niemals jedoch eines »Kokain-Führerscheins« oder eines »Heroin-Führerscheins« als bewusstseinstechnologisches Mittel denkbar (S. 72). Diese „Kultur von Versuch und Irrtum“ erfordere „Räume, die frei von ideologischen Verzerrungen durch einen bestimmten weltanschaulichen Rahmen sind“ (S. 78–79). Denkbar sei dies im Kontext einer säkularen „monastischen Tradition“, in „experimentellen Forschungsklöstern“ also, um soziokulturelle Trägheiten zu überwinden und den „Aufbau einer neuen »kognitiv-phänomenologischen Nische«“ zu forcieren (S. 86).

Es gehe aber auch darum, „was Bewusstseinskultur nicht ist“. Das bedeute, dass „die Schaffung einer Kultur des Bewusstseins […] keinen moralischen Realismus voraus[setze]“, da „intrinsisch wertvolle Zustände“ keinen Bezug zu „objektiven moralischen Tatsachen“ aufwiesen. Kurz: „Wir besitzen einfach nicht genug gute Argumente für die philosophische These, nach der die objektive Realität tatsächlich beobachterunabhängige »moralische Tatsachen« enthält“ (S. 89). Dabei existiere ein Bedarf an „Präzision“ und „Sanftheit“ mit einem „Verlangen nach emotionaler Sicherheit“, sodass die Herausforderung bestehe, „eine neue Form von ethischer Sensibilität und Echtheit zu entwickeln, und zwar in Abwesenheit von moralischer Gewissheit“ (S. 92–93). In praxi, konkreter: „als epistemische Praxis“ gäbe es „nichts besseres, als eine regelmäßige und auch dauerhaft aufrechterhaltene Meditationspraxis“, die als solche „viel umfassender und zugänglicher [sei] als die pharmakologische Psychonautik“ (S. 102–103). Bei (s)einer Idee einer Bewusstseinskultur gehe es gerade „nicht um die philosophischen Intuitionen von Thomas Metzinger. Was wirklich zählt, ist der Aufbau eines dynamischen sozialen Netzwerks, dem es gelingt, einen neuen kulturellen Kontext zu schaffen und die Erzeugung einer neuen soziophänomenologischen Nische tatsächlich in Gang zu setzen“ (S. 103–104).

Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit

Indem es um „etwas wesentlich Tieferes als Zweckoptimismus“ gehe, damit die neue Bewusstseinskultur ermögliche, „das kapitalistische Wachstumsmodell hinter uns zu lassen“, bestehe der Bedarf eines „erweiterten philosophischen Kontext[es]“ (S. 109). Die sich daraus ergebende „neue Form der Selbstwahrnehmung“ werde erforderlich, weil es im Rahmen einer „wirklich intellektuell redliche[n] Bewusstseinskultur“ u.a. „immer unplausibler“ sei, „an ein dauerhaftes, substanzielles »Selbst« zu glauben“ (S. 112), parallel in diesem Kontext „an unsere eigene Willensfreiheit und unsere eigene Vernünftigkeit zu glauben“. Die „beiden großen existenziellen und emotionalen Herausforderungen“ konfrontierten die Menschheit damit, „sehenden Auges als Gattung zu scheitern und sich gleichzeitig der naturalistischen Wende zu stellen“ (S. 115). Im Ergebnis führe dies zur „Frage nach der inneren Struktur und nach den Bedingungen der Möglichkeit einer säkularisierten, intellektuell redlichen Form von Spiritualität“ (S. 117) als eine (selbst-)bestimmte epistemische Praxis und wahrhaftige Bewusstseinskultur, eingebettet in eine „Kultur der Unbestechlichkeit“ und eine „Kultur der Würde“ (S. 125).

Da die religiösen spirituellen Systeme „sozusagen metaphysische Placebos“ (S. 138) seien, gehe es im Zusammenhang mit der säkularen Spritualität um die Einführung „adaptiver Wahnsysteme“ als eine besondere Anpassungsleistung, als neues phänomenales Realitätsmodell, als „zeitgemäße Erweiterung des alten philosophischen Ideals der Selbsterkenntnis“ (S. 141).

Metzingers drei Ausgangsthesen lauten: 1. „Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität“. 2. „Das ethische Prinzip der intellektuellen Redlichkeit lässt sich als ein Sonderfall der spirituellen Einstellung beschreiben“. 3. „Die wissenschaftliche und die spirituelle Einstellung entstehen in ihren Reinformen aus derselben normativen Grundidee, aus derselben geistigen Tugend“ (S. 155). Dabei geht es dem Autor nicht nur um einen „bescheidenen Rationalismus“ und Skeptizismus, sondern um eine „Einheit der geistigen Tugenden“ in seinem Projekt einer rationalen und spirituellen Bewusstseinskultur.

Bewusstseinskultur und die planetare Krise

Angesichts des „historischen Flaschenhalses“ der Klimakatastrophe bleibe nur: „Wir müssen uns ehrlich machen“ (S. 169) und „Kriterien einer guten, rationalen Bewusstseinskultur benennen“. Zusammengefasst referiert der Autor dann folgende Leitlinien:

  • „Erstens müsste die Bewusstseinskultur es uns auf gesellschaftlicher Ebene ermöglichen, erfolgreich aus dem Wachstumsmodell auszusteigen“ (S. 170).
  • „Zweitens: Optimismus ist keine Option mehr“, d.h. „unsere Lösung muss etwas Tieferes“, etwas mit „spiritueller Tiefe“ und als Bewusstseinskultur „prinzipiell skalierbar“ sein (S. 173).
  • Drittens müsse es diese Bewusstseinskultur „dem Individuum wie auch ganzen Gruppen von Menschen ermöglichen, die eigene Würde zu bewahren, auch wenn die Spezies als ganze scheitern sollte“ (S. 175).
  • Viertens sollte sie „eine kulturelle Plattform bieten, von der aus sich ein neues Verständnis von Würde überhaupt erst entwerfen lässt – und ganz neue Formen des würdevollen Lebens“ (S. 178).

Zuletzt gehe es um Offenheit jenseits persönlicher Überzeugungen, da der Autor einen „erweiterten philosophischen Kontext“ der Bewusstseinskultur „nur vorläufig und mit Sicherheit viel zu ungenau mit Stichworten wie »säkulare Spiritualität« und »nicht-egoistische Würde« benannt habe“ (S. 182–183).

Diskussion

Auffällig ist die Tatsache, dass sich Metzinger nicht nur in (fast) alle Denkrichtungen einschließlich „philosophisch irrelevante[r] Holzwege und Sackgassen“ (S. 101) offen hält: Er ist philosophisch, ethisch, spirituell, jeweils nur bedingt greifbar, in seinem zwar vagen, aber eingängig etikettierten Verantwortungs-, Erkenntnis- und Gestaltungskonzept eines Anything goes ebenso aktivistisch (auf-)fordernd und eloquent wie stichwortartig ablenkend unterwegs. Und doch: Was Metzinger in seiner „Evolution der Selbsttäuschung“ beschreibt, um „systematische Fehlrepräsentationen der Wirklichkeit“ zu identifizieren (S. 134), betrifft letztlich auch sein eigenes Denken und Œuvre, seinen persönlichen Ego-Tunnel[1]: „Die gefährlichsten Lügner sind […] stets die, die glauben, dass sie die Wahrheit sagen“ (S. 135).

Zweifelsohne ist es ihm „nicht um Polemik zu tun“ (S. 137). Und doch entkommt er der Attitüde eines belehrenden Besserwissens, einer gebildeten Abgehobenheit, einer sich selbstimmunisierenden Pseudoverifikation nicht. Denn weder die Referenzen im Amerkungsapparat noch das experience dropping, er habe „mehr als 65-mal LSD und Psilocybin genommen“ (S. 101), helfen darüber hinweg, dass der – oben im ausführlich zitierenden Exzerpt nachlesbare – Kulturanspruch in einer mehr oder weniger verschwurbelten Beliebigkeit ‚politisch korrekter‘ Problem- und Situationsanalysen sowie in diskursiven Versatzstücken verrätselt wird und dann versickert. Sein letzter Satz: „Bewusstseinskultur ist ein Erkenntnisprojekt, und in genau diesem Sinne ist unsere Zukunft auch weiterhin offen“ (S. 183).

Metzingers Metapher von „Flaschenhals“ aufgreifend, war zu wünschen, das von Wittgenstein[2] formulierte Ziel der Philosophie, der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen, sei hier zumindest ansatzweise gelungen. Doch mit Metzingers Text verbleibt es bei derselben Torheit, bei demselben Erstaunen, in welches die Fliege – so Nietzsche[3] – vor jedem Glasfenster gerät…

Fazit

Das Buch ist der zweite Versuch des Autors, eine – so der Untertitel des ersten Bandes [4] – „neue Philosophie des Selbst“ herauszubringen. Doch der beabsichtigte Entwurf einer spirituellen, intellektuell redlichen, rationalen Bewusstseinskultur bleibt eine passagenweise intellektualistische Stilübung, im Ergebnis ein erkenntnisbezogen („epistemisch“) vager, praktisch-perspektivisch ungewisser, substanzinduziert („psychonautisch“) fragwürdiger, wahnhaft affrontiver wie wahrhaft demonstrativer, in seiner „zentrumslosen Perspektive des Bewusstheits-Bewusstseins“ (S. 181) leider nur plakativer Trendsetterversuch. So kurz wie bündig: Eine Lektüre be-/lohnt sich nicht.


[1] Metzinger, Th. 2010. Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Berlin: Berliner Taschenbuchverlag.

[2] Wittgenstein, L. 1952. Philosophische Untersuchungen. Wittgenstein. L. 1990. Tractatus logico-philosophicus. Philosophische Untersuchungen (§ 309, 238). Leipzig: Reclam.

[3] Nietzsche, F 1886. Verwunderung über Widerstand. Nietzsche, F. 1997. Werke in drei Bänden, Bd. I: Morgenröte. Gedanken über moralische Vorurteile. Buch V, 444 (1228). Darmstadt: WBG.

[4] siehe Fn 1

Rezension von
Dr. Ulrich Kobbé
Klinischer und Rechtspsychologe, forensischer Psychotherapeut, Supervisor und Gutachter
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Es gibt 22 Rezensionen von Ulrich Kobbé.

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Zitiervorschlag
Ulrich Kobbé. Rezension vom 19.12.2023 zu: Thomas Metzinger: Bewusstseinskultur. Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise. Piper Verlag GmbH (München) 2023. ISBN 978-3-8270-1488-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30867.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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