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Herbert Jacobs (Hrsg.): Sind Menschen in der Grundsicherung arm?

Rezensiert von Prof. Kurt Witterstätter, 06.11.2023

Cover Herbert Jacobs (Hrsg.): Sind Menschen in der Grundsicherung arm? ISBN 978-3-7841-3599-1

Herbert Jacobs (Hrsg.): Sind Menschen in der Grundsicherung arm? Eine Analyse ihrer sozialen (Selbst-) Verortung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. 64 Seiten. ISBN 978-3-7841-3599-1. D: 9,00 EUR, A: 9,30 EUR.
Reihe: Soziale Arbeit kontrovers; Hrsg. v. Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge.

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Thema

In den Tableaus zur gesellschaftlichen Sozialstruktur finden sich am unteren Ende die Verarmten, Verachteten, prekär Lebenden und auf Fürsorge Angewiesenen. Vorsorge ist keine betrieben, erwerbsarbeitliche gesellschaftliche Beiträge sind nicht möglich oder werden gemieden oder aber Schicksalsschläge haben sie ereilt. Sie sind dem untersten Auffangnetz der Sozialen Sicherung, dem Bürgergeld nach SGB II (bis 2022 der Grundsicherung für Arbeitssuchende) oder der Grundsicherung im Alter oder wegen Erwerbsminderung nach SGB XII überlassen. Die Höhe dieser aus allgemeinen Steuermitteln gespeisten Grund-/​Mindestsicherungs-Leistungen differiert nach persönlichen Merkmalen und setzt das Ausschöpfen vorrangiger Ressourcen und Leistungen wie Rente, Arbeitslosengeld, familienrechtlichen Ansprüchen und/oder eigenen Vermögens voraus. Soweit diese weiteren Quellen nicht oder unzureichend fließen, ist von Armut die Rede. Ab wann diese einsetzt, wer davon erfasst wird und wie umfänglich Armut ist, ist eine kontrovers diskutierte definitorische Frage. Selbst die Betroffenen selbst werden ihre Mangel-Situation je nach psychischen Verarbeitungskapazitäten und Umfeldreaktionen mehr oder weniger defizitär und eben nicht einheitlich empfinden. Diese Variabilität versucht der Frankfurter Sozialplaner Herbert Jacobs in seinem 58seitigen, kompakten, in der Reihe „Soziale Arbeit kontrovers“ des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge und des Lambertus-Verlags erschienenen Bändchen „Sind Menschen in der Grundsicherung arm?“ auf der Grundlage einer 2018 in Frankfurt durchgeführten qualitativen Untersuchung zu fassen.

Autor

Sozialplaner Dr. Herbert Jacobs ist im Jugend- und Sozialamt von Frankfurt/Main tätig und lehrt an der Europäischen Akademie der Arbeit in der Universität Frankfurt.

Entstehungshintergrund

Armut ist seit ihrer (Wieder-)Behandlung in den letzten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts in Deutschland eine mehrdimensionale Mängellage auf vielen Lebensgebieten wie u.a. Ernährung, Kleidung, Wohnung, Mobilität, Gesundheit, Bildung, Freizeit und wird allgemein, da die meisten Bedarfe mit Geld zu decken sind, über das Einkommen operationalisiert. Da die individuellen Bedarfe auseinander laufen, untersucht Autor Herbert Jacobs ausgehend von Georg Simmels Armutsdefinition über die gesellschaftlichen Reaktionen auf Mängel-Lagen bei seiner Armutsbetrachtung die individuellen Deutungsmuster der Grundsicherungs-Empfänger über ihre Mangelsituation. In diese Deutungs-Typisierung lässt er auch Beurteilungen der Gesamtgesellschaft einfließen. Dabei sieht er die EU-Definition von Armutsgefährdung bei einem Einkommen ab/unter 60 Prozent des Durchschnittseinkommens des jeweiligen Wohnlandes infolge beschränkter dortiger Teilhabe kritisch, weil er hierin lediglich ein Niedrigeinkommen mit unterschiedlichen Reaktionen erblickt, das Partizipation nicht unbedingt verunmöglicht. Seine typisierten, unterschiedlichen Verortungen der Reaktionen der Grundsicherungs-Empfänger ermöglichten ihm eineinhalbstündige Interviews bei 25 Beziehern nach SGB II (dem vormaligen Arbeitslosengeld II und heutigen Bürgergeld) und bei 17 Beziehern von Grundsicherung wegen Alters und Erwerbsminderung nach SGB XII.

Inhalt

Die Armutsstudie von Herbert Jacobs umfasst fünf kurze Kapitel.

Einleitend wird die quantitative Bedeutung der Armutstypisierung in Deutschland für sieben Millionen Menschen oder acht Prozent der Bevölkerung angegeben.

Die eigene soziale Positionierung der Grundsicherungsbezieher sieht sich mehrheitlich an bzw. unter einer von ihnen empfundenen Armutsgrenze, in einem geringeren Maße über einer vermuteten Armutsgrenze im Sinne der alten Armutslehre „bekämpften Armut“ genannten Situation. 

Der mit 22 Seiten umfangreiche Hauptteil drei der Studie schildert die qualitative Befragung der Grundsicherungsempfänger zu ihrer eigenen Verortung. Gefragt wurde nach Gründen, Anlässen, Einordnung, Strategien und Erwartungen der Leistungsbezieher. Dabei verorteten sich zwei Drittel der Befragten unterhalb einer pyramidalen Armutsschwelle, ein Drittel aber unter sozialmoralischer Argumentation noch auf bzw. sogar über dieser Armutsschwelle (Typus der Distinktion: Unter sich selbst werden von diesen Leistungsbeziehern die Obdachlosen, Süchtigen und Asylbewerber gesehen). In der Gesamtgesellschaft gelten indes für 80 Prozent der Bevölkerung alle Grundsicherungs-Empfänger als arm. Im Ergebnis ermittelt Jacobs vier Typen von Leistungsempfängern:

  • Die Deklassierten leiden unter der von ihnen als ungerecht empfundenen Beschränkung gesellschaftlicher Teilhabe;
  • die Schuldigen erblicken in sich selbst die Ursache für ihre Deprivation, weil sie gesellschaftlich zu wenig einbringen und plädieren für stärkeres staatliches Einfordern von Einsatz;
  • die Distinktion Übenden sehen sich selbst mit ihrer Bescheidenheit mit der gewährten Leistung im Gegensatz zu den Undisziplinierten und Prassenden einigermaßen zurande kommen;
  • die Relativierung Übenden empfinden ihre Situation im Vergleich mit der weit schlechteren Lage in der übrigen Welt als hinreichend.

Im Blick von aussen verletzen gerade die Deklassierten und die Schuldbehafteten die Normen der Leistungsgesellschaft. Andererseits decken sich die Voten der nicht-armen Mehrheitsgesellschaft mit den Leistungs-Beziehern des Distinktions- und des Relativierungs-Typus mit dem Vorwurf an die (anderen) Leistungsempfänger des Deklassierungs- und des Eigenschuld-Typus, diese ließen es an Anstrengung für und Lust auf Erwerbsarbeit vermissen. So plädiert sogar ein Teil der Leistungsempfänger aus dem Distinktions- und Relativierungs-Lager mit der Mehrheitsgesellschaft für wirksame Lohnabstandsgebote und Sanktionen. 

In einer Schlussbetrachtung gibt der Autor einer austauschtheoretischen Sicht (mit der „Lebensleistung“ für die Grundrente und dem „Bürgergeld“ bei der Arbeitsplatzsuche) den Vorzug vor einem normativen Armutskonzept. Zugleich warnt er vor einer zu großzügigen Ausgestaltung dieses Bürgergeldes mit hohen Schonbeträgen für Vermögen (für eine vierköpfige Familie selbst nach der Revision im Vermittlungsausschuss im November 2022 noch 85.000 € bei einem Durchschnittsvermögen aller von 26.000 €) und Beibehaltung der Wohnstandards: Hier würde sich der Sozialstaat eine „neue Versorgungsklasse vermögender Armer“ schaffen, die ihr gewährtes Sozialeinkommen gut und gerne selbst für zwei bis drei Jahre aus ihrem eigenen Vermögen bestreiten könnte. Der Sozialstaat erzeuge so mit der Bekämpfung von Ungleichheit neue Ungleichheiten. Gefragt werden dürfe, was der Steuerzahler ohne Vermögen von dieser neuen Klientel wohl halte.

Diskussion

Eine eindeutige Antwort auf die Fragestellung seiner Untersuchung, ob Grundsicherungs-Empfänger arm sind, gibt Herbert Jacobs nicht. Dafür ist das Phänomen der Armut als Deprivation und Beschränkung von Lebensbedarfen, Bildung, Gesundheit, sozialer Teilhabe, Partizipation, Freizeit und Rekreation zu vielfältig. Bei der Neuformulierung der Armutserscheinungen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts orientierte man sich noch am Sozialhilfe-Bedarf und sprach bei Befriedigung dieses Anspruchs von „bekämpfter Armut“, die damit überwunden schien.

Inzwischen sind die Benachteiligungen Unterprivilegierter vielfältiger geworden. Auch vollzieht sich der Umgang mit Unterprivilegierung unterschiedlich. So ergeben sich neben ausgleichenden finanziellen Sozialleistungen kommunitäre Beistände bei und psycho-persönliche Verarbeitungsformen von beschwerenden Mangelsituationen, die die belastenden Einschränkungen erträglicher machen können. Deshalb hat Herbert Jacobs die strategische Einordnung und die persönlichen Gegenstrategien angesichts der Mängel-Lagen individuell erfragt und aus den Mitteilungen die Vierer-Typologie der Deklassierung, Schuld, Distinktion und Relativierung entworfen. Hierbei empfinden vor allem die Deklassierten und die an ihrer Lage selbst Schuldigen ihre Lage als am Existenzminimum lebend und beklagen diese ihre Mängel-Lage.

Das seit Jahrzehnten mit der Armutsforschung diskutierte Abhilfsmittel garantiertes Grundeinkommen hat die Ampelregierung eingeschränkt und unter Bedürftigkeits-Voraussetzungen 2023 durch das Bürgergeld von SGB II zum Bürgergeld für Arbeitssuchende umgemünzt. Es wird unter erheblicher Schonung laufender Einkünfte, von Vermögen und Wohnstandard für nicht unerhebliche Zeitdauern in ausreichender Höhe gewährt (wenn auch für den ab 2024 nachhaltig angehobenen Eck-Regelsatz von 562 € monatlich sogar noch eine weitere Anhebung auf 830 € im Monat eingefordert wird). Daneben erfolgt die Kostenübernahme für Wohnung, Heizung, Kommunikationsgebühren und Gesundheitsversorgung. Dass hierbei eine Überversorgung angemahnt wird, ist die Folge. Erwerbstätige mit Familie müssten bei dieser Sozial-Alimentierung schon ein überdurchschnittliches Brutto-Monatsverdienst von gegen 4.500 € erzielen, um hier gleich ziehen zu können. Es ist daher verständlich, dass der Autor hier in seiner Studie eine verfehlte und überzogene Alimentierung „vermögender Armer“ kritisiert. Wobei diese aktuellen Schlussfolgerungen der aktuellen Rechtslage von 2023 allerdings außerhalb der zugrunde liegenden Armuts-Untersuchung aus dem Jahr 2018 erfolgen.

Ein Arbeitsplatzwechsel erfolgt nicht immer komplikationslos und kann persönliche Belastungen mit sich bringen. Voraussetzungslose soziale Hilfen sind während des Übergangs von der letzten zur neuen Stelle temporär zweifellos angebracht. Aber bei den erheblichen, uneingeschränkten Laufzeiten des Bürgergeldes besteht die Gefahr, dass es sich Arbeitsunwillige für geraume Zeit mit Bürgergeld gut gehen lassen. Diese alimentierte „vermögende Armut“ könnte dann zum nicht hinnehmbaren Dauerzustand werden.

Ein bemerkenswertes Fazit von einem in der Jugend- und Sozialhilfe erfahrenen Sozialplaner tut sich hier in seiner gut lesbaren, handlichen Studie zur Unterversorgung kund, das sicher kontrovers aufgenommen werden wird. Der Titel der Reihe, in der die Untersuchung erschien, nämlich „Soziale Arbeit kontrovers“, wird hier beherzt eingelöst.

Fazit

Auf die Frage der angemessenen Alimentierung Unterprivilegierter gibt die Studie von Herbert Jacobs „Sind Menschen in der Grundsicherung arm?“ eine mehrdimensionale Antwort aus den erfragten Äußerungen auf die Interviews mit Betroffenen. Die Einschätzungen pendeln zwischen anklagenden Deklassierungs-Gefühlen und relativierenden Vergleichen mit noch tiefer in der Armut steckenden Personen. Zur im Vergleich zum seitherigen Auffangnetz großzügigeren neuen Bürgergeld-Regelung von 2023 hebt der Autor warnend den Finger.

Rezension von
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 06.11.2023 zu: Herbert Jacobs (Hrsg.): Sind Menschen in der Grundsicherung arm? Eine Analyse ihrer sozialen (Selbst-) Verortung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2023. ISBN 978-3-7841-3599-1. Reihe: Soziale Arbeit kontrovers; Hrsg. v. Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31011.php, Datum des Zugriffs 18.07.2024.


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