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Eia Asen, Peter Fonagy: Mentalisieren in der systemischen Praxis

Rezensiert von Prof. Dr. med. Alexander Trost, 12.03.2024

Cover Eia Asen, Peter Fonagy: Mentalisieren in der systemischen Praxis ISBN 978-3-8497-0469-8

Eia Asen, Peter Fonagy: Mentalisieren in der systemischen Praxis. Eine Einführung in die mentalisierungsinspirierte systemische Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. 296 Seiten. ISBN 978-3-8497-0469-8. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR.
Reihe: Systemische Therapie.

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Thema und Autoren

sind in diesem Buch besonders verbunden:

Eia Asen, Prof. Dr. med. ist Kinder-, Erwachsenen- und Familienpsychiater. Er wuchs in Berlin auf, wo er auch Medizin studierte, ging dann bald nach England, wurde Kinder- und Jugendpsychiater und absolvierte parallel eine familientherapeutisch-systemische wie auch eine psychoanalytische Ausbildung. Von 1979 bis 2013 war er Direktor des Marlborough Family Service, eines systemisch orientierten, gemeindenahen ambulanten Psychiatrie- und Psychotherapiezentrums des NHS in London. Eia Asen ließ sich familientherapeutisch zunächst von Salvador Minuchin ausbilden, dann arbeitete er jahrzehntelang mit Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin vom Mailänder systemischen Team zusammen. Bereits 1982 publizierte er einen Fachartikel über die innovative tagesklinische multifamilientherapeutische Arbeit (MFT). Er gilt als Begründer der MFT, die er zusammen mit Michael Scholz, damals noch Kinder- und Jugendpsychiater in Leipzig (DDR), nach der Wende von Dresden aus in Deutschland und Europa publik machte. Anders als hierzulande hat sich in England die systemische Therapie in den vergangenen 30 Jahren als effektive Behandlungsmethode im Gesundheitswesen durchgesetzt. Eia lehrt aktuell als Gastprofessur am University College London, wo er seit Langem mit Peter Fonagy im Anna Freud National Centre for Children and Families freundschaftlich kooperiert.

Peter Fonagy ist Professor für zeitgenössische Psychoanalyse und Entwicklungswissenschaften sowie Leiter der Fakultät für Psychologie und Sprachwissenschaften am University College London. Er hält dort als Leiter des Anna Freud National Centres den Freud Memorial Chair. Als international renommierter Forschungskoordinator, Vize-Präsident der IPA und Mitherausgeber bedeutender Fachzeitschriften vertritt er eine interdisziplinäre Psychotherapieforschung mit den Schwerpunkten Bindungstheorie, Mentalisierung und Psychoanalyse. Fonagy gilt als Begründer des Mentalisierungskonzeptes in der Psychotherapie; Er ist Autor zahlreicher Publikationen zu diesem Thema.

Entstehungshintergrund

„MIST“ nennen es die Autoren: „Mentalization-Informed Systemic Therapy“, die sie in diesem, 2021 zunächst in England erschienen, Buch konzeptualisiert haben. Ob es tatsächlich ‚Mist‘ ist oder Nebel (engl: mist) verbreitet, mag der geneigte Leser nach der Lektüre oder vielleicht schon nach dieser Rezension entscheiden. Der Rezensent jedenfalls hält diese Bezeichnung für ein humorvolles Akronym, das den bezogenen, reflektierten, lösungsfokussierten Charakter der geschilderten Arbeit verschleiert. Es entstand aus dem Zusammenkommen zweier deutlich unterschiedlicher Therapiewelten, die sich vor ca. 15 Jahren in einem skandinavischen Workshop trafen. Asen und Fonagy erklären bescheiden, dass dies kein völlig neues Konzept sei, aber es bringe Vorstellungen und Verfahrensweisen zusammen, die sich, nahezu unabhängig von der theoretischen Ausrichtung der Therapeutinnen, gewinnbringend integrieren lassen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zehn Kapitel, die jeweils i.d.R. interdisziplinär angelegte Fallbeispiele aus der klinischen Praxis enthalten, mit typischen Szenarien und therapeutischen Dilemmata. Hieran werden die Prinzipien und Konzepte verdeutlicht, an denen sich die MIST orientiert. Jedes Kapitel wird in einem Schlussabsatz zusammenfassend reflektiert.

Bereits das 1. Kapitel „Integration des systemischen und des Mentalisierungsansatzes“ bringt die beiden Hauptströmungen, für die die Autoren stehen, zusammen: Mentalisieren als transaktionaler sozialer Prozess hilft uns, eigene und die Verhaltensweisen und Interaktionen anderer als intentionale mentale Aktivitäten bzw. Zustände wahrzunehmen und zu deuten. Die systemische Perspektive bringt Individuen und Beziehungen in einen bzw. mehrere Kontexte, wie Personen-, Orts-, Zeit- oder Aktivitätskontexte. Beide Aspekte werden exemplarisch anhand eines Anmeldetelefongesprächs des im Verlauf des Kapitels fortlaufenden Fallbeispiels sehr praktisch illustriert.

Im Kapitel 2 „Effektives und ineffektives Mentalisieren“, ebenfalls von einem Fallbeispiel eingeleitet, geht es zunächst um gelingendes Mentalisieren, inklusive einer Tabelle, mithilfe der effektives Mentalisieren typischerweise erkannt werden kann, dann um die prämentalisierenden Modi des Denkens und Erlebens, also den Weg, den wir in unserer Entwicklung zurücklegen, um gut mentalisieren zu können. Unter Stressbedingungen nutzen wir häufig diese Vorformen reifen Mentalisierens, deren Ausprägung bei der Einschätzung von Mentalisierungsprozessen in therapeutischen Situationen helfen kann.

Kapitel 3 „Kontexte für mentalisierungsfokussierte Interventionen schaffen“ widmet sich zunächst der mentalisierenden therapeutischen Haltung, beschreibt dann praktische Interventionen zur Förderung effektiven Mentalisierens in drei Hauptbereichen und konkretisiert dies dann fallorientiert an einer Therapiesituation: Jane und ihre Familie. Aspekte der Einzelarbeit werden dabei mit familientherapeutischem Handeln kombiniert.

„Sich nicht im Kreis drehen“ heißt das 4. Kapitel, auch hier eingeleitet von einem interessanten Fallbeispiel. Es geht um Mentalisierungsschleifen, um das Mentalisieren eines eingespielten Narrativs, darum, das Mentalisieren nach intensiven Gefühlsregungen wieder in Gang zu bringen, aber auch um das Finden einer Balance zwischen Veränderung und dem innehaltenden Mentalisieren des Augenblicks.

Das 5. Kapitel „Familien zum Mentalisieren anleiten, ohne sie explizit darin zu unterweisen“ bietet komplexe, humorvoll eingebrachte therapeutische Vorgehensweisen wie eine „emotionale Schönheitschirurgie“, „Stethoskope“ und andere „Skope“ für das Gedankenlesen, Anleitungen für „Hirn-/​Mentalscans“ oder Rollenspiele, eine Fülle an Material für Perspektiven erweiternde Familiengespräche.

Kapitel 6 listet eine Reihe von kleinen Spielen und Techniken zur „Förderung effektiven Mentalisierens“, so die Überschrift dieses Abschnitts; Über 30 dieser Tools werden einmal als Tabelle gelistet, aber auch praxistauglich genau erläutert.

Das 7. Kapitel bringt die „MIST“ in einen Denk- und Handlungskontext mit komplexeren psychiatrischen Diagnosen, wie sie ja bei vielen Behandlungsfällen eher die Regel als die Ausnahme sind (Ko-Morbidität). Dabei verweisen die Autoren auch auf aktuelle Forschungsergebnisse, den p-Faktor betreffend. Dieses neue Maß für Psychopathologie umfasst genetische wie Umweltanteile, deren Beiträge in eine fehlerhafte Verdrahtung bestimmter Hirnareale münden, aus der affektiven Dysregulation und schwachen Exekutivfunktionen resultieren können. Dadurch kann die natürliche, dem Selbstschutz dienende epistemische Wachsamkeit verstärkt werden, sodass der betroffene Mensch kaum noch zugänglich für soziales Lernen ist. Mentalisierungsinspirierte Therapie verbessert das epistemische Vertrauen (vgl. Fonagy und Nolte, 2023), das die Bereitschaft, von anderen zu lernen, erheblich erhöht und so aus rigiden oder chaotischen Fühl- und Denkmustern herausführen kann. Dieses Vorgehen wird anhand eines ausführlichen Fallbeispiels gut nachvollziehbar dargelegt.

Das umfangreiche Kapitel 8 widmet sich einem aktuell herausfordernden Thema: „Soziale Medien mentalisieren“. Auch dieses beginnt mit einem anschaulichen Fallbeispiel, das die heutige Wirklichkeit von Familien inmitten sozialer Medieneinflüsse widerspiegelt. In mehreren Unterkapiteln wird der Wandel von Sozialisationsprozessen aus theoretischer und praktischer Perspektive beleuchtet. Besonders wichtig erscheint mir die Reflexion des Themas Soziale Medien und epistemisches Vertrauen. Sorgfältig werden sowohl förderliche wie hinderliche bzw. gefährliche Aspekte der Wirkungen sozialer und insgesamt digitale Medien für den Lebensalltag wie auch für therapeutische Situationen, etwa als „Ferntherapie“ mit Einzelnen und Familien erörtert. Nach den digitalen Herausforderungen für die psychische Gesundheit von Kindern werden eine therapeutische Haltung sowie konkrete Vorgehensweisen beschrieben, mit denen auch über diese heiklen Themen eine vertrauensvolle persönliche Beziehung zu der Familie ermöglicht wird. Auch die digital unterstützte Arbeit bei Familien mit hohem Konfliktniveau wird in den Blick genommen. Im Zusammenhang mit der potenziell besonders schwierigen Arbeit in diesen Settings erfährt zum Schluss auch die Person der Therapeutin eine besondere Beachtung, mit Hinweisen für eine mitfühlende, mentalisierende Haltung sich selbst gegenüber, quasi als Modell für die KlientInnen.

Das 9. Kapitel „Mentalisierungsinspirierte Systemische Therapie in Mehrfamiliengruppen und in Schulen“ steht ganz im Zeichen der von Eia Asen begründeten, mittlerweile weitverbreiteten Mehrfamilientherapie (MFT), deren Ziele hier noch einmal aufgelistet werden und deren Wirkungsweise nachvollziehbar mit dem Mentalisierungskonzept in Verbindung gebracht wird. Letztendlich geht es auch hier um soziales Lernen in einem rekursiven Prozess von Perspektivenübernahme, Selbstreflexion und Ermutigung zum Experimentieren mit familienübergreifenden Übungen, wechselseitigem Feedback etc. Am Fallbeispiel des magersüchtigen Mädchens Sally, das in einem MFT-Setting mit anderen Patientinnen gleicher Diagnose behandelt wurde, erschließt sich der Nutzen dieses Vorgehens für die Betroffenen und ihre Familien. Ein weiteres Unterkapitel befasst sich mit dem „Mentalisieren in der Schule“ als Variante des Multifamilienansatzes für die Arbeit mit schwierigen Schülern unter Einbezug der Eltern. Auch hier geht es immer um Abbau von epistemischem Misstrauen und um die Förderung effektiver Mentalisierung. Dabei werden auch von den Autoren kreierte Modellprojekte in USA („Creating a peaceful school learning environment“, CAPSLE). und London (Konzept Familienschule) dargestellt.

Mit dem 10. und letzten Kapitel „Kulturelle und gesellschaftliche Kontexte des Mentalisierens“ erweitern die Autoren den Denk- und Handlungshorizont um eine weitere Dimension, die der interkulturellen Arbeit. Damit ist die Validierung und Berücksichtigung der sozialen Systeme, in denen Primärsozialisation ebenso wie die Entstehung von Störungen wurzelt, gemeint. Ausgehend von entwicklungswissenschaftlichen Erkenntnissen, dass Mentalisieren eine universelle menschliche Kompetenz und Gewohnheit darstellt, wird eine umfassend respektvolle, macht-, kultur- und gendersensible Haltung zum Ausdruck gebracht. Zusammengefasst wird dies in einer Tabelle mit Tipps zum Umgang mit Kulturunterschieden in der Therapie. Zum guten Schluss wird das, in England mittlerweile verbreitete Konzept des Anna-Freud-Centres AMBIT = Adaptive Mentalization-Based Integrative Treatment vorgestellt. Um in einem multiprofessionellen Helfernetzwerk das Vertrauen der KlientIn zu erhalten, schlagen die Autoren im Unterschied zu dem „Team um das Kind“ ein „Team um die Schlüsselperson“ vor. Diese stellt die primäre Vertrauens- (Bindungs-) Person im mentalisierenden Behandlungssystem dar und kann so eher eine Behandlungskontinuität sichern, als der oftmals vielstimmige, bisweilen kontradiktorische Chor der Einzelakteure.

In einem kurzen Schlussabsatz resümieren Asen und Fonagy, dass die Lösung der komplexen psychosozialen Probleme sich nicht angehen lässt, ohne eine echte emotionale Verbindung zu den KlientInnen herzustellen, die zum Zusammenführen von Denken und Fühlen anregt und motiviert, sodass alle Beteiligten wieder zu einer Haltung der Neugier zurückfinden können, und sich so für Veränderungen öffnen können.

Diskussion

Das Werk bietet eine Fülle an Anregungen theoretischer und praktischer Art, für eine nach heutigem Stand effektive und dabei sehr menschenfreundliche Art, Psychotherapie mit Einzelnen und Familien zu betreiben. Fallbeispiele, theoretische Reflexionen und praktische Erwägungen wirken fein miteinander verwoben, wodurch sich das Buch wunderbar leicht und zugleich spannend wie aus einem Guss liest. Die Tabellen strukturieren dabei noch mal die take-home-messages und helfen zur Orientierung im therapeutischen Alltag, ohne dabei eine Pseudoeindeutigkeit zu suggerieren.

Bei alledem kommen die tief respektvolle Haltung der Autoren gegenüber der Vielfältigkeit menschlicher Wirklichkeitskonstruktionen und die Wertschätzung des jeweiligen individuellen, familiensystemischen und kulturellen SoSeins der in der Regel sehr belasteten Klientinnen zum Vorschein. Anhand der vielfältigen Fallgeschichten und der Reflexionen dazu werden die, ja mittlerweile vielfältig publizierten und verbreiteten theoretischen Konzepte des Mentalisierens und des epistemischen Vertrauens noch einmal besonders transparent und verständlich.

Bei aller Präzision im Reflektieren verfallen die Autoren nie in eine Scheingewissheit über das, was gerade Sache, Thema, Zielrichtung ist. Mentalisierungsvorgänge sind von ihrer Natur her opak, nicht glasklar transparent. Dem trägt der tastende, nachdenklich-vorsichtige und resourcenoriertierte Schreibstil von Eia Asen und Peter Fonagy stets Rechnung und schafft dadurch Weite und Gelassenheit.

Ich halte das Buch für ausgesprochen wertvoll und kann es für jegliche therapeutische Praxis nur empfehlen.

Fazit

Asen und Fonagy legen eine vielperspektivische und tiefgehende Einführung in die mentalisierungsinspirierte Systemische Therapie vor, die, praxisorientiert, und sich auf einen reichhaltigen Erfahrungsschatz gründend, hilfreiche Denk- und Handlungsanstöße für Fachleute aus therapeutischen und sozialen Berufen anbietet. Dabei werden die modernen psychotherapeutischen, wenn nicht sogar allgemein kommunikationswissenschaftlich relevanten Konzepte des Mentalisierens und des epistemischen Vertrauens am Fall lebendig erfahrbar gemacht und gleichzeitig reflektiert.

***** 5 Sterne!

Literatur

Fonagy, Peter, Nolte, Tobias (2023) Epistemisches Vertrauen. Stuttgart: Klett-Cotta

Trost, Alexander (2018) Bindungswissen für die systemische Praxis. Göttingen: V&R

Rezension von
Prof. Dr. med. Alexander Trost
Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie, systemischer Lehrtherapeut und Supervisor (DGSF), TZI-Lehrbeauftragter (RCI)

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Es gibt 5 Rezensionen von Alexander Trost.

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Zitiervorschlag
Alexander Trost. Rezension vom 12.03.2024 zu: Eia Asen, Peter Fonagy: Mentalisieren in der systemischen Praxis. Eine Einführung in die mentalisierungsinspirierte systemische Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2023. ISBN 978-3-8497-0469-8. Reihe: Systemische Therapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31073.php, Datum des Zugriffs 14.04.2024.


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