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Friederike Häuser, Robert Kaltenhäuser (Hrsg.): Graffiti und Politik

Rezensiert von Dennis Just, 26.03.2024

Cover Friederike Häuser, Robert Kaltenhäuser (Hrsg.): Graffiti und Politik ISBN 978-3-7799-7066-8

Friederike Häuser, Robert Kaltenhäuser (Hrsg.): Graffiti und Politik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-7066-8. D: 26,00 EUR, A: 26,90 EUR.
Reihe: HipHop studies. .

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Thema

Graffiti wird in der Öffentlichkeit verschiedentlich rezipiert: So können diese beispielsweise als Straftat, als Akt des Widerstandes oder als Aneignung des öffentlichen Raumes gedeutet werden. Da Graffiti für gewöhnlich im öffentlichen Raum geschaffen werden, stehen diese notwendigerweise im Bezug zum Gemeinwesen: Folgerichtig ist Graffiti per Definition politisch. Die Verschränkung von Graffiti und Politik entfaltet sich einerseits auf der gesellschaftspolitischen Ebene. Andererseits wird die Frage nach dem Politischen auch bei der Analyse von szeneinternen Dynamiken wie beispielsweise toxischer Männlichkeit und Kommerzialisierung evident. Der vorliegende Sammelband setzt sich zum Ziel, diese beiden Ebenen näher zu untersuchen.

Herausgeber:innen

Friederike Häuser promoviert im Bereich Radikalisierung und ist Sozialarbeiterin und Kriminologin. Robert Kaltenhäuser ist Publizist, Kurator und Graffiti-Aktivist.

Aufbau

Das Buch lässt sich in verschiedene Themengebiete unterteilen, die sich dem Thema „Graffiti und Politik“ in insgesamt 15 Beiträgen aus verschiedenen Richtungen annähern (das tatsächliche Inhaltsverzeichnis kann hier nachvollzogen werden). Im Folgenden möchte ich den Aufbau des Sammelbands anhand einer eigenen thematischen Systematisierung vorstellen:

Eine Reihe von Beiträgen können als „historische Zugänge“ beschrieben werden, die insbesondere die widerständigen Potenziale des Graffiti einer schärferen Analyse unterziehen. Rahmengebend hierfür kann Ilaria Hoppes Beitrag betrachtet werden, der aus den Tiefen der modernen Kunstgeschichte jenes widerständige Element des Graffiti destilliert. Harald Hinz schließt am Aspekt des Widerständigen an und beschäftigt sich in seinem Beitrag mit Fragmenten der Graffit-Kultur in der DDR. Auch Anika Manschwetus akzentuiert die widerständigen Potenziale des Graffiti, indem sie historische Graffiti von Gefangen aus der Zeit des Nationalsozialismus dokumentiert und rekonstruiert.

Das Thema „Geschlecht“ stellt einen weiteren Schwerpunkt des Sammelbands dar und wird von drei Beiträgen dezidiert thematisiert: Michl-Felix Bierl analysiert subversive Praktiken von Writerinnen* innerhalb der hiesigen Graffiti-Szene, Berit Merla untersucht die vergeschlechtlichten Inklusions- und Exklusionstendenzen innerhalb der Graffiti-Szene und Sophie Erman zeigt auf, wie szeneinterne Prozesse die Partizipation von FLINTA*-Personen verhindern.

Vier verschiedene Beiträge, jeweils in englischer Sprache verfasst, spüren internationalen Diskursen nach: Igor Ponsov beschäftigt sich mit dem Thema Graffiti in Russland, während im Mittelpunkt von Thomas Chambers‘ Aufsatz eine Auseinandersetzung mit der polnischen Graffiti-Szene steht. Jeffrey Ian Ross setzt sich mit seinem Beitrag das Ziel, eine Reihe populärer Mythen und fehlerhafter Konzeptionen über die Graffiti-Szene zu dekonstruieren. Orestias Pangalos untersucht anhand von fünf zentralen Argumenten die Frage, inwiefern Graffiti als politisch erachtet werden können. Der deutschsprachige Beitrag von Sophie Bruderer untersucht das Verhältnis von Graffiti und Strafrecht in der Schweiz.

Der weitgefassten Kategorie „Graffiti, Politik und Gesellschaft“ kann der Beitrag von Alexander Crome zugeordnet werden, der sich mit Graffiti im rechtsextremen Spektrum beschäftigt, während Laura Maria Lintzen die Perspektive von Szenemitgliedern auf das politische Graffiti untersucht.

Inhalt

Um interessierten Leser:innen einen tieferen Einblick in den Sammelband zu gewähren, werden im Folgenden einzelne Beiträge holzschnittartig dargestellt. Michl-Felix Bierls Beitrag „‘Wer Bock hat, hat Bock!?‘“ (S. 16) untersucht subversive Praktiken von Writerinnen* innerhalb der Graffiti-Szene Berlins. Ausgehend von dem Befund einer mangelnden akademischen Auseinandersetzung mit Frauen* sowie einer starken Ablehnung gegenüber Frauen* innerhalb der Graffiti-Szene beschäftigt sich der Artikel mit den „Praxen von Sprüherinnen*, welche sich als Frauen* identifizieren“ (S. 19). Der Artikel beginnt mit einer theoretischen Annäherung an das Konzept „Feminist Masculinity“, mithilfe dessen er aufzeigt, dass „Writerinnen* mit den Eigenschaften einer vermeintlichen Männlichkeit“ (S. 25) spielen und „normative Verhältnisse von Feminität und Maskulinität“ dekonstruieren (ebd.). Dieser Prozess kann als „undoing gender“ interpretiert werden (ebd.). Im Anschluss folgt eine Analyse jener geschlechtlichen Dekonstruktionsprozesse in der Graffiti-Szene Berlins. Um dies empirisch zu realisieren, untersucht Michl-Felix Bierl durch Interviews und teilnehmende Beobachtungen die Selbstrepräsentation von Frauen* auf der für die Graffiti-Szene wichtigen Plattform Instagram, konkrete Kunstwerke auf der Straße und die Dimension „Kollektivität und Raumaneignung“. Zusammengefasst zeigt der Autor auf, wie Writerinnen* die Berliner Graffiti-Szene durch die Ausübung der skizzierten „Feminist Masculinity“ unterminieren, diversifizieren und emanzipieren.

Harald Hinz‘ Aufsatz Graffiti in der DDR am Beispiel von Kunstwerken im Bezirk Dresden“ (S. 123) stellt einen interessanten Beitrag zur bislang noch spärlich untersuchten Graffiti-Kultur in der DDR dar. Die Gelingensbedingungen der Graffitikultur waren im Vergesellschaftungsmodus einer autoritären Diktatur denkbar ungünstig. Gleichwohl kann der Autor einzelne Facetten der Graffiti-Kultur innerhalb der DDR nachzeichnen. Trotz der medialen Zensur schwappten einzelne kulturelle Fragmente der HipHop-Kultur in die DDR. Hierzu zählt exemplarisch der Film „Beat Street: Tanz auf der Straße“, der Ralf Menzel, Kunstschaffender aus dem damaligen Bezirk Dresden stammend, dazu inspirierte, sich künstlerisch zu betätigen. Aus ästhetischer Perspektive unterschieden sich dessen Kunstwerke von den geläufigen Vorstellungen eines Graffitis, da Sprühdosen in der DDR nur eingeschränkt verfügbar waren. Das Œuvre Ralf Menzels unterstreicht das widerständige Potenzial der Graffitikultur, selbst unter widrigen gesellschaftlichen Bedingungen.

Doch woher kommt das widerständige Potenzial und die damit verbundene gesellschaftliche Ablehnung von Graffiti? Ilara Hoppe versucht diesem Sachverhalt in ihrem Beitrag „Graffiti und der Diskurs der Widerständigkeit“ (S. 140) anhand eines Blicks in die Kunstgeschichte der Moderne nachzuspüren und komm zu dem Ergebnis, „dass die europäische Moderne uns dazu erzogen hat, Graffiti abzulehnen“ (S. 158). So wurden Ornamente, die sich ebenfalls als Graffiti verstehen lassen, mit dem Aufkommen der modernen Architektur bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts diffamiert (S. 140). Einige Jahrzehnte später nutzen die modernen Avantgarden ebenjene Diffamierung und adaptierten Graffiti als Kunsttechnik, um sich von dem als rational empfundenen künstlerischen Mehrheitsdiskurs abzugrenzen (S. 145). Ilara Hoppe wirft im letzten Kapitel einen Blick auf zeitgenössische Kunstwerke und attestiert diesen ein widerständiges Potenzial. Zusammenfassend kommt sie zu dem Urteil, dass „illegale und nicht gebilligte urbane Kreativität immer noch eine widerständige Wirkung gegenüber normativen Diskursen hat“ (S. 159).

Der Beitrag von Anika Manschwetus „‘Wir hungern hier weil es/unser Führer so (nicht) will‘“ (S. 178) schließt an jener ursprünglichen Semantik des Graffitibegriffs an und liefert einen lesenswerten Beitrag, der das politische Potenzial von Graffiti historisch rekonstruiert. Die Autorin hat in einer Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Breitenau bei Kassel 131 Inschriften identifiziert, die zum Teil von Inhaftierten des Arbeitslagers stammen. Anika Manschwetus systematisiert die Graffiti in die verschiedenen Kategorien „Kommunikation, Selbstbehauptung, Widerstand, Einsamkeit und Isolation sowie Langeweile“ (S. 186) und stellt diese im weiteren Verlauf des Beitrags dar. Anhand eines Zeitzeugenberichts von Gustav Köhler kann sie ferner die Inschrift „Gustav Köhler/Frankfurt a.M. West/17.7 biß 17.8.37“ dechiffrieren, kontextualisieren und interpretieren. Anika Manschwetus präsentiert ein Deutungsangebot, welches die „Wände […] als Kommunikationsmittel“ (S. 185) begreift und die sich darauf befindlichen „Einritzungen […] als materialisierte Kommunikation“, gar „Ausdruck des Widerstandes“ (S. 186), auslegt. Die Autorin stellt in ihrem Beitrag heraus, dass Graffiti in der Zeit des Nationalsozialismus „als Mittel der Kommunikation, der Selbstbehauptung, des Widerstandes“ verstanden werden können (S. 193).

Fazit

Friederike Häuser und Robert Kaltenhäuser schaffen mit dem vorliegenden Sammelband einen Rahmen, innerhalb dessen verschiedene Autor:innen der vielschichtigen Verwobenheit von Graffiti und Politik nachgehen. Überzeugen kann er insbesondere durch verschiedene interdisziplinäre Zugänge, die neben scharfen Analysen der gegenwärtigen Graffiti-Szene auch die historischen Aspekte der Kunsttechnik nicht aussparen. Nach meiner Einschätzung ist den Autor:innen dieses Projekt gelungen, allen Interessierten sei eine Lektüre wärmstens empfohlen.

Rezension von
Dennis Just
(M.Ed.) arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Er promoviert zu Jugendkulturen und außerschulischer Jugendbildung.
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Es gibt 4 Rezensionen von Dennis Just.

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Zitiervorschlag
Dennis Just. Rezension vom 26.03.2024 zu: Friederike Häuser, Robert Kaltenhäuser (Hrsg.): Graffiti und Politik. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2023. ISBN 978-3-7799-7066-8. Reihe: HipHop studies. . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/30981.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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