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Timm Richter, Torsten Groth: Wirksam führen mit Systemtheorie

Rezensiert von Prof. Dr. Peter Löcherbach, 19.06.2024

Cover Timm Richter, Torsten Groth: Wirksam führen mit Systemtheorie ISBN 978-3-8497-0506-0

Timm Richter, Torsten Groth: Wirksam führen mit Systemtheorie. Kernideen für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. 192 Seiten. ISBN 978-3-8497-0506-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Management.

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Thema

Die Autoren sehen den Nutzen der Systemtheorie als „Blaupause“ um Führungsprozesse zu erschließen und praktisch umzusetzen. Somit soll Führungskräften ein „aufgeklärter Blick“ auf Teams und Organisationen geboten werden, der mehr Sicherheit in Bezug auf die eigene Position und Rolle verspricht.

Autor:in oder Herausgeber:in

Timm Richter ist Diplom-Mathematiker, MBA an der MIT Sloan School of Management und geschäftsführender Gesellschafter von NEO Culture. Torsten Groth ist Dipl. Sozialwissenschaftler, als selbstständiger Organisationsberater tätig und gemeinsam mit Timm Richter geschäftsführender Gesellschafter von Simon Weber Friends.

Aufbau

Der Aufbau des Buches ist klar gegliedert: Nach dem Vorwort folgen vier Fachkapitel sowie ein fünftes zusammenfassendes Kapitel und das Literaturverzeichnis. Ein Glossar und Stichwortverzeichnis gibt es nicht.

Inhalt

Das Buch befasst sich mit den Herausforderungen von Führungskräften, komplexe Zusammenhänge in der Praxis deuten und interpretieren zu können. Die Einteilung ist übersichtlich, die Kapitel befassen sich jeweils mit (system-)theoretischen Erläuterungen zu den verschiedenen Führungsebenen, denen häufig eher plakative „Praktische Gebote“ folgen.

Führung als Prozess, Führung als Funktion

Im Einführungskapitel erfolgt ein differenzierter Blick auf die verschiedenen Dimensionen von Führung und es werden die im Buch behandelten Führungsebenen (Selbstführung, Mitarbeiterführung, Teamführung und Organisationsführung) vorgestellt. Der systemtheoretische Sprachgebrauch (System-/​Umweltdifferenz, Beziehung/​Kopplung, Emergenz, Beobachter) wird mit den Inhalten verknüpft. Führung wird als Funktion der Organisation und als Prozess (bestehend aus Überprüfen – Entscheiden – Umsetzen beschreibt) definiert. Diese Grundannahmen werden anschließend mit den in der Systemtheorie bekannten Lern- und Ordnungsstufen verknüpft. Die Aufgabenbereiche von Führungshandeln (inhaltliche Richtungsgestaltung, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit sowie Anbindung an Personen) schlagen den Bogen zur Praxis. Das Kapitel schließt (wie jedes) mit sogenannten „Praktischen Geboten“ ab, die an ein Glossar erinnern.

Führung der eigenen Person: Ich und meine Rolle als Führungskraft im Prozess der Führung

Kapitel 2 ist in 4 Unterkapitel unterteilt (das 5. umfasst wieder die „Praktischen Gebote“), die aufzeigen, dass Führungskräfte durch die Organisation „erzeugt“ werden (2.1), also ein soziales Konstrukt darstellen, mit der Unterscheidung von Person und Rolle. Diese Interpretation eröffnet, so die Autoren, neue Möglichkeiten im Agieren (2.2 Spielfähigkeit statt Authentizität) und Ausfüllen der Führungsrolle (2.3 Die Funktion von Führungskräften). Nicht fehlen darf das „Standardrepertoire“ jeglichen Führungshandelns (2.4 Grundlegende Formen von Führungsinterventionen). Kapitel zwei definiert, systemtheoretisch gesprochen, Führung der eigenen Person in der Rolle als Spielerin bzw. Spieler im Führungsprozess.

Führung im Zusammenspiel: die Realisierung einer kollektiven Teamleistung

Der Schwerpunkt des dritten Kapitels ist die Gestaltung von Beziehungen im Kontext von Organisation, von formaler und informaler Hierarchie, Macht und Einfluss. Beziehung wird definiert als zirkuläre Kopplung von zwei Einheiten (Kapitel 3.1) und (be-)nutzt in den Ausführungen das bekannte Vokabular (Rekursivität, Symmetrie und Asymmetrie, Reziprozität). Dem Thema Entscheidungen werden gleich zwei Unterkapitel (3.2 Entscheidungen in Interaktionen, 3.3. Entscheidungsprozesse führen) gewidmet, die systemtheoretisches Gedankengut nutzen. Kapitel 3.4 (Hierarchie, Macht, Einfluss und laterale Führung) behandelt in sehr komprimierter Form die organisationalen „Kontextfaktoren“ Hierarchie, Macht und Einfluss, doch diese sind nicht immer mit dem gestellten Schwerpunkt des dritten Kapitels verbunden. In 3.5 (Führung von sich selbst organisierenden Teams) wird dann wieder der Bogen hergestellt, wenn von der Gestaltung der Grenze zwischen „Team und Organisation“ die Rede ist. Anschlussfähig an die Praxis dürfte das Kapitel 3.6 sein, da es sich mit dem Unterschied von Verantwortung und Verantwortlichkeit befasst.

Organisationsführung: Beiträge zu einer intelligenten Organisation

Gleich zu Beginn wird das Verständnis der Autoren für die nächste Ebene geklärt: „Organisationen können am besten verstanden werden als ein Netzwerk von fortlaufenden Entscheidungen“ (S. 125). Dies ist auch das Thema des Exkurses (Kapitel 4.1). Hier fällt die (sprachlich wie inhaltlich) sehr komprimierte Darstellung auf, die mitunter schwer verständlich ist („Erwartungserwartungen für passendes Verhalten in Organisationen werden durch Entscheidungen reguliert“, S. 127) – besser lesbar sind die dann folgenden Unterkapitel, die Organisationsführung als Führung zweiter Ordnung (die an den Entscheidungsprämissen der Organisation arbeitet) beschreibt sowie der Funktionalität von Paradoxien erkennt (Kapitel 4.2) und einen angemessenen Umgang damit vorschlägt (4.3. Unentscheidbare Entscheidungsprämissen: Kultur und ihre Werte). Kapitel 4.4 und 4.5 (4.4 Veränderungen führen und 4.5 Strategie: Die Zukunft im Blick) thematisieren die Gestaltung stetiger Veränderung der Organisation.

Zu guter Letzt: Die eigene Führung führen

Das 5. Kapitel bezieht sich auf „Nutzbarmachung“ des Buches. Die Autoren schlagen vor, das Buch als Nachschlagewerk zu verwenden (da es kaum möglich sei, sich alles beim ersten Durchlesen zu merken oder umzusetzen). Zentrale Anliegen des Buches werden noch einmal aufgegriffen und die Zusammenhänge der verschiedenen (Führungs-)ebenen werden noch einmal klar aufgezeigt. Insbesondere benennen die Autoren die Spannungsfelder (Eigenlogik der Organisation/persönliche und gesellschaftliche Perspektive. Ob es für Führungskräfte wirklich „mehr Spielraum gibt, als man denkt“ (S. 183), bleibt abzuwarten.

Diskussion

Das Buch ist eine durchaus „irritierende“ Mischung aus Fragmenten der Systemtheorien und deren Nutzung für Beschreibung, Erklärung und Interventionsoptionen von Führungshandeln (von Führungskräften). Die Sprache ist je nach Adressierung sehr unterschiedlich: Bei den theoretischen Ausführungen ist sie durchweg anspruchsvoll (bis sehr abstrakt) und erfreulicherweise mit entsprechenden Zitaten versehen, bei den praxisorientierten Kapiteln dagegen etwas „hemdsärmelig“ und mitunter rezepthaft. Dieser Gegensatz ist einerseits spannend (theoretisch ist alles hinterfragbar oder widersprüchlich und paradox; praktisch sollte die Führungskraft am besten so und so vorgehen nach dem Motto: Erfolge sind nicht auszuschließen), aber nicht durchgängig anschlussfähig. Die Beispiele sind sprachlich überzeugend und wirklich ansprechend formuliert, aber häufig doch unterkomplex, da sie die große Unterschiedlichkeit/​Bandbreite von Organisationen nicht hinreichend aufgreifen (können). Und wenn auch das Thema Umwelt(en) immer mal wieder aufgegriffen wird, hätte den (gesellschaftliche, rechtlichen und wirtschaftlichen) Kontextfaktoren mehr Gewicht eingeräumt werden sollen, da Organisationsentscheidungen wesentlich von (harten) Rahmenbedingungen beeinflusst werden.

Sehr gelungen ist die Differenzierung der verschiedenen Ebenen sowie die durchgängige Transformation eines schillernden Führungsbegriffs in einen systemtheoretisch gerahmten. Wer aber glaubt, damit rasch Klarheit zu erhalten, liegt falsch: Systemtheorie(n) benötigen fast einen eigenen Sprachkurs – den Autoren ist es zu verdanken, dass sie diesen (überwiegend) mit Bravour anbieten.

Fazit

Das Buch kann als ein Statement und eine Einführung systemtheoretischer Denkweise und Analyse für Führungskräfte betrachtet werden, das die langjährige Erfahrung der Autoren widerspiegelt. Es ist eine bunte, überwiegend stringente Einführung für Führungskräfte, die bisher mit „Systemtheorie und Führung“ nicht/​wenig vertraut sind. Diese dürften das Buch als „irritierende“ Bereicherung empfinden. Vertraute Systemtheoretikerinnen und Systemtheoretiker werden sich wunderbar bestätigt fühlen.

Rezension von
Prof. Dr. Peter Löcherbach
Sozialarbeitswissenschaft: Case Management, Systemtheorien und Soziale Arbeit, Bedarfsermittlung und Angebotsplanung
Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC)
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Es gibt 4 Rezensionen von Peter Löcherbach.

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Zitiervorschlag
Peter Löcherbach. Rezension vom 19.06.2024 zu: Timm Richter, Torsten Groth: Wirksam führen mit Systemtheorie. Kernideen für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. ISBN 978-3-8497-0506-0. Reihe: Management. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31065.php, Datum des Zugriffs 20.07.2024.


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