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Christine Hölzmann: Ärztliche Verschreibung von Heroin [...]

Cover Christine Hölzmann: Ärztliche Verschreibung von Heroin und die sozialpädagogische Begleitung. (Studien zur qualitativen Drogenforschung und akzeptierenden Drogenarbeit, Bd. 28, Herausgeber INDRO e.V.). Verlag Wissenschaft und Bildung VWB (Berlin) 2000. 197 Seiten. ISBN 978-3-86135-087-3. 20,00 EUR.
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Das Thema ist aktuell

Die rot-grüne Bundesregierung hat Bewegung in die Drogenpolitik gebracht. Zu den von der vorherigen Regierung drogenpolitisch strikt abgelehnten Vorhaben gehört die ärztliche Verschreibung von Heroin, früher auch als "Substitution mit Originalsubstanzen" bezeichnet. Das "Modellprojekt heroingestützte Behandlung Opiatabhängiger" soll - wenn auch unter sehr engen Vorgaben - im Jahre 2001 unter Beteiligung einer Reihe von Großstädten (zur Zeit Bonn, Frankfurt a.M., Hannover, Karlsruhe, Köln, München) starten. Dabei werden die Erfahrungen in der Schweiz und in den Niederlanden im Prinzip weitgehend übernommen werden.

Im Zentrum dieses Buches stehen die wissenschaftlich begleiteten Versuche für die ärztliche Verschreibung von Betäubungsmitteln in der Schweiz, die Teil des dortigen "Vier-Säulen-Modells" der Drogenpolitik: Prävention - Therapie/Wiedereingliederung - Schadensbegrenzung/Überlebenshilfe - Repression/Kontrolle sind.

Inhalte

Die beiden ersten Kapitel (Einleitung und Aktuelle Situation in der Bundesrepublik) bieten die im Prinzip geläufigen Informationen rund um die Substanz Heroin in der Bundesrepublik, also die wichtigsten Tatsachen von den Wirkungen der Substanz bis zur Drogenpolitik. Wer mit dem Ansatz akzeptierender Drogenarbeit vertraut ist und die Lebenswirklichkeit der Drogengebrauchenden kennt, kann die Lektüre getrost mit dem ausführlichen dritten Kapitel über die aktuelle Situation in der Schweiz und die dortigen Erfahrungen mit der ärztlich kontrollierten Verschreibung von Heroin beginnen. Besonders interessant ist die detaillierte Darstellung am Beispiel der Heroinabgabe in St. Gallen. Es folgt eine kürzere Darstellung der entsprechenden britischen und niederländischen Erfahrungen. Den Abschluss bilden, nach einem knappen Kapitel zur Bedeutung der Heroinvergabe für die Sozialpädagogik, die deutschen Planungen für das Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger. Die für die kritische Würdigung wesentlichen Details werden am Beispiel der vorläufigen Konzeption der Stadt Düsseldorf dargestellt.

Sozialpädagogische Begleitung und Tendenz zur Medizinalisierung

Die im Titel angesagte und aus der Sicht der Drogenarbeit wesentliche Frage der sozialpädagogischen Begleitung beziehungsweise die sozialpädagogische Bedeutung der medizinisch kontrollierten Heroinvergabe kommt etwas zu kurz. Das entsprechend überschriebene fünfte Kapitel kann mit seinen zwei Seiten die Neugierde kaum befriedigen. Mehr findet sich vor allem im Zusammenhang mit der Untersuchung der Heroinvergabe in St. Gallen. Es wird überzeugend dargestellt, dass die sozialpädagogische Begleitung wesentlicher Teil des Gesamtangebots ist, aber in ganz besonderem Maße auf der Akzeptanz der Lebensweise der drogengebrauchenden Menschen und der freiwilligen Zusammenarbeit beruht.

Die Kritik der Autorin bezieht sich im Kern auf das weiterhin gültige Ziel der Abstinenz und auf die Tendenz zur Medizinalisierung, d.h. der Definition von Drogengebrauch als Krankheit und dem damit verbundenen Zuständigkeitsanspruch der Medizin. Die Ambivalenz der medizinischen Sichtweise führt dazu, dass es einerseits als Fortschritt anzusehen ist, wenn die aktuelle Drogenpolitik den Krankheitsaspekt gegenüber dem Kriminaliserungsaspekt stärker betont. Andererseits tendiert diese Sichtweise zur Bevormundung der drogengebrauchenden Menschen bis hin zum sogenannten helfenden Zwang. Das aber ist für die sozialpädagogische Zusammenarbeit kontraproduktiv. Die Konsequenzen der Medizinalisierung finden sich in vielen Details, besonders deutlich zum Beispiel in den vergleichsweise dürftigen personellen Ressourcen für die sozialpädagogischen Aufgaben. In der Schweiz waren im Durchschnitt aller Abgabestellen nur 21 Prozent SozialarbeiterInnen, aber 64 Prozent medizinisches Personal, in Rotterdam war eine von 16 Stellen eine Sozialarbeitsstelle. In dem vorläufigen Düsseldorfer Konzept waren drei von 13 Stellen für Sozialarbeiter/Sozialpädagogen vorgesehen.

(Drogen-)Politik

Die Autorin geht von einen deutlich drogenpolitischen Ansatz aus. Das ist berechtigt, denn die Bewertung des Modellprojektes ist - ähnlich wie beim Start des nordrhein-westfälischen Modellprojekts zur Methadonsubstitution 1987 - stark abhängig von politischen Standpunkten. So haben zum Beispiel inzwischen die Städte Düsseldorf und Essen ihre Zusage, an dem Vorhaben teilzunehmen, nach dem Sieg der CDU bei den Kommunalwahlen im vergangenen Jahr zurückgezogen. Vielleicht wäre ja, wenn Drogenhilfeargumente die Stadt nicht überzeugen konnten, der Hinweis der Autorin hilfreich gewesen, dass die Heroinvergabe in der Schweiz volkswirtschaftlich mehr Kosten gespart als verursacht hat.

Insgesamt urteilt die Autorin bei aller notwendigen Kritik schließlich doch pragmatisch: "Veränderungen in der Drogenpolitik sind in der Praxis nur schrittweise erreichbar. Die Einführung einer staatlich kontrollierten Abgabe von Heroin an eine stark desintegrierte und gesundheitlich geschädigte Gruppe von Opiatabhängigen kann in der Bundesrepublik Deutschland ein Schritt in einem langfristigen Wandlungsprozess sein. Ein menschenwürdiger Umgang mit DrogenkonsumentInnen und eine Entdramatisierung des Drogenproblems sollten Ziele in diesem Entwicklungsprozess sein." (Seite 179)

Schriftenreihe / Herausgeber

Der Herausgeber der Schriftenreihe, der Drogenhilfeverein INDRO e.V., Münster, tritt nachdrücklich für einen kritischen drogenpolitischen Ansatz und die Grundsätze akzeptanzorientierter Drogenarbeit ein.

Fazit

Ein Buch zur rechten Zeit.

  • Das Buch bietet umfassende, detaillierte und kritisch reflektierte Information über das aktuelle (in Deutschland aktuell geplante) Thema der heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger, besonders über die hierzulande nicht allzu bekannten Erfahrungen in der Schweiz.
  • Es ist ein gutes Beispiel, die Zusammenhänge der Drogenpolitik mit den praktischen Möglichkeiten der Drogenarbeit darzustellen. Im Interesse der drogengebrauchenden Menschen ist es richtig und notwendig, diese Zusammenhänge immer wieder bewußt zu machen.
  • Die Passagen zur sozialpädagogischen Begleitung könnten ausführlicher sein.

Rezensent
Prof. Dr. Peter Loviscach
Fachhochschule Dortmund
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Zitiervorschlag
Peter Loviscach. Rezension vom 01.01.2001 zu: Christine Hölzmann: Ärztliche Verschreibung von Heroin und die sozialpädagogische Begleitung. (Studien zur qualitativen Drogenforschung und akzeptierenden Drogenarbeit, Bd. 28, Herausgeber INDRO e.V.). Verlag Wissenschaft und Bildung VWB (Berlin) 2000. ISBN 978-3-86135-087-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31.php, Datum des Zugriffs 24.09.2019.


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