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Joachim Bauer: Realitätsverlust

Rezensiert von Dr. Hans-Adolf Hildebrandt, 07.12.2023

Cover Joachim Bauer: Realitätsverlust ISBN 978-3-453-21853-6

Joachim Bauer: Realitätsverlust. Wie KI und virtuelle Welten von uns Besitz ergreifen – und die Menschlichkeit bedrohen. Heyne Verlag (München) 2023. 240 Seiten. ISBN 978-3-453-21853-6. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 30,15 sFr.

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Thema

Die sogenannte künstliche Intelligenz und virtuelle, digitale Welten sind keine neuen Erscheinungen. Sie sind bereits seit langem auf vielfältige, bisher eher unauffällige Weise in unseren Alltag integriert. Wir stellen jedoch in jüngster Zeit fest, dass sie von global tätigen Wirtschaftsunternehmen massiv und mit dem Nimbus der „schönen neuen Welt“ beworben werden. Die verstörenden Auswirkungen von Social-Media- und Gaming-Plattformen, die Veränderungen des Selbstbildes und der Wahrnehmung und die Auflösung der Grenzen von Realität und Virtualität analysiert der Autor auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse aus verschiedenen Fachdisziplinen.

Autor

Der Autor ist ein in unterschiedlichen Fachdisziplinen und Berufsfeldern ausgewiesener Wissenschaftler und Lehrender und außerdem als Lehrtherapeut und Gutachter tätig. Aus seinem beruflichen Werdegang ist eine Vielzahl von an interessierte Laien gerichtete Publikationen und Sachbuch-Bestsellern hervorgegangen.

Entstehungshintergrund

Angesichts der Publikationsliste des Autors, die ein breites Spektrum von neurowissenschaftlichen, evolutionsbiologischen, historisch-anthropologischen und entwicklungspsychologischen Themen umfasst in denen sich seine Tätigkeiten in verschiedenen Fachgebieten widerspiegeln, könnte man den Autor wohlwollend als „schillernde Persönlichkeit“ bezeichnen, der mit dem vorliegenden Buch ein gesellschaftlich konfliktgeladenes Thema anspricht und der fortschrittsgläubigen, idealisierenden Haltung zur Digitalisierung ein Plädoyer für die Bewahrung der Humanität und gegen digitale Unmündigkeit entgegenstellt.

Aufbau und Inhalt

Eine zentrale These wird im ersten Kapitel vorgestellt: das reale Leben werde zunehmend durch ein Leben in virtuellen Welten ersetzt. Der Autor spricht von einer „digitalen Mystik“, der er die Mystik des Mittelalters gegenüberstellt. Wurde den im Mittelalter in Armut und Macht- und Rechtlosigkeit lebenden Menschen ein besseres Leben im Jenseits versprochen, wenn sie sich nicht gegen Adel und Klerus auflehnen, so werde den Menschen in der heutigen Zeit die Flucht aus einer langweiligen und beschwerlichen Wirklichkeit in die virtuelle Ersatzwelt des Metaversums versprochen.

Die virtuelle Ersatzwelt biete nicht nur Ablenkung durch soziale Medien und Spiele, sondern erlange ihre Attraktivität vor allem durch das Versprechen, den Menschen perfekt zu machen und – im nächsten Schritt – durch künstliche Superintelligenzen abzulösen (Transhumanismus). Das Metaversum entschädige für die Entbehrungen in der realen Welt. Mit dieser Entwicklung, so argumentiert der Autor, sei ein Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung und ein grundlegender Realitätsverlust verbunden.

Im zweiten Kapitel stellt sich der Autor die Frage, ob das Metaversum den Menschen ersetzen könne und legt dar, dass ein grundlegender Unterschied darin bestehe, dass Menschen im Unterschied zum Metaversum ein intrinsiches an ihren Körper gebundenes Interesse an der Welt haben. Ein weiterer wesentlicher Unterschied bestehe darin, dass die Entwicklung des menschlichen Selbst soziale Begegnungen und Erfahrungen voraussetze. Zwar sei es inzwischen möglich, dass Computer so perfekt täuschen, dass sich nicht erkennen lässt, ob es sich um einen Menschen oder eine Maschine handelt, doch dies bedeute nicht, dass die Maschine über ein Bewusstsein verfügt. Allerdings können die mit KI ausgestatteten Computer für beziehungsbedüftige Menschen zur Versuchung werden, sich ihnen im Sinne der Identifikation mit dem Aggressor zu unterwerfen.

Die „digitale Inbesitznahme“ ist das Thema des dritten Kapitels. Smartphones, soziale Medien, usw. können den zwischenmenschlichen Kontakt ersetzen, weil sie ständig verfügbar sind und durch ihre permanente Präsenz einen unerfüllten Wunsch, wahrgenommen zu werden und dazuzugehören ohne Anstrengungen erfüllen müssen. Gefördert werde dadurch eine „Verschiebung des Lebensmittelpunkts ins Netz (Realitätstransfer)“. Der Wunsch, der Realität zu entfliehen und die Sorgen des Alltags zu vergessen, schafft eine Abhängigkeit, die dadurch verstärkt wird, dass das Metaversum das Erleben von Selbstwirksamkeit garantiert und durch spezielle Vermarktungstechniken die Nutzer dazu verleitet, sich der analogen Welt zu entziehen.

Im 4. Kapitel setzt sich der Autor mit den aus der Aufklärung hervor gegangenen Grundgedanken auseinander, dass die Demokratie von einem mündigen, verantwortungsvollen Menschen ausgehe. Dem entgegen stehen die Versprechungen des Transhumanismus, Menschen könnten ihre geistigen und körperlichen Begrenzungen überwinden. Hierzu analysiert er vor allem die Ansichten von David Chalmers: „David Chalmers Buch ist der philosophische Überbau eines zivilisatorischen Trends, der mit der Entwicklung der sozialen Medien, der Videospiele und des Metaversums seinen Anfang nahm, dessen Ziele aber weit darüber hinausreichen und dessen Effekte darin bestehen, menschliches Leben die analoge Realität unter den Füßen wegzuziehen“ (S. 124).

Im 5. Kapitel widerspricht der Autor auf der Grundlage von neurobiologischen Erkenntnissen der Behauptung, dass künstliche neuronale Netze prinzipiell bewußtseinsfähige Subjekte sein können. Seine Argumentation basiert auf drei Kernmerkmalen des Bewusstseins. So sei Bewusstsein „ein wacher Schwebezustand zwischen Wahrnehmung und der offen gelassenen Möglichkeit zu reagieren“ (S. 132). Bewusstsein setze außerdem die Integration verschiedener physischer und psychischer Wahrnehmungen voraus und eine als Neuroplastizität und Psychosomatik wirkende kausale Kraft. Da künstliche Maschinen keine Körperlichkeit besitzen haben sie keine Gefühle und somit fehle ihnen die Voraussetzung für ein Bewusstsein.

Die Doktrin des Transhumanismus verspricht, dass Lebewesen nach dem Prinzip von technischen Maschinen funktionieren können. Für den Menschen bedeutet das, dass er mit Hilfe digitaler Medien seine Unzulänglichkeiten und geistigen und körperlichen Begrenzungen überwinden kann. Menschen mit tiefsitzenden, narzisstischen Selbstzweifeln, mit einer eingeschränkten Fähigkeit, lebendige zwischenmenschliche Beziehungen zu gestalten, seien hierfür besonders empfänglich. Zum einen verachten transhumanistische Konzepte menschliche Schwächen und verstärken damit die vorhandene Selbstunsicherheit. Gleichzeitig bieten soziale Medien eine umfassende, uneingeschränkte Befriedigung narzißtischer Bedürfnisse nach Bewunderung und Anerkennung (Kap. 6).

Das letzte Kapitel ist als Appell an die „Bewahrung der Humanität in der digitalen Welt“ gemeint. Unter dieser plakativen Formulierung weist der Autor daraufhin, dass die zunehmende Digitalisierung in alle Bildungseinrichtungen bis in die frühkindliche Bildung im Elementarbereich, in der die Grundlagen für soziale Integration und persönliche Entwicklung gelegt werden hineinwirke und primären Bedürfnissen und der kognitiven und emotionalen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zuwiderlaufen.

Diskussion

Wer von uns noch in der analogen Welt aufgewachsen ist, hat vermutlich die frühe Phase des Internets mit Interesse und Neugier aufgenommen. Erst mit der zunehmenden Verbreitung von Spyware, Malware, Ransomware, usw. entwickelte sich eine Skepsis gegenüber der digitalen Welt. Inzwischen beherrscht das Metaversum die reale, analoge Welt auf verschiedene Weise. Der noch in der analogen Welt entwickelte innere Orientierungsrahmen, der unsere Aufmerksamkeit auf mögliche Risiken forschender Expansion lenkt, versagt zunehmend. Diejenigen, deren frühe Entwicklung bereits in der digitalen Welt stattfand, verfügen über solche Erfahrungen nicht und sind ihren Risiken eher schutzlos ausgeliefert. Wer nicht über die Stärke einer inneren Unabhängigkeit von den vermeintlichen Vorzügen des Metaversums verfügt, wehrt vermutlich die unbewusste Angst vor einer nicht mehr analog zu erschließenden Welt durch Verleugnung ab. Bauers Buch liefert denjenigen, die der digitalen Welt eher skeptisch gegenüberstehen fundierte und differenziert vorgetragene Argumente, mit denen eine eigene Position entwickelt werden kann, etwa gegen unkritische und die Realität verzerrende Lobpreisungen „der wunderbaren Welt der Künstlichen Intelligenz“ [1]. Nun ist Bauer selbst als Psychotherapeut tätig und lehrt an psychoanalytischen Ausbildungsinstituten. Dieser Bereich findet in seinem Buch bedauerlicherweise keine Beachtung. Wenn die „KI und virtuelle Welten von uns Besitz ergreifen – und die Menschlichkeit bedrohen“, so der Untertitel des Buches, liegt es nahe zu fragen, welche Auswirkungen dies für die Psychotherapie hat. Bauer beläßt es leider bei einer kurzen, eher für die Verhaltenstherapie typischen Reflexion der „Anwendung für therapeutische Zwecke“ und erörtert darin, ob der Einsatz von Avataren für die Behandlung spezifischer Phobien hilfreich sein kann. Bauer analysiert zwar die psychologischen und sozio-ökonomischen Ursachen für die Empfänglichkeit der Menschen für das Metaversum, geht jedoch auf die Konsequenzen für den therapeutischen Prozess nicht ein.

Daher möchte ich in einigen weiterführenden Gedanken die Auswirkungen des Lebens in der Digitalmoderne das mit „der wunderbaren Welt der Künstlichen Intelligenz“ konfrontiert ist auf den psychotherapeutischen Prozess und die Patient-Therapeut-Beziehung betrachten.

Zuvor ist eine Erweiterung des Blickwinkels notwendig denn die Wurzeln der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung reichen weiter zurück. Während Bauer auf die Gegenwart gerichtet feststellt, dass „das reale Leben (…) für immer mehr – vor allem junge – Menschen immer schwerer erträglich zu sein“ scheint (S. 13) und eine Entwicklung voraussieht, „die sich in der Breite unserer westlichen Gesellschaften abspielt und in ihrer Tragweite noch nicht erkannt ist“ (S. 12), ist zum Verständnis der sich abzeichnenden Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz und der virtuellen Medien auf die psychische Struktur des Menschen eine Einordnung in die Veränderungen der Postmoderne, Oskar Negt spricht von einer „kulturellen Erosionskrise“, notwendig. Sehr früh bereits analysierte A. Mitscherlich als Trend der gesellschaftlichen Entwicklung den Kerngedanken, dass sich die Individuen in vaterlose Machtstrukturen von „Systemherrschaften“ hineinentwickelten. [2] Zu den Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse gehören Produktions- und Lebensweisen, die darauf ausgerichtet sind, Bindungen zu zerstören, bewusst zu zerstören, und nicht zu bewahren und nicht Bindungen herzustellen. Dies trägt zu einer Krise bei, in der alte Werte, Normen, menschliche Haltungen nicht mehr unbesehen und deshalb auch nur noch schwer tradiert werden können. Hierzu gehört auch die Auflockerung familiärer Strukturen, die Entdifferenzierung der mütterlichen und väterlichen Rollenmuster und der Wegfall der Autorität in Familie, Schule und Alltag. Das hat zur Folge einen Verlust von Versorgung und Aufgehobensein und der bedeutet zugleich einen Verzicht darauf, Regeln und Grenzen sowie Anforderungen in der Erziehung zu praktizieren. Diese Einflüsse wiederum führen zu einem Verlust von Orientierung und Destrukturierung im Sinne einer Krise des Selbstwertgefühls. Damit soll in wenigen Sätzen die Ausgangslage beschrieben werden, auf die KI und virtuelle Welten treffen.

Wenn wir uns die Frage stellen, wie Menschen früher auf die digitale Welt vorbereitet worden wären, dann würde die Antworten vermutlich lauten: Durch die internalisierten Werte und Normen einer auf den Mündigkeits- und Aufklärungsgedanken ausgerichteten Gesellschaft, vertreten durch Eltern, Lehrern und weitere Autoritätspersonen. Selbstredend waren auch in der Vergangenheit die Ideale der Aufklärung nicht in breiten Bevölkerungskreisen gelebt worden; doch jetzt ist es so, dass nicht nur Dahrendorf und Negt vor der Haltlosigkeit der Welt warnen. Fällt dieser angesprochene Orientierungsrahmen durch die erwähnte kulturelle Erosionskrise weg, dann bedeutet das, das persönliche Identifikationsobjekte ersetzt werden durch anonyme Marketingmechanismen, durch die Marketingstrategien der Tech-Konzerne.

Die Folge ist die „digitale Inbesitznahme des Menschen“, so Bauer oder – aus der Perspektive der Psychoanalyse – eine Beschädigung der innerpsychischen Organisation. Fallen die äußeren, die libidinösen, also dem Leben zugewandten Triebregungen fördernden und stabilisierenden Identifikationsobjekte, die letztlich auch zur Entwicklung einer reifen Identität beitragen, weg, überläßt sich also das Individuum der suggestiven Kraft des Metaversums, macht es die Erfahrung nicht „Herr im eigenen Haus“ zu sein. Mit dieser Metapher hat Siegmund Freud die Situation der Persönlichkeitsinstanz des Ichs gekennzeichnet [3]. Damit nimmt die zentrale, Orientierung gebende, für realistische Wirklichkeitswahrnehmung und Denken zuständige Ich-Instanz Schaden, wird labilisiert und ist nicht mehr in der Lage, sich mit den Anforderungen der Außenwelt auseinanderzusetzen. Dadurch ist das Individuum nur noch schwer in der Lage, sich gegen die von den anonymen Kräften der Tech-Konzerne ausgehenden Unterdrückungen zur Wehr zu setzen. Zudem gerät es in eine Not- und Verteidigungssituation, der es nur mit seinen Abwehrmechanismen begegnen kann, wie z.B. Verleugnung der äußeren Realität und Verdrängung oder Abspaltung der inneren Selbstunsicherheit und der tiefen Zweifel. Schließlich wird das Individuelle Ich durch ein mit den Marketingstrategien der Tech-Konzerne verschmolzenes Ich ersetzt.

Versteht man Psychotherapie nicht nur als Mittel zur Symptomlinderung sondern im Sinne Freuds (Wo ES war soll Ich werden) als Weg zur inneren Unabhängigkeit, als Ablösung von Identifizierungen mit Elternimagos und zur Bewusstmachung hinderlicher Abwehr gegen tabuisierte Triebimpulse, dann werden vor allem zwei Schwierigkeiten deutlich. Befand sich das Ich bisher im ständigen Konflikt gegen die Triebimpulse des ES und gegen die internalisierten Vorschriften von gesellschaftlichen Tabus, Moral, Gesetz und Traditionen, verschwimmt dieser Konflikt nun im Diffusen, da der gesellschaftliche Konfliktanteil dieser Triade durch die Anonymität des Metaversums ersetzt wird. Im Hinblick auf die therapeutische Beziehung bedeutet dies aber auch, dass Übertragungen an Konturen verlieren, weil Übertragungsinhalte diffus geworden sind. Unter den mit dem Begriff „kulturelle Erosion“ gekennzeichneten gesellschaftlichen Veränderungen stehen reale Personen als Identifikationsangebote nur noch selten zur Verfügung. Diese Lücke übernimmt das Metaversum, und dies wiederum hat Auswirkungen auf das Übertragungsgeschehen im analytischen Prozess. Wir fragen uns daher, was es bedeutet, wenn die klassischen ödipalen Objekte, Vater- und Mutterbilder fehlen, bzw. verwischt sind und durch virtuelle, unpersönliche Welten ersetzt werden. Wird der Therapeut vom Patienten im klassischen Sinne zum Übertragungsobjekt gemacht, an den der Patienten sich anlehnen möchte, von dem er etwas übernehmen möchte, kann es nun sein, dass der Therapeut zum Konkurrenten wird für ein auf allumfassende Weise die unerfüllten Bedürfnisse und Wünsche des Patienten befriedigendes künstliches Ersatzobjekt. Dies wiederum gibt Anlass zu der Annahme, dass hierin die Grundlage für eine negative Übertragung des Patienten angelegt ist. Das bedeutet dann eine Erschwernis für die Therapie.

Ist die Persönlichkeitsinstanz des Ichs geschwächt, kann das auch bedeuten, dass Abwehrmechanismen archaisch, also unreif bleiben, weil das Ich quasi nicht mehr an klaren Fronten kämpft und gleichzeitig zu geschwächt ist, um unbewusste Inhalte in reiferen Formen abwehren zu können. Letztlich können wir auch vermuten, dass es zu einer Spaltung in parallele Welten kommt, denn bereits jetzt bewegen sich Kinder und Jugendliche in einem medialen Alltag, den wir nicht sehen (wollen). Er wird geprägt von der Förderung libidinöser und aggressiver Impulsdurchbrüchen, in Gestalt von sogenannten Challenges (Mutproben), die Spaß machen sollen, also der spontanen libidinösen Triebabfuhr dienen, öffentlich verbreiteter Gewaltverherrlichung z.B. per AirDrop-Technologie, die der aggressiven Triebentladung dienen. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass die Persönlichkeit von jungen Menschen, die unter diesen Einflüssen aufwachsen, eine Triebentmischung aufweist, wie S. Freud sie bereits in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) beschrieben hat, also von regressiven Kräften geprägt wird. Eine solche Regression, wie sie sich z.B. in der Verrohung durch den Konsum aggressiver Memes zeigt, verstärkt die Unlust, sich mit den Anforderungen der äußeren Realität auseinanderzusetzen und schränkt auch die Bereitschaft ein, sich der inneren Realität zuzuwenden. Gleichzeitig verringert sie vermutlich die Fähigkeit, sich auf Enttäuschungen und Kränkungen einzulassen, die die aufdeckende Analyse naturgemäß mit sich bringt. Es liegt auch der Gedanke nahe, dass die in virtuellen Welten lebenden Patienten unter einem Wiederholungszwang stehen und auf die abstinente, als Versagung erlebte Haltung des Analytikers auf die gewohnte Entschädigung durch das immer zur Verfügung stehende Metaversum zurückgreifen.

Leben bereits jetzt Schüler, Lehrer und Eltern in verschiedenen Welten, die keine Verbindung zueinander haben [4], dann lenkt das unsere Aufmerksamkeit darauf, welche Auswirkungen diese Entwicklung für die Beziehung zwischen Patienten und Therapeuten hat. Wenn das Leben sich ins Metaversum verlagert und digitale Medien die Unterdrückung, Verleugnung und Verdrängungen der wirklichen Konflikte, im Grunde des Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft, fördern, dann sollten wir diese Veränderung in der Psychoanalyse von Patienten berücksichtigen, denn sonst kann dies dazu führen, dass sich Therapeut und Patient in voneinander getrennten Paralellwelten bewegen. Hier sind auch Zweifel angebracht, ob es durch die aufdeckende Arbeit am Unbewussten noch möglich sein wird, die selbst gewählte und bevorzugte Scheinwelt des Metaversums im therapeutischen Prozess kritisch zu hinterfragen und Patienten auf die Nachteile dieser Scheinwelt hinzuweisen, um das Ich darin zu stärken, wieder „Herr im eigenen Haus“ zu werden.

Nicht auszuschließen ist, dass als zentraler Widerstand der Schein gewahrt bleibt: im Inneren die Welt des Metaversums und als äußere Hülle die Anpassung an die Erwartungen des Therapeuten. Das Risiko ist dann, dass Deutungen des Analytikers – das Mittel zum Aufdecken unbewusster Triebimpulse und Widerstände – unwirksam bleiben.

Als Produkt der Aufklärung ist Psychotherapie in der romantischen Medizin des 18. Jh. verwurzelt, obwohl der Begriff erst später auftauchte. Nun prognostiziert der Autor einen Rückfall hinter die Aufklärung, auch wenn er ein Fragezeichen dahinter setzt (Kapitel 1). Zwar ist es nicht neu, dass das Leben vom Einzelnen wie von der Gesellschaft große Integrations- und Konfliktfähigkeiten verlangt. Neu ist die Perspektive, dass das Individuum mit der Umwelt des Metaversums so fest verzahnt sein kann, wie das Tier durch angeborene Verhaltensmuster. Das würde bedeuten, dass neurotisches Verhalten, als Protest gegen Anpassungsforderungen an die Sittengesetze, denen das Individuum offen nicht zu widerstehen, die es aber in der Tiefe seiner Triebnatur auch nicht hinzunehmen vermag, so wie bishernicht mehr denkbar ist. Es könnte sein, dass wir uns in einer ähnlichen Situation befinden wie Freud, als er „Zeitgemäßes über Krieg und Tod“ verfasste. Wollen wir uns weder einem Erlösungsglauben hingeben, noch uns einem fatalistischen Kulturpessimismus unterordnen, müssen wir versuchen zu verstehen, wie es Menschen gelingen kann, sich angesichts der überwältigenden Macht des Metaversums „kultiviert“ zu erhalten.

Fazit

Die älteren Semester von uns werden sich vermutlich an das 1932 erstmals erschiene Buch von Aldous Huxley „Schöne neue Welt“ erinnern. Bereits 1946 zur deutschen Ausgabe stellte er fest: „Damals verlegte ich diese Utopie sechshundert Jahre in die Zukunft. Heute scheint es durchaus möglich, daß uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt.“ – Viel Zeit bleibt also nicht.


[1] Kai Spriestersbach: Richtig texten mit KI; München 2023, 3.Aufl.

[2] A.Mitscherlich (1963): Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft

[3] S. Freud (1923): Das Ich und das ES. Ges. Werke XIII

[4] Silke Müller(2023): Wir verlieren unsere Kinder, München

Rezension von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Diplom-Pädagoge, M.A., Kinder- und Jugendpsychotherapeut ­(bkj, DFT), Gruppenanalytischer Organisationsberater, und Diplom-Supervisor (D3G, DGSv), Gruppenpsychotherapeut (D3G), Forensischer Sachverständiger Familienrecht (IQfSV)
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Zitiervorschlag
Hans-Adolf Hildebrandt. Rezension vom 07.12.2023 zu: Joachim Bauer: Realitätsverlust. Wie KI und virtuelle Welten von uns Besitz ergreifen – und die Menschlichkeit bedrohen. Heyne Verlag (München) 2023. ISBN 978-3-453-21853-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30868.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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