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Susanne Römer: Inklusive Lernszenarien

Rezensiert von Prof. Dr. Norbert Störmer, 04.12.2023

Cover Susanne Römer: Inklusive Lernszenarien ISBN 978-3-7329-0940-7

Susanne Römer: Inklusive Lernszenarien. Das Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en). Frank & Timme (Berlin) 2023. 394 Seiten. ISBN 978-3-7329-0940-7. D: 49,80 EUR, A: 49,80 EUR, CH: 74,70 sFr.
Reihe: Inklusion und Gesellschaft - 5.

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Thema

Mit dem „Übereinkommen der Vereinigten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung“ (UN-Behindertenrechtskonvention) aus dem Jahre 2006, in Deutschland im Jahre 2009 ratifiziert, wurde, ausgerichtet an dem Begriff der Inklusion, eine intensive Debatte über die der Gesellschaft eingebundenen Aspekte der Ausgrenzung forciert und Veränderungen hinsichtlich der vollen gesellschaftlichen Teilhabe eingefordert. Insbesondere hinsichtlich der in der UN-Behindertenrechtskonvention eingegangenen Verpflichtungen bezogen auf den Erziehungs- und Bildungsbereich entwickelte sich eine bis heute anhaltende teils heftige Diskussion über die Umsetzung der mit dem Begriff der Inklusion verbundenen Vorstellungen. Im Freistaat Sachsen wurde im Zusammenhang mit dieser Diskussion im Rahmen der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften aller Schularten ein Zertifikationskurs für inklusive Unterrichts- und Schulentwicklung (ZINT) für Lehrkräfte entwickelt. Die Autorin des vorliegenden Buches war über die gesamte Zeit der Konzipierung und Umsetzung dieses Zertifizierungskurses die Projektleiterin dieses Kurses. Ihre im Rahmen dieser Arbeit gewonnenen Erfahrungen flossen zunächst einmal ein in die Gestaltung ihrer im Jahre 2014 veröffentlichen Dissertation (vgl. Römer 2014). In den unterschiedlichen Formaten der von der Autorin durchgeführten Aus-, Fort- und Weiterbildungen verwendete sie oft kurze „Szenarien“, um die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mitgebrachten Fragestellungen zu der jeweiligen Thematik „für sich selbst“ besser erfahrbar werden zu lassen. Mit dem vorliegenden Buch versucht die Autorin derartige ihr wichtige „Szenarien“ und die ihnen zugrunde liegenden Situationen wie auch das ihnen zugrunde liegende Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) nachvollziehbar zu verdeutlichen.

Autorin

Dr. phil. Susanne Römer lehrt am Zentrum für Lehrer:innenbildung und Schulforschung an der Universität Leipzig, u.a. im Fachgebiet Sonderpädagogik. Sie ist Senatsbeauftragte für Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen an der Universität Leipzig. Sie hatte eine langjährige Vertretungsprofessur an der Hochschule Zittau/Görlitz für Heilpädagogik/​Inclusion Studies inne und arbeitete zudem als Projektleiterin des Zertifikatskurses für inklusive Unterrichts- und Schulentwicklung (ZINT) für Lehrkräfte in Sachsen sowie als Hörgeschädigtenpädagogin und Grundschullehrerin.

Entstehungshintergrund

Zu der Entstehung dieses Buches haben ganz sicher die bisherigen Erfahrungen der Autorin in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften beigetragen. Dies wird auch in der Einleitung (S. 11) explizit zum Ausdruck gebracht. Zudem verweist die Autorin an anderer Stelle darauf (S. 17), dass ein Erfahrungsbericht von Helmut Gensler (2006) den letztendlichen Anstoß für das vorliegende Buch gegeben habe. Denn in diesem Bericht werden didaktische Impulse gegeben, wie Aspekte von Einschränkungen für andere Menschen erfahrbar gemacht werden können. Die hier geschilderten Erfahrungen wurden dann der Ausgangspunkt für die Autorin dafür, ähnliche Angebote für unterschiedliche Entwicklungsbereiche zu entwickeln.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einer Einleitung (S. 11). Sodann wird die Entstehung des Konzepts der reflektierten Selbsterfahrung(en) skizziert (S. 17). In dem danach folgenden Kapitel 1 stellt die Autorin ihr Grundverständnis von Inklusion vor (S. 23). Dabei geht sie von einem gesellschaftspolitischen und einem bio-psycho-sozialen Zugang aus.

Im Kapitel 2 (S. 51) stellt die Autorin sodann ihr Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) vor. Dazu geht sie im Kapitel 2.1 auf alternative Zugänge zum Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) und im Kapitel 2.2 auf inklusive Lernszenarien ein.

Das Kapitel 3 widmet sich dann der Didaktik und Methodik der reflektierten Selbsterfahrung(en) (S. 77). Konkret werden im Kapitel 3.1 die didaktischen Grundlagen skizziert und im Kapitel 3.2 wird auf Methoden und die Organisation von „Szenarien“ eingegangen.

In dem Kapitel 4 stellt die Autorin dann vier theoretische Zugänge zu den „Szenarien“ dar (S. 91). Diese sind das Konzept der Beziehungsgestaltung (Kapitel 4.1), die Bezüge zu Wahrnehmungstheorien (Kapitel 4.2), die Bezüge zu lerntheoretischen Ansätzen (Kapitel 4.3) und die Bezüge aus der Entwicklungspsychologie (Kapitel 4.4).

Das Kapitel 5 widmet sich dann dem Theorie-Praxis-Tranfer (S. 173). Diesbezüglich werden vier Praxisfelder in aller Kürze vorgestellt. Es sind dies das Praxisfeld der pädagogischen Diagnostik (Kapitel 5.1), das Praxisfeld Lern-Lehrsettings (Kapitel 5.2), das Praxisfeld Nachteile ausgleichen (Kapitel 5.3) und das Praxisfeld Interventionen und Handlungsoptionen (Kapitel 5.4).

Das Kapitel 6 widmet sich dann ausschließlich den bereits angesprochenen „Szenarien“ in recht umfänglicher Art und Weise (S. 181). Dabei werden die der Autorin als wichtig angesehenen „Szenarien“ sieben Schwerpunkten zugeordnet. Im Kapitel 6.1 werden fünf „Szenarien“ zu der Thematik Sprechen und Verstehen vorgestellt. Das Kapitel 6.2 umfasst vier „Szenarien“ zu der Thematik Hören und Kommunikation. Zu der Thematik Kognition und Lernen im Kapitel 6.3 sind es immerhin neun „Szenarien“. Das mit Verhalten und Soziales überschriebene Kapitel 6.4 umfasst sieben „Szenarien“. Im mit Motorik und Körperbewusstsein überschriebenen Kapitel 6.5 sind es vier „Szenarien“. Es folgt das Kapitel 6.6 zu der Thematik Sehen und Erkennen mit sechs „Szenarien“. Mit dem Kapitel 6.7 zu der Thematik Wahrnehmung und Erfahrung mit drei „Szenarien“ wird dieses umfangreiche Kapitel abgeschlossen.

In dem sodann folgenden Kapitel 7 (S. 291) zieht die Autorin dann bezogen auf ihre Ausführungen ein Fazit. Dem Fazit schließt sich ein umfangreicher Anhang an (S. 295). Dieser Anhang umfasst 24 Vorlagen zu den verschiedensten „Szenarien“, zwei andere Zusatzmaterialien und sechs Texte. Mit einem Literaturverzeichnis (S. 379) schließt die Arbeit ab.

Inhalt

In der Einleitung (S. 11) verdeutlicht die Autorin vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen in der Aus-, Fort – und Weiterbildung die Bedeutung der in ihrem Buch eine zentrale Rolle spielenden „Szenarien“ in Lernsituationen. Zudem verdeutlicht sie, dass die „Szenarien“ eingebettet in ein Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) zu betrachten seien. All ihre diesbezüglichen Überlegungen werden sodann noch auf die Themen „Behinderung“ und „Inklusion“ bezogen und reflektiert. Des weiteren verdeutlicht sie, nach welchen Kriterien die „Szenarien“ von ihr ausgewählt worden sind und wie sie in Praxen der Aus-, Fort- und Weiterbildung sinnvoll eingesetzt werden können.

In dem der Einleitung folgenden Kapitel (S. 17) verdeutlicht die Autorin die Entstehung des Konzepts der reflektierten Selbsterfahrung(en). Diesbezüglich erfolgt eine umfassendere Auseinandersetzung mit den Erfahrungen von Helmut Gensler (2006). Bezogen auf dessen Erfahrungen werden Folgerungen aus der UN-Behindertrechtskonvention und Fragen der Inklusion in Lern- und Lehrprozessen in das Konzept einbezogen. Auf dieser Basis wurde dann von der Autorin eine Seminarreihe für das Lehramtsstudium im Bereich der Förderpädagogik entwickelt und auch durchgeführt. Diesbezügliche gewonnene Erfahrungen wurden wiederum in das Gesamtkonzept eingebunden.

Im Kapitel 1 (S. 23) ihrer Arbeit erläutert die Autorin vorab ihr Grundverständnis von Inklusion. Sie geht davon aus, dass die Umsetzung von inklusiven Vorstellungen im aktuellen System von Schule insbesondere räumliche, personelle, didaktische und methodische Veränderungen nach sich ziehen müssten. Deshalb sei es in Fort- und Weiterbildungen auch nicht ausreichend, vorrangig den Schwerpunkt auf medizinische, therapeutische und normative Vorstellungen von „Behinderung“ zu legen. Vielmehr müssten gerade gesellschaftliche, systemische, menschenrechtliche und demokratische Inhalte eine stärkere Gewichtung erfahren. Insbesondere muss es aber nach dem Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) auch in Fort- und Weiterbildungen darum gehen, Formen der Diskriminierung, Marginalisierung, Abwertung und teilweise nicht nachvollziehbaren Einteilungen in Kategorien selbst erfahren und reflektieren zu können. In derartigen Zusammenhängen spielen wiederum die „Szenarien“ eine zentrale Rolle, denn sie laden dazu ein, die unterschiedlichen Zugänge zum Inklusionsverständnis über die persönliche Erfahrung hinaus auch theoretisch zu verstehen (S. 25). Entsprechend ist von einer großen Komplexität des Inklusionsverständnisses auszugehen und Bilanzen gesellschaftspolitischer, gesellschaft- und bildungspolitischer sowie bildungs- und sozialwissenschaftlicher Art sind in die Betrachtung mit einzubeziehen. Derartige Überlegungen vertieft die Autorin, in dem sie den gesellschaftspolitische Zugang zu diesbezüglichen Fragestellungen im Kapitel 1.1 stärker herausstellt (S. 31). Die Schwerpunkte ihrer Betrachtung basieren auf einer menschenrechtlichen Reflexionsfläche und einer interpersonellen Reflexionsfläche. Der gesellschaftspolitische Zugang wird dann mit dem Kapitel 1.2 um einen bio-psycho-sozialen Zugang ergänzt. Hier gehen die Betrachtungen der Autorin sehr stark von der „Internationalen Classification of Functioning, Disability and Health (ICF)“ aus. Zudem wird herausgearbeitet, welche Bedeutung dem bio-psychosozialen Ansatz im Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) zukommt.

Im Kapitel 2 ihrer Arbeit stellt die Autorin dann das Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) genauer vor (S. 51). Ziel dieses Konzeptes ist es, Angebote zur Sensibilisierung hinsichtlich von Fragen der Inklusion und Beeinträchtigungen zu unterbreiten. Denn bislang seien in Fort- und Weiterbildungen zwar oftmals eine Fülle von technischen Angeboten unterbreitet worden, um Barrieren zu überwinden. Gefehlt haben aber häufig Erfahrungen im persönlichen Umgang miteinander, sowie bedarfs- und entwicklungsgerechte Differenzierungen von Lehr- und Lernangeboten, wie auch generell eine Akzeptanz von Verschiedenheiten in einem System (S. 53). Dazu jedoch sind für die Autorin andere Zugänge als die bekannten Simulationsangebote erforderlich. Denn nur dann lässt sich beispielsweise erfahrbar machen, wie abstrakt gewisse Konstruktionen teilweise sind, wenn geduldete Verfahren der Zuschreibung von Behinderungen in die eigene Lebenswelt transportiert werden. Gerade hinsichtlich von Ungleichbehandlungen und Diskriminierungen können die „Szenarien“ über einen kurzen Zeitraum eine fachlich moderierte und damit geschützte Plattform bieten, über die möglicherweise ein Selbsterleben von (Nicht-)Diskriminierungen nachvollzogen und reflektiert werden kann. Ermöglicht wird durch diese differenzierten und fachlich begleiteten Reflexionsangebote ein Transfer in die Unterrichts- und Beziehungsarbeit in Lehr- und Lernsettings. In das Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) und dessen theoretische Grundlegung fließen sodann sechs unterschiedliche fachliche Aspekte ein (S. 59/60). Im Kapitel 2.1 werden zudem noch alternative Zugänge zum Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) skizziert. Diese gipfeln in den beiden Ansätzen Biografien, Filme oder Literatur und „Nicht über uns ohne uns“. In dem nachfolgenden Kapitel 2.2 werden sodann noch lerntheoretische Ansätze skizziert, welche inklusive Lernszenarien stützen und wirksam werden lassen. Verwiesen wird hier insbesondere auf die Resonanzpädagogik und auf das Bildungsverständnis im Kontext von Inklusion. Zudem wird skizziert, wie Lehr- und Lernsituationen inklusiv gestaltet werden können.

Das dann folgende Kapitel 3 (S. 77) befasst sich mit der Didaktik und Methodik der reflektierten Selbsterfahrung(en). Die Autorin geht davon aus, dass dieses Konzept methodisch in unterschiedlichen Strukturen und inhaltlichen Rahmungen eingesetzt werden kann. Zunächst einmal skizziert sie im Kapitel 3.1 die didaktischen Grundlagen des Konzeptes. Die „Szenarien“ dieses Konzeptes seien handlungsorientiert aufgebaut und auf ein kooperatives Lernen hin ausgelegt. Die anzustrebenden Lernziele können je nach Themenstellung und Kontext der Lerngruppe unterschiedlich angelegt und es können mit dem Konzept verschiedene Lernziele umgesetzt werden. Drei inhaltliche Schwerpunkte bestimmen dieses Kapitel. In aller Kürze werden zunächst einmal die für das Konzept wichtigen didaktischen Ansätze skizziert. Sodann wird ein Zugang über erwachsenenpädagogische und lerntheoretische Grundlagen eröffnet. Hierbei orientiert sich die Autorin vorrangig an den Überlegungen von Diethelm Wahl (2006) und referiert diese. Der hier deutlich werdende didaktisch-lerntheoretische Zugang wird sodann ergänzt durch einen Zugang über sozial-emotional begründete Lernimpulse. Über diesen Zugang soll der Erkenntniswert gefördert werden, der aus den Szenen offenkundig wird. In dem dann folgenden Kapitel 3.2 kommen in aller Kürze die Methoden und die Organisation der „Szenarien“ zur Darstellung. Verwiesen wird darauf, dass die Durchführung der „Szenarien“ unterschiedlich ansetzt werden kann und verschiedene Formate möglich sind. Kurz skizziert werden die „Szenarien“ als Seminarangebote in Studiengängen, in Tages-Workshops, in Fortbildungen und als Einzelangebote innerhalb eines Seminars/​Vortrags.

In dem dann folgenden Kapitel 4 (S. 91) kommen theoretische Bezüge der „Szenarien“ zur Darstellung. Ausgangspunkt ist hierfür die Erfahrung der Autorin, dass in Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oftmals mehr über Lern- und Entwicklungstheorien sowie über spezifische pädagogische Zusammenhänge erfahren möchten. Insbesondere über die „Szenarien“ und in Verbindung mit dem eigenem Erleben können bestimmte theoretische Zusammenhänge erfahrbar gemacht und es können Perspektiven für ein anderes Verstehen pädagogischer Herausforderungen und zur Veränderung von Verhältnissen und Rahmenbedingungen angebahnt werden. Entsprechende diesbezügliche Hinweise werden unter der Überschrift „Selbsterfahrung(en) von Theorien“ gegeben. Im Kapitel 4.1 wird dann explizit auf das Konzept der Beziehungsgestaltung eingegangen. Das Ziel hierbei ist, dass man sich öffnen kann, um Beziehungen zu etwas Fremden und Neuen eingehen zu können. Besonders eingegangen wird in diesem Zusammenhang auf Aspekte, die sich aus der Bindungstheorie, der Saluto- und Pathogenese und der Resilenzforschung ableiten lassen. In dem dann folgenden recht umfänglichen Kapitel 4.2 werden Bezüge zu Wahrnehmungstheorien herausgearbeitet. Insbesondere geht es der Autorin darum zu verdeutlichen, dass Wahrnehmung ein komplexer Prozess ist und sich nicht einfach auf die einfachen Sinneseindrücke eingrenzen lässt. Insbesondere will sie in diesem Zusammenhang auch die Auswirkungen von Wahrnehmungen auf solche Funktionen wie Problemlösen, Kognition und Sprache sowie den schulischen Grundfähigkeiten und -fertigkeiten verdeutlichen. Schwerpunkte ihrer Ausführungen sind inhaltlich gebündelt Fragen der Empfindung und Perzeption, der Wahrnehmung und Apperzeption, modalitätsspezifische Prozesse sowie Aufmerksamkeit und Konzentration. Im Kapitel 4.3 werden sodann Bezüge zu lerntheoretischen Ansätzen zur Darstellung gebracht. Ausgangspunkt für diese Überlegungen der Autorin ist, dass Lerntheorien die fachliche Grundlage darstellen, um Erziehungs- und Lern-Lehrsituationen verstehen und analysieren zu können. Insbesondere, so ihre Auffassung, lassen sich Elemente klassischer Lerntheorien mit den „Szenarien“ praktisch nachverfolgen, in spezifische Lernsituationen übertragen und zu mehr kriteriengeleiteten Beobachtungen anregen. Schwerpunktmäßig wird der Blick auf kognitive und psychosoziale Prozesse gerichtet. In einem weiteren Kapitel, dem Kapitel 4.4, werden zudem noch Bezüge zu Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie verdeutlicht. Insbesondere vor dem Hintergrund pädagogischer Vorstellungen von „Ganzheitlichkeit“ und „Entwicklungslogik“ werden Bezüge zur Psychomotorik, zur Affektlogik und Neurobiologie, zu interaktionalen Prozessen, zu Sprachsystemen und Kommunikation sowie zum Translanguaging herausgearbeitet.

Das Kapitel 5 widmet sich dann dem Theorie-Praxis-Transfer bezogen auf das Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) (S. 173). Im Kontext von Aus-, Fort- und Weiterbildungen gilt es, pädagogische Lern- und Lehrangebote im Sinne eines Theorie-Praxis-Transfers kritisch zu analysieren und sodann neu zu gestalten, damit sie umgesetzt werden können. Vier Ebenen sind dabei für die Autorin besonders bedeutsam, die in knapper Form skizziert werden. Es ist dies das Praxisfeld der pädagogischen Diagnostik (Kapitel 5.1), das Praxisfeld Lern-Lehrsettings (Kapitel 5.2), das Praxisfeld Nachteile ausgleichen (Kapitel 5.3) und das Praxisfeld Interventionen und Handlungsoptionen (Kapitel 5.4). In allen vier Kapiteln wird explizit auf die jeweils geeigneten „Szenarien“ verwiesen.

In dem Kapitel 6 setzt sich die Autorin dann in einer sehr umfänglichen Art und Weise mit den „Szenarien“ selbst auseinander, auf die bereits an vielen Stellen des Buches immer wieder verwiesen worden ist (S. 181). Mit den „Szenarien“ und den Reflexionen darüber sollen Impulse gegeben werden, sich von eventuellen eindimensionalen Betrachtungsweisen zu lösen und darüber hinausgehend gilt es mit den jeweiligen Aspekten verbundene Entwicklungsbereiche kennenzulernen. Die Gliederung der „Szenarien“ richtet sich an sieben Entwicklungs- und Lernbereichen aus, wobei einige „Szenarien“ auf verschiedene Bereiche übertragbar sind. Die entsprechenden sieben Kapitel sind so aufgebaut, dass jeder Bereich in einer kurzen Einführung vorgestellt wird und sodann weitere Informationen und Zugänge dem Theorieteil entnommen werden können. Bei der Durchführung entsprechender Settings ist noch die Gruppengröße und der Zeitrahmen zu bestimmen, entsprechende Materialien sind zu beschaffen und es gilt den Aufbau und die Durchführung des Settings gemäß der vorliegenden Gegebenheiten variabel zu gestalten. Vorlagen zu den einzelnen „Szenarien“ hat die Autorin in ihrem umfänglichen Anhang beigegeben (S. 295 f.). Nach der Durchführung des jeweiligen Settings soll eine Reflexion der jeweiligen Thematik erfolgen. Ein beigegebener Laufzettel kann hierbei zur Orientierung dienen. In den einzelnen Kapiteln werden nun unterschiedliche „Szenarien“ vorgestellte und ihre mögliche Umsetzung in einer Gruppensituation skizziert. Nachfolgend sei gemäß einer Übersicht nur auf die jeweiligen Themen kurz verwiesen. Das Kapitel 6.1 befasst sich mit „Szenarien“ zur Thematik Sprechen und Verstehen (S. 183 f.). Hier werden fünf „Szenarien“ zu folgenden Themen vorgestellt: „Verstehst Du mich?“, „Ohne Worte!“, „So denke ich!“, „Schau auf mich!“ und „Gemeinsam sind wir schlau!“. Das Kapitel 6.2 steht unter der Thematik Hören und Kommunikation (S. 198 f.). Hierzu werden vier „Szenarien“ angeboten, es sind dies: „Fühle Dich in mich ein!“, „Was passiert da?“, „Sensibilisiere Dich für Deine Umgebung!“ und „Wie spreche ich?“ (S. 206). Thema des Kapitels 6.3 ist Kognition und Lernen (S. 210 f.) hier werden neun „Szenarien“ vorgestellt: „Zeig es mir!“, „Motiviere mich!“, „So lern ich!“, „So nicht!“, „Denke weiter!“, „Verstehst Du mich?“, „Gemeinsam sind wir stark!“, „Eins nach dem anderen!“ und „Kontexte helfen mir!“. Die Thematik des Kapitels 6.4 ist Verhalten und Soziales (S. 239 f.) und umfasst die sieben „Szenarien“: „Regeln haben Wirkung!“, „Erkenne Dich selbst!“, „Wie fühlst Du Dich hier?“, „So ist das für mich!“, „Wer bin ich wann?“, „Wie siehst Du mich?“ und „Warum kennst Du mich?“. Das Kapitel 6.5 befasst sich dann mit der Motorik und der Körperbewusstheit (S. 257 f.) und umfasst vier „Szenarien“: „Mein Körper kann mehr!“, „Wie funktioniere ich?“, „Hand-Auge-Kopf verbinden!“und „Was wäre wenn?“. Das Kapitel 6.6 steht unter der Überschrift Sehen und Erkennen (S. 270 f.) und es werden die sechs „Szenarien“ vorgestellt: „Was ist das?“, „Ich sehe was, was Du nicht siehst!“, „Langsam kommt man auch ans Ziel!“, „Biete mir Systeme an!“, „Nähe spüren!“ und „Andere Welten kennen lernen!“. Ein weiteres Kapitel, das Kapitel 6.7, steht unter der Überschrift Wahrnehmung und Erfahrung (S. 282 f.) und es werden drei „Szenarien“ angeboten: „Wie siehst Du das?“, „Die Welt ist reiz-voll!“ und „In eine andere Welt eintauchen!“.

In ihrem Fazit (Kapitel 7 - S. 291) geht die Autorin davon aus, dass das Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) eine Sensibilisierung für unterschiedliche Lern- und Lebenswelten ermöglicht und einen praktisch und theoretisch angeleiteten Perspektivwechsel hin zu einem Verständnis bezogen auf die Anforderungen der Inklusion generieren würde. Denn der gegebene Auftrag, inklusive Lehr- und Lernangebote gestalten zu müssen, verlangt nach entsprechenden professionell ausgerichteten Aus-, Fort- und Weiterbildungsformaten. Gerade aber eine inklusiv gedachte Didaktik hätte zu leisten, nach individuell bedeutsamen Lernzielen und Bildungsinhalten der Angebote zu fragen und nicht nur eine zunehmende Vielzahl von Methoden anzubieten.

Diskussion

Das vorliegende Buch setzt sich nicht nur vorrangig mit Fragen der Inklusion im Erziehungs- und Bildungsbereich auseinander, sondern recht stark auch mit der Frage, über welche Kenntnisse müssen und können Pädagoginnen und Pädagogen verfügen, um in Lernsituationen den Anforderungen der Inklusion gerecht werden zu können. Diesbezüglich werden jedoch nicht nur hinsichtlich der Heraus- und Anforderungen unabdingbare Wissenstatbestände herausgestellt und zur individuellen Aneignung in den Raum gestellt. Vielmehr werden inklusive Lernszenarien vorgestellt, über die ein Zugang zu mit den Anforderungen der Inklusion einhergehenden Fragestellungen gewonnen werden kann. Gerade aber über und mit dem Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) wird ein Modell vorgestellt, bei dem nicht nur von eigenen Erfahrungen bei der Aneignung von für die Inklusion wichtigen Wissenstatbeständen ausgegangen wird, sondern auch derartige Wissenstatbestände so aufbereitet werden, dass bei ihrer Aneignung der Bezug zu den eigenen Erfahrungen nie verloren geht. In diesem Zusammenhang wird sogenannten „Szenarien“ in dem Buch eine große Bedeutung beigemessen, die unter den unterschiedlichsten Fragestellungen eine Aufbereitung und Darstellung erfahren.

Fazit

Das Themenspektrum der Inklusion kann und muss nach der Autorin in unterschiedlichen Formaten der Aus-, Fort und Weiterbildung bearbeitet werden. Dabei muss den bisherigen Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an solchen Veranstaltungen eine größere Beachtung als bisher geschenkt werden. Dazu wird mit dem Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en) nach meiner Auffassung ein zentraler Beitrag geleistet.

Literatur

Gensler, Helmut (2006): Körperliche Einschränkungen am eigenen Leib erfahren. Verdeutlichung von Grundlagen einiger Körperbehinderungen. In: Sonderpädagogik in Bayern 49 (2), S. 68–72

Römer, Susanne (2014): Professionalisierung der Weiterbildner für inklusive Pädagogik in Lhrerfort- und -weiterbildung. Aachen: Shaker Verlag

Wahl, Diethelm (2006): Lernumgebungen erfolgreich gestalten. Vom trägen Wissen zum kompetenten Handeln; mit Methodensammlung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt Verlag

Rezension von
Prof. Dr. Norbert Störmer
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Es gibt 8 Rezensionen von Norbert Störmer.

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Zitiervorschlag
Norbert Störmer. Rezension vom 04.12.2023 zu: Susanne Römer: Inklusive Lernszenarien. Das Konzept der reflektierten Selbsterfahrung(en). Frank & Timme (Berlin) 2023. ISBN 978-3-7329-0940-7. Reihe: Inklusion und Gesellschaft - 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30926.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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