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Peter Michael Hoffmann, Miguel Tamayo-Korte: Rechtliche Betreuung im Alter

Cover Peter Michael Hoffmann, Miguel Tamayo-Korte: Rechtliche Betreuung im Alter. Ergebnisse eines Praxis- und Forschungsprojektes. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2005. 240 Seiten. ISBN 978-3-89817-517-3. 22,00 EUR.
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Negative Folgen des Betreuungsgesetzes

Das seit dem 1. Januar 1992 bestehende Betreuungsgesetz hat auch unerwünschte Folgen gehabt, zu denen der über ein Jahrzehnt anhaltende Trend zu mehr Betreuungsfällen und zu einer damit verbundenen Kostensteigerung gezählt werden müssen. Der Bestand der Betreuungen in Deutschland lag 2003 bei ca. 1,1 Millionen Personen, wobei zwischen 1995 und 2002 der durchschnittliche Fallanstieg jährlich rund 60.000 Betreuungen betrug. Bei diesen Dimensionen und den damit verbundenen Kosten ist es schon sehr wichtig, von Mutmaßungen wegzukommen und genau zu wissen, was denn ist. Erst eine solche Tatbestandserhebung macht es möglich, in vernünftiger Weise über die Weiterentwicklung des Betreuungsrechtes - auch unter dem Gesichtspunkt der Kosteneinsparung - zu sprechen.

Entstehungshintergrund, Autoren und Zielgruppe

Dies war Grund genug für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, ein Forschungsprojekt in Auftrag zu geben, das vor allem die "Lebenslage älterer Menschen mit rechtlicher Betreuung" untersuchen sollte, also die zahlenmäßig stärkste Gruppe bei den neu eingerichteten Betreuungen. Diese von Peter Michael Hoffmann und Miguel Tamayo-Korte im Zeitraum von 2001 - 2003 durchgeführte Untersuchung liegt nunmehr als Band 5 der vom Berufsverband der BetreuerInnen herausgegebenen Reihe "Argumente" vor und wird damit über den engeren Kreis der Fachleute hinaus auch der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dazu muss sicherlich auch die kommunale Gesundheitsbehörde gezählt werden, die sowohl über ihre einzelnen Dienste als auch über ihre kommunale Koordinierungsfunktion mit den Personenkreisen in vielfach sehr engem Kontakt steht, aus denen sich die große Gruppe der Betreuten zusammensetzt: aus psychisch Kranken und / oder körperlich, geistig oder seelisch Behinderten.

Aufbau und Inhalt

Bezugsrahmen der engeren Untersuchung zur Lebenslage älterer Betreuter ist das Lebenslagenkonzept, dessen Vorteil darin liegt, gesundheitliche Situation, Wohnsituation, wirtschaftliche und familiale Situation detailliert untersuchen sowie die verschiedenen Merkmale miteinander verbinden und dadurch den spezifischen Hilfebedarf aufdecken zu können. Das Krankheitsbild, so ein wesentliches Ergebnis, ist eines der bestimmenden Merkmale für die Ressourcenausstattung in vielen anderen Bereichen. "Dabei gibt es keine Diagnosegruppe, die durch eine Häufung besonders schlechter oder guter Werte auffällt. Demenzkranke und Schlaganfallpatienten sind z. B. älter als die Betreuten mit anderen Diagnosen und haben mehr soziale und finanzielle Ressourcen zur Verfügung. Dagegen sind die Betreuten mit geistiger Behinderung gesundheitlich nicht so eingeschränkt und können ihren Alltag besser bewältigen" (S. 127).

So sind mit diesem Ansatz auch für die Krankheitsbilder, die den Betreuungsbedarf weitgehend bestimmen, spezifische Ressourcenprofile abzuleiten. Wenn es aber um die Frage der Ressourcenausstattung geht, wird neben dem medizinischen Sachverstand in ganz besonderem Maße die sozialarbeiterische und sozialpädagogische Erhebung zur Situation für die Frage nach Umfang und Qualität des Unterstützungsbedarfs von Bedeutung sein; sozialpädagogisches Wissen ist im Betreuungsverfahren unerlässlich. Die Notwendigkeit, die Kompetenz der Sozialarbeit im Betreuungsverfahren stärker und systematischer als bisher berücksichtigen zu müssen, ist auch ein nicht gering zu veranschlagendes Ergebnis dieser Untersuchung.

Wenn der Anstieg der Betreuungszahlen nicht der demographischen Entwicklung oder mangelnder Zielgruppengenauigkeit bei der Gesetzesanwendung geschuldet ist, sondern systemische Ursachen hat, stellt sich die Frage, wie denn das System der Betreuung optimiert werden kann, wie also Fallzahlen und Kosten verringert werden könnten.

Die Untersuchung gibt dazu zahlreiche Hinweise:

  • So wäre es möglich, ein Drittel der beruflich geführten Betreuungen im Alter in ehrenamtliche Betreuungen zu überführen.
  • So wäre es vernünftig, sich um eine größere Einheitlichkeit bei der vormundschaftsgerichtlichen Entscheidung zur Bestellung des Betreuers zu bemühen.
  • So wäre es ratsam, mehr nach möglichen Alternativen zu einer Betreuung zu fragen.
  • So wäre es sinnvoll, den von den pflegerischen und gesundheitlichen Organisationen ausgehenden erhöhten Anforderungen an die soziale Kompetenz der Klienten und Kunden entgegenzutreten.

In seinem lesenswerten Vorwort gibt Christian von Ferber noch einen zusätzlichen wertvollen Hinweis: Selbsthilfegruppen, Selbsthilfeorganisationen und deren Dachverbände enthalten ein großes Potential an Sachverstand, das in die Verfahren zur Prüfung der Erforderlichkeit einer rechtlichen Betreuung eingebracht werden sollte. Bisher wird jedoch dieses Potential von den Einrichtungen, die das Verfahren im Betreuungsrecht organisieren, nicht genutzt. Auch das könnte man ändern.

Diskussion

Die der Rechtstatsachenforschung und Wirkungsanalyse zuzurechnende Untersuchung wird auch hohen Erwartungen an Wissenschaftlichkeit und Praxisnähe gerecht. Sie liefert Grunddaten zur Gesamtgruppe der Betreuten und vor allem Daten zur Lebenslage älterer Betreuter, sie macht Aussagen zur Versorgungssituation und Rehabilitation, zu vormundschaftsgerichtlichen Entscheidungen und zu Betreuungsalternativen; außerdem vergleicht sie die Stellvertretungsregelungen in verschiedenen europäischen Ländern.

Fazit

Kommen wir zum Schluss: Für jeden, der mit der rechtlichen Betreuung im Alter zu tun hat, wird die Lektüre dieses Untersuchungsberichtes ein Gewinn sein und ihn vor allzu kurzschlüssigen Argumentationen auf dem Feld der Betreuung bewahren.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 15.11.2005 zu: Peter Michael Hoffmann, Miguel Tamayo-Korte: Rechtliche Betreuung im Alter. Ergebnisse eines Praxis- und Forschungsprojektes. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2005. ISBN 978-3-89817-517-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3104.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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