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Stein Husebö: Liebe und Trauer. Was wir von Kindern lernen können

Cover Stein Husebö: Liebe und Trauer. Was wir von Kindern lernen können. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2005. 140 Seiten. ISBN 978-3-7841-1602-0. D: 15,60 EUR, A: 15,60 EUR, CH: 28,00 sFr.

Reihe: PalliativCare und OrganisationsEthik - 14.
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Was das Buch bietet. Und was nicht.

Wer mit den üblichen Erwartungen an das Buch von Stein Husebö herangeht, der wird sicherlich im Laufe des Lesens etwas umdenken müssen. Mir ging es jedenfalls so. Zunächst hatte ich die Vorstellung, hier mit Informationen zum Thema Trauer, zum Thema Trauer bei Kindern und vielleicht der Übertragung entsprechender Prozesse auf den Erwachsenen rechnen zu können, dies untermauert durch etwas empirische Literatur. Dahinter steckte sicherlich auch die Erwartung, für die eigene Praxis etwas profitieren zu können. All dies bietet Steins Husebös Buch nicht, hat der Autor auch gar nicht vor zu bieten. Er beschränkt sich vielmehr eher auf eine Vielzahl von konkreten Schilderungen aus der Beratungspraxis und auf jeweils angemessene Überlegungen. So z.B. sind Fragen aufgelistet, was bei der Diagnose einer ernsten Erkrankung alles vom Betroffenen und seinen Angehörigen zu überlegen sein könnte. Abgehandelt werden, überwiegend an Beispielen dargestellt, Themen wie

  • Mutter- bzw. Vaterschaft,
  • Diagnosen, ernsthafte Erkrankung eines Familienmitglieds,
  • allgemeine Betrachtungen über Leben,
  • Tod und Trauer,
  • Palliative Care,
  • die Zeit vor dem Sterben,
  • ethische Fragen,
  • Ort der Pflege und schließlich
  • die Situation nach dem Tod, die Frage wie man mit der Trauer weiter leben kann sowie die Beziehung zwischen Liebe und Trauer.

So gesehen könnte man auf die Idee kommen, dass das Buch demjenigen, der mit dem Thema schon etwas vertraut ist, eigentlich recht wenig zu bieten hat. Im Laufe der Lektüre machte ich jedoch eine ganz andere Erfahrung. Das Buch bietet kein Wissen im herkömmlichen Sinne, keine konkret verwertbaren Handlungsanweisungen, jedenfalls meistens nicht. Es bietet aber in der Schilderung von Fällen und des Umgangs damit eine menschliche Haltung, die wahrscheinlich ebenso wichtig ist, wie fachliches Wissen.

Zielgruppe

Wer für sich selbst und seinen eigenen Umgang mit Erkrankten, mit Sterbenden, mit Angehörigen für sein eigenes Verständnis und für seine eigene Menschlichkeit in solchen Situationen etwas profitieren will, der ist mit diesem Buch wirklich gut bedient. Ich will dies an einem Beispiel verdeutlichen. Auf Seite 93 schildert Husebö die Situation eines Ehemannes, dessen demenzkranke Frau seit geraumer Zeit einen deutlich verschlechterten Zustand aufweist. Sie wohnt bereits seit einigen Jahren in der Demenzabteilung der Klinik, in der Husebö auch tätig ist. Der Ehemann kümmert sich sehr fürsorglich um sie. Nun scheint es zu Ende zu gehen. Die Frage steht im Raum, wie eine aufgetauchte Lungenentzündung nun zu behandeln sei. Der Ehemann kennt die Diagnose. "Es ist eine Lungenentzündung", sagt er. "Du kannst einen Job bei uns haben", sage ich. "Was sollten wir ohne dich tun?" Ich untersuchte die Patientin. Es ist nicht möglich, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Und es ist schnell klar, dass es sich unzweifelhaft um eine doppelseitige Lungenentzündung handelt.

Der Ehemann, die Krankenschwester und ich setzen uns im Schwesternzimmer zusammen.

"Was habe ich gesagt", sagte er, nachdem er meiner Beschreibung der Situation zugehört hatte. "Wir geben Antibiotika, Dr. Husebö." Ich atme ein paar Mal tief durch. Das ist ein guter Trick, um Zeit zu gewinnen. Es besteht kein Zweifel, dass Herr Pedersen seine Frau sehr, sehr gern hat. Ihr Gesundheitszustand ist in den letzten Monaten sehr schlecht geworden.

Welche ist die richtige Entscheidung? Wie nehmen wir am besten Rücksicht auf Herr und Frau Pedersen? Er möchte unter allen Umständen seine Ehefrau am Leben erhalten. Ist es wirklich so klar? "Ja," sage ich, "die eine Möglichkeit ist, ihr Antibiotika zu geben. Das ist die eine Seite." "Wie meinst du das, was sind die anderen Möglichkeiten? Was ist die andere Seite?" "Lass uns zusammen darüber nachdenken", sage ich. "Du kennst deine Frau besser als alle anderen. Du hast sie die letzten Jahre treu begleitet. Was glaubst du, würde sie wollen?"

Nach einer Pause, sagt er: "Meine Frau war eine starke und stolze Person. So wie es ihr jetzt geht, hätte sie es nie haben wollen ... Meine Frau würde sicher wollen, dass es ein Ende nimmt." Nach einer erneuten Pause setzt er fort: "Aber wird sie nicht leiden müssen, wenn sie keine Antibiotika bekommt? Ist das nicht eine fürchterliche Art und Weise zu sterben?" "Früher nannte man die Lungenentzündung, 'der Freund der Alten'", sage ich. "Früher oder später kommt das Ende des Lebens, unabhängig davon, was wir unternehmen, um die Patienten am Leben zu erhalten. Es ist nicht so, dass die Dementen nichts mehr wert sind, ganz im Gegenteil. Deiner Frau jedoch geht es jetzt schon eine ganze Weile schlecht und nichts deutet darauf hin, dass sich ihr Zustand bessern könnte. Die Beschwerden, die sie vielleicht haben wird, wenn wir ihr kein Antibiotika geben, können wir mit anderen Medikamenten und Behandlungsansätzen lindern. Aber, was denkst du, was wäre das Beste für sie?" "Ich denke ...", antwortet er, "dass es für sie eine große Erleichterung wäre, wenn sie jetzt gehen könnte. War es das, was du meintest?"

Fazit

An dem Beispiel wird deutlich, dass Husebö seiner Absicht, die Einstellung zu Kranken, Sterbenden, Hinterbliebenen zu ändern, voll gerecht wird und er hier eine ganze Menge zu bieten vermag. Insofern ist das Buch für jeden Praktiker, sei er nun Arzt, Psychologe, Sozialarbeiter, Krankenpfleger, Hospizmitarbeiter, ein Gewinn, wenngleich auch ein anderer als man ihn sich vielleicht zu Beginn des Lesens vorgestellt hat. Das Buch ist wirklich empfehlenswert für jeden, der bereit ist, an sich selbst und seiner Einstellung etwas zu tun, statt sich vordergründiges Wissen anzueignen.


Rezensent
Prof. Dr. Arnold Langenmayr
Universität Duisburg-Essen, Standort Essen
FB Bildungswissenschaften


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Zitiervorschlag
Arnold Langenmayr. Rezension vom 15.11.2005 zu: Stein Husebö: Liebe und Trauer. Was wir von Kindern lernen können. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2005. ISBN 978-3-7841-1602-0. Reihe: PalliativCare und OrganisationsEthik - 14. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3108.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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