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Jürgen Overhoff (Hrsg.): Immanuel Kant: Über Pädagogik

Rezensiert von Prof. Dr. Ulrich Papenkort, 02.05.2024

Cover Jürgen Overhoff (Hrsg.): Immanuel Kant: Über Pädagogik ISBN 978-3-608-98752-2

Jürgen Overhoff (Hrsg.): Immanuel Kant: Über Pädagogik. Anleitung zur Freiheit. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2024. 304 Seiten. ISBN 978-3-608-98752-2. D: 26,00 EUR, A: 26,80 EUR.

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Thema

„Über Pädagogik“, so der Titel des vorliegenden Buches, schreiben viele Autor*innen. Insoweit sie sich in theoretischer Hinsicht äußern, sind es neben den disziplinär sozusagen zuständigen Erziehungswissenschaftler*innen auch Wissenschaftler*innen anderer Fachdisziplinen und Philosoph*innen. Eine ganze Reihe letzterer hat seit den Anfängen der Philosophie immer auch über pädagogische Sachverhalte geschrieben: von Sokrates, Platon und Aristoteles über Augustinus und Thomas von Aquin bis zu John Locke (1632-1704), von Jean-Jaques Rousseau (1712-1778) und Immanuel Kant (1724-1804), im 19. Jahrhundert von Friedrich Schleiermacher (1768-1834), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Johann Friedrich Herbart (1776-1841) bis zu Wilhelm Dilthey (1833-1911). Auf Kant und Hegel beriefen sich später die pädagogischen Kantianer und Hegelianer, auf Herbart die Herbartianer und auf Schleiermacher und vor allem Dilthey die geisteswissenschaftlichen Pädagogen.

Zu vielen dieser Philosoph*innen liegt eine mehr oder minder umfangreiche Sekundärliteratur vor. Zu Herbart dürften die meisten Titel erschienen sein, zu Kant die wenigsten. Seine Anmerkungen über Pädagogik streuen wie bei den antiken und mittelalterlichen Autoren und auch bei Hegel über verschiedene Texte. Und wie die anderen Universitätslehrer, Schleiermacher, Herbart und Dilthey, hat Kant auch pädagogische Vorlesungen abgehalten. Seine und die von Schleiermacher wurden nur durch Mitschriften von Hörern bekannt.

Das Buch enthält eine Sammlung der pädagogisch relevanten Texte Immanuel Kants einschließlich einschlägiger Vorlesungen. Vergleichbare Sammlungen haben bisher Thomas Groothoff (Ausgewählte Schriften zur Pädagogik, 1982) und Thomas Mikhail (Kant als Pädagoge, 2017) vorgelegt. Eine Rekonstruktion der Pädagogik Kants aus seinen verschiedenen Schriften hat Fulvia Leone in ihrer Dissertation (Immanuel Kant über Erziehung, 2019) versucht.

Herausgeber

Jürgen Overhoff (*1967), Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Historische Bildungsforschung an der Universität Münster, hat schon wiederholt Texte pädagogischer Klassiker im Verlag Klett-Cotta herausgegeben: von Johan Amos Comenius (1592-1670), John Locke (1632-1704), Johann Bernhard Basedow (1724-1790) und Wilhelm von Humboldt (1767-1835).

Aufbau

Die ausgewählten Texte Kants finden sich, nach zwei Lebensphasen geordnet, in Kapitel II (Kants anthropologisch-ethische Wende: Erkenntnisinteresse am Menschen. 1762–1780) und III (Philosophie in pädagogischer Hinsicht. 1781–1798). Das Buch wird durch ein Vorwort von Manfred Geier eröffnet und Anmerkungen zu den Texten und einer editorischen Notiz des Herausgebers Jürgen Overhoff abgeschlossen. Zwischen dem Vorwort und Kants Texten hat der Herausgeber in Kapitel I (Kants Erziehung und Selbstbildung.1724-1761) vier biographische Darstellungen von Zeitgenossen aufgenommen, zwischen den Texten und der editorischen Notiz in Kapitel IV (Immanuel Kant über Pädagogik) die berühmte pädagogische Vorlesung, herausgegeben von Friedrich Theodor Rink.

Inhalt

Das Buch enthält Primärliteratur Kants zur Pädagogik und gehört nicht zur Sekundärliteratur, die Kants Pädagogik zum Thema hat. Bei der Primärliteratur handelt es sich erstens um drei Artikel für die Berlinische Monatsschrift (Ideen zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht 1784, Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte 1786, Was heißt: sich im Denken orientieren? 1786). Zweitens wurden pädagogisch relevante Passagen aus Schriften Kants ausgewählt, die 1764 (Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen) und in dem Jahrzehnt zwischen 1788 und 1798 erschienen sind (Kritik der praktischen Vernunft 1788, Kritik der Urteilskraft 1790, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft 1792/93, Die Metaphysik der Sitten 1797, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht 1798), die Ankündigung seines Vorlesungsprogramms an der Universität Königsberg für das Wintersemester 1765/66, zwei Bewerbungen des von Johann Bernhrad Basedow 1774 gegründeten „Philanthropinums“ in Dessau und sechs Briefe, davon fünf an Philanthropen.

Neben den Texten, die Kant selbst verfasst hat, stehen insgesamt fünf Mit- oder Nachschriften von Hörern kantianischer Vorlesungen: zur Praktischen Philosophie (SS 1764, SS 1777), Anthropologie (WS 1775/76) und zur Pädagogik, die Kant im WS 1776/77, im SS 1780 und in den WS 1783/84 und 1786/87 abhielt. Die Pädagogik-Vorlesungen wurden durch seinen Schüler Friedrich Theodor Rink zu einem Text zusammengestellt und 1803, im Jahr vor Kants Tod, veröffentlicht. Die erste der vier Vorlesungen ist die älteste bekannt gewordene Pädagogik-Vorlesung.

Bei den übrigen Texten der Sammlung handelt es um eine autobiographische Notiz Johann Gottfried Herders und vier biographische Skizzen, die kurz nach Tod erschienen sind.

Diskussion

Der Vergleich mit den beiden anderen Readern zur Pädagogik Kants zeigt eine weitgehende Deckung mit der Sammlung von Hans-Herrmann Groothoff und wesentliche Überschneidungen mit der von Thomas Mikhail. Die vorliegende Sammlung enthält alle Texte derjenigen von Groothoff, geht aber über seine hinaus. Im Vergleich zur Sammlung von Mikhail fehlen eigenständige Texte (Was ist Aufklärung? 1784, Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis 1793) und Textteile aus der Kritik der reinen Vernunft (1781) und der Logik (1800), während der auf einen Text (Was heißt: sich im Denken orientieren?) und Textteile aus „Kritik der Urteilskraft“ und „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ verzichtet.

Die Texte, die Fulvia Leone für ihre Rekonstruktion der Pädagogik Kants zugrundelegt, bestätigen noch einmal im Großen und Ganzen die Auswahl der drei vorliegenden Reader von Groothoff, Mikhail und Overhoff.

Der Zugewinn der neuesten Sammlung pädagogisch relevanter Texte Immanuel Kants hält sich insbesondere gegenüber dem 2017 erschienenen Buch „Kant als Pädagoge. Einführung mit zentralen Texten“ von Thomas Mikhail in Grenzen. Sie enthält im Unterschied zu Mikhails Sammlung keine bzw. nur eine im biographisch orientierten Vorwort angedeutete Darstellung der Pädagogik Kants. Man kann sich gegen eine solche Darstellung mit guten Gründen entscheiden, sollte sie dann aber nicht mit einem Titel „Über Pädagogik. Anleitung zurFreiheit“ ohne Verweis auf den Charakter einer Textsammlung suggerieren. Dazu kommt, dass Overhoff anders als Mikhail keine Texte zum Thema Unterricht ausgewählt hat. Die zusätzlichen Texte, die bei Mikhail durchaus fehlen, gleichen diese beiden Nachteile nicht aus.

Fazit

Trotzdem ist jedes Buch willkommen, in und mit dem Kant als einer der ältesten und weiterhin relevanten wissenschaftlichen Theoretiker der Erziehung in den Blick kommt, den man vielleicht sogar als „pädagogischen Klassiker“ bezeichnen könnte.

Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
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Es gibt 52 Rezensionen von Ulrich Papenkort.

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ISSN 2190-9245