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Christina Stich: Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Rezensiert von Prof. Dr. Thomas Eppenstein, 14.02.2024

Cover Christina Stich: Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ISBN 978-3-8288-4854-2

Christina Stich: Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Eine Biografiearbeit. Tectum (Baden-Baden) 2023. 122 Seiten. ISBN 978-3-8288-4854-2. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.
Reihe: Young academics - Soziale Arbeit - Band 1.

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Thema

Das Thema gesellschaftlicher Integration begleitet die akademische Soziale Arbeit wie ihre Praxis seit ihren Anfängen. Moderne Gesellschaften sind generell durch Desintegrationsrisiken ihrer Bürgerinnen und Bürger gekennzeichnet. Wenn sich das Interesse auf die Integration von Bürger*innen mit Migrationsgeschichte und wie im hier rezensierten Fall auf „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ fokussiert, gilt das Interesse zusätzlichen migrationsbedingten Faktoren im Integrationsprozess. Der Titel des Bandes verspricht hierzu einen Zuwachs an Wissen oder Erkenntnissen, da der Anspruch erhoben wird, Integration, Migration und Entwicklungsaufgaben im Jugendalter in ihrer wechselseitigen Verschränkung zu behandeln.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um eine von Andrea M. Wild (Dipl. Sozialpädagogin FH, Lehrbeauftragte) betreute Bachelorarbeit. Die Autorin arbeitet beruflich mit der untersuchten Zielgruppe im schulischen Bereich.

Aufbau und Inhalt

Die mit einem vorangestellten Geleitwort und einer Zusammenfassung in vier Kapiteln und dem Literaturverzeichnis 75 Seiten umfassende Arbeit gliedert sich in einen Theorie- und einen empirischen Teil. Der Anhang mit Anlagen zum empirischen Teil umfasst weitere 49 Seiten.

Einleitend begründet die Autorin Ihre Fragestellung nach der „Komplexität des Zusammenspiels von Migration, Integration und der Entwicklung im Jugendalter“ (S. 2) im Kontext von Herausforderungen in Folge der „Zuwanderung nach Deutschland“ (S. 1) im Jahr 2015. Einbezogen werden sollen jugendliche Lebenswelten.

Nach einer kursorischen „Definition und Begriffsklärung“ der Begriffe „Jugendliche“, „Entwicklung“, „Migration“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“, „Integration“ und „Herausforderung“, in der bereits Setzungen vorgenommen werden („Einfinden in den neuen Kulturkreis“, S. 10), folgen allgemeine Aspekte zu Entwicklungsaufgaben im Jugendalter in Hinblick auf Identitätsentwicklung (Erikson u.a. Autor*innen aus der Entwicklungspsychologie), Moralische Entwicklung (Kohlberg) und Soziale Beziehungen. Letztere werden in Hinblick auf das Beziehungsgefüge zur Herkunftsfamilie, zur Peergroup und zu Freundschaften näher erläutert und münden in die Problemanzeige, dass „für Jugendliche erhebliche Einschränkungen in der Entwicklung entstehen, wenn sie von der Gruppe der Gleichaltrigen ausgegrenzt werden.“ Dabei, so die Prognose, werde deutlich, „dass sich vor allem für Jugendliche mit Migrationshintergrund (…) Schwierigkeiten und Herausforderungen ergeben“.

Im Abschnitt „Werteentwicklung“ wird migrantischen Jugendlichen generell „Unsicherheit, Hoffnungslosigkeit und schmerzhafte Erfahrungen beim Abgleich der eigenen biografischen Werte mit (…) neuen Erfahrungen und Anforderungen in Deutschland“ (24,25) attestiert. Durch traditional markierte Familiäre „Prägung“ und Migration werde die eigene Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Ein weiteres Teilkapitel behandelt ‚Lebenswelten‘ als relevante Bereiche der Integration, wobei die im empirischen Teil differenzierten Unterkategorien „Konsum“, „Medien“, „Freizeit“, „Sprache“ und „Bildung“ vorab festgelegt werden. Im Abschnitt „Bildung, Sprache und Integration“ grenzt sich die Autorin von defizitären Ansichten ab und plädiert für eine Anerkennung von Mehrsprachigkeit. Gleichwohl werden Herausforderungen aufgrund der Spannungen zwischen „eigener Ethnie und Sprache und der neuen Kultur und deren Sprache“ (31) konstruiert. Der seit Jahrzehnten umstrittene Topos von einer ‚Zerissenheit zwischen den Kulturen‘ wird hier somit reproduziert. Mit Bezug auf die Studien von Scherr, Breit u.a. schließt der theoretische Teil mit Argumenten für eine Zusammenschau von Entwicklungsaufgaben und Integrationsprozessen bei Jugendlichen mit Migrationsgeschichte.

Die folgende Dokumentation und Begründung einer kleinen nicht repräsentativen empirischen Untersuchung anhand von problemzentrierten Interviews mit drei Jugendlichen (15 – 17 Jahre) an einer Mittelschule geht als Problembestimmung von der Fragestellung der Autorin aus und bezieht sich (sensu Witzel) auf „objektive“ gesellschaftliche Problemstellungen (39). Gleichwohl wird der Anspruch erhoben, die subjektiven Sichtweisen der Jugendlichen zu erfassen: einer 16Jährigen aus Syrien mit längerem Zwischenaufenthalt in der Türkei, einem 17jährigen Griechen und einem 15jährigen Syrer, zum Teil wohnhaft bei den Eltern, beim Onkel bzw. unbegleitet.

Die Diskussion der Ergebnisse betont u.a. Risiken der Isolation, die als Selbstausgrenzung und Ergebnis kulturell- ethnischer Spannungen gedeutet werden (60,64).

Diskussion

Zunächst ist zu würdigen, dass hier der Versuch unternommen wird, Jugendliche mit Migrationsgeschichte in Hinblick auf ihre Entwicklungsaufgaben vornehmlich als Jugendliche, und nicht primär als Geflüchtete bzw. Migrant*innen in den Blick zu nehmen. Zu kritisieren bleibt, dass die vorgenommenen Problembestimmungen unerkannt einem Muster folgen, das Integration eher als subjektive Bringschuld und weniger als strukturabhängige Möglichkeitsbedingung erfasst, und die Herausforderungen wiederkehrend als Spannung zwischen kulturellen, ethnischen, traditionalen Verortungen auf Seiten der Migrant*innen einerseits und den diesen entgegenstehend konstruierten Erwartungen Deutschlands andererseits beschreibt.

Der zentrale Begriff der Integration wird schlicht anhand einer Definition des Bundesministeriums des Inneren, für Bau und Heimat übernommen, und baut nicht in erforderlicher Weise auf sozialwissenschaftlichen Konzepten, Theorien oder Studien auf. Auch der beanspruchte Lebensweltbezug wird kaum theoretisch schlüssig auf zugrundliegende Alltagstheorien, den sogenannten Lebenswelt- bzw. Lebensbewältigungsansatz (vgl. z.B. Böhnisch) bezogen. Der Topos von „Menschen mit Migrationshintergrund“ wird eher affirmativ u.a. vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge übernommen.

Der Gegenstand dieser Studie wird somit nicht differenziert behandelt hinsichtlich seiner objektivierbaren sozialwissenschaftlichen Fakten, seiner Repräsentation und Aushandlung in unterschiedlichen Diskursfeldern und den je subjektiven Bewältigungsmustern als Teil menschlicher Praxis. Das rächt sich im ansonsten gründlich ausgeführten und anhand des erhobenen Datenmaterials interessanten empirischen Teil, wenn die zuvor festgelegten Kategorien nicht aus den Interviews selbst generiert werden, und die Diskussion der Ergebnisse einer Interpretation folgen, die den zuvor aufgestellten Annahmen entspricht. Die biografischen Besonderheiten und spezifischen Bewältigungsstrategien der befragten Jugendlichen werden somit einer Generalisierung untergeordnet, die jedoch strukturelle Bedingungen und Kontroversen zu Integration und Desintegration in Gesellschaft und Wissenschaft weitgehend ignoriert.

Fazit

Die Veröffentlichung dieser Bachelorarbeit kann für Studierende und Lehrende von Interesse sein, da hier das gesellschaftliche Desiderat nach ‚Integration‘ von ‚Jugendlichen mit Migrationshintergrund‘ erneut aufgegriffen wird. Während eine kritische Rekonstruktion der theoretischen bzw. konzeptionellen Modellierung zentraler Begriffe wie ‚Integration‘, oder ‚Lebenswelt‘ unterbleibt, sind die stichprobenartigen empirischen Befunde von Interesse und bieten Raum für eine weitergehende interpretative Erschließung.

Rezension von
Prof. Dr. Thomas Eppenstein
Evangelische Hochschule RWL Bochum Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie
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Es gibt 6 Rezensionen von Thomas Eppenstein.

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Zitiervorschlag
Thomas Eppenstein. Rezension vom 14.02.2024 zu: Christina Stich: Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Eine Biografiearbeit. Tectum (Baden-Baden) 2023. ISBN 978-3-8288-4854-2. Reihe: Young academics - Soziale Arbeit - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30954.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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