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Justine van Lawick, Margreet Visser u.a.: Kinder aus der Klemme

Rezensiert von Dr. Franziska Baumbach, 05.12.2023

Cover Justine van Lawick, Margreet Visser u.a.: Kinder aus der Klemme ISBN 978-3-8497-0170-3

Justine van Lawick, Margreet Visser, Hildegard (Übersetzer) Höhr: Kinder aus der Klemme. Interventionen für Familien in hochkonflikthaften Trennungen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 195 Seiten. ISBN 978-3-8497-0170-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Systemische Therapie.

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Thema

In konflikthaften Trennungen geraten die Kinder zwischen die Fronten. Die Autorinnen haben mit ihrem Programm Kinder aus der Klemme einen Weg gefunden, der es allen Beteiligten ermöglichlicht, den Blick wieder auf die Kinder zu richten.

Autor:in

Justine von Lawick ist Klinische Psychologin, Psychotherapeutin, Familientherapeutin und Trainerin der niederländischen Vereinigung für Beziehungs- und Familientherapie. Margreet Visser ist kognitive Gestalttherapeutin und EMDR-Therapeutin; sie ist Koordinatorin und klinische Psychologin am Kinder- und Jugendlichentraumazentrum in Haarlem, Niederlande.

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint in der Reihe Systemische Therapie und Beratung, welche grundlegende Texte der systemischen Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien und Kindern präsentiert. Das Programm „Kinder aus der Klemme“ entstand in Folge der Unzufriedenheit darüber, dass bei der Behandlung von Eltern und/oder Kindern in sehr komplexen Trennungssituationen häufig unzureichende oder keine Ergebnisse erzielt wurden.

Aufbau

Das Buch legt nach der Einleitung zunächst die notwendigen theoretischen Grundlagen zum Thema eskalierende Konflikten und hochkonflikthafte Trennungen (Kapitel 2), bevor im dritten Teil die Methode dargestellt wird. Der Anhang enthält viele konkrete Vorlagen für die praktische Arbeit.

Inhalt

In der Einleitung (Kapitel 1) wird dargelegt, wie sehr die Kinder strittiger Eltern unter den Trennungskonflikten leiden. Die Eltern selbst sind so verstrickt in ihre Konflikte, dass sie oft kein Gefühl dafür zeigen, welche Auswirkungen ihre Auseinandersetzungen auf ihre Kinder haben. Dies kann als eine Form der Kindesmisshandlung gelten (15). Ziel ist, den Streit zwischen den Eltern zu deeskalieren, um eine sichere Umgebung zu schaffen, in der die Eltern sich entspannen und sich wieder ihren Kindern zuwenden können (17).

Das zweite Kapitel befasst sich mit den charakteristischen Merkmalen von hochkonflikthaften Trennungen und stellt dar, dass bisher kaum erfolgversprechende Interventionen im Sinne der Kinder bekannt sind. Im dritten Kapitel wird die Methode Kinder aus der Klemme erklärt.

Den Kern des Programms Kinder in der Klemme bildet eine spezielle Multifamilientherapie: Jeweils sechs Familien werden gleichzeitig behandelt. Es findet eine Elterngruppe parallel zu einer Kindergruppe statt. Statt wie gewohnt zu zweit in alte Muster zu verfallen, werden die Eltern angeregt, neue Sichtweisen zu entwickeln. Die Kinder merken, dass nicht nur sie allein in der Klemme sitzen. Das Kapitel stellt den Ablauf zunächst übersichtlich in einer Tabelle dar, um ihn anschließend Schritt für Schritt zu erklären. Einem Skript gleich werden der Ablauf der einzelnen, insgesamt acht Sitzungen genau geschildert und erklärt. Im Anhang finden sich fast alle Materialien (Vorlagen für E-Mails, Hausaufgaben u.ä.), für die durchzuführenden Übungen gibt es genaue Anleitungen. Auch die geforderte Haltung der Therapeut:innen wird ausführlich beschrieben.

Das Programm besteht aus Übungen zur Selbstreflexion und Körperwahrnehmung, Rollenspielen, Kleingruppenarbeit und auch Hausaufgaben, in denen die Netzwerke der Beteiligten miteinbezogen werden. Die Eltern bekommen u.a. die Hausaufgabe, eine Erzählung über ihre Trennung zu entwickeln, mit der die Kinder leben können. In drei Infomationsrunden werden Eltern destruktive Muster, Auswirkungen der Streitigkeiten auf die Kinder und Deeskalation, Traumareaktionen und Toleranzfenster behandelt. Einen Schwerpunkt bilden die Gespräche zwischen den Teilnehmenden, in denen sie sich im Laufe des Programms gegenseitig motivieren, Lösungen zu finden.

Diskussion

Der theoretische Teil legt eine gute Grundlage für ein grundsätzliches Verständnis von Ex-Partner_innen in hochkonflikthaften Trennungen. Die folgende genaue Beschreibung des Ablaufs des Programms vermittelt ein konkretes, bestechendes Bild des Programms. Die Leserin bekommt – nicht zuletzt durch die Schilderung vieler Beispielsituation aus der Praxis – fast das Gefühl, einem Durchlauf beizuwohnen. Der Ansatz der Gruppentherapie wird hier sehr überzeugend und plausibel: Weil die Eltern in der Gruppe miterleben, wie andere Eltern streiten, wird das Gefühl hervorgerufen, anders sein zu wollen als das, was sie vor sich sehen (91). Bei all dem Lob soll hier der Mangel an geschlechter-reflektierender Sprache und die sehr (hetero)normative Rede von Mutter-Vater-Kind-Familien nicht unerwähnt bleiben (ein einziges Mal werden gleichgeschlechtliche Paare erwähnt; Seite 73). Außerdem erstaunt die fast boulevardeske Rede von „Familientragödien“ (Mord an der Ex-Partnerin und/oder Kindern, Selbstmord; Seite 56f), wo es angemessener wäre von Mord bzw. Femizid zu sprechen.

Fazit

Das Buch liefert einen fundierten, überzeugenden und äußerst praxisnahen Einblick in „Kinder aus der Klemme“. Es kann einerseits als Skript für die Durchführung des Programms dienen, nachdem das entsprechende Training durchlaufen wurde. Andererseits ist es für alle Fachkräfte interessant, die mit konflikthaften Eltern zu tun haben, weil es über die Dynamiken und Hintergründe konkret, verständlich und aus systemischer sowie familientherapeutischer Perspektive aufklärt, während in vielen Beispielen auch Betroffene zu Wort kommen.

Rezension von
Dr. Franziska Baumbach
Lehrbeauftragte an der KHSB Berlin und Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe in Berlin
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Es gibt 11 Rezensionen von Franziska Baumbach.

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Zitiervorschlag
Franziska Baumbach. Rezension vom 05.12.2023 zu: Justine van Lawick, Margreet Visser, Hildegard (Übersetzer) Höhr: Kinder aus der Klemme. Interventionen für Familien in hochkonflikthaften Trennungen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-8497-0170-3. Reihe: Systemische Therapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30922.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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