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Dagmar Herzog: Cold War Freud

Rezensiert von Dr. Hans-Adolf Hildebrandt, 01.03.2024

Cover Dagmar Herzog: Cold War Freud ISBN 978-3-518-29993-7

Dagmar Herzog: Cold War Freud. Psychoanalyse in einem Zeitalter der Katastrophen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2023. 450 Seiten. ISBN 978-3-518-29993-7. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR, CH: 38,50 sFr.
Reihe: suhrkamp taschenbuch wissenschaft - 2393.

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Thema

In diesem Buch befaßt sich Herzog mit den verschiedenen Strömungen der Psychoanalyse der Moderne und stellt exemplarisch die oft konkurrierenden konservativen und progressiven Schulen und ausgewählte Vertreter derselben dar.

Autor

Die Arbeitsschwerpunkte der Autorin, einer amerikanischen Historikerin, liegen unter anderem im Bereich der Geschichte von Sexualität und Gender. Sie ist keine Psychoanalytikerin. Als Historikerin arbeitet sie vor allem den politischen, kulturellen und sozialen Kontext der verschiedenen psychoanalytischen Theorieansätze heraus.

Entstehungshintergrund

Herzog verfolgt mit ihrem Buch die Absicht, die Geschichte der Psychoanalyse und der politischen Linken im Westen neu auszurichten. Mit der Auswahl der von ihr dargestellten Vertreter der Psychoanalyse möchte sie angesichts der Vielfalt und des Facettenreichtums der Psychoanalyse seit Freud vor allem die in Vergessenheit Geratenen oder Missverstandenen wieder ins Licht gegenwärtiger Diskussionen rücken.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei große Abschnitte (I. Die Welt draußen lassen, II. Erbschaften des Nationalsozialismus, III. Freud radikal) mit jeweils zwei Unterkapitel gegliedert.

Bereits in der Überschrift des 1. Kapitels bringt die Autorin zum Ausdruck, dass aus ihrer Sicht die Geschichte der Psychoanalyse durch Kämpfe um die Kontrolle und das „richtige“ Verständnis Freudscher Theorien und klinischer Praxis geprägt ist. Das erste Kapitel ist den ich-psychologischen und neofreudianischer Strömungen in den USA und der zunehmenden Entpolitisierung und Medikalisierung unter dem Einfluss konservativer und christlicher Strömungen in der amerikanischen Gesellschaft gewidmet. Im Mittelpunkt der Ausführungen steht Karen Horney, die sich kritisch mit Freuds Ansichten zur Sexualität auseinandersetzte, aber auch die unter dem Einfluss christlicher Strömungen aufgekommene Auseinandersetzung um die Vereinbarkeit von Freudscher Theorie und (konservativem) Christentum.

Unter dem Titel „Die Beharrlichkeit der Homophobie und die Neuerfindung der Psychoanalyse“ behandelt die Autorin im zweiten Kapitel die Rivalität zwischen Psychoanalyse und Sexualwissenschaft und untersucht die Auswirkungen der sexuellen Revolution und der sexualwissenschaftlichen Forschungen auf die psychoanalytische Sexualtheorie, die vor allem in den USA Homosexualität als anormal verstand. Unter dem zunehmenden Einfluss der Populärpsychologie und konkurrierender Psychotherapieformen erfolgt ein Wechsel zum Paradigma der narzisstischen Persönlichkeitsstörungen. In den 1980er-Jahren wurde schließlich auch das Monopol der Psychiater gebrochen und nichtärztliche Psychologen gewannen an Bedeutung. Schließlich ersetzte die Rezeption der Objektbeziehungstheorie die triebbasierte Version des Freudianismus.

Im dritten Kapitel zeigt Herzog, dass erst die Auseinandersetzung mit der Traumatisierung der Vietnamkriegsveteranen dazu beigetragen hat, einen von Antisemitismus unverfälschten Blick auf die psychischen Folgeschäden der Menschen, die die Nazi-Zeit überlebt haben, zu gewinnen. Zuvor waren Entschädigungsansprüche von Überlebenden meist abgelehnt worden. Zu den schärfsten Kritikern der Entschädigungsgegner gehörte Kurt Eissler. Der Streit um Entschädigungsansprüche von Holocausüberlebenden, Vietnamkriegsveteranen und Folteropfern führte schließlich zur Aufnahme der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) als eigenständiges Krankheitsbild ins DSM. Im Mittelpunkt des vierten Kapitels steht die Frage, ob Menschen von Natur aus aggressiv seien oder nicht, aber auch die Rezeption der Psychoanalyse als klinisches und kulturkritisches Projekt. Von der Autorin wird dieses Thema mit den beiden Namen Alexander Mitscherlich und Konrad Lorenz verbunden. Vertrat Lorenz die Ansicht, dass Aggression nicht als Kraft des Bösen zu verstehen sei, stand ihm mit Mitscherlich ein Kontrahent gegenüber, der sich darum bemühte, die Freudsche individualistische Aggressionstheorie mit den kollektiven Phänomenen gesellschaftlicher Konflikte zu verbinden.

Im fünften Kapitel geht es um das bereits bei Karen Horney und Erich Fromm in den 1930er- und 1940er-Jahren einsetzende, von Gilles Deleuze und Felix Guattari in den 1970er forcierte schwindende psychoanalytische Interesse an ödipalen Konflikten. Die beiden letztgenannten vertreten jedoch keine vernichtende Kritik an der Psychoanalyse in ihrer Gesamtheit, sondern sind von der gegenseitigen Verflechtung von Selbst und Gesellschaft überzeugt. Lässt sich die Psychoanalyse auch auf fremde Ethnien anwenden, bzw. bringen unterschiedliche Kulturen jeweils verschiedene Arten des Selbst hervor? Diese Fragen stehen hinter der sogenannten Ethnopsychoanalyse und das letzte Kapitel ist ihren bekanntesten Vertretern, Fritz Morgenthaler, Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy gewidmet. Ihre Forschungen fanden das Interesse der Neuen Linken, einer Generation, die die Faszination ihrer Eltern für die Nazis verstehen wollten, sich des radikalen jüdischen Denkens zuwandten und die eigene Orientierungslosigkeit versuchten zu überwinden.

Diskussion

Der Titel des Buches ist in der deutschen Übersetzung im Original gelassen worden und erzeugt beim Rezensenten eine Irritation, denn er verbindet zwei historisch unvereinbare Phänomene, ein Zusammenhang erschließt sich nicht unmittelbar.

Die Blütezeit Freuds lag vor dem Zweiten Weltkrieg und der Kalte Krieg, der Konflikt zwischen den Westmächten und dem sogenannten Ostblock, zwischen 1947 und 1989. Auf den zweiten Blick lässt sich durch die Lektüre des Buches vermuten, dass mit dem Ausdruck „Kalter Krieg“ nicht nur die historische Zeit, sondern auch die zerstrittene psychoanalytische Familie gemeint ist, deren Vertreter, Abtrünnige, Dissidenten und Abweichler sich oft unversöhnlich gegenüberstehen. Würde man den Untertitel allerdings so verstehen, dass die Antworten der Psychoanalyse auf die Katastrophen der Moderne gemeint sind, würde man bei der Lektüre enttäuscht, denn erst in ihrem Nachwort lenkt Herzog kurz die Aufmerksamkeit der Leser auf die Herausforderungen, vor der die Psychoanalyse -nach Ansicht des Rezensenten – in der Gegenwart steht.

So zitiert sie Paul Parin: „Psychoanalyse ist ohne den Angriff auf die herrschenden Verhältnisse nicht möglich, die Gesellschaftskritik ist ihr inhärent. Ich weiß, dass viele Kollegen und Kolleginnen anderer Ansicht sind“ (S. 261). Sehr klar bringt Sammy Speier das Versäumnis der Psychoanalyse in der Zeit des Kalten Krieges auf den Punkt: „Allmählich wurde mir bewusst, dass hinter meiner Angst und der Kollegen und Patienten, den Psychoanalytiker, die Psychoanalyse zu befragen, nicht die Angst steht, die Tür zum Elternschlafzimmer zu öffnen, deren „Urszene“ ansichtig zu werden, sondern eher die Angst, die Tür zu den Gaskammern zu öffnen“ (S. 265). Noch radikaler Johannes Cremerius: „. daß die Verweigerung der Psychoanalytiker, zu gesellschaftlichen Themen Stellung zu nehmen, auf einer völligen Realitätsverkennung beruhe“ (S. 264). Wollte man also vom „Kalten Krieg“ in der Psychoanalyse sprechen, dann würde es um das Ringen zwischen Kultur und Trieb, um den Konflikt zwischen individualpsychologischen und kollektiven Dimensionen gehen.

Ein Konflikt, der auch hinter der aktuellen Krise der Psychoanalyse steht und sich u.a. darin zeigt, dass viele Lehrstühle an den Universitäten nicht wieder mit Psychoanalytikern besetzt worden sind, eine der letzten beiden psychoanalytisch ausgerichteten Professuren in Deutschland an der Universität Frankfurt nicht mehr ausgeschrieben wurde und die Psychoanalyse an den Hochschulen unübersehbar an den Rand gedrängt worden ist. Die Dominanz der Verhaltenstherapie in der stationären und ambulanten Behandlung psychisch Kranker scheint dem Zeitgeist zu entsprechen, insofern als alles Störende möglichst umgehend und ohne Anstrengung beseitigt werden soll, ein vertieftes, zeitaufwendiges und mit Anstrengung, Enttäuschung und Rückschlägen verbundenes Bemühen um Verständnis innerseelische und unbewusster Konflikte hingegen unerwünscht ist.

Diese Entwicklung lässt sich nicht durch eine Stärkung der gemeinsamen Wurzeln der von Zersplitterung bedrohten psychoanalytischen Bewegung aufhalten. Auch nicht durch eine historische Aufarbeitung des politisch-gesellschaftlichen Kontextes psychoanalytischer Debatten und Abspaltungen. Denn: „Wer zur Veränderung der Psychoanalyse schrieb, resignierte bei der Feststellung, daß bereits die Generation zuvor ähnliche Forderungen begrüßte – und ergebnislos versandete“ (Michael Buchholz). Das Bemühen, die Diskussionen über die Geschichte der Psychoanalyse neu zu entfachen und auszurichten, die in Vergessenheit geratenen, Missverstandenen, falsch interpretierten wieder ins Bewusstsein zu rücken, die Kompetenz der Historikerin also, stößt an ihre Grenzen, wenn es beim folgenlosen Rückblick bleibt, anstatt sich den Schwierigkeiten des Lebens in der Postmoderne zu stellen und sich nicht in das vermeintliche Refugium der Individualpathologie zu flüchten.

Es lässt sich einwenden, dass es angesichts der Vielfalt stark divergierender Strömungen dem geistvollen Reichtum der Psychoanalyse zuwiderlaufen würde, von „Abtrünnigen“, „Dissidenten“ oder „Abweichlern“ zu sprechen, zumal dieser Sprachgebrauch fatal an die Zeit des Stalinismus erinnert. Andererseits lässt sich auch nicht von der einen Wahrheit, der einen wissenschaftlichen Erkenntnis, der einen Deutung sprechen, weil die Psychoanalyse keine Naturwissenschaft, sondern eine hermeneutische Methode ist.

Aus der Geschichte der Psychoanalyse sind von Irrationalität geprägte heftige Kämpfe und Eifersüchteleien bereits zu Zeiten des Geheimkomitees bekannt. Wenn wir nach einer Erklärung für den die Psychoanalyse bereits zu Freuds Zeiten prägenden doktrinären Geist, nach der Verwandlung der Psychoanalyse als Theorie und Therapie in eine fanatische Bewegung suchen, dann sollte unsere Suche im Selbstverständnis von Freud einsetzen, der sich bewusst als Wissenschaftler und Therapeut sah, unbewusst aber – in Identifikation mit Hannibal und Moses – als kulturell-ethischer Führer, dessen Interesse über das einer bloß medizinischen Heilung hinausging. Er wollte den Menschen helfen, ihre Leidenschaften durch die Vernunft zu überwinden, ausgedrückt in dem bekannten Satz: „Wo Es war, soll Ich werden“ [1]. Seine rationalistische und liberale Begeisterung erstickte jedoch im städtischen Kleinbürgertum nach dem ersten Weltkrieg und versandete im Kreis von Anhängern, die lediglich die Terminologie erlernten.

Fazit

Die Geschichte der Psychoanalyse ist seit ihren Anfängen eine zunehmende Entfremdung von den ursprünglichen humanistischen Zielen Freuds, die weit über Krankheit und Therapie hinausgehen, weniger abhängig von gesellschaftspolitischen Einflüssen sind, wie es Herzog darstellt, in deren Verlauf radikales politisches und philosophisches Interesse einer konformistischen Bürokratie gewichen ist. In diesem Sinne fehlt es der Analyse der Historikerin Herzog an der notwendigen Radikalität.


[1] S.Freud: Neue Folgen der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, G.W.Band 15, S. 1-197, 

Rezension von
Dr. Hans-Adolf Hildebrandt
Diplom-Pädagoge, M.A., Kinder- und Jugendpsychotherapeut ­(bkj, DFT), Gruppenanalytischer Organisationsberater, und Diplom-Supervisor (D3G, DGSv), Gruppenpsychotherapeut (D3G), Forensischer Sachverständiger Familienrecht (IQfSV)
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Es gibt 9 Rezensionen von Hans-Adolf Hildebrandt.

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Zitiervorschlag
Hans-Adolf Hildebrandt. Rezension vom 01.03.2024 zu: Dagmar Herzog: Cold War Freud. Psychoanalyse in einem Zeitalter der Katastrophen. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2023. ISBN 978-3-518-29993-7. Reihe: suhrkamp taschenbuch wissenschaft - 2393. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30924.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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