Paul Nizan: Das Leben des Antoine B
Rezensiert von Gerd Schneider, 08.11.2005
Paul Nizan: Das Leben des Antoine B. DuMont (Köln) 2005. 259 Seiten. ISBN 978-3-8321-7926-7. 19,90 EUR.CH: 34,90 sFr.
Reihe: Roman DuMont. Originaltitel: Antoine Bloyé. Aus dem Franz. übers. und für die Neuausg. durchges. von Gerda Scheffel.
Ein bei seinen Zeitgenossen umstrittener Autor
Paul Nizan (1905-1940), politischer engagierter Autor und Journalist, Kritiker und Essayist, war eine der bekanntesten Stimmen im Frankreich der dreißiger Jahre. Er eckte im Verlaufe seines kurzen Lebens bei vielen seiner Zeitgenossen. an. Als überzeugter Marxist wurde er vor dem Zweiten Weltkrieg scharf von der französischen Rechten angefeindet. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt trat er demonstrativ aus der KP aus und war dann für die Linke nicht mehr akzeptabel. Nizan stammte aus einer bretonischen Eisenbahnerfamilie und studierte Philosophie an der École Normale Supérieure. Dort schloss er auch Bekanntschaft mit Raymond Aragon und Jean-Paul Sartre. Nach Abschluss seines Studiums war er für kurze Zeit als Hauslehrer in Aden tätig (Flucht vor der Zivilisation auf den Spuren des verehrten Rimbaud), arbeitet 1928 zusammen mit Sartre an der Übersetzung von Jaspers "Allgemeinen Psychopathologie". Er schrieb für eine Reihe renommierter Zeitungen und Zeitschriften wie La Revue Marxiste und Europe, für L'Humanité und Commune. Er besuchte die UdSSR und nahm aktiv am Kampf gegen den spanischen Faschismus teil, über den er viel beachtete Reportagen schrieb. Am 23. Mai 1940, kurz nach seiner Einberufung, fiel der 35-jährige Nizan bei Dünkirchen. Sein Regiment befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Rückzug vor den deutschen Truppen.
Bücher mit autobiografischem Hintergrund
In Nizan sah man einen zornigen Intellektuellen, der sich gegen die Staatsautorität auflehnte und damit als Vorläufer der französischen Mai-Ereignisse von 1968 galt (Auswahl seiner Werke: "Aden Arabie", 1931 bei Rieder, Paris - deutsch 1969 bei Rowohlt mit einem Vorwort von Sartre; "Le Cheval de Troie", 1935 bei Gallimard, Paris, "La Conspiration", 1938 bei Gallimard - deutsch "Das trojanische Pferd. Die Verschwörung". Aufsätze von 1932-1938 im Berliner Aufbau-Verlag 1979). Die meisten seiner Bücher haben autobiographischen Hintergrund, so beschreibt etwa "Le cheval de Troie" das Leben kommunistischer Lehrer im feindlichen Milieu einer französischen Kleinstadt, "La Conspiration" befasst sich mit einer großbürgerlichen Jugend, die mit ihrem Leben nichts anfangen kann. Als sein Hauptwerk gilt "Antoine Bloyé", 1933 bei Grasset in Paris erschienen und nun dankenswerterweise von Dumont zum 100. Geburtstag des Autos wieder aufgelegt.
Tod eines Aufsteigers im Zeitalter der Industrialisierung
Mit diesem Roman hat Nizan seinem Vater, einem 1864 geborenen und im Alter von 62 Jahren gestorbenen Aufsteiger in der französischen Eisenbahn-Hierarchie ein Denkmal gesetzt und zugleich die These von Karl Marx vom nur schwer aufzulösenden Widerspruch zwischen Bourgeoisie und Proletariat auf eindrucksvolle Weise illustriert. Er erzählt diese Lebensgeschichte vom Ende her, beschreibt - als Sohn nennt er sich Pierre Bloyé -einen Besuch am Totenbett des Vaters, die Aufbahrung, die Beerdigung und schon nach wenigen Zeilen ist klar: Hier gibt es keine echte Trauer, sondern nur die Förmlichkeit des Rituals; hier ist jemand gestorben in einer Stadt im Westen Frankreichs, den die Leute kannten, dessen Aufstieg sie beobachtet hatten, der in der Gesellschaft der Stadt eine gewisse Rolle gespielte hatte, aber man wusste nicht, wer er wirklich war. Die Besucher kommen, um zu kondolieren. Man sieht den Toten liegen (er starb an einer Embolie) mit herabhängender Unterlippe und das gab ihm "einen schwer zu ertragenden Ausdruck von Enttäuschung, Hochmut und Verachtung". Der Mann war nicht glücklich in seinem Leben, der Sohn sieht es im letzten Ausdruck der Gemütsverfassung seines Vaters: die hängende Unterlippe als letztes Zeugnis der Bedrängnis dieses Lebens.
Was für ein Mensch war eigentlich mein Vater? fragt Pierre sich dann auch folgerichtig, als er zusammen mit der Trauergesellschaft hinter dem Sarg her schreitet. Im Grunde weiß ich überhaupt nichts von seinem Leben. Während er darüber nachgrübelt, läuft die übliche Zeremonie ab. Und später werden zu Hause wieder die Hüte abgenommen, die Fenster geöffnet, durch welche die letzten Gerüche des Todes, der Kerzen und der Blumen entwichen. "Und so verflüchtigt sich ein Leben", heißt es am Schluss des ersten großartigen Kapitels, "so verlässt der Mensch seine Gefährten".
Ein Eisenbahner-Leben
Was erzählt er also von diesem Leben, was erfahren wir? Antoine Bloyé, der Arbeitersohn aus dem bretonischen Dorf, ist ein Aufgestiegener, ein nach oben "Deklassierter". Er ist intelligent, er ist fleißig, schafft eine Elite-Berufsschule, verlässt die Arbeiterschicht und wird Eisenbahningenieur, denn er soll es besser haben als sein Vater, der Großvater des Erzählers, der auch bei der Eisenbahn beschäftigt war.
Das Industriezeitalter war angebrochen, kam so rasch auf Touren wie eine unter vollem Dampf stehende Lokomotive. Die Menschen wurden technikgläubig, vertrauten ihr Schicksal den Maschinen an. Vor ihnen stand das "Goldene Zeitalter", verhüllt vom Rauch der Schlote und dem Lärm der unaufhörlich arbeitenden Kolben und Schwungräder. Kilometer um Kilometer drangen die Schienen in alle Landesteile vor und die geschmückten Loks der Einweihungszüge wurden voller Begeisterung von Land- und Stadtbevölkerung begrüßt.
Antoine wurde Schnellzug-Lokführer, verbrachte die meisten Stunden im Kreise der Kollegen. Der Leser lernt viel in diesem Buch über die Eisenbahn-Welt, hört, schmeckt und riecht die Züge, wie sie über die Strecken Bordeaux-Limoges-Paris brausen, spürt ihr Vibrieren und erlebt ihr Tempo, sieht die vom Reisefieber gepackten Passagiere mit ihrem Gepäck auf den Perrons und die Bahnhofsvorsteher, die mit wichtigtuerischen Gesten die Züge abfertigen.
Im dröhnenden Führerhaus bewegte sich Antoine, "als ströme eine Kraft von der Maschine in seine Glieder, eine Kraft, die die Ausdehnung des Dampfes, der ungeduldige Lauf der Pleuelstange seinem Körper übermittelte." Die Eisenbahner, und mit ihnen Antoine, waren hin- und her gerissen zwischen Stolz auf ihren Beruf, und der Nervenaufreibung, die er mit sich brauchte, dem Zorn gegen die Herren der Gesellschaft, die ihre Kräfte aufbrauchten und sich selber die Hände nicht schmutzig machten.
Der Aufstieg
Immerhin, Antoine B. schafft es. Er macht Karriere, wird erst Depotverwalter, dann als Leiter der Werkstätten höherer Angestellter der Gesellschaft und Mitglied des Führungspersonals. Damit entkommt er allerdings nicht dem alltäglichen Trott, im Gegenteil: mehr Verantwortung, mehr Arbeit, denn die bestimmt sein Leben. Die Maschinen müssen laufen, der Mensch hat zu funktionieren, so ist die Welt eingerichtet, nichts anderes hat Antoine gelernt und er grübelt wenig darüber nach, wie es anders hätte gehen können. Zum Aufstieg gehört die Heirat mit Anne, der Frau eines Vorgesetzten. Das ist Vernunft, denn Liebe und Sinnlichkeit haben nichts zu suchen in seiner Welt. Die hat er zwar erfahren mit Marcelle, einem Straßenmädchen, wie es so schön heißt. Mit ihr war er glücklich und wäre es geblieben. Aber das passt nicht zum geplanten Lebensentwurf, dazu kann man sich nicht bekennen, denn Liebe kann es unter den Bedingungen und Karriere-Forderungen dieses Zeitalters nicht geben. Gute Bürgerlichkeit wird vorgezeigt, die Frau führt gar einen Salon, weil man das tut in gehobenen Schichten. Der Schmerz über den frühen Tod einer Tochter führt die Eheleute für kurze Zeit wieder näher zusammen. Später wird der Sohne Pierre geboren, da ist wieder alles in den alten Bahnen des Berufslebens und der Gefühlsresignation.
Antoine B. ist nicht glücklich, ist nicht unglücklich. Nur in manchen Augenblick, nach einigen Wochen Urlaub auf dem Lande, auf den Feldern und am Meer kommt ihm eine Ahnung, wie alles hätte anders laufen können, und dass er die Verbindung zum wirklichen Leben, zu seinen Gefühlen und zur Natur längst verloren hat. Doch kaum nähern sich die Ferien wieder dem Ende, fordert ihn das Maschinenzeitalter gedanklich und gefühlsmäßig wieder voll und ganz. Vergessen die fernen, aus der Kindheit herüberwehenden Glücksgefühle, denen er sich kurz hingegeben hatte.
Das Leben geht weiter und eine wunderbare Stelle in dem Roman beschreibt es: "Er trieb weiter den Lauf des Flusses hinab, den die Tage und Stunden bildeten, die sich aus allen Quellen nährten, aus der Arbeit, der Erholung, dem Zuhause, aus der Hoffnung. Vielleicht war dieser Frieden nur eine Abnutzung, ein Abschleifen, doch Antoine begriff davon nichts...".
Der Fall
Antoine B. war auch kein politischer Mensch. Als der Erste Weltkrieg seine Schatten voraus warf, machte er sich keine Gedanken. Er wollte seine Arbeit tun, er wollte keine Vorzeichen deuten, von denen die Zeitungen voll waren, und wie ihn gab es Millionen Menschen in Frankreich, die nicht wussten, weshalb es Kriege gab und die sich erst dann wirklich beunruhigten, wenn das Geschehen ganz unmittelbar ihr persönliches Leben betraf. Das war bei ihm der Fall. In den sensiblen Tagen vor dem Kriege sah man überall den Feind. So führte ein Sabotage-Verdacht in den Werkstätten zu einer Untersuchung gegen die Führung und ehe es sich Antoine Bloyé versah und irgendetwas davon verstand, war er degradiert. Er wurde abgeschoben wie ein Gegenstand, der nicht mehr gebraucht wird. So empfand er es, und so war es. Hatte er vorher tausend Untergebende und einen wichtigen Posten in der Produktion, so verbrachte er jetzt seine Tage zwischen ausrangierten Loks , verrosteten Kesseln auf einem von Unkraut überwucherten Gelände zusammen mit wenigen anderen, die alle hierher versetzt worden waren.
Es gab nicht mehr viel Arbeit und das belastete ihn, denn er hatte niemals gelernt, Freizeit wirklich auszufüllen. Er arbeitete sich im Garten müde, um nicht denken zu müssen. Er war nun fünfzig und stand abseits des Geschehens, abseits der Kriegsereignisse, abseits des großen Eisenbahn-Unternehmens, zu dessen Führung oder zumindest zu dessen wichtigsten Personal er sich vormals zugehörig fühlte.
Sein Leben war ohne Sinn, plötzlich fühlte er seine Erschöpfung und das Alter. Gedanken kamen, die er zuvor nicht hatte, denn "da es ihm an Arbeit fehlte, hatte er zum ersten Mal ein Innenleben". Damit konnte er nicht mehr viel anfangen, er wusste, dass er schon so gut wie tot war.
"Er würde sterben", schreibt der Chronist, "bald würde er sterben - aber er hatte nicht gelebt".
Die Empörung der Söhne
Pierre, der Sohn, alias Paul Nizan hat das alles aufgeschrieben. Jeder Satz, so spröde, zugleich scharf und genau er auch daherkommt - da kann man Übersetzung Gerda Scheffels nicht genug rühmen -, überall merkt man die Empörung über dieses Leben des Antoine Bloyé, den Zorn der Söhne über das von der Arbeit bestimmte stumpfsinnige Leben ihrer Väter, dieser Generation des Industriezeitalters und ersten Wirtschaftswunders (später wiederholte sich dieser Vorgang des Auflehnens gegen die Ideologie der Väter und Erbauer des zweiten Wirtschaftswunders in der Söhne-Generation, den 68ern in Frankreich und Deutschland). Angeprangert wird der ungebrochene Glaube an den Fortschritt, dem alles geopfert wird auf dem Wege des sozialen Aufstiegs. Der Preis ist die Entfremdung, wie sehr eindringlich geschildert wird. Der Preis ist zu hoch für den Wohlstand: man hat gelebt, man hat nichts erlebt; das Leben war tot und sinnlos.
Ein zeitloser Roman
Auch wenn Paul Nizan nach seinem Austreten aus der KP von vielen Seiten scharf angegriffen wurde und als Verräter galt und nach dem Krieg als Schriftsteller sogar vergessen wurde, so machte Jean-Paul-Sartre den Autor 1960 mit einem Vorwort zu einer Neuauflage von "Aden Arabie" wieder bekannt. In Deutschland erschien "Antoine Bloyé" erstmals 1974 bei Suhrkamp und wurde von den deutschsprachigen Kritikern von Jean Améry bis Lothar Baier überschwänglich gelobt. Im Vergleich fielen Namen wie Zola, Flaubert, Camus, auch Tolstois "Tod des Iwan Iljitsch" könnte genannt werden, denn steht nicht auch für Nizan weder eine Idee, noch eine Utopie, eine marxistische oder sonst eine, sondern der Tod am Ende, der in diesem Buch auf manche Weise und nicht zuletzt in den Träumen des Helden eine entscheidende Rolle spielt?
Dieser 70 Jahre alte Roman fasziniert bis heute. Wie unerhört dicht er dieses Zeitalter beschreibt, den Alltag der durch die Technik bestimmten Menschen und wie einfach und folgerichtig, wie zwingend er das Scheitern des Protagonisten vorführt. Ein ungemein zeitgemäßes Buch, schreibt Iris Radisch in der ZEIT, das einmal mehr beweise, "dass es in der Literatur keinen Fortschritt, sondern seit annähernd zweihundert Jahren dieselbe trockene Verzweiflung über den hohen Preis für unseren Wohlstand gibt". Dem braucht man nichts hinzuzufügen, außer, das Buch schleunigst zur Hand zu nehmen und diesen mitreißenden Roman über ein gescheitertes, entfremdetes Leben zu lesen.
Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor
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