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Svenja Flaßpöhler, Boris Zernikow: Sensibel

Rezensiert von Marvin Bucka, 03.04.2024

Cover Svenja Flaßpöhler, Boris Zernikow: Sensibel ISBN 978-3-608-98715-7

Svenja Flaßpöhler, Boris Zernikow: Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2023. 2. Auflage. 240 Seiten. ISBN 978-3-608-98715-7. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR.

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Thema

In politischen Kämpfen, etwa der MeToo-Bewegung, und in öffentlichen Diskursen, etwa über gendergerechtes Sprechen, zeige sich ein neues Nachdenken über Sensibilität sowie ein Ringen darum, was wir einander zumuten dürfen. Die Ausgangsthese in Svenja Flaßpöhlers Studie über Sensibilität ist, dass sich hierbei eine „Frontalstellung“ bilde, die „eine zunehmende Erosion der demokratischen Diskurskultur“ bewirke sowie einen „kaum noch zu kittende[n] Riss, der sich mitten durch die Gesellschaft zieht“ (16). Durch eine genealogische Analyse der Sensibilität will Flaßpöhler die Verstrickungen von Empfindlichkeit und modernen Subjektivitäten aufzeigen. Indem sie so argumentiert, dass eine zunehmende Sensibilisierung und die Bildung moderner Subjekte Hand in Hand gehen, will sie aktuelle Debatten neu einordnen und deren lange geistesgeschichtliche Entwicklung aufzeigen.

Autorin

Svenja Flaßpöhler ist promovierte Philosophin, Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“ und seit 2013 Teil der Leitung der „Phil.Cologne“.

Aufbau und Inhalt

Flaßpöhler unterteilt ihre Analyse in zehn Kapitel, in denen sie jeweils eine Dimension der Sensibilität anhand verschiedener philosophischer Positionen untersucht: etwa die Wunde (Kap. II) oder Grenzen der Einfühlung (Kap. VII). Dabei lassen sich zwei übergeordnete Teile ausmachen, insofern die Kapitel I bis V einen stärker philosophiehistorischen Fokus haben, wohingegen die Kapitel VI bis X dezidiert aktuellen Debatten gewidmet sind.

In der Einleitung referiert Flaßpöhler aktuelle Debatten zur Sensibilität oder Verletzlichkeit, die insbesondere von Studien zur Resilienz oder zur Desensibilisierung im gesellschaftlichen Umgang beherrscht würden. Die Geschichte des Nachdenkens über Sensibilität und die ihr innewohnenden Spannungen reiche aber schon bis in mittelalterliche philosophische Diskussionen zurück. Die konstitutive Bedeutung der Sensibilität für unsere Kultur und unsere Gesellschaft zeige sich nicht zuletzt in unserem Grundgesetz, wonach die Menschenwürde eben „unantastbar“ ist. So macht Flaßpöhler hier konstruktive wie auch destruktive Tendenzen in der Sensibilität aus. Ziel ihres Buches ist darum, „die Sensibilität in ihrer Dialektik zu beleuchten und ihr Verhältnis zur Widerstandskraft neu zu fassen, um so Wege aus den Krisen unserer Zeit zu finden“ (28).

Den mehr philosophiehistorischen Teil eröffnet Flaßpöhler mit I Prozess der Sensibilisierung, also mit einer Auseinandersetzung über die These von Norbert Elias, wonach unsere Zivilisation einen Prozess zunehmender Sensibilisierung durchlaufen habe. Zivilisierung sei ein Prozess der „ansteigenden Disziplinierung und Sensibilisierung des Selbst“ (38). Widerspruchsfrei sei unsere moderne Sensibilität damit aber nicht. Mitunter scheine es vielmehr, so Flaßpöhler, als schlage die Sensibilisierung in ihr Gegenteil um und werde selbst zum Instrument der Macht. So etwa, wenn ein gesteigertes Bedürfnis nach Schutz in der Erwartung münde, die Welt müsse sich unserer Verletzlichkeit anpassen und nicht umgekehrt.

Dem Gegensatz von Resilienz und Sensibilität widmet sich Flaßpöhler in II Die Kraft der Wunde in Form eines fiktiven Streitgesprächs zwischen Friedrich Nietzsche und Emmanuel Levinas. Sie lässt die beiden Philosophen gedanklich über das Wachstum durch Schmerzerfahrung beziehungsweise die Öffnung auf das Leiden als Grundlage der Ethik debattieren. Dabei zeige sich, dass beide weder eine Verabsolutierung von Resilienz noch eine Verabsolutierung von Sensibilität denken, sondern dass Resilienz selbst aus Erfahrungen von Verwundbarkeit und einer darum gesteigerten Sensibilität geschöpft wird. Der Gegensatz zwischen Resilienz und Sensibilität sei also letztlich womöglich keiner.

In III Das Jahrhundert der Empathie beleuchtet Flaßpöhler das 18. Jahrhundert als Zeit der tiefgreifenden Auseinandersetzung mit Empathie und Sensibilität. Während David Hume auf der Grundlage einer geteilten Menschlichkeit die Fähigkeit des Mitgefühls zur Grundlage der Moral macht, zeigten sich bereits bei Jean-Jacques Rousseau die Schattenseiten der Sensibilität. Wo dieser Mitleid als natürliche menschliche Triebfeder des Guten herausstellt und explizit mit Weiblichkeit verbindet, zeige sich, wie sehr Sensibilität von patriarchalen Denkmustern geprägt ist. Deren Schattenseiten habe Donatien de Sade zum Ausgang seiner Darstellungen genommen, in denen erkennbar werde, dass Empathie nichts mit guter Gesinnung zu tun haben müsse, sondern auch die Qual des Anderen ermöglichen könne.

Diese Gewalttätigkeit in der Sensibilität nimmt Flaßpöhler zum Ausgang, um sich in IV Die Gewalt in uns mit Sigmund Freud und Ernst Jünger zu befassen. Auf ihre Weise hätten beide gezeigt, dass die vermeintlich höhere Sensibilität als zivilisatorische Errungenschaft in sich brüchig ist. Die Erfahrungen des Krieges hätten Freud das unauslöschliche Residuum der Gewalttätigkeit in uns verdeutlicht. Jünger hingegen habe jene existenzielle Intensität im Anblick des Grauens beschrieben, die uns darauf verweise, dass bestimmte Erfahrungen jeden zivilisatorischen Fortschritt mindestens fraglich machen können. Gewalttätigkeit könne also nicht einfach ausgeblendet werden, so als wäre sie durch eine zunehmende Sensibilität überwunden.

In V Trauma und Trigger zeichnet Flaßpöhler die Begriffsgeschichte des Traumas nach: von der Kriegsneurose bei Freud bis hin zur posttraumatischen Belastungsstörung in der zeitgenössischen klinischen Psychologie. Dabei macht Flaßpöhler einen Wandel im Denken über Traumata aus, sodass heute der Fokus auf den Dispositionen liege, aufgrund derer unterschiedliche Ereignisse Menschen unterschiedlich treffen und damit traumatisieren können. Damit dränge sich jedoch die Frage auf, welche Ereignisse überhaupt als ursächlich für Traumata gelten können. Gerade die Debatten um Triggerpunkte zeigten, dass dabei immer stärker gesellschaftliche Schutzfaktoren im Mittelpunkt stünden.

Mit VI Sprachsensibilität widmet sich Flaßpöhler dezidiert aktuellen Fragen der Sensibilität. Sie beginnt, indem sie die Debatte um gendergerechte Sprache einordnet. Der „linguistic turn“ in der Philosophie habe die performative Wirkkraft von Sprache verdeutlicht, das hat gezeigt, dass Sprache Wirklichkeit erzeugen kann. Diese Performativität hätten Jacques Derrida und Judith Butler weitergedacht, womit sie zeigten, wie Sprache Menschen verletzen und ihnen ihre Identität verunmöglichen könne. Sprachsensibilität dürfe aber, so Flaßpöhler, nicht in eine Normierung von Sprache münden, da Sprache damit zum bloßen Instrument verkomme. Stattdessen hätten schon Derrida und Butler das widerständige Potenzial der Performativität betont, das also im „dekonstruktive[n] Spiel“ (138) mit Begriffen und Bezeichnungen zu suchen sei. Zudem macht sich Flaßpöhler für eine Kontextsensitivität im Umgang mit Sprache stark. Es gelte zu berücksichtigen, wer in welcher Art und in welchem Rahmen welche Begriffe verwendet.

Inwieweit man sich in einen anderen Menschen einfühlen kann und welche Rolle dabei die jeweiligen Lebensbedingungen spielen, diese Frage untersucht Flaßpöhler in VII Die Grenzen der Einfühlung. So habe Reni Eddo-Lodge jüngst dafür argumentiert, dass Weiße, die als Norm aufwachsen, durch ihre emotionale Distanz nicht nachvollziehen könnten, wie es ist, Schwarz zu sein. Mit den Analysen von Thomas Nagel sowie von Jean Améry zeigt Flaßpöhler, dass es Grenzen der Einfühlung gibt. Auch Standpunkttheorien würden dies betonen und ableiten, dass Menschen unterdrückter Gruppen eher nachvollziehen können, wie es Menschen anderer unterdrückter Gruppen gehe. Dies gesteht Flaßpöhler zwar zu, jedoch dürfe man die Debatten nicht auf die Ich-Perspektive verengen. Es brauche ein Wechselspiel von Perspektiven, da auch die Du-Perspektive Selbsterkenntnis biete. Flaßpöhler bringt das so auf den Punkt: „Ich fühle was, was du nicht fühlst“ (165).

In VIII Gesellschaft der Sensibilitäten fragt Flaßpöhler am Beispiel der Hochsensibilität nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Sensibilität. Auch Paul Valéry habe schon mit einer Diagnose der Überreizung die Sensibilität als Gesellschaftsdiagnose herangezogen. Noch heute finden sich in Form von Mobbing oder Hate Speech Anhaltspunkte für eine Diagnose der Verhärtung von Subjekten, was nicht zuletzt zu vermehrten Forderungen nach Safe Spaces führe. Im Anschluss an Valéry konkludiert Flaßpöhler: „An die Stelle der empfindsamen künstlerischen Existenz ist die empfindsame politische Existenz getreten, die durch sichere Orte vor den Härten eines offenen Debattenkampfes und hegemonialer Dominanz bewahrt werden soll“ (179).

Auf diese Weise würden sich Menschen verstärkt zurückziehen und vereinzeln: Neue Sensibilitäten beförderten Vereinzelung, wie Flaßpöhler in IX Abstandsregeln argumentiert. Mit höheren zivilisatorischen Standards habe sich eine Unnahbarkeit entwickelt sowie eine erhöhte Berührungsfurcht. Umgekehrt zeugten verschärfte Sexualstrafrechtsparagrafen von den Erleichterungen, die diese Abstandspflichten bedeuten. Es bleibe bloß die Frage, wie weit solche Regulierungen gehen könnten und ob sich damit jede verunsichernde Ambivalenz eliminieren lasse. Flaßpöhler plädiert für den Begriff des Takts, den sie von Helmuth Plessner übernimmt als kontextsensibles Gespür für andere. Ambivalenzen ließen sich nicht rechtlich tilgen, sondern müssten im gemeinsamen Umgang aufgehoben werden.

In X Schluss fordert Flaßpöhler, sowohl strukturelle Diskriminierung aktiv zu erkennen und zu benennen, als auch zu unterscheiden, welche Ungleichheiten wirklich aus Privilegien resultieren. Mit John Rawls betont sie, dass Ungleichheiten gesellschaftlich förderlich sein könnten – wenn sie nur nicht in Ungerechtigkeit mündeten. Als Fazit kann folgende Bemerkung gelten: „Was eine Gesellschaft jedoch weder kann, noch darf, ist anstelle der Individuen zu handeln. Es gibt den unausweichlichen Punkt, an dem ein Mensch selbst zur Tat schreiten und für das eigene Leben Verantwortung übernehmen muss“ (207).

Diskussion

Mit „Sensibilität“ legt Svenja Flaßpöhler eine jederzeit anschauliche Studie über eine Geistesgeschichte der Sensibilität vor. Ihre genealogischen Analysen aktueller Debatten um Sensibilität erhellen, aus welchen früheren Diskussionen unsere heutigen Debatten geschöpft werden. Verhärtung und Desensibilisierung moderner Subjekte habe bereits Paul Valéry diagnostiziert, mit dem Zusammenhang von Resilienz und Sensibilität hätten sich auch Friedrich Nietzsche und Emmanuel Levinas befasst. Der Beitrag, den Flaßpöhler mit ihrer Studie leistet, besteht darin, schlaglichtartig und pointiert eine Vielzahl von Perspektiven auf Sensibilität ins Feld zu führen und immer anschaulich durch diese Vielzahl an Stimmen zu leiten. Somit wird es den Leser:innen möglich, sich kritisch oder zustimmend mit verschiedenen Positionen zu befassen und sich dadurch eine eigene, fundierte Haltung zu Themen wie gendergerechter Sprache oder zum Umgang mit Hate Speech zu bilden. Flaßpöhler selbst nimmt in ihrer Einordnung gesellschaftlicher „Triggerpunkte“ in geistesgeschichtliche Debatten immer wieder eine vermittelnde Position ein und schafft es dabei, manche vermeintliche Opposition, wie zwischen Resilienz und Sensibilität, aufzulösen.

Dennoch muss angemerkt werden, dass die Breite der angeführten Positionen auf Kosten der inhaltlichen Tiefe geht. So veranschaulicht Flaßpöhler etwa die Theorie von Norbert Elias, wonach sich der zivilisatorische Prozess als Fortschritt an Sensibilisierung zeigt, durch eine verwunderlich schablonenhafte Gegenüberstellung eines Ritters im 11. Jahrhundert, der mit den Händen esse, schnäuze und sich sprachlich und sozial keine Grenzen setze, mit einem postmodernen, aufgeklärten und feministischen Mann des 21. Jahrhunderts. Auch ihre Gegenüberstellung von Nietzsche und Levinas mag zwar ihre illustrierende Funktion erfüllen, verkürzt aber die Position von Levinas deutlich, wenn dieser allein als Denker der Sensibilität und zumal des „Schutz des Selbst“ (51) beschrieben wird. Der Begriff der Verletzlichkeit ist bei Levinas erstens wesentlich von der Position des Anderen, nicht des Selbst, aus gedacht, und zweitens ein deutlich komplexerer Begriff, als ihn Flaßpöhler nachzeichnet. Für die Ethik mag bei Levinas Verletzlichkeit oder Passivität leitend sein, aber dass Levinas dadurch das „Verletzliche, nicht das Widerständige“ (57 f.) kultiviere, kann zumindest stark hinterfragt werden, da Levinas Verletzlichkeit und Widerständigkeit explizit aneinander bindet. Für Levinas ist Verletzlichkeit gerade ein widerständiges Moment im Anderen, und Widerstand wird bei ihm als ethischer Begriff neu gedacht. Man kann sich demzufolge durchaus fragen, von welcher Widerständigkeit Flaßpöhler überhaupt spricht. Die Polarität von Resilienz und Sensibilität, die sie hier anhand von Nietzsche und Levinas aufmachen will, geht also auf Kosten einer inhaltlich fundierten Rekonstruktion der jeweiligen Positionen.

Überhaupt bekommt man bei der Lektüre häufiger den Eindruck, als würde Flaßpöhler Polaritäten zu stark betonen, um bestimmte Konfliktlinien zu veranschaulichen. So mag es hilfreich sein, sich in der Debatte um gendergerechte Sprache an Positionen abzuarbeiten, die „eine solch strikte Form der ‚politischen Korrektheit‘“ fordern (137), wie sie Flaßpöhler rekonstruiert. Allerdings darf durchaus gefragt werden, an wen sich Flaßpöhler mit ihrer Kritik überhaupt wendet: Wer sind denn diejenigen, die eine derart strikte und radikale politische Korrektheit fordern? Ihr Vorschlag der Kontextsensibilität spielt etwa gerade in Debatten um das N-Wort in Kinderbüchern eine wichtige Rolle. Hier geht es ja nicht um die „Möglichkeit der Tabuisierung oder gar der Zensur“ (140), sondern um Abwägungen darüber, ob dieses Wort mit seiner Gewaltgeschichte wirklich angemessen für ein Kinderbuch ist. Auch verwundert es, wenn Flaßpöhler das „dekonstruktive Spiel“ mit der Sprache fordert, aber den Versuchen, eine gendergerechte Sprache zu entwickeln, vorwirft, dieses „dekonstruktive Spiel durch die Regel“ (138) zu ersetzen und damit jede Möglichkeit des Widerstands zu verlieren. Diese Kritik mag manch eine:r dagegen anführen, dass gendergerechte Sprache institutionell verankert werden soll, jedoch kann das keinesfalls zur Kritik an gendergerechter Sprache überhaupt gereichen. Man mag Flaßpöhler darin zustimmen, dass Sprache als solche das Besondere verfehlt, weil Sprache im Modus des Allgemeinen operiert, und dass es daher darum gehen müsse, „immer wieder neue Formen zu finden“, um sich auszudrücken (144). Aber warum gerade durch Repräsentationsansprüche „diese spielerische Suche still gestellt“ (144) wird, ist nicht nachvollziehbar. Gerade aus Perspektive marginalisierter Gruppen ist doch das Ringen um gendergerechte Sprache ein Spiel mit Bezeichnungen und damit ein widerständiger Akt sui generis. Es handelt sich bei gendergerechter Sprache gerade um eine Suche nach neuen Ausdrücken.

Insgesamt muss man anmerken, dass die Perspektive marginalisierter Gruppen gänzlich zu kurz kommt. Dies zeigt schon Flaßpöhlers Auswahl an Philosoph:innen, bei denen es sich vorrangig um westliche akademische und zumeist männliche Philosophen handelt. Diesen Vorwurf an ihrer Auswahl mag man als pauschal und zu sensibel abtun. Wenn Flaßpöhler aber immer wieder Ansprüche marginalisierter Gruppen und Apologien etablierter Positionen gegeneinander stellt, dann sollte sie auch nicht bloß etablierte Positionen referieren. So wäre es etwa sinnvoll, auch Carole Patemans „The Sexual Contract“ oder Charles Mills „The Racial Contract“ heranzuführen, wenn John Rawls’ „Theorie der Gerechtigkeit“ als „die bislang klügste Lösung für das genannte Problem“ (206), womit das Problem der Ungleichheit gemeint ist, vorgestellt wird. Dass nicht jede Ungleichheit eine Form von Ungerechtigkeit ist, darin kann man Flaßpöhler zustimmen. Dass aber dem Gesellschaftsvertrag bei John Rawls ein Geschlechtervertrag oder ein Racial Contract zugrunde liegt, sollte dabei nicht unbemerkt bleiben, denn das zeigt gerade ein Ausblenden von Ungerechtigkeiten in dieser Theorie der Ungleichheit selbst. Dass sich dieses Ausbleiben eines genuinen Einbezugs marginalisierter Perspektiven auch inhaltlich niederschlägt, zeigt sich deutlich in der Debatte um Safe Spaces. In Safe Spaces geht es schließlich nicht, wie Flaßpöhler argumentiert, um „das Fernhalten störender Impulse Andersdenkender“ oder darum, „durch sichere Orte vor den Härten eines offenen Debattenkampfes und hegemonialer Dominanz“ bewahrt zu werden (179). Dass Safe Spaces vielmehr dazu dienen, sich mit Menschen zusammenzufinden, auszutauschen und zu organisieren, die ähnliche Erfahrungen struktureller Diskriminierung gemacht haben und gemeinsam widerständige Wege zu entwickeln, mit alltäglichen Diskriminierungen umzugehen, blendet Flaßpöhler in ihrer Kritik schlicht aus.

Letztlich kann die Kritik an „Sensibilität“ illustrieren, dass es sich hier um eine sehr streitbare Analyse handelt. Die genealogische Analyse der Sensibilität und die geistesgeschichtliche Einordnung aktueller „Triggerthemen“ bleiben an vielen Stellen skizzenhaft. Dennoch lässt sich einiges Neues über diese Debatten lernen und Flaßpöhler lädt sicher dazu ein, den eigenen Blick zu schärfen. So legt sie eine illustrative und anregende Studie über eine Geistesgeschichte der Sensibilität vor, in der die Illustration häufig auf Kosten einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit bestimmten Positionen und Perspektiven geht.

Fazit

Svenja Flaßpöhler unterzieht die Sensibilität einer genealogischen Analyse, indem sie von Debatten über Empfindsamkeit und deren Rolle für die Moral im 18. Jahrhundert über Kritiker der Sensibilität wie Friedrich Nietzsche bis hin zu zeitgenössischen Debatten um gendergerechte Sprache eine Vielzahl an philosophischen Positionen beleuchtet, gegenüberstellt, und einer kritischen Prüfung unterzieht. Während es Flaßpöhler damit gelingt, die Verstrickung von Sensibilität und moderner Subjektivität anschaulich offenzulegen, geht die Illustration der Vielzahl an Positionen häufig zuungunsten einer genaueren Auseinandersetzung mit den jeweiligen Positionen oder auch mit Perspektiven außerhalb des europäischen akademischen Kanons. Ihre Studie über eine Geistesgeschichte der Sensibilität ist damit jederzeit so anregend wie streitbar.

Rezension von
Marvin Bucka
B.A. "Soziale Arbeit im Gesundheitswesen" an der HAWK Göttingen, M.A. "Philosophie" an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, B.Sc. "Psychologie" an der Goethe-Universität Frankfurt
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Es gibt 8 Rezensionen von Marvin Bucka.

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Zitiervorschlag
Marvin Bucka. Rezension vom 03.04.2024 zu: Svenja Flaßpöhler, Boris Zernikow: Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2023. 2. Auflage. ISBN 978-3-608-98715-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30936.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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