Donald W. Winnicott: Babys und ihre Mütter
Rezensiert von Dr. Erika Butzmann, 21.12.2023
Donald W. Winnicott: Babys und ihre Mütter.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2023.
116 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3224-9.
D: 22,90 EUR,
A: 23,60 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
Thema
Die in diesem Buch zusammengetragenen Texte befassen sich mit der frühen Zeit der absoluten Abhängigkeit des Babys von seiner Mutter, wo das Kind und die Mutter im rudimentären Geist des Kindes noch nicht voneinander geschieden sind und wo die Fürsorglichkeit der Mutter das Fundament für die sich entwickelnde Fähigkeit des Babys ist, sich als real zu erfahren.
Autor
Donald Woods Winnicott (1896-1971) war Kinderarzt und Psychoanalytiker. Er konzentrierte sich als einer der ersten auf die frühe Mutter-Kind-Beziehung und erweitere mit seinen Forschungen die psychoanalytische Theorieentwicklung und gab wertvolle Impulse für die Praxis.
Entstehungshintergrund
In den Jahren nach seinem Tod wurden die nachgelassenen unveröffentlichten Schriften und die, die bis dahin nur in Zeitschriften und Anthologien erschienen waren, gesammelt und unter seinem Namen herausgegeben. Der vorliegende Band mit seinem Schwerpunkt auf den Zeitpunkt der Geburt und den danach ablaufenden Entwicklungsprozessen ist einer davon. Zuerst erschien die von Ulrike Stopfel übersetzte deutsche Fassung im Klett-Cotta-Verlag 1990. Die vorliegende unveränderte Neuauflage wurde aktuell vom Psychosozial-Verlag Gießen herausgegeben.
Aufbau
Der vorliegende Band enthält neun Vorträge, die Winnicott vor Kinderärzten, Allgemeinärzten, Krankenschwestern, Hebammen, Lehrern an Krankenpflegeschulen und Eltern sowohl in England als auch bei internationalen Tagungen in der Zeit zwischen 1950 und 1970 gehalten hat.
Inhalt
Mit dem Begriff der ‚hinreichend fürsorglichen Mutter‘ ist der Name von Winnicott verbunden und damit befasst sich gleich das erste Kapitel mit dem gleichlautenden Vortrag aus dem Jahr 1960. Der Kritik zu seinen damaligen Ausführungen entgegnete er, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als den positiven Wert des Faktors der hinreichenden Fürsorglichkeit anzuerkennen. Es ist das für jedes Baby lebensnotwendige Erfordernis, dass jemand die frühesten Stadien des psychosomatischen Wachstums der im höchsten Grade unreifen und in jeder Hinsicht abhängigen menschlichen Persönlichkeit fördert. Ein zentraler Begriff, mit der er das Wesentliche dieser Förderung benennt, ist das Halten des Babys im physiologischen und psychologischen Sinne.
Den dann folgenden Vortrag „Wissen und Lernen“ aus dem Jahr 1950 richtete Winnicott direkt an Mütter, um ihnen deutlich zu machen, dass ihr mütterliches Wissen, welches ihnen von Natur aus zuwächst, weit mehr ist als durch Lernen angeeignetes Wissen. Kann sich die Mutter auf ihren Mann verlassen und wirklich Mutter sein und wenn sie dann ihr Kind hält, so tut sie das ganz natürlich, ohne darüber nachzudenken. Da sollten keine Fachleute störend hineinreden. Mütter sind Spezialistinnen auf dem Gebiet der Pflege und Betreuung; sie sind von der Natur mit dem Wissen ausgestattet und sollten sich dieser Fähigkeiten bewusst sein, um gedankenlosen Leuten, die ihnen sagen wollen, wie sie etwas tun sollen, widersprechen zu können.
Beim dritten Vortrag „Stillen als Kommunikation“ aus dem Jahr 1968 versichert er gleich zu Beginn, dass es ihm nicht darum geht, das Stillen zu propagieren, denn auch mit der Flaschennahrung kann der Säugling eine enge physische Nähe zur Mutter erfahren. Doch Stillen ist wiederum eine natürliche Sache, die nicht ohne Not aufgegeben werden sollte. Das Stillen gehört in den größeren Zusammenhang mit der guten mütterlichen Fürsorge und Zuwendung, die sich im Halten des Kindes und der Art, wie mit dem Kind umgegangen wird, zeigt. Diese Indikatoren der Versorgung seien wichtiger als das tatsächliche Gestillt-werden. Durch die besonderen Erfahrungen des Kindes mit seinem Beißimpuls zeigt sich das Stillen als eines der natürlichen Phänomene, die sich von selbst rechtfertigen, auch wenn sie zur Not wegfallen können.
Mit dem Vortrag „Das Neugeborene und seine Mutter“ aus dem Jahr 1964 vermittelt Winnicott Kinderärzten sehr eindringlich, was er unter ‚primärer Mütterlichkeit‘ versteht. Er zeigt auf, welche komplizierten Prozesse ablaufen zwischen der Mutter als differenzierte Person und dem Baby als das Gegenteil von differenziert. Es ist der Vorgang, wo die Psychologie aus der Physiologie herauswächst, indem die Mutter eine erstaunliche Fähigkeit zur Identifizierung mit dem Baby entwickelt, sodass sie dessen existenzielle Bedürfnisse befriedigen kann. Ein Kind, das in befriedigender Weise gehalten wird, ist etwas entschieden anderes als eines, dem diese Erfahrung versagt bleibt. Er illustriert dies an verschiedenen Beispielen aus seiner psychoanalytischen Praxis; wohl wissend, dass er seine Zuhörer von der Dramatik des fehlenden Gehalten-seins nicht gut überzeugen konnte. Trotzdem sah er keinen anderen Weg, als Kinderärzte, Neurologen und Psychologen über Babys und ihre Mütter zu belehren.
Der fünfte Vortrag, über „Die Anfänge des Individuums“ aus dem Jahr 1966, beschäftigt sich mit der aus der gesellschaftlichen Diskussion über den Schwangerschaftsabbruch resultierenden Frage, wann der Beginn des individuellen Lebens ist. Die physischen und psychischen Phänomene, die die Entstehung des Individuums aufzeigen, beschreibt Winnicott in seinem Vortrag beginnend mit den Gedanken an das Kind, über die Kindsbewegungen und die Geburt, bis hin zur Erkenntnis, dass es eine vom Kind aus gesehene äußere Welt gibt. Das ist ein ganz bestimmter Augenblick im Leben eines jeden Kindes, in dem es seine individuelle Existenz begriffen hat.
Im sechsten Vortrag geht es um die äußert komplexe Theorie der emotionalen Entwicklung des Individuums. Diesen Vortrag mit dem Titel „Das Baby und seine Umwelt“ hielt Winnicott 1967 in der Pädiatrischen Abteilung der Royal Society of Medicine. Vor dessen kompetentem Fachpublikum, das sich eher mit den medizinischen Aspekten der Säuglingspflege beschäftigte, wies Winnicott nachdrücklich auf die Besonderheiten der emotionalen Entwicklung der individuellen menschlichen Person hin. Daraus ergeben sich die Schwierigkeiten der Mutter, sich auf die Bedürfnisse des neuen Wesens einzustellen. Doch diese Fähigkeiten kommen ihr aus einer tieferen Ebene zu; nicht aus jener Schicht des Geistes, die Worte für alles hat. Das Wichtigste, was eine Mutter mit ihrem Baby tut, lässt sich nicht in Worten wiedergeben. Die fürsorgliche Beschäftigung mit dem kleinen Kind beschreibt Winnicott zu Beginn als Halten im physischen Sinne, das die gute oder schlechte psychische Versorgung ausmacht. Gutes Halten fördert die Reifungsprozesse, schlechtes Halten unterbricht diese Prozesse aufgrund der Reaktionen des Babys auf die mangelnde Anpassung seiner Umgebung an seine Bedürfnisse (S. 72). Erst wenn das Kind älter ist, kann es Frustrationen ertragen und verarbeiten. Zum guten Halten gehört auch die zwischenmenschliche Beziehung, die z.B. beim Füttern des Babys entsteht. Es ist der Anfang der Hinwendung des Kindes zum Objekt und zur Welterkundung.
Das siebte Kapitel behandelt den „Beitrag der Psychoanalyse zur Geburtshilfe“ aus dem Jahr 1957. Für Winnicott trägt die Psychoanalyse zur Klärung aller möglichen Phänomene bei, wie etwa der wiederholten Fehlgeburt, des morgendlichen Übel-seins, der primären Wehenschwäche, die auch durch Konflikte im unbewussten Gefühlsleben der Patientin verursacht worden sein können. Doch in erster Linie ging es ihm um die Beziehung zwischen Arzt, Schwester und Patientin und um seine Forderung an die Fachleute, die natürlichen Prozesse der Geburt zu respektieren und zu fördern. Er hob auch die förderliche Rolle des Vaters hervor, die dieser hatte, bevor der Arzt und der Wohlfahrtsstaat diese Funktion übernahmen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Ärzte, Hebammen und Krankenschwestern um die natürlichen Prozesse der Geburt und um die aller frühesten Beziehungen zwischen Mutter und Kind wissen. Die Psychoanalyse sorgt dafür, dass die Betroffenen einander besser verstehen und den individuellen Rechten mehr Platz eingeräumt wird.
Kapitel acht befasst sich mit der totalen Abhängigkeit des Babys. Auch wenn niemand diese Abhängigkeit in Zweifel zieht, muss beachtet werden, dass die ständigen Erfahrungen, die Kinder in dieser frühen Phase machen, sich im Gedächtnis summieren und ihnen entweder Vertrauen in die Welt einflößen oder das Gefühl vermitteln, wie ein Korken im Meer zu treiben und ein Spielball der Umstände zu sein. Das Gefühl der Vorhersagbarkeit hat mit der Anpassung der Mutter an die Bedürfnisse des Kindes zu tun und wenn ihr dies nicht gelingt, ist jemand verfügbar (Vater oder Großeltern), der das kann. Die meisten Babys werden hinreichend gut versorgt und auf der Grundlage dieser Erfahrung kann das Kind allmählich auf die Forderungen eingehen, wie sie die Mutter und die Umgebung dem Kind gegenüber erheben müssen. Hinter den Bedürfnissen eines Babys verbirgt sich jedoch sehr viel; kann die Umwelt nicht darauf eingehen, wird das Kind von Angstgefühlen überflutet. Im schlimmsten Fall führt das zur Verzerrung seiner Persönlichkeitsentwicklung. Das lässt sich verhindern, wenn die Abhängigkeit des Kindes als Faktum anerkannt und von Menschen aufgefangen wird, die sich den Bedürfnissen des heranwachsenden Individuums vorbehaltlos anpassen, weil sie eine Verbundenheit mit ihm spüren, die am besten als Liebe bezeichnet werden kann.
Der letzte Vortrag aus dem Jahr 1968 fasst noch einmal die mütterliche Funktion der „hinreichend guten Versorgung“ (S. 98) zusammen, die es dem Kind ermöglicht, aus der absoluten Abhängigkeit über die relative Anhänglichkeit zur Unabhängigkeit zu gelangen. Dieser Prozess zeigt sich darin, dass „das Baby zu Beginn noch nicht zwischen Nicht-Ich und Ich differenziert, sodass im speziellen Kontext der frühen Beziehungen das Verhalten der Umgebung ebenso sehr Teil des Babys ist wie sein Verhalten, das aus den Bestrebungen des Babys nach Integration und Autonomie erwächst sowie aus dem Streben nach Objektbeziehungen und danach, zu einer befriedigenden psychosomatischen Partnerschaft zu gelangen.“ (S. 98). In dieser frühen Phase der wechselseitigen Kommunikation zwischen Kind und Mutter legt diese die Grundlagen für die zukünftige geistig-psychische Gesundheit. Doch jede Verzerrung des frühkindlichen Entwicklungsprozesses ist von unvorstellbaren Ängsten begleitet: Desintegration, unaufhaltsames Fallen, Misslingen von Objektbeziehungen. „Wenn wir geistig-psychische Störungen behandeln, begegnen wir zwangsläufig den Einzelheiten des frühen Versagens“ (S. 111). So muss immer wieder für Kontinuität gesorgt werden, die in sich die Vorstellung davon trägt, dass nichts, was einmal zur Erfahrung des Individuums gehörte, jemals verloren gehen kann, selbst wenn es dem Bewusstsein des Individuums nicht zugänglich ist.
Diskussion
Zu dieser Neuauflage des Buches stellt sich die Frage, ob die von Winnicott vor 60 Jahren so eindringlich dargestellte Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung auch heute noch die gleiche Gültigkeit hat. Die Väter spielten damals zwar eine wichtige Rolle bei der Unterstützung der Mütter in der frühen Phase der Mutter-Kind-Dyade; die konkrete Fürsorglichkeit der Väter wurde jedoch in den 1960-er Jahren noch nicht breit diskutiert. Unsere Gesellschaft nimmt derzeit die Väter in die Pflicht, sich von Beginn an um das Neugeborene zu kümmern, damit die Mütter entlastet und die Bindung zum Kind zustande kommt. Doch wie kann das konkret geschehen, wenn es nach Winnicott den Säugling eigentlich ohne die Mutter nicht gibt, die er auf elementare Weise braucht, um nicht zugrunde zu gehen? Kann er es vertragen, wenn die Kontinuität des guten Gehalten-werdens durch die über die Schwangerschaft und das Stillen sehr vertraute Mutter immer wieder unterbrochen wird? Auch wenn das Kind im ersten halben Jahr offen für jedwede Betreuungsperson ist, wirkt das gute Gehalten-werden in dieser Zeit als Grundlage für die aktiven Bindungsbemühungen des Kindes in den folgenden Monaten. Diese sind auf die Person bezogen, die das Kind gut gehalten hat. Wenn dies die vertraute Mutter ist, hat der Vater in der Folge wenig Chancen, das Kind in gleichem Maße mitzuversorgen. Das trifft besonders auf die eher sensiblen, ängstlichen Kinder zu, die stärker auf die Mutter bezogen sind. Es ist unstrittig, dass die begleitende Fürsorge des Vaters die Bindung zum Kind fördert. Das gelingt besonders gut, wenn der Vater Spiel und Spaß mit dem Kind zelebriert. Diese andere Art der Bindung erleichtert dem Kind im zweiten Lebensjahr die zum Selbstständig-werden notwendige Ablösung aus der dyadischen Beziehung zur Mutter. So gibt es bisher keine Anhaltspunkte dafür, dass sich die Bedeutung der Mutter für das total abhängige Baby geändert haben könnte.
Fazit
In unserer Gesellschaft wird seit einiger Zeit die Bildung des Kindes von Anfang an stark fokussiert, sodass die Bedürfnisse des Babys nach der primären Mütterlichkeit eher nicht im Blick sind. So kommt die Neuauflage des Buches von Winnicott mit den so wichtigen Vorträgen über die Bedeutung der Mutter-Kind-Bindung am Anfang des Lebens zur rechten Zeit. Damit haben die von Winnicott damals angesprochenen Mütter und Fachleute mit diesem Buch heute wieder die Möglichkeit, sich auf diese frühe Zeit zu konzentrieren, um die Bedeutung der primären Mütterlichkeit erneut zu erfassen.
Rezension von
Dr. Erika Butzmann
Entwicklungspsychologin
Erziehungswissenschaftlerin
Elternbildung und -beratung
Mailformular
Es gibt 6 Rezensionen von Erika Butzmann.





