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Nadja Oehlmann, Tilman Rentel: Einfach fragen in Licht und Schatten

Rezensiert von Dr. Mechthild Herberhold, 24.11.2023

Cover Nadja Oehlmann, Tilman Rentel: Einfach fragen in Licht und Schatten ISBN 978-3-8497-0473-5

Nadja Oehlmann, Tilman Rentel: Einfach fragen in Licht und Schatten. Das Potenzial der Eigensprache in der Traumatherapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. 396 Seiten. ISBN 978-3-8497-0473-5. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.
Reihe: Hypnose, Hypnotherapie.

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Thema und Entstehungshintergrund

Jeder Mensch spricht eine ganz eigene Sprache, so individuell wie ein Fingerabdruck – so eine zentrale Grundannahme in der Idiolektik. Nadja Oehlmann und Tilman Rentel zeigen, wie sich diese einzigartige Ausdrucksweise von Klientinnen und Klienten in der Traumatherapie für einen Heilungsprozess fruchtbar machen lässt. Die langjährige Erfahrung und Expertise beider – sowohl in der Traumatherapie als auch in der Idiolektik – ist in ihr gemeinsames Buch „Einfach fragen in Licht und Schatten. Das Potenzial der Eigensprache in der Traumatherapie“ eingeflossen. „Der Fokus dieses Buches soll auf der Eigensprache der traumatisierten Klientinnen, der Würdigung der darin enthaltenen Ressourcen und Kompetenzen sowie deren Nutzen für die Traumaberatung und Traumatherapie liegen“ (182). Die Ausführungen richten sich in erster Linie an therapeutisch und beraterisch Tätige sowie an alle, die beruflich mit traumatisierten Menschen zu tun haben.

Autorin und Autor

Nadja Oehlmann ist Psychologische Psychotherapeutin für Verhaltenstherapie. Seit 2012 arbeitet sie in ihrer Praxis in Tübingen mit Patientinnen und Patienten in Einzel-, Paar und Gruppentherapie, primär trauma- und paartherapeutisch. Neben ihrer Zusatzqualifikation in Idiolektik hat sie sich in Schematherapie und Systemischer Therapie fortgebildet.

Der Traumatherapeut Tilman Rentel, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, begleitet in seiner Praxis mit Traumaschwerpunkt in Erlangen Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Seit 2002 bringt er seine Kompetenzen als Ausbilder und Lehrtherapeut bei der Gesellschaft für Idiolektik und Gesprächsführung (GIG) e.V. ein. Unter anderem ist er Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT), und er hat das TraumaHilfeZentrum Nürnberg mit gegründet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zwei große Teile. Teil 1 „Einfach fragen in Licht und Schatten“ (Seite 25–180) enthält eine fundierte Einführung in die Idiolektik. In Teil 2 „Das Potenzial der Eigensprache in der Traumatherapie“ (Seite 181–374) entwickeln Autor und Autorin auf dem Hintergrund von Psychotraumatologie und Traumatherapie vielfältige Möglichkeiten, die idiolektische Gesprächsführung im traumatherapeutischen Kontext einzusetzen.

Die Kapitel und viele der Unterkapitel beginnen mit einem passenden Zitat. Meist gibt eine kurze Einführung einen Überblick dazu, was die Leser:innen im jeweiligen Kapitel erwartet. Einladungen zum eigenen Erleben regen zum Ausprobieren und Vertiefen an; Zusammenfassungen ermöglichen eine rasche Orientierung. Illustrationen der Künstlerin Sybille Reichel verdeutlichen die Texte des Autorenteams auf einer zusätzlichen Ebene.

Vor den beiden Hauptteilen führen ein Geleitwort von Dr. Wolfgang Woeller, ein Vorwort von Luise Reddemann, eine Vorbemerkung und eine Einleitung zum Thema des Buches hin. Am Schluss des Buches stehen Angaben zur Idiolektik-Ausbildung, ein Nachwort, ein Anhang mit idiolektischen Beispielfragen und eine Übersicht über die idiolektischen Kompetenzfelder, ein Verzeichnis der Praxisbeispiele, eine Liste mit zitierter und weiterführender Literatur, und schließlich Angaben zu Autorin und Autor.

Zahlreiche Querverweise innerhalb des Buches ermöglichen rasches Verknüpfen und Vertiefen. Personen werden mal männlich, mal weiblich benannt.

Teil 1 Einfach fragen in Licht und Schatten

Die Idiolektik geht zurück auf den 1913 geborenen Arzt und Psychiater A. D. Jonas (Kapitel 1 Geschichte der Idiolektik, Seite 26–31). Er entwickelte die idiolektische Gesprächsführung auf der Grundlage von Arbeiten mit seiner zweiten Frau Doris F. Jonas zur Bedeutung der Evolution für Medizin und Psychologie. A. D. Jonas arbeitete von 1974 bis 1985 in Würzburg als Psychiater und lehrte seine Methode am dortigen Psychologischen Institut. Zunächst im therapeutischen Setting verankert, findet die Idiolektik mittlerweile auch in Coaching, Beratung, Pädagogik, Seelsorge, Mitarbeiterführung und weiteren Bereichen Anwendung.

Haltung (Kapitel 2, Seite 32–48) und Technik (Kapitel 3, Seite 49–144) sind in der Idiolektik gleichermaßen wichtig. „Die Grundhaltung in der Idiolektik ist gekennzeichnet durch eine gelassene und interessierte Zuwendung sowie eine gewisse Lust, etwas Neues zu erkunden“ (33). Offen, aufmerksam, interessiert und würdigend begleiten Berater:in bzw. Therapeut:in die Erkundungsprozesse. Eigene Hypothesen und therapeutische Ziele treten in den Hintergrund. Die Ratsuchenden steuern selbst, was sie erzählen, und es rücken ihre „guten Gründe“ und ihre „innere Weisheit“ in den Fokus.

Das achtsame Zuhören ermöglicht es der Therapeutin, der Eigensprache des Klienten zu folgen und Schlüsselworte aufzugreifen. Idiolektische Fragen sind einfach und offen, kurz und konkret. „Je kürzer die Frage, umso mehr Raum lässt sie für eine Antwort“ (78). Fragen können sich z.B. auf Eigenschaften beziehen (Können Sie das mal beschreiben?), auf den Kontext (Mögen Sie zu … noch mehr erzählen?) oder die Funktion (Wie macht man das?). Eine konsequente Orientierung an den Ressourcen erhöht die Sicherheit für die Klientin, sich mit den anstehenden Themen zu befassen. „Ressourcen sind … oft erkennbar an einer lebendigen Mimik und Gestik sowie einer bewegten Stimmmelodie“ (100 f.).

Idiolektische Gesprächsführung arbeitet mit Bildern und Metaphern, nimmt sie wörtlich und lässt den Klienten den subjektiven Gehalt auf der paralogischen Ebene erkunden. Auch die Körpersprache wird als einzigartiger Ausdruck eines Menschen verstanden. Gesten und weitere Körpersignale können wie Schlüsselworte aufgegriffen und exploriert werden.

Das Kapitel 4 Ein Überblick über die Idiolektik (Seite 145–154) beschreibt die bisherigen Ausführungen noch einmal auf der bildhaften Ebene. Für die Leser:innen bietet sich hier die Möglichkeit, die Inhalte nicht nur über das Großhirn, sondern auch über das Limbische System zu erfassen. „Methodische Bausteine“ am Ufer des „Gesprächsflusses“ werden im praktischen Dialog zu „minimalistischen Sandkörnern“ der idiolektischen Technik (145 f.), die „sich ins Gespräch einstreuen lassen, ohne den Fluss zu stören“ (146). Und wie bei Bergwanderungen gibt es Licht und Schatten, konkrete Erfahrungen, Handlungen und Wahrnehmungen gleichsam im Tal, und abstraktere Begriffe zu Zielen, Bedürfnissen und Werte eher auf dem Berg. Therapeut:in bzw. Berater:in begleiten die Ratsuchenden auf ihrem je eigenen Weg. „Es ist nicht ihre Aufgabe, die Mitwanderer am Seil durch die Landschaft zu ziehen“ (153).

Wie wirkt die Idiolektik? fragt Kapitel 5 (Seite 155–174), lässt dazu zunächst Klientinnen und Begleiter:innen zu Wort kommen und ergänzt deren Schilderungen durch Ausführungen zur psychotherapeutischen Wirksamkeitsforschung und zur Neurophysiologie. Die entlastenden, stärkenden Wirkungen entsprechen neurophysiologischen Zusammenhängen: „Die Elemente der Idiolektik aktivieren über körperliche und soziale Erfahrungen das Belohnungssystem und tragen damit zu einer verbesserten Selbstregulation bei. Dies schafft optimale Voraussetzungen für Kommunikation und kreatives Wachstum“ (174).

In Kapitel 6 bilden ZwEI Geschichten zwischen Teil Eins und Teil zwEI (Seite 175–180) eine Art Scharnier zwischen den beiden Hauptteilen. Hans Bemmanns Geschichte vom Ei zeigt, dass ein Ei nicht immer nur ein Ei sein muss. Und in der Erzählung von James Thurber stellt der Wunsch von Prinzessin Leonore nach dem Mond die logisch denkenden Erwachsenen vor große Herausforderungen, bis das Mädchen für die scheinbar unlösbaren Probleme bildhafte Erklärungen liefert.

Teil 2 Das Potenzial der Eigensprache in der Traumatherapie:

Kapitel 7 gibt eine Einführung in die Psychotraumatologie und Traumatherapie (Seite 182–226). Zunächst erläutern Nadja Oehlmann und Tilman Rentel  Grundlegende Aspekte der Psychotraumatologie. Sie führen aus, welche Überlebensstrategien unter welchen Bedingungen genutzt werden. Weil das Gedächtnis bei übermächtiger Bedrohung Erinnerungen nur bruchstückhaft abspeichert, erwecken Flashbacks den Eindruck einer aktuellen Gefahrensituation. Nach einem Blick in die Geschichte der Psychotraumatologie werden Elemente und Prinzipien der Traumatherapie kurz vorgestellt. Die hier genannten Elemente bilden die Struktur für das nachfolgende Kapitel.

Mit 145 Seiten ist das Kapitel 8 Idiolektik in der Traumatherapie (Seite 227–372) das umfangreichste im Buch. Die Psychotherapeutin und der Traumatherapeut verknüpfen den idiolektischen Gesprächsführungsansatz explizit mit dem traumatherapeutischen Anwendungskontext. Die Struktur des Kapitels entsteht durch die in Kapitel 7 genannten Elemente: Beziehungsaufbau und -gestaltung, Anamnese und Diagnostik, Stabilisierung und Ressourcenaktivierung, Traumabearbeitung und -integration, Trauer und Neuorientierung sowie Alltagstransfer. Oehlmann und Rentel erklären diese traumatherapeutisch relevanten Elemente, führen die Besonderheiten idiolektischer Gesprächsführung aus und veranschaulichen mit einer Fülle von Fallbeispielen, worum es ihnen geht. Auch bei bereits wertschätzender traumatherapeutischer Herangehensweise kann die Idiolektik noch das ihre beisteuern. In der schulmedizinisch orientierten Herangehensweise etwa werden üblicherweise Diagnosen als Fremdzuschreibungen durch Fachpersonal formuliert. „Mit dem Verständnis der Psychotraumatologie schaut man in Erweiterung zu herkömmlichen medizinisch-psychologischen Diagnostik mehr nach individuelleren Zusammenhängen zwischen Symptomatik und Lebensereignissen. …Der Weg in der Eigensprache geht noch einen Schritt weiter. Es werden die Erlebnisweisen und Wahrnehmungen der Klientinnen als das angeschaut und erkundet, was sie sind: Phänomene, deren Bedeutung wir (noch) nicht wissen und verstehen“ (242 f.).

Die letzten beiden Unterkapitel gehen auf Randbereiche und Grenzen der Idiolektik (Seite 353–362) und Verbindungen mit anderen traumatherapeutischen Methoden (Seite 363–372) ein.

Der Anfang vom Ende oder das Ende vom Anfang? Wie eine Antwort auf diesen Titel von Kapitel 9 (Seite 373–374) ausfallen kann, ist eine Frage der Perspektive. Man könnte irrtümlich annehmen, dass ein kurzes Kapitel – es umfasst gerade einmal zwei Seiten – weniger wichtig sei. Dabei hält das Autorenteamhier noch ein idiolektisches Geschenk bereit. Die beiden wenden sich direkt an die Leser:innen und laden sie ein, sich dem gelesenen Inhalt und der daraus resultierenden individuellen Bedeutung nun selbst auf idiolektische Weise zu nähern. Die Einstiegsfrage lautet: „Und wenn Sie das alles gelesen und wahrgenommen haben, was geht Ihnen dann durch den Sinn?“

Diskussion

Ein beeindruckendes Werk – jeder einzelne Satz, jedes einzelne Bild ist wertvoll.

Traumatisierte Menschen bringen Erfahrungen mit, in denen ihre Bedürfnisse wie Selbstbestimmung, Sicherheit oder Wertschätzung gravierend missachtet wurden. Mit ihrer Eigensprache zu arbeiten, schafft für sie einen sicheren Rahmen, sodass sie – in ihrem eigenen Tempo und je nachdem, was für sie selbst als Thema ansteht – ihre Ressourcen aktivieren, sich behutsam den Belastungen widmen und neue Perspektiven entwickeln können.

Die Klientinnen werden als Expertinnen ihrer eigenen Situation betrachtet. Das positive Menschenbild und die wertschätzende Haltung von Nadja Oehlmann und Tilman Rentel sowohl gegenüber den Ratsuchenden als auch gegenüber Kolleginnen und Kollegen werden durchgehend deutlich.

Eine vergleichbare Veröffentlichung zur Verknüpfung von Idiolektik und Traumatherapie gibt es bisher nicht. Oehlmann und Rentel teilen ihr umfangreiches Wissen und ihre langjährige Erfahrung. Auch wer nicht den ganzen Inhalt auf einmal lesen möchte, wird in dieser reich gefüllten Schatzkiste durchaus fündig werden: theoretische Ausführungen, konkretes Handwerkszeug, Praxisbeispiele, Illustrationen, Erlebniseinladungen, Zusammenfassungen, Übersichtslisten – „Einfach fragen in Licht und Schatten“ bietet für unterschiedliche Herangehensweisen und Interessen etwas. In den mehr als 60 transkribierten Gesprächsbeispielen sind die Schlüsselworte fett gedruckt, sodass die idiolektische Vorgehensweise auch für Einsteiger:innen gut nachvollziehbar ist. Grundkenntnisse in einem der beiden Schwerpunktgebiete erleichtern bei der Fülle an Informationen das Verständnis, sind aber keine Voraussetzung.

Die Fallbeispiele haben mich sehr berührt, und ich konnte viel Hilfreiches für meinen eigenen Beratungsalltag mitnehmen, in dem ich die Idiolektik seit Jahren anwende. Als Ethikberaterin arbeite ich nicht traumatherapeutisch; nichtsdestotrotz werden auch in vielen meiner Beratungsprozesse tiefe Verletzungen von Klientinnen deutlich. Um mit derartigen Situationen umgehen zu können, bietet das Buch traumatologisches Hintergrundwissen und zahlreiche Beispiele für professionelle Reaktionen. Fasziniert habe ich das Buch durchgearbeitet, dabei Neues gelernt, meine eigene Herangehensweise als Beraterin reflektiert und mich für zukünftige Gespräche inspirieren lassen.

Fazit

Lehrreich, verständlich, lesenswert, absolut lohnend.

Für Idiolektiker:innen hält das Buch zahlreiche Fallbeispiele, fundierte Ausführungen zu Haltung und Technik sowie ein konkretes Anwendungsgebiet bereit. Wer mit traumatisierten Menschen arbeitet, entdeckt einen möglicherweise neuen Gesprächsführungsansatz und Beispiele, wie sich die Idiolektik in die eigene Arbeit integrieren lässt.

Rezension von
Dr. Mechthild Herberhold
Ethik konkret, Altena (Westf.).
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Es gibt 16 Rezensionen von Mechthild Herberhold.

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Zitiervorschlag
Mechthild Herberhold. Rezension vom 24.11.2023 zu: Nadja Oehlmann, Tilman Rentel: Einfach fragen in Licht und Schatten. Das Potenzial der Eigensprache in der Traumatherapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. ISBN 978-3-8497-0473-5. Reihe: Hypnose, Hypnotherapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31060.php, Datum des Zugriffs 28.02.2024.


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