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Josef Freise: Interkulturelle Soziale Arbeit

Cover Josef Freise: Interkulturelle Soziale Arbeit. Theoretische Grundlagen, Handlungsansätze, Übungen zum Erwerb interkulturelle Kompetenz. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2005. 256 Seiten. ISBN 978-3-89974-203-9. 19,80 EUR.

Reihe: Politik und Bildung - 36.
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Überblick

Der Autor, ein Praktiker in interkultureller Begegnung, ein Didaktiker an einer Fachhochschule und ein engagierter Verfechter des dialogischen Prinzips, gibt mit seinem Buch einen umfassenden Überblick und Einblick in interkulturelle Begriffsbildungen, Theorien und empirische Untersuchungen zum Thema.

Aufbau und Inhalt

  • In den theoretischen Grundlagen beschäftigt er sich zunächst mit Begriffsklärungen, Definitionen und stellt seine Referenz, die "Cultural Studies" aus den USA, als wissenschaftlichen Bezugspunkt vor. Es folgen philosophische Ausführungen zum Dialogischen in interkulturellen Beziehungen, theologische Überlegungen zur Relativierung des Fundamentalismusbegriffs und psychologische, vor alle psychoanalytische, Gedanken zu einem tieferen Verständnis von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit. Diese Grundlagen werden durch gesellschaftspolitische Überlegungen u.a. zu Migration und Globalisierung abgerundet.
  • Der zweite Teil des Buches ist der Reflexion handlungsrelevanter Themen zu Berufsfeldern der Sozialarbeit, vornehmlich der interkulturellen Fachdienste und der Jugendarbeit, gewidmet. Ausführlich werden dann die Implikationen einer interkulturellen Pädagogik diskutiert.
  • Der dritte Teil enthält eine Sammlung von Übungen zur interkulturellen Sensibilisierung vorwiegend für die Gruppenarbeit. Die Übungen sind ausführlich kommentiert und auf ihre theoretischen Bezüge hin eingeordnet.

Diskussion

In allen Textteilen spürt man die vielfältige Erfahrung des Autors mit interkultureller Sozialarbeit. Es ist ihm mit dem Buch gelungen, ein Kompendium zu einem Thema vorzulegen, das außerordentlich weit gespannt ist. Dies macht einerseits die Brauchbarkeit des Buches für die Lehrtätigkeit aus, der der Autor als Fachhochschulprofessor verpflichtet ist, andererseits zieht es eine Thematik in die Inhalte sozialpädagogisch-sozialarbeiterischer Ausbildung ein, die bislang noch nicht den Stellenwert hat, die ihr zukommen müsste.

Die weite Spanne von Problemen individueller Identitätsfindung bis hin zu globalen Problemen der Migration, die der Autor in seinem Buch abschreitet, macht eines der (kleinen) Probleme aus, das ich mit dem Buch habe: Zu viel wird mit zu wenig Tiefgang beschrieben und wirkt daher weitaus normativer als der dialogische Ansatz erwarten ließe, für den sich - wenn ich richtig verstanden habe - der Autor engagiert. Wenn das Dialogische als handlungsleitend für interkulturelle Sozialarbeit letztlich nur schemenhaft sichtbar wird, scheint mir dies u.a. auch daran zu liegen, dass die (kognitive) Vermittlung von Theorien eine andere Ebene von Handlungspraxis anspricht als der interkulturelle Dialog selbst. Ein Buch, hervorragend für die Ausbildung zukünftiger Sozialarbeiter, findet seine Anwendung in anderen Beziehungsfiguren (des Lernens und Geprüft-Werdens) als eine sozialarbeiterische Aufgabe, für die man sich am ehesten durch Erfahrung qualifiziert. Insofern finde ich den dritten Teil des Bandes problematisch, weil er suggerieren könnte, vollständig das Dialogische zu verlassen, indem man (schematisch) in Übungssettings verwickelt oder verwickelt wird - sei es als Leiter, sei es als zu Trainierender - ohne sich des Unterschieds zwischen Methode und Sensibilität bewusst zu werden. Gerade Übungen und Spiele haben nämlich eine hohe suggestive Wirkung, allerdings selten den Erfolg, den sie versprechen ("Müssen wir schon wieder spielen", so etwa zur Zeit, als Gruppendynamik in war und die Klienten es leid waren, in immer neue spielerische Lernsettings verwickelt zu werden).

Ein weiteres (kleines) Problem habe ich mit dem Textteil über die Jugendarbeit. Er scheint als ein isolierter Beitrag in das Buch hinein genommen worden zu sein (er unterscheidet sich in Sprachstil und Darstellungsweise deutlich von den übrigen Textteilen des Buches). Man hätte sich hier eher etwas Überblickartiges und weitere Analysen zu anderen Handlungsfeldern der Sozialarbeit gewünscht. Oder der Autor hätte sich durchgehend dafür entscheiden müssen, seine Ausführungen systematisch mit Einzelfallanalysen zur verdeutlichen.

Ein Letztes: Interkulturelle Probleme sind immer Probleme (n) in sozialen Kontexten. Hierzu gehören auch Überlegungen, die der Autor aus amerikanischen sozialpsychologischen Zusammenhängen referiert. Mir ist aber nicht klar geworden, wie denn die von ihm reklamierte soziale Gruppenarbeit theoretisch und methodisch mit dem Erwerb interkultureller Sensibilität verknüpft ist. Hier offenbart sich m. E. die nicht nur zu diesem Feld von Sozialarbeit und in diesem Buch fehlende theoretische Auseinandersetzung mit Gruppentheorien und -konzepten, so dass es dann in der Praxis leider meist bei der schematischen Anwendung von (unverstandenen) Lernsettings bleibt, deren Hauptmotivationselement eine meist unterstellte Lust am Spielen ist.

Fazit

Trotz kleiner Einwände gleichwohl: Ein lesenswertes Buch, gut geeignet für die Ausbildung zukünftiger Sozialarbeiter.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Büttner
Homepage www.christian-buettner.de


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Zitiervorschlag
Christian Büttner. Rezension vom 15.11.2005 zu: Josef Freise: Interkulturelle Soziale Arbeit. Theoretische Grundlagen, Handlungsansätze, Übungen zum Erwerb interkulturelle Kompetenz. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2005. ISBN 978-3-89974-203-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3101.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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