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Sigmund Freud, Christfried Tögel: Teil

Rezensiert von Mag.a Barbara Neudecker, 24.06.2024

Cover Sigmund Freud, Christfried Tögel: Teil ISBN 978-3-8379-2422-0

Sigmund Freud, Christfried Tögel: Teil. Teil 1., 1856-1913. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. 606 Seiten. ISBN 978-3-8379-2422-0. D: 149,90 EUR, A: 154,10 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.

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Thema

Als Band 22 der Sigmund Freud Gesamtausgabe wird in diesem Buch Sigmund Freuds Leben anhand von Originalquellen und Sekundärliteratur chronologisch dokumentiert.

Autor

Christfried Tögel zählt zu den führenden Freud-Biographen. Er ist Herausgeber der Sigmund-Freud-Gesamtausgabe (SFG) in 23 Bänden, mehrerer Editionen von Briefen Sigmund Freuds sowie Verfasser zahlreicher Bücher, u.a. über Traumforschung und Freud-Biographik.

Entstehungshintergrund

In den 1980er Jahren begann Gerhard Fichtner, alle datierbaren Lebensereignisse Freuds aus ‘Ernst Jones‘ dreibändiger Freud-Biographie in einem Diarium zusammenzutragen. Ab 1989 führte Christfried Tögel das Diarium fort und ergänzte es durch weitere Sekundärquellen sowie durch zahlreiche Originaldokumente wie Briefe, Kalender- und Notizbucheinträge, Chroniken, Honorarlisten und Reisejournale.

Aufbau und Inhalt

Auf 1087 Seiten erfasst das Diarium in zwei Bänden chronologisch Sigmund Freuds Leben. Band 1 umfasst die Jahre von 1856 bis 1913, Band 2 die Jahre 1914 bis zu Freuds Tod 1939. Beginnend mit Freuds Geburt wird jedes Lebensjahr mit allen Ereignissen, die einem Datum oder einem eingrenzbaren Zeitraum (etwa: „1870 Sommer“) zuordbar sind, aufgelistet. Umfassen die Jahre der Kindheit und Schulzeit nur wenige Seiten, werden die Einträge ab Freuds Studienzeit zahlreicher und umfangreicher. Sie beschreiben private Unternehmungen und berufliche Ereignisse, enthalten Banales („1883 November 8 – F. kauft sich eine neue Krawatte und geht zum Friseur“, S. 142) ebenso wie Bedeutsames („1923 Juni 18 – Tod von F.s Enkel Heinele“, S. 760). Die Leserin, der Leser erhält Einblick in Sigmund Freuds medizinische Laufbahn, Familiengründung und -schicksale, die Anfänge und die Verbreitung der Psychoanalyse sowie Freuds zahlreiche Reisen. Ebenso findet Politisches seinen Niederschlag wie die Zeit des Ersten Weltkriegs und die Versorgungsnot der Nachkriegszeit, von der auch die Familie Freud nicht verschont blieb, sowie das Erstarken des Faschismus in Freuds letzten Lebensjahren. Auch das Anwachsen von Freuds Antiquitätensammlung ist gut dokumentiert. Schließlich weist das Diarium auch auf weniger Bekanntes aus Freuds Vita hin, wie etwa der kleine Eintrag, dass Freud von seiner Tochter Anna zum 74. Geburtstag 1930 eine lebende Schildkröte geschenkt bekommen habe (S. 889), oder auch Hinweise auf Freuds Schwäche für englischsprachige Detektivromane (S. 862).

Ergänzt wird das Diarium durch ein Orts- und ein Personenregister sowie durch einen dem zweiten Band beigelegten Stammbaum der Familie Freud.

Diskussion

Die Freud-Biographik ist mittlerweile ein eigener Forschungszweig der Psychoanalyse geworden. Freud-Biographien gibt es mittlerweile unzählige – von den klassischen Biographien Ernest Jones‘, Peter Gays und Siegfried Bernfelds zu aktuellen Interpretationen wie jener von Joel Whitebook (2018). Braucht es dann überhaupt noch eine Chronik in Form des Diariums? Und lohnt sich der Aufwand, auf über tausend Seiten eine Aneinanderreihung kleinerer und größerer Begebenheiten zu lesen, wenn so viele kürzere und leichter lesbare Darstellungen zur Verfügung stehen? Die Antwort mag überraschend ausfallen: Ja, er lohnt sich durchaus, denn das Diarium vermag es tatsächlich, einen neuen Blick auf den Begründer der Psychoanalyse zu eröffnen. Dass für das Diarium so viele unterschiedliche Quellen ausgewertet wurden wie wohl für kein anderes der biographischen Werke, ist nur einer der Gründe. Beim Lesen des Diariums wird rasch deutlich, dass sich das Diarium als Textsorte von den vorliegenden Biographien unterscheidet. Alle Biographien sind selektive, gefilterte Darstellungen von Freuds Leben: Freud als Held, Freud als kritisch zu betrachtende Persönlichkeit, Freuds Verhältnis zur Sexualität oder – wie zuletzt bei WhitebookFreud als früh verletzte Seele. Auch das Diarium ist natürlich nur eine selektive Rekonstruktion der biographischen Ereignisse im Leben Freuds, denn es kann nur auf jene Quellen zurückgreifen, die noch erhalten sind. So ist bekannt, dass Freud zahlreiche Briefe und Unterlagen vernichtete, und bereits im Jahr 1885 schrieb er an seine Verlobte Martha: „Die Biographen aber sollen sich plagen, wir wollen's ihnen nicht zu leicht machen.“ (Freud 1968, S. 144 f.) Eine weitere Selektion erfolgt durch den Herausgeber Tögel, der manche Ereignisse ausführlicher schildert und durch Zitate ergänzt, während andere nur knapp erwähnt werden.

Dennoch macht es die Fülle des Materials im Diarium möglich, sich beim Lesen ein eigenes Bild von Freud zu machen, anders als beim Lesen einer Biographie, die ein fertiges Bild vermittelt, das sich jemand anderer von Freud gemacht hat. Schließlich hatte auch Freud selbst ein großes Interesse daran, die Darstellung seiner Person in der Öffentlichkeit zu kontrollieren. Dies reichte von der Auswahl von Portraits und anderen bildnerischen Darstellungen bis hin zur Frage, wie über ihn nach seinem Tod berichtet werden soll: „1925 August – F. formuliert seine Todesanzeige, in der u.a. zu lesen ist: (…) Diese Form der Anzeige folgt einer Anweisung des Verstorbenen“ (S. 800). Auch diese von Freud selbst gesetzten Filter entfallen im Diarium, und wir erfahren, wie gesellig Freud in jungen Jahren war, wie gut vernetzt er bereits als junger Arzt in der medizinischen Community Wiens war, und wir haben Anteil an den unzähligen leidvollen Untersuchungen, Behandlungen und Eingriffen, die seiner Krebs-Diagnose im Jahr 1923 folgten. So entsteht ein viel unmittelbarer, lebendigerer Eindruck von Sigmund Freud als in vielen Biographien.

Dass in der Fülle der Daten manchmal Ereignisse doppelt angeführt werden (meistens einmal mit einer unspezifischen Zeitangabe und ein zweites Mal mit einem konkreten Datum, sodass anzunehmen ist, dass der Zeitpunkt nachträglich noch eingegrenzt werden konnte) und dass manch kleiner Fehler auffällt (so wird an einer Stelle der Mann von Freuds Nichte Lilly als Freuds Schwiegersohn angeführt, S. 690), fällt nicht weiter ins Gewicht: Es schmälert nicht den Gesamteindruck, dass hier eine Herkulesaufgabe gelungen ist.

Leider finden sich nur bei wenigen Einträgen Quellenangaben, sodass in der Regel offenbleibt, woher die Informationen stammen. Auch eine deutsche Übersetzung französischer Zitate würde das Lesen erleichtern.

Nicht zuletzt steht das Diarium für eine Widersprüchlichkeit, die der Psychoanalyse auch hundert Jahre nach Freud noch anhaftet: Wie lässt es sich (psychodynamisch) verstehen, dass es offenbar immer noch solch großes Interesse gibt, Freuds Leben bis in die kleinste Alltagsbegebenheit kennenzulernen? Nun ist es ein Grundgedanke der Psychoanalyse, Menschen und ihre Persönlichkeit vor dem Hintergrund ihres Gewordenseins zu verstehen und dabei auch dem scheinbar Nebensächlichen und Belanglosen Aufmerksamkeit zu schenken. Allerdings gibt es wohl nicht viele historische Persönlichkeiten, deren Leben so minutiös erforscht wurde (auch nicht, wenn man bei den Gründungsfiguren anderer Schulen der Psychotherapie sucht) wie jenes von Freud. Zweifellos hat Freud unser Verständnis der menschlichen Seele revolutioniert, doch das Interesse an seiner Person scheint über das reine Interesse an der Psychoanalyse hinauszugehen. So ist das Diarium einerseits Beleg dafür, dass die Person Sigmund Freud zum Mythos geworden ist, und es leistet andererseits durch die sorgfältige und gründliche Darstellung seines Lebens einen Beitrag, diesen Mythos zu dekonstruieren.

Fazit

Band 22 der Sigmund Freud Gesamtausgabe ist ein wichtiger Beitrag zur Freud-Forschung und ermöglicht einen unmittelbaren, direkten Einblick in das Leben des Begründers der Psychoanalyse, der das Bild, das bisherige Biographen und Biographinnen gezeichnet haben, ergänzt. Zugleich ist es ein Zeitdokument, das den Weg Österreichs vom kaiserlichen Vielvölkerstaat in den nationalsozialistischen Faschismus spürbar werden lässt. Um die mehr als tausend Seiten des Diariums zu lesen, bedarf es allerdings wohl eines ausgeprägten Interesses an der Freud-Biographik.

Literatur

Ernst und Lucie Freud (Hrsg.): Sigmund Freud, Briefe 1873–1939. Frankfurt/Main: 1968

Joel Whitebook: Freud. Sein Leben und Denken. Stuttgart: 2018.

Rezension von
Mag.a Barbara Neudecker
MA, Psychotherapeutin (IP) und psychoanalytisch-pädagogische Erziehungsberaterin, Leiterin der Fachstelle für Prozessbegleitung für Kinder und Jugendliche in Wien, Lehrbeauftragte an den Universitäten Wien und Innsbruck, eigene Praxis
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Es gibt 19 Rezensionen von Barbara Neudecker.

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Zitiervorschlag
Barbara Neudecker. Rezension vom 24.06.2024 zu: Sigmund Freud, Christfried Tögel: Teil. Teil 1., 1856-1913. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. ISBN 978-3-8379-2422-0. Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31120.php, Datum des Zugriffs 14.07.2024.


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