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Thomas Bachmann, Johannes Loermann: Zur Wirksamkeit systemischer Interventionen im Kontext von Arbeit und Organisationen

Rezensiert von Delia Godehardt, 23.01.2024

Cover Thomas Bachmann, Johannes Loermann: Zur Wirksamkeit systemischer Interventionen im Kontext von Arbeit und Organisationen ISBN 978-3-8497-9064-6

Thomas Bachmann, Johannes Loermann: Zur Wirksamkeit systemischer Interventionen im Kontext von Arbeit und Organisationen. Ein systematischer Überblick über den Stand der Forschung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. 340 Seiten. ISBN 978-3-8497-9064-6. D: 32,95 EUR, A: 33,90 EUR.
Reihe: Verlag für systemische Forschung.

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Thema

Die Autoren haben im Auftrag zweier Fachgesellschaften Forschungspublikationen zur Wirksamkeit systemischer Interventionsformate im Kontext von Arbeitswelt und Organisationen systematisch gesichtet und aufbereitet.

Autoren

Thomas Bachmann, Priv.-Doz., Dr. rer. nat., Arbeits- und Organisationspsychologe, klinischer Psychologe und Informatiker arbeitet als Coach, Organisationsberater, Lehrtrainer für Coaches, Trainerinnen und Beraterinnen und ist in der Hochschullehre tätig.

Johannes Loermann, M.Sc., ist in der Personal- und Organisationsentwicklung und als systemischer Coach tätig.

Entstehungshintergrund

Systemisches Arbeiten ist seit Jahrzehnten im Kontext Organisation und Arbeitswelt etabliert. Beratung, Coaching, Supervision, Organisationsberatung, Teamentwicklung, Mediation und Moderation sind theoretisch und methodisch fundierte Interventionsformate. Die beiden systemischen Fachverbände – Systemische Gesellschaft (SG) und Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) – haben die Studie entlang eines Qualitätsdiskurses beauftragt, um die Wirksamkeit systemischer Interventionen im arbeitsweltlichen Kontext zu reflektieren und Impulse zur Weiterentwicklung zu erhalten.

Aufbau

Nach einer sehr kompakten Zusammenfassung der späten folgenden Studienergebnisse und Darstellung der Ausgangslage, klären die Autoren, was sie unter dem Begriff ‚systemisch‘ bzw. ‚Systemische Ansätze‘ subsumieren (Kapitel 3) und fokussieren im folgenden Kapitel auf Interventionsansätze im Arbeits- und Organisationskontext (Kapitel 4) sowie auf Wirksamkeitsforschung aus systemischer Sicht (Kapitel 5). Nach einem Methodenkapitel werden in Kapitel 7 die Ergebnisse der systematischen Studienauswertung entlang der drei Kategorien ‚Systemisches Coaching‘, ‚Systemische Organisationsberatung‘ und ‚Systemische Arbeit im Mehrpersonensetting‘ auf über 200 Seiten detailliert vorgestellt, bewertet und eingeordnet, um abschließend Ansätze für weitere Forschungen und Begrenzungen zu benennen. Das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis sowie des Verzeichnisses aller eingeschlossenen und nicht-eingeschlossenen Studien.

Inhalt

Die Zusammenfassung (Kapitel 1) stellt sehr kompakt sowohl Ziele als auch Ergebnisse der folgenden Studie zusammen, nämlich die Sichtung der internationalen empirischen Studienlage zu systemischen Interventionsformaten, um daraus Ideen für weitere Forschungsprojekte abzuleiten. Kurz und präzise wird dann auf Interventionsformate mit umfassendem Studienumfang sowie Formate, für die weniger Forschungen vorliegen fokussiert. Als problematisch wird bereits hier (S. 10) die Präzisierung des Begriffs ‚systemisch‘ genannt. In dem eine gut halbe Seite umfassenden Kapitel 2 (S. 13) werden – nochmals – Ausgangslage und Ziele der Studie expliziert.

Kapitel 3 (S. 15) wird mit systemtheoretische Grundlagen eingeleitet, um dann „die aus unserer Sicht wichtigsten und originär systemischen Ansätze“ (S. 19) vorzustellen.

Sie beginnen mit dem von ihnen so bezeichneten systemisch-konstruktivistischen Ansatz, zu dessen maßgeblichen Vertretern sie Maturana, von Foerster, von Glasersfeld, Watzlawik, Luhmann und Simon zählen, und in dem sich von Begriffen wie ‚Objektivität‘ und ‚Wahrheit‘ verabschiedet wird. In systemisch-lösungsorientierten Ansätze, die sie auf de Shazer und Berg zurückführen und auch als „lösungs- und kompetenzorientierten Ansatz“ (S. 20) bezeichnen, wird der Blick vom Problem ab- und der Lösung zugewandt. Im Anschluss wird die von Haken begründete Synergetik beschrieben sowie der Ansatz der dissipativen Strukturen von Prigogne. Beiden vorgestellten Ansätzen ist ihre Fundierung in naturwissenschaftlichen Theorien komplexer Systeme gemein, wodurch Forschende anderer Disziplinen angeregt wurden, diese Erkenntnisse auf soziale Systeme zu übertragen. Mit System Dynamics bzw. Systems Thinking, einer „Methodik zur Analyse und Simulation komplexer und dynamischer Systeme“ (S. 22), die „insbesondere im Bereich sozioökonomischer Systeme“ (S. 22) Anwendung findet.

Die Autoren stellen systemische Aufstellungen vor und gleichzeitig die Frage, „inwieweit Systemaufstellungen als systemischer Ansatz oder als Arbeitsmethode definiert werden können“ (S. 23) und knüpfen damit an ihre anfängliche Aussage zur Schwierigkeit der begrifflichen Fassung und Definition systemischer Ansätze im Rahmen der Zusammenfassung an. In narrativen Ansätzen wird die Funktion von Sprache bei der Konstruktion von Bedeutung und Wirklichkeit betont, auch wenn diesen Ansätzen nicht der Systembegriff zugrunde liegt. Der personzentrierte Ansatz nach Kriz fußt auf vier Prozessebenen menschlichen Erlebens. Der auf der Hypnotherapie nach Erikson sowie auf konstruktivistischem Denken basierende hypnosystemische Ansatz fokussiert auf Kompetenzen, Ressourcen und Lösungen und konzentriert sich auf unbewusste und unwillkürliche Prozesse. Das Kapitel schließt mit dem systemisch-psychodynamischem Ansatz, dessen Erkenntnisse sich aus der psychoanalytischen Therapie speisen.

Systemischen Interventionsformaten (S. 27) widmen die Autoren das sechs Seiten umfassende Kapitel 4 und führen Begriffsklärungen zu Coaching im Einzel- und Mehrpersonensetting, Organisationsberatung, Organisationsentwicklung, Teamentwicklung, Mediation, Supervision und Training durch.

Probleme der Wirksamkeitsforschung im Arbeits- und Organisationskontext werden in Kapitel 5 (S. 33) in den Blick genommen. Zunächst wird darauf hingewiesen, dass die Untersuchung von Wirkungen häufig von kausalen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen ausgeht, was der systemischen Sicht von Verhalten und Beeinflussung komplexer Systeme widerspricht. Des Weiteren wird auf methodische Probleme von Studien hingewiesen und auf die Schwierigkeit der Bestimmung einer systemischen Intervention. Davon ausgehend explizieren die Autoren inhaltliche Ein- und Ausschlussbedingungen für Studien sowie Evidenzklassen und Studienanforderungen.

Die angewendete Forschungsmethode der Systematischen Literaturübersicht wird in Kapitel 6 kompakt nachvollziehbar gemacht, Suchbegriffe und Recherchequellen werden umfassend dargestellt.

Sehr ausführlich werden in Kapitel 7 auf 203 Seiten die Ergebnisse, also „die Bewertung und Einordnung der Studien für die jeweiligen Systemischen Ansätze sowie die verschiedenen Formate“ (S. 49) vorgestellt. Die Autoren gliedern in die Format-Kategorien „Systemisches Coaching“ (S. 49), „Systemische Organisationsberatung“ (S. 112) und „Systemische Arbeit im Mehrpersonensetting“ (S. 205). Jede Kategorie wird mit einer Übersicht der in den Studien genannten systemischen Ansätze eingeleitet sowie einer Tabelle zu Wirkfaktoren und Wirkungen der untersuchten Interventionen. Im Anschluss werden alle 335 eingeschlossenen Studien entlang der identifizierten systemischen Ansätze vorgestellt. Die Zahl der den jeweiligen Ansätzen zugeordneten Studien variiert stark. Beispielsweise fließen für die Ansätze des sytemisch-lösungsorientierten Coachings sowie der systemischen Systemaufstellungen im Organisationskontext jeweils 36 Studien in die Studie ein, für den Ansatz des hypnosystemischen Coachings bildeten 3 Studien die Grundlage und für Supervision als Mehrpersonensetting 13 Studien.

Die Studienlage zur Wirksamkeit von systemischem Coaching, zur Aufstellungsarbeit und zur systemischen Organisationsberatung kann als gut bewertet werden. Im Gegensatz dazu ist sie für die Formate Gruppen- und Teamcoachings, Supervision, Mediation und Training dünn. Insgesamt wird in der Fülle der eingeschlossenen Studien Uneinheitlichkeit und mangelnde Qualität festgestellt. (S. 253) Als mögliche zukünftige Forschungsthemen werden im inhaltlich abschließenden Kapitel 8 u.a. die Wirksamkeit narrativer Ansätze, die Rolle organisationsinterner systemisch arbeitender Beratungspersonen und die Wirkung systemischer Führung genannt.

Diskussion

Das vorliegende Buch stellt die erste systematische Meta-Studie zu Wirkungen systemischer Interventionen im Arbeits- und Organisationskontext dar und bietet mit 335 eingeschlossenen sowie 236 nicht eingeschlossenen Studien einen hervorragenden Überblick über die internationale Studienlage. Die Kategorisierung nach Systemischen Ansätzen und Formaten bietet sowohl Praktiker:innen, die als Coaches, Organisationsberater:innen, Supervisor:innen tätig sind als auch Forschenden die Möglichkeit eines raschen und schnellen Überblicks über Studienlage und Auswertung.

Die von den Autoren selbst bereits in Kapitel 1 benannte Schwierigkeit der begrifflichen Fassung von ‚systemisch‘ könnte sich in ihrer Kategorisierung systemischer Ansätze und damit verbundener Unschärfe widerspiegeln. Beispielsweise wird der Ansatz der Lösungsfokussierung von de Shazer und Berg in einen sytemisch-lösungsorientierten Ansatz gefasst, ohne Unterschiedlichkeit von ‚Fokussierung‘ und ‚Orientierung‘ näher zu klären. De Shazer und Berg selbst haben ihre pragmatische Methodologie nicht dem Systemischen Arbeiten zugeordnet. Ähnlich wird mit dem Begriff des Konstruktivismus verfahren, dessen Begründer sich nicht als dem systemischen Denken verpflichtet fühlten. Aber möglicherweise wird von den Autoren hier eher auf die zwei Ansätze fokussiert, die das systemische Denken mit ihrer Sicht beeinflussten (und nicht umgekehrt).

Maßgeblicher Verdienst dieser systematischen Literatur- bzw. Studienübersicht ist es jedoch, überhaupt eine Systematik in das weite Feld der Wirkungen systemischer Interventionen zu bringen. Ihr Ziel, nämlich die Sichtung und Systematisierung der internationalen Wirksamkeitsforschung und die Ableitung für zukünftige Forschungsthemen, erreicht sie.

Fazit

Das Buch bietet einen hervorragenden Überblick über die internationale Wirkungsforschung zu systemischen Interventionen im Arbeits- und Organisationskontext. Es ist offenkundig überfällig, da systemisches Denken und systemische Interventionen eine lange Tradition haben und inzwischen auch im Arbeits- und Organisationskontext etabliert sind. Die Lektüre ist sowohl Praktiker:innen wie auch Forschenden und Studierenden zu empfehlen, die sich mit der Wirksamkeit von (eigenen) Interventionen befassen wollen oder aus wissenschaftlicher Sicht Impulse für zukünftige Forschungen erhalten möchten.

Rezension von
Delia Godehardt
Dipl.-Sozialpädagogin, systemische Beraterin, systemische Supervisorin, Coach, selbständig tätig in Training, Supervision, Coaching, Organisationsberatung & -entwicklung, Training sowie Hochschullehre.
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Es gibt 3 Rezensionen von Delia Godehardt.

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Zitiervorschlag
Delia Godehardt. Rezension vom 23.01.2024 zu: Thomas Bachmann, Johannes Loermann: Zur Wirksamkeit systemischer Interventionen im Kontext von Arbeit und Organisationen. Ein systematischer Überblick über den Stand der Forschung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. ISBN 978-3-8497-9064-6. Reihe: Verlag für systemische Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30962.php, Datum des Zugriffs 21.02.2024.


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