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Gerd Jüttemann: Wie der Mensch sich selbst entdeckte

Rezensiert von Joschka Sichelschmidt, 27.12.2023

Cover Gerd Jüttemann: Wie der Mensch sich selbst entdeckte ISBN 978-3-8379-3255-3

Gerd Jüttemann: Wie der Mensch sich selbst entdeckte. Zur Psychologie des Erkennens von Sinn. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. 210 Seiten. ISBN 978-3-8379-3255-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Diskurse der Psychologie.

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Autor und Herausgeber

Gerd Jüttemann (1933 – 2023) war Hochschullehrer für Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der FU Berlin. Gerd Jüttemann hat die qualitative Methodik der komparativen Kasuistik (1981, 2009) in den Sozialwissenschaften eingeführt. In der komparativen Kasuistik geht es um den Vergleich von Einzelfällen, um daraus neue Hypothesen generieren zu können (z.B. um quantitative Forschungsfragen überhaupt beginnen zu können).

Thema

Die Sozial- und Humanwissenschaften suchen in ihren Diskursen nach der generellen Erkenntnisfrage des Sinns. Gerade der Homo Sapiens versucht von Natur aus seine ihm innewohnenden Potenziale zu entfalten und sich selbst in der Welt zu verorten. Auch die Entwicklungsprozesse der menschlichen Zivilisationen zeigen auf, dass immer die Frage nach dem Sinn und das Herstellen von Sinn im Fokus der gesellschaftlichen Entwicklung standen.

Dazu formuliert Gerd Jüttemann acht deutlich unterscheidbare Basismotivationen (S. 10), welche er einschränkend als noch nicht vollständig und durch den Diskurs noch zu erweitern beschreibt. Aus diesen Basismotivationen haben sich Handlungsintentionen entwickelt, welche sich in Fortschritten und Errungenschaften der Menschen zeigten (vgl. S. 10 f.):

  1. Erweiterung der Nahrungsgrundlage
  2. Suche nach Schutz
  3. Körperliche Versorgung
  4. Wunsch nach ewigem Leben
  5. Bevölkerungswachstum und Ausbreitung
  6. Verschönerung des Lebens
  7. Ehrgeiz und Wettbewerb
  8. Streben nach Idealisierung

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass die Menschheitsgeschichte nicht nur aus kulturellem und zivilisatorischem Fortschritt besteht, sondern auch „jenes gewaltförmige politische Geschehen [umfasst], das in zerstörerischen Vorgängen und Auseinandersetzungen zum Ausdruck kommt“ (S. 13). Diese Thematik wird in einem Schwesterband, welcher zeitgleich zu dem hier vorliegenden Band erscheint, von Gerd Jüttemann (Wie Destruktivität die Geschichte lenkt. Psychopathologien und Auswege (2023)) behandelt.

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeberband ist unterteilt in ein in die Thematik einführendes Kapitel und neunzehn Kapitel, welche unterschiedliche Aspekte zur Thematik von Sinn aus unterschiedlichen Sichtweisen beleuchten und erörtern.

Eingeführt in die generelle Thematik und das Anliegen des Werkes wird von Gerd Jüttemann mit der leitenden Frage „Wie der Mensch sich selbst entdeckte“ (S. 9–27). Zentral ist dabei ein Verständnis über den Menschen als Selbstgestalter in individueller und auch in geschichtlicher Hinsicht (Autogenese) (S. 20).

Begriffe, Dimensionen und Grenzen des Sinns beleuchtet Emil Angehrn (S. 29–40). Generell wird der Begriff Sinn analytisch untersucht – Sinn als sinnliche Erfahrung der Welt über unsere Sinnesorgane und Sinn als Kompetenz des Verstehens und Agierens innerhalb von sozialen Interaktionen. Als Dimensionen von Sinn gilt, alles in denen „Sinn konstituiert und rezipiert, Sinngebilde geschaffen, interpretiert und überliefert“ (S. 31) wird, wobei Sprache hier als paradigmatische Dimension definiert wird. Grenzen von Sinn sind „Schranken des Sagens und Verstehens, die darin liegen, dass das menschliche Wirklichkeitsverhältnis zwar konstitutiv sinnhaft verfasst, doch nicht im Ganzen und durchgängig sinnbesetzt“ (S. 38) ist.

Hans-Peter Müller beschäftigt sich mit der Frage nach dem Sinnverstehen und auch des Verlustes von Sinn und bemüht dazu die Ansichten von Max Weber (S. 41–50). Die aus den Gesellschaften hervorgegangenen Kulturprodukte und Verhaltensweisen entstehen aus rationalen Gründen, werden aber durch kulturellen und sozialen Wandel dann irrational: Die „Abschaffung [alter Traditionen] erscheint vermutlich als eine Art ‚Sakrileg‘ und legt die Hypothese nahe: Sinnverlust heißt nicht Phänomenverlust“ (S. 57 f.).

Einen kritischen Gegenpunkt zu Unheilslehren im Sinne der Sinnschaffung menschlicher Zivilisationen setzt Denis Mader (S. 61–71). Diese Lehren, obwohl sie in ihrer Terminologie im ersten Moment als sinnhaft empfunden werden, erforschen die Gegenstände „nicht im Detail, um seine spezielle Logik und besondere ethische Tragweite“ zu betrachten, sondern konstituieren sich in ihrer Denkhaltung als fertig und unwiederbringlich (S. 70).

Der Frage von Bedeutung und Sinn als im verhältnisstehende Konstrukte und welche Auswirkungen diese auf die Sprachentwicklung des Menschen haben, geht Mark Galliker (S. 73–84) in seinem Beitrag nach. Wie kann Bedeutung in Sinn übertragen werden und wie konstituiert Bedeutung Sinn in den wechselseitigen Austauschprozessen des Menschen überhaupt, sind die prägnantesten Fragestellungen in dem Artikel.

Burkhard Liebsch (S. 85–96) thematisiert die Frage von Sinngebung und Sinnstiftung. Wir Menschen als Sinnsucher, Sucher nach dem „Sinn des Lebens“ (S. 87), konstatieren auf ihrem Weg auch das „Fehlen von Sinn“ (S. 89). Aber ist nicht die Befreiung von der Frage nach dem Sinn, hin zu einer Akzeptanz, die Welt „selbst […] von sich aus bereits als ‚sinnvoll‘“ (S. 89) zu entdecken, ein nachhaltigeres und erfüllenderes philosophisches Konzept?

Die Suche nach Sinn, ausgehend von historischen Entwicklungen hin zu der Frage nach Sinn und Sinnlosigkeit als Dyade, diskutiert Karl Heinz Metz (S. 97–105). Sinn wird als elementares Bedürfnis der menschlichen Existenz definiert. Sinn als Kraft der Entfaltung der geistigen Existenz und die Sinnlosigkeit als ein „Erschrecken der Seele“ (S. 104) werden als Gegenpaare konzipiert.

Gunter Scholz (S. 107–114) beschäftigt sich thematisch mit der Frage nach einem rationalen Sinnverstehen in der Hermeneutik. Dazu wird ausgehend von der Bewegung der postmodernen Antihermeneutik, welche ein Sinnverstehen kategorisch ausschließt, hin zu modernen Ansichten, welche Fragen über Sinn und Sinnverstehen in ihren Diskursen behandeln, eine Brücke geschlagen.

Markus Appel und Fabian Hutmacher (S. 115–125) konstatieren, dass Verschwörungstheorien augenscheinlich „fest zum Inventar des postfaktisch-digitalen Zeitalters und einer sich zunehmend fragmentierenden öffentlichen Sphäre“ (S. 115) gehören und sich in Zeiten von Unsicherheiten und gesellschaftlichen Umbrüchen der Kommunikation verfestigen. Diese Theorien gelten als destruktiv, aber dennoch können diese Formen der Theorie als ein „Indikator für Bruchstellen und Imbalancen innerhalb eines sozialen Gesamtgefüges“ (S. 123) gesehen werden.

Eine sinnstiftende Wirkung der Mathematik in Form von großen Zahlen, irrationalen Zahlen, transzendenten Zahlen, negativen Zahlen, komplexen Zahlen und der Null wird von Rolf Oerter (S. 127–137) diskutiert. Ausgehend der Aussage: „Die Natur gehorcht der Logik“ (S. 136) werden mathematische Gleichungssysteme, welche Naturphänomene begreifbar und präzise beschreiben lassen, dargestellt.

Soziale Sinngebung als menschliche Suche nach Bedeutung und Bedeutsamkeit, aber auch die Zerstörung vom Sinn des Sozialen wird von Hans-Peter Waldhoff und Adrian Jitschin (S. 139–153) diskutiert. Sinn wird als eine an das „Handeln des Individuums gebundenes Grundelement der menschlichen Welt“ (S. 143) und sich in einer Interaktion mit der sozialen Umwelt dann entfaltenden Kompetenz des Menschen beschrieben. In dieser Zuschreibung ist aber auch der generelle Kontext der sozialen Ordnung bedeutsam, denn Sinn bildet sich in dieser ab.

Manuel Pietzonka (S. 155–166) untersucht die Ressourcen sinnvolle Arbeit (und Sinn in der Arbeit) und berufliche Identität. Arbeitsbezogene Sinnthemen gelten als „Miterklärer von Arbeitszufriedenheit, Arbeitsmotivation, Arbeitsengagement“ (S. 155) oder Wohlbefinden generell. Berufliche Identität und eigene Identität verschwimmen – insbesondere die eigene Identität wird „teilweise durch berufliche Aspekte erklärt“ (S. 162)

Nach den beruflichen Sinnfragen untersucht Bernd Ahrendt (S. 167–175) den generellen Lebenssinn aus psychotherapeutischer Perspektive nach der Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor Frankl. Der Mensch als biopsychosoziales Wesen besitzt einen Willen zum Sinn und sucht sich seinen selbstkonstruierten Sinn (S. 169), um „auf diese Weise ein sinnerfülltes Leben zu leben“ (S. 174).

Burkhard Hoellen und Matthias Böhmer (S. 177–190) betrachten den subjektiven Aspekt der Lebenszufriedenheit (vgl. S. 183) der Menschen und die jedem Menschen innenliegende Selbstaktualisierungstendenz. Dazu wird explizit die Rational Emotive Behaviour Therapy (REVT) in ihren Grundannahmen bemüht – nicht unbedingt als therapeutische Herangehensweise, sondern hier eher verstanden als präventiver Lebensstil, mit dem Ziel einer Selbstannahme der eigenen Anteile näherzukommen (vgl. S. 189 f.).

Von den stark humanistisch geprägten vorgehenden Ansichten der Autoren und der rezipierten Werke betrachtet Benjamin Ortmeyer (S. 191–201) das Sinnverstehen nach Eduard Spranger. Eduard Spranger setzte sich in seiner Habilitationsschrift von 1909 mit der Abgrenzung einer allgemeinen Humanität zugunsten einer deutschen Humanität auseinander und besetzte eine eher als antiaufklärerisch zu beschreibende Position. Mittels einer hermeneutischen Argumentationslinie wird eine Verständnisposition aus aktueller Perspektive für die von Eduard Spranger in seinen Werken profilierte Weltsicht herausgearbeitet.

Alexander Nicolai Wendt (S. 203–214) sucht in seinen Erörterungen nach dem „Quell des Erlebens“ (S. 212) und verdeutlicht diese Forschungsfrage anhand des Menon Paradoxons (vgl. S. 207): Um die Frage nach dem Wesen des Quells des Erlebens beantworten zu können, befindet sich die Wissenschaft in dem Dilemma, dass sie eigentlich bereits eine Ahnung über den Gegenstand und seiner Konturen haben muss, um auch gültige Antworten zu finden.

„Der Mensch als sinnsuchendes Wesen“ (S. 222) muss für psychologische Forschung im Mittelpunkt des Erkenntnisgewinns stehen. Joachim Funke (S. 215–225) beschreibt die Entwicklung der Psychologie aus den Anfängen noch von Wilhelm Wundt als eine Psychologie nach dem Vorbild der Physik (S. 216 ff.) bis hin zu einer Psychologie nach dem Vorbild der Biologie (S. 219 ff.).

Dirk Rustemeyer (S. 227–233) beschreibt die eher dystopisch anmutenden Ansichten auf Basis der Werke von Rainer Fassbinder über die deutsche Gesellschaft. Eine Gesellschaft von Funktionieren ohne Sinn, eher eine „lakonische Phänomenologie“, eine Rückbesinnung auf die Wirklichkeit, in welcher die Menschen mit ihren Anteilen leben und sich in komplexen Facetten in wechselseitiger Beeinflussung begegnen müssen.

Die Geschichte der Menschen „stellt sich nach Lukrez als eine […] organische Abfolge von Staaten und Kulturen dar, die hochkommen, gedeihen, blühen, verfallen und sterben. Eine jede Kultur hinterlässt jedoch eine zivilisierende Tradition an Sitten, Gebräuchen und Künsten“ (S. 248). Fortschritte und Entwicklungen in der Struktur von Gesellschaften und Denkweisen hat es seit der Antike gegeben. Hannes Stubbe (S. 235–254) sieht den Fortschrittsgedanken des römischen Dichters und Philosophen in der Tradition des Epikureismus Titus Lucretius Carus (Lukrez) in seinen Werken als grundlegende Denkfigur ab der Renaissance und dem Aufkommen des „Freidenkertums“ (S. 250) in der neuzeitlichen Philosophie und den auf ihr aufbauenden Wissenschaften.

Diskussion

Auf insgesamt 254 Textseiten wird, wie eingangs bereits beschrieben, der Versuch unternommen, die Psychologie des Erkennens von Sinn und die Frage danach wie der Mensch sich selbst zu entdecken schafft, aus verschiedenen Blickwinkeln zu erörtern.

Gelingt dies? Eine Antwort bleibt auch das zur Rezension vorliegende Werk schuldig, da die Frage nach dem Sinn die Menschheitsgeschichte seit ihren Anfängen prägt. Was allerdings gelingt, ist dieser Frage in vielen Facetten nachzugehen. Beim Studieren der Texte entdeckte ich mich des Öfteren stutzend und über Aspekte meiner Definition des Sinns reflektierend. Kann vielleicht dies als Anliegen an das Werk formuliert werden und vielleicht ist dann der Titel des Herausgeberbandes zu optimistisch und zu lösungssuggerierend gewählt?

Aus persönlichem Interesse – und vielleicht wirkt dies auch ergänzend in die Materie – habe ich den Schwesterband des zur Rezension vorliegenden Werkes „Wie Destruktivität die Geschichte lenkt“ von Gerd Jüttemann (2023) als Herausgeber angeschafft und befinde mich auf einer spannenden Entdeckungsreise und neuen komplexen Denkansätzen.

Sehr positiv empfand ich beim Lesen, dass die Autoren trotz ihrer sehr komplex gewählten Fragestellungen eher kurze Artikel verfassten, sodass sich der Wissenserwerb als kompakt erwies.

Fazit

Empfehlen würde ich dieses Werk eher für fortgeschrittene Leser*Innen, da viele Vorkenntnisse aus der klassischen Philosophie, den klassischen Erziehungswissenschaften und auch der Geschichte der Psychologie vorausgesetzt werden.

Literaturverzeichnis

Jüttemann, G. (1981). Komparative Kasuistik als Strategie psychologischer Forschung [Comparative casuistics as a strategy of psychological research]. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 29(2), 101–118.

Jüttemann, G. (2009). Komparative Kasuistik. Die psychologische Analyse spezifischer Entwicklungsphänomene. Pabst Science Publishers. Berlin.

Jüttemann, G. (2023). Wie Destruktivität die Geschichte lenkt: Psychopathologien und Auswege. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2023. 1. Auflage 2023.

Rezension von
Joschka Sichelschmidt
M.A. Erziehungswissenschaften, M.A. Klinische Sozialarbeit, B.A. Sozialpädagogik/Psychologie, klinisch arbeitender Pädagoge in einem intensivpädagogischen Setting,
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Es gibt 6 Rezensionen von Joschka Sichelschmidt.

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Zitiervorschlag
Joschka Sichelschmidt. Rezension vom 27.12.2023 zu: Gerd Jüttemann: Wie der Mensch sich selbst entdeckte. Zur Psychologie des Erkennens von Sinn. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. ISBN 978-3-8379-3255-3. Reihe: Diskurse der Psychologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31122.php, Datum des Zugriffs 16.04.2024.


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