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Nils Wenzler: Strategien der Integration

Rezensiert von Prof. Dr. Simon W. Kolbe, 04.10.2023

Cover Nils Wenzler: Strategien der Integration ISBN 978-3-7799-7256-3

Nils Wenzler: Strategien der Integration : zur Produktion von Andersheit und Ausschluss : eine genealogische Geschichtsschreibung Sozialer Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 238 Seiten. ISBN 978-3-7799-7256-3. D: 50,00 EUR, A: 51,50 EUR.
Reihe: Diversität in der Sozialen Arbeit. .

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Historische Betrachtung von Integration und Sozialer Arbeit

Das vorliegende Werk ist zugleich die Dissertationsschrift des Autors mit dem Titel „Strategien der Integration. Eine genealogische Geschichtsschreibung Sozialer Arbeit.“ Das vorliegende Werk will in Form einer genealogischen Untersuchung werden scheinbar unscheinbare Orte der Integration (als Beispiel werden hier Wohnsiedlungen für Sinti-Familien in den 1970ern genannt) als Ausgangspunkt für eine machtanalytische Studie ausgewählt. Hierbei soll das professionelle Handeln in der Sozialen Arbeit als eine Form der Bevölkerungsregulierung betrachtet werden. Ferner soll das Buch aufzeigen, wie eng die Vorstellung von Integration mit den historisch bestimmten Konzepten des „Anderen“ verknüpft sind.

Autoren

Dr. phil. Nils Wenzler weist eine spezifische Expertise auf dem Gebiet der Sozialen Arbeit. Laut eigenen Angaben [1] liegen seine thematischen Schwerpunkte in der Entwicklung und Umsetzung niedrigschwelliger, strukturbasierter und sozialraumbezogener Handlungspraktiken in der Sozialen Arbeit. Ein zentraler Fokus seiner Arbeit ist dabei die Untersuchung gesellschaftlicher Differenzverhältnisse, sozialer Ungleichheit und der Förderung von Inklusion. In seiner Forschung bedient sich Nils Wenzler unterschiedliche Methoden, darunter diskurs- und praxeologische Ansätze sowie ethnografische Zugänge. Besonders interessant ist seine historische Perspektive in der Geschichtsschreibung der Sozialen Arbeit, die es ermöglichen soll, Entwicklungen und Veränderungen im Laufe der Zeit besser zu verstehen. Darüber hinaus hat sich Wenzler in den letzten Jahren verstärkt mit Themen wie politischer Bildung, Teilhabe, Solidarität, Empowerment und Powersharing auseinandergesetzt. Diese Aspekte finden sich in seinen Publikationen wieder und ergänzen seine Forschungs- und Arbeitsfelder.

Aufbau und Inhalt

Das zu rezensierende Buch ist in 5 Abschnitte unterteilt.

Teil 1 „Gegenstand – Interesse – Perspektive“ (S. 9–37) ist als einleitender Teil der Arbeit zu verstehen, der sich zunächst den thematischen Bedingungen der Dimensionen des Buches nähert [Integration und die Regulierung der Bevölkerung], eine Problemlagenbeschreibung liefert und sich der Forschungsfrage, sowie dem Erkenntnisinteresse des Autors widmet. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie konnte es für eine kurze Zeitspanne dazu kommen, dass der Aufbau von Siedlungen für eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung als ein Modell zur Integration durch Soziale Arbeit angesehen werden konnte?(S. 18). Dann möchte der Autor im Grunde genommen auf historische Bedingungen eingehen, die dazu führten.

Daraufhin wird sich der Genealogie [Ein genealogischer Blick] als Forschungsansatz zugewandt und verschiedene Fachbegriffe dargestellt und Verständnisebenen erörtert, um schließlich das Forschungsinteresse des Autors zu verdeutlichen. Im Anschluss findet eine konkretisierende Erklärung und Beschreibung der sogenannten „Gouvernementalität“ statt (was auch unbedingt nötig ist).

Im zweiten Teil des Werkes geht der Autor genauer auf das „ (.) Verfahren einer genealogischen Geschichtsschreibung Sozialer Arbeit“ (S. 39–48) ein. Es soll letztendlich den Erkenntnisgewinn darstellen und den methodischen Ansatz erläutern. Dazu erklärt der Autor die Begrifflichkeiten [Diskontinuität],[Historische Serien], [Zum Ereignis machen – die Singularität der Elemente],[Material – Kristallisationspunkte] und [Zur Konstruktion einer Geschichte].

Teil 3 des Buches widmet sich der „(…) Regulierung der Bevölkerung“ (S. 49–65) und soll als Übergang von der theoretischen Perspektive auf den Kern des Buches darstellen. Dafür beginnt der Autor dann der [Policey und die Erfindung der Bevölkerung] auf, analysiert die [(…)Bevölkerung als Objekt der Regulierung], widmet sich ausführlich der [(…) Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft] und beschreibt dann [Freiheit und Sicherheit (…)] und [Das Ende der Policey].

Der vierte Teil „Die Künste der Regulierung“ (S. 66–198) ist sehr umfangreich und widmet sich den sogenannten Serien, diese sind wie folgt angeordnet: [Die Zäsur im Sozialen], Die [Erfassung von Körpern], [Die Anordnungen des Raums] und [Die Organisation von Entwicklungen].

Der fünfte und abschließende Teil wird mit dem Titel „Strategien der Integration und das Denken von Entwicklung“ (S. 199–219) beschrieben. Untergeordnet sind diesem [Die Ordnung der Integration und die Regierung des Sozialen], [Die Problematisierung von Blockaden der Entwicklung], [Die Intervention der Sozialplanung und die Organisation von Entwicklung], [Die Kolonialisierung im Innern einer Gesellschaft] und [Zum Schluss: Gleichheit, Demokratie und Integration].

Diskussion

Der Autor selbst bekennt sich zu einer Problematik, die gleichzeitig einen Anspruch an die Lesenden darstellt: „Bei dem Verfahren der Erkenntnisgewinnung handelt es sich dementsprechend nicht im eigentlichen Sinne um ein sozialwissenschaftliches Forschungsdesign, sondern vielmehr um eine sozialwissenschaftlich informierte Geschichtsschreibung“ (Wenzel, S. 38). Ferner beruft sich der Autor auf die Analytik und gibt an, sowohl „zirkuläre“ als auch „geöffnete Forschungspraxis“ zu vollziehen. Das angewandte Verfahren zum Erkenntnisgewinn wird unter den Begriffen „Diskontinuitäten – Serien – Ereignisse“ „verborgen“ (Wenzel, S. 39). Gleichermaßen komplex, vielschichtig und anspruchsvoll sind einzelne Abschnitte des Werkes zu lesen. Die Sprache ist – bei allem gebührenden Respekt gegenüber dem Autor und seiner umfassenden Leistung – anspruchsvoll in Wortwahl und Gestaltung. Viele Sätze sind mit Fremdwörtern ausgeschmückt, verschachtelt und schwer verständlich.

Dabei findet eine akribische Auswertung, Aneinanderreihung und Beschreibung unterschiedlichster historischer Aspekte mit thematischen Bezug zu den Inhalten des Werkes statt. Der Autor erwähnt diesbezüglich, dass sich im Text regelmäßige Relationen zur Theorie, zum Verfahren und zum so bezeichneten „Materialkorpus“ vorfinden und somit ein im Verlauf des Buches im Nachhinein nachvollziehbares und rekonstruierbares Forschungsdesign ermöglichen (S. 39). Das Material ist offensichtlich vorhanden und der Autor hat sich intensiv damit beschäftigt und ebenfalls theoretische Komponenten einbezogen sowie Beziehungen hergestellt. Dem Rezensenten ergibt sich das Forschungsdesign dennoch nicht als nachvollziehbar und auch nicht als besonders verständlich. Das mag an der wissenschaftlichen Disziplin des Autors liegen und an der bestehenden Disziplinferne des Rezensenten. Die Erkenntnisse des Buches liegen dadurch quasi im Verborgenen, was aber auch, so ist zumindest die Interpretation, Intention des Autors ist. Ob die oben erwähnte Forschungsfrage mit dieser historischen Beschreibung beantwortet ist, ist nicht eindeutig zu erkennen. Dem Werk kann eine gewisse hermetische Verschlossenheit attestiert werden.

Fazit

Ein Buch für eine sehr spezifische Zielgruppe: Der vorliegende Text scheint für die meisten Menschen schwer verständlich. Er erfordert eine hohe Dichte an Vorwissen oder spezialisierten Kenntnissen, um ihn zu verstehen. Die Nutzung von Fremdwörtern, Fachbegriffen und komplexen Strukturen macht die Lektüre anspruchsvoll und für Nicht-Experten*innen oder Laien schwer zugänglich. Vertreter*innen der historischen Disziplinen und Praktiker*innen sowie Studierende mit hoher Affinität zur Geschichte der Sozialen Arbeit (und mehreren Semestern Studiererfahrung) werden sehr interessante Informationen vorfinden, die es ermöglichen, die Entwicklung der Sozialen Arbeit unter einer bestimmten Perspektive besser zu verstehen.


[1] https://nilswenzler.com/ [Zugriff am 21.09.2023]

Rezension von
Prof. Dr. Simon W. Kolbe
M.A. Soziale Arbeit, Diplom-Sozialpädagoge (FH)
Professur für Soziale Arbeit – Studiengangleitung
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Es gibt 3 Rezensionen von Simon W. Kolbe.

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Zitiervorschlag
Simon W. Kolbe. Rezension vom 04.10.2023 zu: Nils Wenzler: Strategien der Integration : zur Produktion von Andersheit und Ausschluss : eine genealogische Geschichtsschreibung Sozialer Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7256-3. Reihe: Diversität in der Sozialen Arbeit. . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30972.php, Datum des Zugriffs 10.12.2023.


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