Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Daniel Bindernagel: Ich höre dir zu

Rezensiert von Prof. Dr. Mark Galliker, 02.02.2024

Cover Daniel Bindernagel: Ich höre dir zu ISBN 978-3-8497-0490-2

Daniel Bindernagel: Ich höre dir zu. Gute Gespräche im Alltag. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. 128 Seiten. ISBN 978-3-8497-0490-2. D: 21,95 EUR, A: 22,60 EUR.
Reihe: Fachbücher für jede:n.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um ein Kommunikationsbuch, in dem das Zuhören im Zentrum steht. Wer sein Gegenüber in erster Linie zu Wort kommen lässt, zuhören kann und dann zum Gehörten eine kurze Frage stellt, findet in vertiefender Weise heraus, was der Sprecher oder die Sprecherin wirklich meint.

Autor

Dr. med. Bindernagel ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in eigener Praxis. Als leitender Arzt arbeitete er in den Jahren 2008 bis 2020 an den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St. Gallen. Von 2015 bis 2020 war er Vorsitzender der Gesellschaft für Idiolektik in Würzburg.

Entstehungshintergrund

Das idiolektische Konzept geht zurück auf den Arzt und Psychotherapeuten Adolphe David Jonas (1913–1985), der anfangs in New York wirkte und später in London, Wien und Würzburg. Die idiolektische Gesprächsführung ist eine Gesprächsform mit besonderer Berücksichtigung der ganz persönlichen Eigensprache bzw. des Idiolekts eines einzelnen Sprechers.

Aufbau

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Grundlagen und Kontexte. Es handelt sich um einen eher allgemein gehaltenen Teil I (Schlüsselworte, Resonanz, bildhafte Sprache, Würdigung, Zieloffenheit und Direktheit) sowie einen eher praktischen Teil II (u.a. Gespräche in der Familie, der Partnerschaft, unter Freunden, Jugendlichen, Berufskollegen).

Inhalt

Nach Meinung des Autors haben Gesprächspartner:innen in erster Linie die Aufgabe, aufmerksam zuzuhören und nachzufragen bei Unklarheit oder wenn der Wunsch nach mehr oder genauerem Wissen besteht. Dabei wird insbesondere auf Schlüsselwörter und auf die Bildhaftigkeit der dargebotenen Sprache geachtet:

Schlüsselwörter: Jeder spricht in einem gewissen Sinne eine eigene Sprache mit ganz persönlich geprägten Worten. Dabei handelt es sich um Ausdrücke, die der Zuhörer oder die Zuhörerin beim Vorgetragenen besonders heraushört. Sie finden beim Hören einen Anklang und lösen damit auch etwas aus. Wenn die zuhörende Person Fragen stellt, dann zu den Schlüsselwörtern. „Diese treten durch ihren besonderen Klang und Rhythmus oder die begleitende Körpersprache aus dem Gesprochenen hervor (S. 21 f.).“ Der Sprecher oder die Sprecherin kommt nochmals zu Wort – besser, eingehender. Er/sie fühlt sich wirklich gehört und ernst genommen. Möglicherweise ergibt sich eine Weiterentwicklung des Gesagten – eine Einsicht oder eine neue Erkenntnis. Der Autor bringt folgendes Beispiel:„Ein Freund sagte mir: 'Ich habe mich da in etwas reingeritten.' Ich fragte ihn: 'Wie geht es weiter, wenn man sich in etwas reinreitet?' Er lachte und sagte: 'Ich muss einfach weiterreiten.' Meine Frage löste bei ihm Überraschung und eine positive Reaktion aus“ (S. 15; Hervorhebung durch Bindernagel).

Bildhafte Sprache: Unsere Alltagssprache ist voll von Bildern, doch werden sie uns im schnellen Hin- und Her der gesprochenen Sprache oft nicht bewusst. Durch Fragen können wir sie aber aufschließen. „Unser Gesprächspartner bekommt dadurch die Gelegenheit, […] sich etwas bewusst zu machen und sein eigenes Verhalten besser zu verstehen“ (S. 36). Natürlich kann sich die zuhörende Person dadurch auch die Sprecherin besser vorstellen und sie besser verstehen. Der Autor führt verschiedene mögliche Fragen des Hörers an, wenn ihm das Bild „Mit dem Kopf durch die Wand gehen“ präsentiert wird. „Wenn jemand zum Beispiel sagt: 'Ich will mit dem Kopf durch die Wand', dann könntest du sagen: 'Wie sieht die Wand aus?', 'Was passiert, wenn man mit dem Kopf durch die Wand will? oder auch 'Was ist, wenn du durch die Wand hindurch bist?' (S. 11; Hervorhebung von M. G.).

Diskussion

Bindernagel hat nach eigenem Bekunden in diesem „Fachbuch für jeden“ bewusst auf Literaturangaben weitgehend verzichtet. Gleichwohl ist es m.E. schade, dass in keiner Weise Bezug genommen wird auf den Personzentrierten Ansatz. Auch wäre es schön gewesen, wenn kurz auf die akademische Psychologie hingewiesen worden wäre. In der Tradition von Hörmann (1976) und Foppa (1984) wurde der Dialogische Dreischritt (DDS) entwickelt, der nicht nur in der Gesprächspsychotherapie relevant ist, sondern auch für die Gedanken in der vorliegenden Schrift einen theoretischen Rahmen abgeben könnte. Der DDS besteht aus der Phrase eines Sprechers, der Paraphrase des Zuhörers und der Attestierung durch den ersten Sprecher.

Beim idiolektischen Ansatz liefert nicht immer der Zuhörer oder die Zuhörerin die Paraphrase zur Phrase wie beim DDS, sondern er/sie legt dem Sprecher oder der Sprecherin mit einer geeigneten Frage lediglich nahe, eine solche selbst zu liefern. Allerdings muss es sich um eine Frage handeln, die völlig von dem vom Sprecher Vorgetragenen ausgeht, und nicht um eine solche, die von außen an den Sprecher oder die Sprecherin herangetragen wird, so wie dies oftmals der Fall ist. Externe Fragen, die maßgebend vom Zuhörer oder der Zuhörerin ausgehen, würden auch dem DDS widersprechen und könnten ihn nicht ergänzen.

Fazit

Bindernagel zeigt auf, wie wir mit einfachen Mitteln unsere Kommunikation verbessern können. Zahlreiche Beispiele machen seine Darstellung lebendig. Mit interessanten Erläuterungen versehen, ermöglichen sie wichtige Einblicke in die zugrunde liegenden Prozesse. Bindernagel schreibt selbst bildhaft, zieloffen und direkt, sodass seine Erläuterungen bei den Leser:innen aufgrund deren eigenen Erfahrungen immer wieder Resonanz auslösen.

Literatur

Foppa, K. (1984). Redeabsicht und Verständigung. Manuskripte, 23, 73–76.

Hörmann, H. (1976). Meinen und Verstehen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Rezension von
Prof. Dr. Mark Galliker
Institut für Psychologie der Universität Bern
Eidg. anerkannter Psychotherapeut pca.acp/FSP
Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für den Personzentrierten Ansatz
Weiterbildung, Psychotherapie, Beratung (pca.acp).
Redaktion der Internationalen Zeitschrift für Personzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung (PERSON).
Mailformular

Es gibt 19 Rezensionen von Mark Galliker.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Mark Galliker. Rezension vom 02.02.2024 zu: Daniel Bindernagel: Ich höre dir zu. Gute Gespräche im Alltag. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. ISBN 978-3-8497-0490-2. Reihe: Fachbücher für jede:n. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31058.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht