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Nivedita Prasad (Hrsg.): Methoden struktureller Veränderung in der Sozialen Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Christian Schröder, 04.10.2023

Cover Nivedita Prasad (Hrsg.): Methoden struktureller Veränderung in der Sozialen Arbeit ISBN 978-3-8252-6046-0

Nivedita Prasad (Hrsg.): Methoden struktureller Veränderung in der Sozialen Arbeit. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. 268 Seiten. ISBN 978-3-8252-6046-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 37,50 sFr.

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Thema

Im Sammelband von Nivedita Prasad werden Handlungsmethoden und Konzepte für die Soziale Arbeit präsentiert, die nicht allein die Probleme der betroffenen Personen als individuelle Herausforderungen betrachten, sondern auch deren Wurzeln in den gesellschaftlichen Strukturen anzugehen versuchen. Die Beiträge untersuchen daher auch die gesellschaftliche Rolle der Sozialen Arbeit kritisch und erläutern Wege zur praktischen Umsetzung des Mandats der Sozialen Arbeit, wie es in der globalen Definition Sozialer Arbeit festgelegt ist, nämlich die Förderung sozialer Gerechtigkeit.

Aufbau

Das Buch umfasst insgesamt 17 Einzelbeiträge. Die ersten drei Beiträge haben eine grundlegende Ausrichtung und dienen dazu, den/die Leser:in in das Thema des Sammelbandes einzuführen. Die folgenden Beiträge hingegen präsentieren Handlungsmethoden und Konzepte, die teilweise bereits in anderen Kontexten, insbesondere in sozialen Bewegungen, erprobt wurden und deren Anwendbarkeit auf die Praxis der Sozialen Arbeit untersucht wird.

Inhalt

Der erste Beitrag stammt von der Herausgeberin Nivedita Prasad und beschäftigt sich mit der Bedeutung von Methoden zur strukturellen Veränderung, die sich aus dem Trippelmandat der Sozialen Arbeit ergeben. Dabei untersucht sie die historischen Ursprünge der Sozialen Arbeit im Kontext sozialer Bewegungen, internationale Methodendebatten sowie Studiengänge und Weiterbildungsmöglichkeiten für Praktiker:innen. Ihr Ziel ist es, zu verdeutlichen, dass neben der Integration von Methoden für den strukturellen Wandel eine Debatte über die Voraussetzungen für Handeln auf der Mikro- und Makroebene notwendig ist.

Anschließend erläutern Miriam Burzlaff und Maren Burkhardt, wie Soziale Arbeit als Makropraxis dazu beitragen kann, Gerechtigkeit zu erstreiten. Sie zeigen am Beispiel des Maßregelvollzugs auf, dass fehlende Deutschkenntnisse den Zugang zur Therapiemöglichkeit verhindern und daher eine Entlassung aus dem Vollzug unmöglich machen. Sie diskutieren Interventions- und Veränderungsmöglichkeiten, die in Kooperation mit Jurist:innen initiiert werden können. Diese Maßnahmen könnten neben großen Gesetzesreformen auch kurzfristige Lösungen bieten, um die ungerechte Situation der Adressat:innen zu verbessern.

Miriam Burzlaff plädiert in ihrem Beitrag für die Notwendigkeit, subjektorientierte Unterstützung und gerechtigkeitsorientierte Strukturarbeit miteinander zu verknüpfen. Sie argumentiert, dass durch Policy Practice versucht werden sollte, die strukturellen Probleme, die in der personenbezogenen Beratung erkannt werden, auf die politische Agenda zu setzen.

Lydia Malmedie erläutert in ihrem Beitrag, wie Lobbying im Kontext der Sozialen Arbeit genutzt werden kann, um sozialen Wandel anzustoßen. Die von Nivedita Prasad vorgestellte strategische Prozessführung verspricht, dass Sozialarbeiter:innen in Zusammenarbeit mit Jurist:innen strukturelle Veränderungen bewirken können. Dies erfordert eine beschwerdeführende Person, die einen Präzedenzfall schafft, der zur Weiterentwicklung des Rechts beitragen kann. Im Kontext der Sozialen Arbeit werden Beispiele genannt, bei denen Ersatzfreiheitsstrafen für Personen verhängt werden, die Bußgelder aufgrund von Ordnungswidrigkeiten (z.B. Nutzung des ÖPNV ohne Ticket) nicht bezahlen können. Auch konzertierte Aktionen wie Selbstanzeigen von Sozialarbeiter:innen, die illegalisierte Personen unterstützen, können dazu beitragen, öffentlich auf Missstände hinzuweisen.

Mareike Niendorf stellt das Critical Monitoring als Handlungsmethode vor, um dokumentiertes Wissen aus (Fall-)Akten systematisch und zielgerichtet einzusetzen, um strukturelle Änderungen im Sinne der Adressat:innen zu bewirken.

Der Beitrag von Aki Krishnamurthy und Sebastian Fleary behandelt einerseits die Methode des Theaters der Unterdrückten und ist andererseits als ein Gespräch zwischen den Autor:innen angelegt. Hier wird verdeutlicht, wie das spielerische Finden von Handlungsalternativen in Situationen von Unterdrückung, wie z.B. Polizeigewalt, in Gruppen, die ähnliche Erfahrungen teilen, dazu führen kann, die empowerte Erfahrung zu machen, dass man nicht selbst das Problem ist, sondern das System.

Nivedita Prasad stellt die Idee von Gesellschaftstribunalen vor, die oft von sozialen Bewegungen initiiert werden können, aber auch in der Sozialen Arbeit eingesetzt werden sollten. Ihr Zweck ist es, Menschenrechtsverletzungen sichtbar zu machen, den Betroffenen Gehör zu verschaffen und die Sensibilisierung für das Thema zu fördern. Dies soll auch die Betroffenen selbst ermächtigen.

Eine klassische Methode in Teilen der Gemeinwesenarbeit ist das von Wencke Lüttich vorgestellte Community Organizing. Diese Methode orientiert sich an den Anliegen der Menschen und moderiert einen Prozess, der versucht, Menschen mit gemeinsamen Anliegen zusammenzubringen und über kollektive Aktionen Gegenmacht zu organisieren.

Im Beitrag von Jennifer Petzen wird die Schnittstelle zwischen Sozialer Arbeit, Polizei, Justiz und Überwachungsinstitutionen kritisch betrachtet. Sie plädiert für die Methode der Community Accountability, um sich aus den Verstrickungen einer kazeralen Sozialen Arbeit zu befreien und transformative Gerechtigkeit durch Konzepte wie kollektive Verantwortungsübernahme zu verfolgen.

Kooperative Konfliktanalysen werden im Beitrag von Barbara Schäuble und Ulrike Eichinger als Beitrag zur Profilierung der Sozialen Arbeit als sozialtheoretische, professionstheoretische und subjektwissenschaftliche Handlungswissenschaft präsentiert. Dabei entstehen aus gruppenbezogenen Verständigungen über konfliktbezogene Dynamiken (kollektive) Lernprozesse.

Ziviler Ungehorsam ist Thema eines Beitrags von Nivedita Prasad, der als „uneigennütziger, ethisch begründeter, kalkulierter oder spontaner, gewaltloser, vorsätzlicher Norm- oder Rechtsbruch [definiert ist], der das Ziel hat, individuelle Unterstützung von Klient_innen oder strukturelle Änderungen zum Wohl der Klient_innen zu erreichen.“ (S. 186)

Im darauffolgenden Artikel setzt sich Nivedita Prasad mit dem Thema Whistleblowing in der Sozialen Arbeit auseinander. Sie hebt hervor, dass Whistleblowing sowohl dazu dienen kann, unethisches Verhalten von Sozialarbeiter:innen als auch prekäre Arbeitsbedingungen in der Sozialen Arbeit öffentlich zu machen, was wiederum zu strukturellen Verbesserungen beitragen kann. Maren Burkhardt, die sich ebenfalls in ihrem Beitrag mit Whistleblowing beschäftigt, legt den Fokus auf die Risiken, denen Whistleblower:innen rechtlich ausgesetzt sind. Sie verdeutlicht die Gefahren strafrechtlicher Verfolgung von Personen, die Missstände öffentlich machen. Beide Beiträge unterstreichen die dringende Notwendigkeit, nicht nur die rechtlichen Rahmenbedingungen zu verbessern, sondern auch organisatorische Konzepte und unabhängige Meldestellen zu etablieren, um einer Kultur des Schweigens und Wegsehens in der Sozialen Arbeit entgegenzuwirken.

Maren Burkhardt präsentiert in einem weiteren Beitrag die Methode des Adbustings, die die Verfremdung von Werbung im öffentlichen Raum beinhaltet. Sie verknüpft dies mit einer strafrechtlichen Risikoanalyse und betont, dass anhand dieses Beispiels die Möglichkeiten zur Gestaltung des öffentlichen Raums über kommerzielle Interessen hinaus neu verhandelt werden können.

Tatjana Roncolato Donkor beleuchtet in ihrem Beitrag, wie die Soziale Arbeit von Blacktivismus Plus lernen kann, insbesondere hinsichtlich des gezielten Einsatzes von sozialen Medien im Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen.

Abschließend präsentiert Silvia Ben Mahrez am Beispiel der ASH Berlin, wie partizipative Prozesse dazu beitragen können, das Recht auf Hochschulbildung für geflüchtete Personen zu realisieren. Diese Prozesse zielen auf strukturelle Veränderungen ab, die hinderlich sind, und auf den Aufbau förderlicher Strukturen, um Chancengleichheit zu fördern.

Diskussion

Der Sammelband von Nivedita Prasad behandelt zentrale Themen und Ansätze in der Sozialen Arbeit, die darauf abzielen, strukturelle Probleme anzugehen und soziale Gerechtigkeit zu fördern. Die Vielfalt der behandelten Methoden und Konzepte zeigt die Bandbreite der Möglichkeiten, die die Soziale Arbeit bieten kann. Die Frage nach der Umsetzbarkeit und Realisierbarkeit dieser Methoden in der täglichen Praxis der Sozialen Arbeit zeigt auf, dass es auch gilt, die Rahmenbedingungen der Sozialen Arbeit zu verändern, um das Ziel, soziale Gerechtigkeit auf der ethischen Basis der Menschenrechte umsetzen zu können. Die Umsetzung struktureller Veränderungen ist ferner stets mit Widerständen verbunden, sodass es noch als ein langer Weg erscheint, bis Soziale Arbeit so weit ist, umfassender als bisher, ihrem Trippelmandat gerecht zu werden. Der Band ist sicherlich als ein Meilenstein zu sehen, auf welchen Lehrende und Studierende, aber auch Praktiker:innen aufbauen können, um ihre eigene Praxis zu reflektieren und Auswege zu erstreiten, die einer Praxis entgegenwirken, die sich menschenrechtsverletzend ausgestaltet.

Fazit

Der Sammelband bietet wertvolle Einblicke und Anregungen für die Soziale Arbeit, die ihre Rolle in der Förderung von sozialer Gerechtigkeit und strukturellen Veränderungen weiterentwickeln möchte. Er ermutigt zur kritischen Selbstreflexion und zum Nachdenken über die Möglichkeiten und Grenzen der Sozialen Arbeit in einer sich wandelnden Gesellschaft. Wie die Herausgeberin Nivedita Prasad es treffend formuliert: „Es bleibt zu hoffen, dass Sozialarbeitende zunehmend auch das Recht nutzen, um mit und für die Adressat_innen strukturelle Veränderungen zu erreichen“ (S. 84).

Rezension von
Prof. Dr. Christian Schröder
Professor für Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, Fakultät für Sozialwissenschaften
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Es gibt 21 Rezensionen von Christian Schröder.

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Zitiervorschlag
Christian Schröder. Rezension vom 04.10.2023 zu: Nivedita Prasad (Hrsg.): Methoden struktureller Veränderung in der Sozialen Arbeit. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2023. ISBN 978-3-8252-6046-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30964.php, Datum des Zugriffs 17.06.2024.


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