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Silke Müller: Wir verlieren unsere Kinder!

Rezensiert von Beate Sonsino, 12.12.2023

Cover Silke Müller: Wir verlieren unsere Kinder! ISBN 978-3-426-27896-3

Silke Müller: Wir verlieren unsere Kinder! Gewalt, Missbrauch, Rassismus – Der verstörende Alltag im Klassen-Chat. Droemer Knaur (München) 2023. 3. Auflage. 224 Seiten. ISBN 978-3-426-27896-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.

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Thema

Was Kinder und Jugendliche täglich bei der Benutzung digitaler Medien sehen und erfahren können und auch vielfach erleben, kann verstörende Wirkung auf diese haben. Mit diesen Wirkungen und Folgen ist die Autorin Silke Müller als Schulleiterin täglich konfrontiert. Das Thema ist aktuell und von ähnlichen Fällen, als die im Buch geschilderten, kann man in der Presse und digitalen Medien seit Langem Kenntnis nehmen. 

Autorin

Silke Müller ist Schulleiterin in Niedersachsen an der Waldschule Hatten und seit 2021 Digitalbotschafterin ihres Landes. Sie setzt sich für ethische und demokratische Werteerziehung allgemein, aber auch ganz besonders in der digitalen Welt, ein. Die Schule mit 850 Schüler*innen, an der Silke Müller Schulleiterin ist, ist bundesweit für ihre digitalen Schulentwicklungsprozesse bekannt und beispielgebend (vgl. S. 10 f.).

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand aufgrund von Erfahrungen, die Silke Müller als Lehrerin und Schulleiterin im Bereich der teilweise zerstörenden digitalen Medienerfahrungen ihrer Schüler*innen gemacht hat. Das Buch stellt sich einer täglichen Erlebniswelt vieler Kinder- und Jugendlichen. Die Autorin versteht ihr Buch als Weckruf. Sie möchte keine Angst schüren, vielmehr darüber aufklären und sensibilisieren, was täglich mit den Handys, auch in deutschen Kinderzimmern, passiert. Vieles wissen die Eltern und Lehrer*innen nicht, zum Teil mangelt es an der Sensibilität, der Wahrnehmung, oder man will es auch nicht wissen. Silke Müller möchte dazu beitragen, dass Kinder- und Jugendliche im Netz und sozialen Netzwerken besser geschützt und begleitet werden, so wie dies ja auch in der realen Welt geschieht.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch ist nach einem Vorwort in sechs Kapitel unterteilt. Danach folgen ein Dank und eine Quellenangabe mit Anmerkungen.

Im ersten Kapitel stellt die Autorin klar, dass sie eine Verfechterin des digitalen Arbeitens an Schulen ist, aber weist ebenso klar auf die Gefahren im Netz und den sozialen Netzwerken hin: Gefahren von Hass, Intoleranz und Verrohung. Diese werden in den nächsten Kapiteln detailliert dargestellt werden.

Im zweiten Kapitel erläutert Silke Müller, dass nicht die Digitalisierung an sich Schuld an dem dargestellten Sachverhalt hat, sondern dass das bisherige Schulsystem auf weiter Fläche den Herausforderungen dieser sich ändernden gesellschaftlichen Entwicklungen noch nicht gerecht geworden ist. Vielerorts ist interdisziplinäres Arbeiten an Schulen noch außergewöhnlich, die Vermittlung von vorgegebenem, fachbezogenem Wissen in verschiedenen Fächern, getrennt voneinander, ist noch die Norm. Die Autorin weist darauf hin, dass sich Lehrer*innen nicht nur als Wissensvermittler für bestimmte Fächer verstehen dürfen. Eltern und Lehrer*innen müssen dagegen als „starke Wertevermittler agieren“. Dies gilt eben nicht nur in der analogen Welt, sondern muss auch für die digitale Welt gelten. In der Schule von Silke Müller haben Digitalisierungsprozesse 2009 begonnen und seit 2013/2014 haben die Schüler*innen alle ein Tablet (elternfinanziert, es gibt einen unbürokratischen Sozialpool für Eltern, die finanzielle Unterstützung hierfür benötigen). Es wurde die Schulplattform IServ installiert, über die alle Schüler*innen und Lehrer*innen eine E-Mail-Adresse besitzen und kommunizieren können. Schulinterne Fortbildungen, Online-Kurse, ein digitales Hausmeister-Ticketsystem, digitale Schulbücher, digitale und hybride Konferenzen und Elternabende, um nur Einiges zu nennen, gehören zu der Weiterentwicklung der Prozesse. Es wurden drei Ziele für die Schulgemeinschaft festgelegt:

  1. Den Kindern müssen (auch niedrigschwellige) IT-Kenntnisse vermittelt werden.
  2. Alle an der Schule brauchen ein Grundverständnis für künstliche Intelligenz.
  3. Kinder (und unsere Gesellschaft) brauchen eine „digitale Ethik“

Eine regelmäßige Social-Media-Sprechstunde wurde für die Schülern*innen eingerichtet (vgl. S. 20 ff.).

Im dritten Kapitel schildert Silke Müller acht Fälle aus Ihrer Schule, die die Problematik, die ihr Buch behandelt, gut abbildet. Wegen des begrenzten Rahmens einer Rezension soll hier nur auf eine Auswahl von Beispielen näher eingegangen werden. Zum Teil wenden sich die Kinder- und Jugendliche selbst an die Lehrkräfte oder die Rektorin, weil sie Hilfe brauchen, weil sie in Situationen geraten sind, denen sie nicht gewachsen sind, Situationen, die ihnen Angst machen. Aber manchmal werden Schüler*innen auch zufällig erwischt, wenn sie trotz Verbot im Unterricht das Tablet für nicht erlaubte Seiten benutzen. Heute ist es weitverbreitet, dass Schüler*innen Profile auf diversen Plattformen besitzen (vgl. S. 35 ff.).

Das erste Beispiel handelt von einer Schülerin, die auf einer Chat-Plattform aktiv war. Die Zwölfjährige hatte sich dort als Sechzehnjährige ausgegeben und chattete mit einem erwachsenen Mann. Es wurden in diesem Chat von beiden Seiten sexuelle Wünsche an den Chat-Partner sehr detailliert beschrieben, der Mann formulierte perverse, pornografische Gedanken. Zufällig entdeckte ein Lehrer während des Unterrichts die geöffnete Chatseite auf dem Tablet der Schülerin. Er wand sich an Silke Müller, um zu entscheiden, wie man hier weiter verfahren soll. Es handelte sich um eine Chat-Plattform, die es schon sehr lange gibt, eine Online-Community, die zum Chatten einlädt. Das zwölfjährige Mädchen bittet den Mann, ein „Dickpic“ zu schicken (Bild seines erigierten Penis), was der Mann auch tat. Die Rektorin bezieht die beiden Konrektoren und die Sozialpädagogin in den weiteren Verlauf mit ein wie oft in kritischen Fällen. Hier stellten sich einerseits pädagogischen Fragen für das weitere Vorgehen mit der Schülerin und auch juristische Fragen, denn der Chat-Partner war offenbar ein pädophiler Mann. In einem solchen Fall ist auch die Polizei zu informieren. Die Schule entschied, dass am besten zuerst die Eltern zu informieren sind und ein gemeinsames Gespräch mit ihnen und dem Mädchen stattfinden sollte. Das Mädchen berichtete, dass es sich um eine Challenge unter den teilnehmenden Mädchen handelte, wer als Erste ein „Dickpic“ erhält. Es sei also „harmlos“ und viele machten hierbei mit. Obwohl die Schule Filtereinstellungen an den Geräten vorgenommen hat, lassen sich nicht alle unerwünschte Situationen verhindern. Die Lehrkräfte finden die Teilnahme an dieser Challenge nicht harmlos und lassen viele weitere Gespräche mit der Sozialpädagogin folgen. Silke Müller machte zudem einen Selbstversuch und meldete sich mit gefälschten Daten auf der Plattform als Vierzehnjährige an und bekam innerhalb von drei Minuten zweiunddreißig Kontaktanfragen von Männern. Sie löschte das Profil umgehend, die Tragweite dieser Plattform war sehr schnell erkennbar (vgl. S. 43 ff).

Bei dem zweiten Beispiel berichtet Silke Müller, wie sie von vier Schülerinnen des achten Jahrgangs schon vor Unterrichtsbeginn bei geöffneter Tür angesprochen wurde, ob sie ein Video sehen wolle, das gerade im Schulbus „geairdroppt“ wurde. Besorgt wollten die Schülerinnen wissen, ob sie schon gefrühstückt hätte. Die Kinder wussten, dass hier „harter Tobak“ gezeigt werden würde. Es war ein dreieinhalb minütiges Video, auf dem ein Mann mit einem Skalpell kastriert wurde. Offensichtlich fand dies in einem Wohnraum statt. Die Schreie des Mannes lassen erahnen, dass er nicht narkotisiert war. Bei der AirDrop-Technologie können Videos und Fotos datensparend versendet werden. Man kann an den Geräten voreinstellen, dass auch von Fremden ein Airdroppen zugelassen wird. Aus Neugier nehmen Kinder dann auch von Unbekannten häufig die Sendung per bestätigendem Klick an und diese wird dann automatisch in die eigene Bildergalerie heruntergeladen und geöffnet. Die vier Mädchen kannten den Absender nicht. Sie haben das Video aber gleich weiterversendet. Die Frage, ob sie solche Inhalte schon öfter erhalten haben, bejahten sie mit „ja, ständig“. Die Rektorin, die diesen Fall wieder im Schulleitungsteam bearbeitete, war von den verstörenden Bildern schockiert, es war kein Horrorfilm, sondern offenbar waren es reale Szenen. Kinder und Jugendliche zeigen solche Videos eher selten ihren Eltern, aus Angst, dass sie das Handy dann weggenommen bekommen würden. In der Schule von Silke Müller werden solche Ereignisse wahrgenommen und es wird sich, für eine professionelle und multidisziplinäre Bearbeitung, die Zeit genommen (vgl. S. 49 ff).

Beim dritten geschilderten Fall geht es um das Versenden von einem sogenannten Sticker (Sticker sind kleine digitale Bildchen, die per WhatsApp verschickt werden. Sie dienen als Emojis). Die Schulleiterin Müller wurde durch eine Polizistin darauf aufmerksam gemacht, da eine schulfremde Mutter, die das Handy ihres Sohnes genauer unter die Lupe nahm, den Sticker entdeckte und damit zur Polizei ging. Der Versender war ein Schüler aus Silke-Müllers-Schule. Der Sticker war ein Bildchen eines Mädchens im Grundschulalter, das auf einem Bett offensichtlich vergewaltigt wird. Auch hier schien es sich um eine reale Situation zu handeln, zu sehen in einem Chatverlauf einer Freundschaftsgruppe bei WhatsApp. Dieser Sticker wurde auch schon in Klassenchats versendet und dies sicher auch an anderen Schulen. Auch hier handelt es sich um ein weitreichendes pädagogisches Problem und außerdem um strafrechtliche Verstöße kinderpornographischen Inhaltes. Auch in diesem Fall werden die Eltern zu Gesprächen gebeten und es wird mit den Jugendlichen geredet. Ebenfalls finden flankierende Fürsorgegespräche nach den Gesprächen mit der Polizei und/oder Staatsanwaltschaft statt. Das Versenden von solchem Sticken lassen eine Empathielosigkeit erkennen, die es aufzuarbeiten gilt (vgl. S. 53 ff).

Beim vierten Beispiel geht es um Tierquäler-Videos auf Instagram, die Schülerinnen trotz Mitleids mit den Tieren (hier Welpen), die übelst misshandelt werden, liken (vgl. S. 66 ff).

Im fünften Beispiel berichtet die Autorin von einem Trend, der 2022 in vielen Schulen und in Elternhäusern für Aufregung sorgte. Bei dem Trend „Wofür ich blowen würde“ unter dem Hashtag # dingefürdieichblownwürde, zeigen sich Mädchen, oft in einem Kinderzimmer aufgenommen, in aufreizenden Bewegungen, sexuelle Handlungen imitierend, um möglichst viele Likes zu erhalten. Als Mädchenträume werden Konsumgüter, wie Schmuck, Schuhe, Kosmetik, aber auch ein bestimmter Notendurchschnitt beim Abitur mit in Szene gesetzt (vgl. S. 70 ff).

Beim sechsten Beispiel benutzen elfjährige Schüler*innen sogenannte Memes (eigentlich lustig gemeinte Fotos oder Videos mit Sprüchen versehen), die in diesem Fall u.a. den Nationalsozialismus, Hitler und den Holocaust verharmlosen. Zum Beispiel war da ein Meme mit dem Portrait von Anne Frank, das auf eine Tiefkühlpizza mit der Überschrift „Die Ofenfrische“ platziert worden war. Dies wurde in der Klassen-WhatsApp-Gruppe geteilt. Erneut geht es auch in diesem Beispiel nicht nur um die pädagogische und hier noch historische Aufarbeitung, sondern auch um die rechtliche Dimension des Falles (vgl. S. 75 ff). Bei älterem Schüler*innen wäre der Verfassungsschutz zu informieren gewesen. Bei dieser jungen Altersgruppe wurde neben der Sozialpädagogin auch der Fachbereich Geschichte mit in die Aufarbeitung des Falles einbezogen. Pädagogisch wurde mit Aufklärung und einem kurzen, von der Schule zusammengeschnittenen Video über die NS-Zeit, an die Bearbeitung herangegangen. Man ging von der Überzeugung aus, dass es Moral, Gewissen und Mitgefühl sind, die unser Verhalten steuern (vgl. S. 75 ff.).

Im vierten Kapitel beschreibt die Autorin sehr ausführlich die Herausforderungen, der sich Schulen stellen müssen. Aber auch die Eltern und Familien sind in der Pflicht. Die sozialisierende Welt heutiger Kinder besteht nicht nur aus der Welt des Elternhauses, der Schule, des Sports und des Freundeskreises, sondern auch der Welt der sozialen Netzwerke. In diesem Bereich fehlen allerdings Richtlinien, Hilfe, moralischer Kompass und Grenzen.

Der Medienkompetenzaufbau ist wohl im Bereich der Bildung in den Bundesländern verankert, jedoch muss auch den Schulen der Raum und die Zeit gegeben werden. Somit bleibt Medienerziehung an den meisten deutschen Schulen weiter ein Randthema. Für Silke Müller ist die Vermittlung einer „ethischen Orientierung zur Bewertung von Informationen auf dem Weg zur eigenen Medienmündigkeit“ der Haupt-Leitgedanke all ihrer Überlegungen. Der Hauptfokus im Netz müsse im Ansprechen von Herz, Verstand und moralischem Gewissen im Umgang miteinander liegen und im Aufbau der geforderten digitalen Ethik. Für den Umgang mit dem Netz bekommen Jugendliche bisher wenig Regeln und Kompetenz vermittelt.

In der Schule von Silke Müller wurde die Social-Media-Sprechstunde wöchentlich für alle Jahrgangsstufen eingeführt. Hier gibt es die Möglichkeit, über alles, was sich im Netz tut, mit einem Fachlehrer auszutauschen, alles absolut vertraulich. Die Schüler*innen können sich Rat holen, belastendes besprechen und Hilfe erhalten. Auch die Eltern sind über einen Rundbrief darüber informiert und angehalten, über diese Sprechstunde mit den Kindern zu reden. Der zuständige Fachlehrer hat den Spitznamen „Trendjäger“, da er ständig nach den neuesten Trends und Challenges bei TikTok und Instagram Ausschau hält und somit Unheil oft schon früh kommen sieht. Es geht in der Sprechstunde nicht um Sanktionieren, vielmehr um Zuhören und gemeinsames Suchen nach Lösungsmöglichkeiten, Hilfestellung und eine tröstende Schulter bei Problemen im Netz.

Silke Müller kennt und schätzt die Vorteile und Möglichkeiten, die sich durch soziale Netzwerke ergeben, erlebt aber auch täglich die Gefahren, die sich für Kinder und Jugendliche auftun. So gibt es harmlose Challenges, wie #macarenadancechallenge (1990), aber auch entwürdigende und zur Gewalt auffordernde Challenges wie „Happy Slapping“ (der Begriff „fröhliches Schlagen“ ist schon perfide gewählt für diese Taten), wo Schüler*innen unvorbereitet, ins Gesicht geschlagen oder getreten, diese Taten gefilmt und dann bei TikTok öffentlich zur Schau gestellt werden. In diesem Kapitel geht die Autorin noch auf zahlreiche andere Beispiele ein, die aufzeigen, womit heute Kinder und Jugendliche im Netz konfrontiert sein können; öfter als Erwachsene es bemerken. Die Leser*innen werden angeregt, ein paar Schlagworte zu recherchieren, um sich weiter zu informieren. So die TikTok Stichworte „Schultoiletten“ oder „Schmerztabletten und Alkohol“, „Blackout oder Ohnmacht-Challenge“ (Ohnmacht und Rauschzustände durch Sauerstoffmangel, herbeigeführt durch Würgen oder schnelles Atmen), Sexting (in Videos posen Jugendliche leichtbekleidet, anzüglich, teilweise den Intimbereich fokussierend und Nutzer werden zur Kontaktaufnahme aufgefordert). Silke Müller wurde durch Schüler auf die Internetseite krudplug.net aufmerksam gemacht, auf der tausende, ungefilterte Videos mit Morden, Folter und Vergewaltigungen frei zugänglich waren. Auch wenn die Schule auf ihrem Server diesen Zugang sperren ließ, können Kinder und Jugendliche solche Videos anderweitig sehen. 

In der Schule von Silke Müller werden Informationsabende für Eltern angeboten, bei denen Beispiele vorgestellt werden, die in der Schule aufgetaucht sind, natürlich anonymisiert. Vieles wissen die Eltern nicht, die Schule möchte diese sensibilisieren und anregen, selbst mit den Kindern diesbezüglich in Dialog zu treten und auch wachsamer zu sein. Silke Müller fordert ihre Leser*innen immer wieder dazu auf, sich bei TikTok oder anderen Plattformen einen eigenen Account anzulegen, um sich selbst ein Bild davon zu machen und davon, was ihre Kinder dort erleben (vgl. S. 96 ff).

Das fünfte Kapitel befasst sich mit praktischen Tipps, wie Eltern und Schulen Kinder- und Jugendliche vor Gefahren im Netz besser schützen können. Im ersten Hinweis geht es um die eigene Fortbildung der Eltern. Eltern werden angeregt, selbst bei den Plattformen und Netzwerken Profile anzulegen und Inhalte zu recherchieren, um zu wissen, was die Kinder dort erleben können. Auch bei Online-Spielen, wird zum Selbst-Spielen geraten, um unter anderem den Suchtfaktor kennenzulernen. Des Weiteren soll nach Chatfunktionen Ausschau gehalten werden. Gemeinsames Spielen oder das Zuschauen, wenn das Kind spielt, sind für Eltern ebenso aufschlussreich, wie die Netflix-Dokumentation „Das Dilemma mit den sozialen Medien“ aus 2020. Vor einem eigenen Zugang des Kindes zum Netz sollte das Sprechen über die Gefahren in der digitalen Welt stattfinden. Auch sollte den Kindern der Umgang mit Fake News und Deepfake-Nachrichten beigebracht werden. Hierzu können Nachrichten und Informationen auf den Wahrheitsgehalt hin überprüft werden, indem diese aus verschiedenen Quellen verglichen werden.

Schulen sollen beim Medienkompetenzaufbau primär das Miteinander im Netz miteinbeziehen. Jede Schule sollte regelmäßig Social-Media-Sprechstunden anbieten. Die Autorin erwähnt gute Anlaufadressen für Schulen. Es sind Initiativen, die Materialien, Webinare, Informations- und Handlungsempfehlungen als Unterstützung anbieten (vgl. S. 194). Am Schluss des fünften Kapitels schließt sich ein Interview mit dem Cyberkriminologen Prof. Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger zu der Problematik der Gefahren und Kriminalität im Netz an (vgl. S. 181 ff).

Im sechsten Kapitel beschreibt Silke Müller noch weitere Beispiel-Fälle und hebt noch einmal hervor, dass die beobachtete Verrohung bei vielen Kindern- und Jugendlichen besorgniserregend ist. Sie fordert erneut eine digitale Ethik und verweist auf Artikel 3 des Grundgesetzes und stellt den Bezug zum Netz her. Im Netz werden vielfach Minderheiten verhöhnt und gedemütigt. Toleranz und Respekt werden immer wieder mit Füßen getreten. Es sind die Erwachsenen, die die Verantwortung tragen, dass Kinder mehr Sicherheit im Netz haben, dass einem Abstumpfen und einer Verrohung entgegengewirkt wird. Es sind die Eltern, Lehrer*innen, Politiker*innen in der Pflicht (vgl. S. 207 ff).

Diskussion

Der Cyberkriminologe Prof. Dr. Thomas-Gabriel Rüdiger bestätigt in dem Interview im fünften Kapitel die Gefahren für Kinder- und Jugendliche im Netz und stellt ähnliche Forderungen, wie Silke Müller, um Kinder besser im Netz schützen zu können. Kinder bekommen oft schon zum Schuleintritt ein Handy, aber nicht alle Eltern sind in der Lage, diese auf die Gefahren im Netz ebenso vorzubereiten, wie sie das im realen Leben, zum Beispiel bezüglich der Gefahren im Straßenverkehr, tun. Deshalb muss es gesellschaftliche Lösungen geben. Laut Professor Rüdiger ist die Schule der Ort für diese Aufgabe, möglichst ab der 1. Klasse. Österreich geht hier voran mit dem Schulfach Digitale Grundbildung. Auch die Polizei müsste sich hier mehr einbringen. Vermittlung von Medienkompetenz kann laut Professor Rüdiger auch als Kriminalprävention verstanden werden (vgl. S. 197 ff).

Silke Müller stellt im dritten Kapitel, nach einer Einführung in den ersten beiden Kapiteln, die Bandbreite der Thematik des Buches anhand ausgewählter Beispiele sehr ausführlich dar. Sie zeigt die Sorgen, Probleme und Ängste auf, die Schüler*innen ihr anvertrauen, die sich in der digitalen Welt für diese ergeben. Für Silke Müller sind ihre Schüler*innen nicht nur Schüler*innen, ihr liegen die einzelnen Kinder und Jugendliche als einzelne Menschen am Herzen. Sie ist sehr empathisch und das ist eine gute Voraussetzung für ihren positiven Zugang zu dem Schüler*innen, sodass sich diese auch vertrauensvoll mit ihren, teils sehr intimen Problemen, die sie im Umgang mit der Netzwelt erleiden, an sie wenden.

An Silke-Müllers-Schule scheint das persönliche Engagement, auch der Einsatz von Freizeit für die Kinder und die Schule sehr ausgeprägt zu sein (vgl. S. 31 f).

Bei den Schilderungen der Fall-Beispiele erkennt man sehr deutlich das echte Ausloten des Teams, welche Intervention hier am lehrreichsten und wirkungsvollsten sein würde. Es geht nicht um schnell ausgesprochene Verbote, sondern die Schüler*innen sollen eine Einsicht in ihr Fehlverhalten gewinnen. Dies wird am ehesten erreicht, wenn auch das Herz und die Gefühle angesprochen werden, wenn Empathie mit den Opfern geweckt werden kann.

Die Autorin kritisiert in diesem Zusammenhang die Lehrer-Ausbildung, das Referendariat und auch Weiterbildungsmöglichkeiten, die den Lehrer*Innen nicht genügend Rüstzeug für diesen Themenbereich bieten. Wer bereitet eine Lehrerin vor, wie sie vorzugehen hat, wenn sie z.B. wie im dritten Kapitel, im dritten Beispiel von einem Schüler erfährt, der Bildchen verschickt, die ein Kind zeigen, das offensichtlich vergewaltigt wird? Wie bringt man dies den Eltern des Jungen bei? Sind alle Lehrer auch juristisch genügend ausgebildet? Wissen sie, dass dieser Fall unter § 184b fällt (Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornografischen Inhalts)? Diese strafrechtlichen Aspekte sind für das Lehrpersonal auch eine besondere Herausforderung. Wenn Jugendliche, was offenbar vielfach passiert, Nacktbilder oder Bilder in aufreizenden Posen von sich selbst versenden, wären das juristisch ja schon kinderpornografische Inhalte. Somit werden immer mehr Minderjährige auch zu „Tätern“, weil sie selbst solche Inhalte herstellen, besitzen oder verbreiten. Diesbezüglich zitiert Silke Müller den Cyberkriminologen Dr. jur. Thomas-Gabriel Rüdiger (vgl. S. 59). Wie man sieht, auch rechtliche Aufklärung zu dieser Thematik im Bereich von Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern tut Not.

In vielen Schulen werden solche Situationen gar nicht erst bemerkt oder aufgegriffen. Die regelmäßig angebotenen Social-Media-Sprechstunden sind für die Schüler*innen der Waldschule Hatten eine große Unterstützung. Hier können sie Sorgen, Beobachtungen, Ängste und Probleme vertraulich ansprechen und bei Problemen Hilfe erhalten (vgl. S. 33 ff, S. 102 ff). Auch das Prinzip der offenen Türen bei Schulleitung und Kollegium (vgl. S. 49 ff) lädt die Kinder ein, mal schnell reinzukommen und etwas zu berichten, was Sorgen oder Probleme bereitet. Ich bin sicher, da wird viel aufgegriffen, was an Schulen mit verschlossenen Türen verborgen bleibt.

Silke Müller bemerkt in den Gesprächen mit Schüler*innen immer wieder eine Teilnahmslosigkeit gegenüber Opfern, mangelnde Empathie und sogar eine gewisse Abstumpfung und Verrohung und ist diesbezüglich sehr besorgt (vgl. S. 63 ff). Die Aussage einer fünfzehnjährigen Schülerin von Silke Müller: “Die Erwachsenen wissen doch gar nicht, was so alles verschickt wird. Früher hatte ich manchmal Albträume, aber eigentlich hab ich mich jetzt dran gewöhnt“ (S. 49), zeigt die Problematik des Abstumpfens und Verrohens sehr gut. Auch im Umgang mit Intimität und Sexualität erscheinen manche Jugendliche verroht zu sein, was einige Beispiele zeigen.

In vielen Schulen wird die Digitalisierung rein vom Technischen her verstanden und der Schüler als Mensch aber oft vergessen. Die Autorin wünscht sich den Fokus auf das Herz, den Verstand und das moralische Gewissen (vgl. S. 105). Beim Rückblick auf die beschriebenen Beispiele und dem Wissen, was Schüler*innen so alles auf diversen Plattformen und in ihren sozialen Netzwerken zu sehen bekommen, sind die Forderung von Silke Müller mehr als berechtigt und offenbar besteht an den meisten Schulen Bedarf. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Im vierten Kapitel geht Silke Müller u.a. auf TikTok und Co. ein und problematisiert, dass zunehmend mehr Schüler*innen unbegrenzten Zugang ins Netz haben; teilweise wird erlaubt, dass das Handy mit ins Bett genommen wird. Likes und Follower bekommen bei Kindern- und Jugendlichen immer mehr an Bedeutung. Als Berufswunsch wird an der Schule von Silke Müller oft Influencer oder Youtuber genannt. Bei den beschriebenen Challenges und Trends sind einige lustig und harmlos, aber es sind auch gefährliche, verwerfliche und strafrechtlich relevante dabei, wie Blackout-Challenge oder Happy Slapping (vgl. S. 118 ff).

Die Autorin klärt über zahlreiche Fakten auf und Leser*innen werden sicher Vieles erfahren, was ihnen zuvor nicht bekannt war. Silke Müller bietet viele Fakten und Begriffe, alles ist gut und verständlich erläutert. Besonders im Spielebereich das Cybergrooming (das Anbahnen von sexueller Gewalt gegen Minderjährige im Internet) erscheint mir besonders erwähnenswert, da sicher viele Eltern und Lehrer*innen nicht wirklich Ahnung davon haben (vgl. S. 153 ff.).

Ergänzend möchte ich noch darauf verweisen, dass auch die Radikalisierung von Jugendlichen vielfach über das Netz läuft. Kriege (aktuell der Russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Folgekrieg auf das terroristische Massaker an jüdischen Zivilisten in Israel) toben auf sozialen Netzwerken und Plattformen. Vielfach sind sie mit Fehlinformationen, Falschinformationen und Propaganda bestückt und zielen auf junge Nutzer. Viele junge Nutzer beziehen ihre Informationen nur noch über Plattformen und Social-Media. Besonders muss Kindern- und Jugendlichen das nötige Rüstzeug mitgegeben werden, dass sie sich relativ sicher und aufgeklärt im Netz bewegen können, ausgestattet mit einem ethischen Kompass und einer gesunden Kritikfähigkeit.

Ergänzend zu den Vertiefungshinweisen der Autorin möchte ich noch einige hinzufügen:

  • Profil.at vom 22 06.2023: Die Tricks der Islamisten, „So radikalisieren sie Junge im Netz“.
  • Klicksafe.de vom 12.10.2023: „Salafistische Propaganda online“.
  • Tagesschau.de vom 23.11.2023: Krieg in sozialen Netzwerken, „Warum pro-palästinensische Posts dominieren“.
  • Tagesschau.de vom 28.11.2023: Desinformation zu Israel, „Vom Opfer zum Täter gemacht“.

Abschließend wünsche ich SchülerInnen und Eltern möglichst viele so engagierte Schulleiter*innen und Lehrkräfte, wie an der Waldschule Hatten.

Fazit

Das vorliegende Buch kann für die Zielgruppe Eltern, Großeltern, Erzieher*innen, Lehrer*innen und Politiker*innen uneingeschränkt empfohlen werden. Es zeigt auf, was den Familien und Lehrer*innen oft nicht bekannt ist, was Kinder- und Jugendliche im Netz so alles erleben und erleiden. Das Buch bietet viele wichtige Fakten und Informationen, aber auch wertvolle Tipps für Eltern und Schulen und dazu Anlaufstellen für interessierte Schulen und Lehrer*innen. Die Vermittlung eines moralischen Kompasses und ethischer Werte darf nicht nur in der realen Welt Bedeutung haben.

Rezension von
Beate Sonsino
M.A. - Tätig in der Aus- und Fortbildung von Lehrern und pädagogischem Fachpersonal
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ISSN 2190-9245