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Bertram von der Stein: Ältere Menschen in der Psychotherapie

Rezensiert von Prof. Dr. Stefan Pohlmann, 13.03.2024

Cover Bertram von der Stein: Ältere Menschen in der Psychotherapie ISBN 978-3-8379-3216-4

Bertram von der Stein: Ältere Menschen in der Psychotherapie. Chancen, Tabus und Fallstricke. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. 225 Seiten. ISBN 978-3-8379-3216-4. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
Reihe: Therapie & Beratung.

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Thema

Die Notwendigkeit einer psychotherapeutischen Begleitung und Unterstützung endet nicht mit einem bestimmten Lebensalter. Der gut belegbare Bedarf an psychotherapeutischen Angeboten für ältere Menschen im Alter ist nicht nur auf die quantitative Zunahme dieser Gruppe im Zuge des demografischen Wandels zurückzuführen, sondern beruht zusätzlich auf den spezifischen Erkrankungsrisiken im Alter. Dabei gelten betagte Menschen aufgrund schwindender Ressourcen und zunehmender Multimorbidität auch in psychischer Hinsicht als besonders vulnerabel. Der Autor verweist sehr konkret auf prototypische Behandlungssituationen, die sich vor diesem Hintergrund im Rahmen einer psychoanalytisch geprägten Therapie ergeben. Die Publikation macht deutlich, wie sehr auch ältere Menschen von einer Psychotherapie profitieren können und was insbesondere Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten bei der Arbeit mit dieser Klientel beachten sollten.

Autor

Prof. Dr. med. Bertram von der Stein ist aufgrund seiner Facharztausbildung für Psychotherapeutische Medizin einerseits und für Psychiatrie/​Psychotherapie sowie Rehabilitationswesen andererseits, aber auch wegen seiner langjährige Behandlungspraxis als Psychoanalytiker und Supervisor in dem fraglichen Feld ausgewiesen. Für das Düsseldorfer Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie führte er den Vorsitz. Außerdem war er in Düsseldorf als Lehranalytiker am Institut für Analytische Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik beschäftigt und bringt insofern spezielle Kenntnisse in der Qualifizierung von Fachkräften der Psychotherapie mit. Als Honorarprofessor lehrt er mittlerweile an der Universität Kassel im Bereich der Theorien und Methoden psychosozialer und klinisch orientierter Beratung und ist gleichzeitig in seiner Kölner Praxis tätig. Der Autor vereinigt damit in seiner beruflichen Biografie Theorie und Praxis der Psychoanalyse. Sein breiter Erfahrungsschatz mit betroffenen Personen erlaubt ihm insgesamt eine präzise und differenzierte Beschreibung des psychoanalytischen Geschehens im höheren Lebensalter.

Entstehungshintergrund

Gemeinsam mit weiteren Expertinnen und Experten bildet Bertram von der Stein das Herausgeberteam einer annähernd gleichlautenden Fachzeitschrift im Psychosozialverlag, die seit 2004 unter dem Titel „Psychotherapie im Alter“ vierteljährlich erscheint und schon vergleichsweise früh die fachliche Auseinandersetzung für die bis dahin noch immer marginalisierte Zielgruppe älterer Menschen in den Blick genommen hat. Die Zeitschrift zielt darauf ab, im Schnittstellenbereich von Wissenschaft und Praxis ein grundlegendes und fundiertes Verständnis einer differenzierten Alterspsychotherapie zu entwickeln. Von der Stein greift diesen Ansatz in seinem Buch auf und setzt vertiefend den Diskurs zur Psychotherapie und Soziotherapie des Alterns fort. Dabei spricht er unterschiedliche Aspekte an, die bei älteren Menschen in der psychosozialen Beratung und Therapie zu beachten sind. Er konzentriert sich in diesem Zusammenhang auf den Sektor der psychoanalytisch orientierten Behandlung und zieht zur Veranschaulichung zahlreiche Fallvignetten aus der eigenen psychotherapeutischen Praxis heran. Damit werden zentrale Themen, Symptomatiken, Herausforderungen und Behandlungsmöglichkeiten authentisch herausgearbeitet. Immer wieder kommt der Autor dabei auf Grenzsituationen zu sprechen, die sich sowohl für professionelle Fachkräfte als auch für die behandelten Personen ergeben.

Aufbau und Inhalt

Die Monografie umfasst insgesamt 225 Seiten und untergliedert sich nach einer kurzen Einführung in vier Hauptkapitel. Hinzu kommen Schlussbemerkungen, die als Resümee dienen. Ein 21 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis bildet den Quellen- und Referenzkorpus der Arbeit. Im ersten Kapitel nimmt von der Stein zunächst einen kurzen Geschichtsabriss der Alterspsychotherapie vor, kommt auf Altersbilder und Altersstereotype sowie die Rolle der Therapeutinnen und Therapeuten in der unbewussten Beziehungsdynamik zu sprechen. Es folgt eine Einordnung zur psychohistorischen Kompetenz, die kohortenspezifische Besonderheiten unterstreicht. Anschließend werden verschiedene Lebensphasen im Alter angesprochen. Im zweiten Kapitel listet der Autor prototypische Erkrankungen und damit in Verbindung stehende Symptomatiken auf. Ausführlich geht er hierzu auf somatische und psychosomatische Störungen ein, bevor er zur Demonstration ausgewählte Störungsbilder heranzieht. Dazu zählen Depressionen, Zwänge, Angst- und Persönlichkeitsstörungen, Sucht, Traumata, Psychosen und demenzielle Prozesse. Im weiteren Verlauf konzentriert sich der Verfasser auf Grenzsituationen, Tabus und beklemmende Situationen in der therapeutischen Arbeit. Dabei greift er die Sexualität und Suizidalität im Alter wie auch das nahende Lebensende und ein würdevolles Sterben älterer Menschen heraus. Ferner diskutiert von der Stein, inwieweit sich Spiritualität und Religion als therapeutische Hilfen nutzen lassen und welche Risiken und Behandlungsfehler zu einem Scheitern der Psychotherapie beitragen können. Das letzte Kapitel setzt sich mit psychodynamischen Therapieformen auseinander. Hier kommen eng verwandte Verfahren, analytische Gruppentherapien und weitere einschlägige Therapiekonzepte zur Sprache. Im Ausblick werden aktuelle und zukünftige Behandlungsrealitäten skizziert. Die thematische Auseinandersetzung erfolgt immer wieder durch die Beschreibung realer Fälle.

Diskussion

Die Auffassung einer Untherapierbarkeit älterer Menschen ist lange widerlegt. Vielmehr unterstreicht die klinische Wirkungsforschung die guten Erfolgsaussichten, sofern die fraglichen Unterstützungsangebote erforderlichen Qualitätsansprüchen genügen. Zugleich ist die Liste von Belastungsrisiken im Alter enorm. Angesichts des hohen Unterstützungsbedarfs verwundern die nach wie vor geringen Behandlungsanteile und langen Wartezeiten für ältere Menschen. Diese deuten auf eine psychotherapeutische Unter- und Fehlversorgung hin. Umso wichtiger sind daher all jene wissenschaftlich fundierten Arbeiten, die alterssensible Ansätze in das Zentrum ihrer Ausarbeitungen stellen. Das gilt auch für die hier zu rezensierende Monografie.

Die Publikation erhebt nicht den Anspruch einer vollständigen Übersicht über die Psychotherapie. Entsprechend fehlen Ansätze anderer Therapieschulen. Neben der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie spielt zweifellos die Verhaltenstherapie eine bedeutende Rolle. Aufgrund seiner Spezialisierung zielt von der Stein indes darauf ab, die psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten allein im Rahmen der Psychoanalyse aufzuzeigen und wirbt für einen reflektierten, kritischen und zugleich offenen Umgang mit den zugrunde liegenden Interventionen. Vergleichende Metaevaluationen aus der Therapieforschung oder Bezüge zur Resilienzforschung werden nicht hergestellt. Diese Beschränkung ist legitim und wird durchgängig transparent gemacht. Insgesamt kommen dem Autor seine langjährigen und profunden Erfahrungen in Klinik und Praxis zugute, auf die er durchgängig rekurriert. In den Ausführungen ist zugleich der Wunsch des Autors auszumachen, angehende Fachkräfte in der Psychotherapie für die Bedarfe älterer Menschen zu sensibilisieren und eine frühzeitige Diagnose und Behandlung sicherzustellen. Neben den Fachärztinnen und -ärzten in Weiterbildung ist mit diesem Beitrag damit ebenfalls die klinische Psychologie angesprochen. Nach der Novellierung des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) haben sich die diesbezüglichen Ausbildungsstandards deutlich verändert und die postgraduale psychotherapeutische Ausbildung ist einer verfahrensspezifischen Qualifikation gewichen. Wenngleich eine Spezialisierung im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie weiterhin besteht, gibt es nach wie vor keine Ausdifferenzierung im Erwachsenenalter. Diese fehlende Akzentuierung trägt zu einer unzureichenden Vorbereitung auf die Interventionsbereiche mit älteren Menschen bei. Insofern ist die hier vorgelegte Arbeit von großer Bedeutung und füllt eine bestehende Leerstelle.

Der Autor illustriert die tiefenpsychologischen Herangehensweisen anhand von zahlreichen Fallbeispielen. Diese sind an die klassischen Behandlungsstudien angelehnt und erlauben eine systematische Diskussion der zugrunde liegenden Psychodynamik. Der vorgelegte Fundus und die damit verbundenen Behandlungsperspektiven beeindrucken und bieten einen beachtlichen und zugleich anregenden Einblick in den therapeutischen Alltag. Die lehrreichen Darstellungen tragen dazu bei, die alterskorrelierten Belastungen und Störungsbilder besser zu verstehen. Gleichzeitig gelingt es von der Stein immer wieder, das therapeutische Vorgehen zu hinterfragen und weiterführende Denkanstöße für eine gelingende psychosoziale Begleitung und Hilfe anzubieten.

Fazit

Das vorliegende Werk ist eine willkommene Unterstützung und Ermutigung für all jene, die alte Menschen psychosozial unterstützen wollen. Dazu gehören nicht nur die Berufsgruppen, die ganz unmittelbar in der Medizin und Psychologie psychotherapeutisch arbeiten, sondern auch angrenzende Professionen etwa im Bereich der Sozialen Arbeit und Pflege, die in Beratungsstellen, Fachkliniken sowie in Abteilungen und Einrichtungen der offenen Altenarbeit ihren Beitrag leisten. Damit wird dieses Buch zu einem wertvollen Ratgeber.

Rezension von
Prof. Dr. Stefan Pohlmann
Professor für Gerontologie an der Hochschule München (HM); Dekan der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften; Wissenschaftlicher Leiter des HM-Forschungsinstituts Soziales, Gesundheit und Bildung
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Es gibt 5 Rezensionen von Stefan Pohlmann.

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Zitiervorschlag
Stefan Pohlmann. Rezension vom 13.03.2024 zu: Bertram von der Stein: Ältere Menschen in der Psychotherapie. Chancen, Tabus und Fallstricke. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. ISBN 978-3-8379-3216-4. Reihe: Therapie & Beratung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31104.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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