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Frank J. Müller: Blick zurück nach vorn

Rezensiert von Dr. Antje Ginnold, 03.05.2024

Cover Frank J. Müller: Blick zurück nach vorn ISBN 978-3-8379-3097-9

Frank J. Müller:Blick zurück nach vorn – WegbereiterInnen der Inklusion. Band 3. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. 530 Seiten. ISBN 978-3-8379-3097-9. D: 59,90 EUR, A: 61,30 EUR.
Reihe: Dialektik der Be-Hinderung.

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Thema

Seit einem halben Jahrhundert, seit Mitte der 70er-Jahre, gibt es Erfahrungen und Forschungserkenntnisse zum Gemeinsamen Unterricht von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung. Die Idee der Inklusion, welche in den ersten Jahr(zehnt)en noch als Integration bezeichnet wurde, ist also deutlich älter als die 2006 beschlossene UN-Behindertenrechtskonvention es erscheinen lässt. Deutschland hat sie 2009 ratifiziert. An verschiedenen Orten entstanden kleine Projekte, in denen das gemeinsame Leben, Lernen und Arbeiten von Menschen mit und ohne Behinderung erprobt wurde. Forschende von Universitäten und Hochschulen begleiteten diese Projekte und förderten mit ihren Arbeiten die Verbreitung der Erkenntnisse und Institutionalisierung der Inklusion. Sie vernetzten sich, tauschten sich aus und brachten die Entwicklung in der Praxis Stück für Stück und mit großem, persönlichem Engagement voran.

Herausgeber

Prof. Dr. Frank J. Müller ist Sonderpädagoge und arbeitet an der Universität Bremen als Professor für inklusive Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Lernens und der Geistigen Entwicklung in den Sekundarstufen. Bereits als junger Lehramtsstudent in Berlin interessierte und engagierte er sich für die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Behinderung. Dabei kam er frühzeitig mit den Wegbereiter/​innen, Forschenden und in der Praxis Engagierten in Kontakt.

Entstehungshintergrund

Die Vorgeschichte zu dem hier rezensierten Buch beginnt bereits 2012. Beim jährlichen Treffen der Integrations-/​Inklusionsforschenden aus dem deutschsprachigen Raum entstand im Gespräch von Frank J. Müller mit Jutta Schöler, einer der prägenden Wissenschaftlerinnen des Fachgebietes, die Idee für dieses Vorhaben: die Dokumentation der Erfahrungen der Integrations-Akteure der ersten Generation, von denen sich viele kurz vor dem Ruhestand befanden. Im Rahmen eines Interviewprojekts konnte Frank J. Müller dies realisieren. Das Projekt wurde von der Max-Traeger-Stiftung und der Universität Bremen unterstützt. Insgesamt wurden 28 Akteure befragt, die zumeist auch Forschende und Hochschullehrende waren. Kriterium war, dass sie sich zum Befragungszeitraum bereits im Ruhestand befanden und sich in Forschung und Lehre mit den Themen Integration und Inklusion befasst haben. Die Befragungen fanden in zwei Zeiträumen und jeweils vor Ort statt: zwischen August 2014 und November 2015 (Band 1 und 2) sowie zwischen 2019 und 2022 (Band 3).

Die Interviews wurden in insgesamt drei Bänden und zeitlich gestaffelt veröffentlicht. In Band 1 (erschienen 2018) finden sich neun Interviews mit und Texte von Alfred Sander, Hans Eberwein, Helmut Reiser, Jutta Schöler, Rainer Maikowski, Reimer Kornmann, Ulf Preuss-Lausitz, Ulrike Schildmann und Wolfgang Jantzen (vgl. Rezension von Jos Schnurer 2018a https://www.socialnet.de/rezensionen/23830.php). In Band 2 (erschienen 2018) sind die Erfahrungen von Annedore Prengel, Georg Feuser, Hans Wocken, Helga Deppe-Wolfinger, Irmtraud Schnell, Nina Hömberg, Volker Schönwiese, Walther Dreher und Wolfgang Podlesch dokumentiert (vgl. Rezension von Jos Schnurer 2018b https://www.socialnet.de/rezensionen/25049.php). Das hier rezensierte Buch ist der dritte Band (erschienen 2023) und beinhaltet Interviews mit zehn Akteuren sowie jeweils einen ihrer Texte.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 530 Seiten und ist wie schon seine Vorgänger aufgebaut: eine kurze Einleitung, gefolgt von einem Interview und einem zentralen Fachartikel der jeweiligen Forschenden sowie am Ende des Buches ein Stichwortverzeichnis.

Frank J. Müller führte für dieses Buch Leitfadeninterviews mit zehn Akteuren aus Deutschland (D), Italien (I), Österreich (A) und der Schweiz (CH): Barbara Brokamp (D), Dietlind Gloystein (D), Edith Brugger-Paggi (I), Ewald Feyerer (A), Gérard Bless (CH), Ines Boban und Andreas Hinz (D), Maria Kron (D), Monika Schumann (D) und Ute Geiling (D).

Im Interview zeichnen die Befragten anhand ihrer eigenen Biografie den Zugang zum Forschungsfeld Gemeinsamer Unterricht von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung und die Schwerpunkte ihrer Arbeit nach. Außerdem berichten sie von den Fachdiskussionen, wichtigen Einflüssen durch bestimmte Personen und theoretische Konzepte, über Vernetzungen sowie von der gegenseitigen Unterstützung und Bereicherung im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Die Interviewten geben ihre Einschätzung, welche Herausforderungen in Forschung und Praxis in den letzten 45 Jahren bestanden, welche Umsetzungen erreicht wurden und welche wichtigen Erkenntnisse ihrer Meinung nach bewahrt werden sollten. Sie werfen zudem einen Blick nach vorne, welche Themen, Herausforderungen und Forschungsbedarfe sie sehen.

Häufig bildete bei den Befragten ein Lehramtsstudium für Sonderpädagogik und eine Tätigkeit als Lehrkraft den Ausgangspunkt. Die sich anschließenden Wege und Handlungsfelder unterscheiden sich aber durchaus.

Barbara Brokamp studierte Sonderpädagogik, pflegte aber von Beginn an den Kontakt mit Regeleinrichtungen. Sie arbeitete als u.a. Lehrerin an Schulen, in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften, in der Schulversuchsbegleitung, an der Universität, im Schulamt und bei einer Stiftung – schwerpunktmäßig in Nordrhein-Westfalen. Die Moderation von Schul- und Organisationsentwicklungsprozessen, u.a. mit dem Index für Inklusion, schärften ihren systemischen Blick und Fokus auf die Veränderungsbegleitung und wie man Strukturen inklusiv gestalten und Lehrkräfte begleiten kann. Dabei war es Barbara Brokamp ein Anliegen, Schulen und Bildungseinrichtungen im gesellschaftlichen Kontext zu betrachten, Dinge neu und zusammen zu denken, Mitstreiterinnen und Unterstützer zu gewinnen und Inklusion als Menschenrecht zu verstehen.

Dietlind Gloystein ist ebenfalls studierte Sonderschullehrerin, mit integrativer Ausrichtung von Beginn an und mit Tätigkeitsschwerpunkten in Niedersachsen und Berlin. Sie arbeitete an verschiedenen Schulen (Sonder- und Regelschulen), in der Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern und begleitete jahrelang als sonderpädagogische Gutachterin viele Kinder, Jugendliche und ihre Eltern. Ein wichtiger Schwerpunkt ihrer Arbeit war die Sammlung und Erprobung alternativer, diagnostischer Verfahren, welche demokratischer, humaner und passender für inklusive Lernsituationen erschienen (S. 70 ff.). Zudem ziehen sich die Reflexion ihrer Rolle als Gutachterin sowie die fach- und professionsübergreifende Kooperation wie ein roter Faden durch das Interview.

Edith Brugger-Paggi hat eine Ausbildung als Regel- und Integrationslehrerin in Italien absolviert. Die längste berufliche Zeit war sie im deutschen Schulamt in Südtirol für die Integration von Kindern mit Behinderung in allen Bildungseinrichtungen zuständig. In Südtirol initiierte und etablierte Edith Brugger-Paggi von administrativer Seite aus viele Veränderungen der strukturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die für die Umsetzung der Integration notwendig waren. Sie baute u.a. flächendeckende Beratungsangebote auf und wirkte an der Veränderung der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften mit. Die Ressourcenzuweisung sollte ihrer Auffassung nach dabei nicht an das einzelne Kind mit seiner Besonderheit geknüpft sein, sondern allgemein für die Schule und bestimmte Konzepte etc. erfolgen (S. 137). Italien war insbesondere in den Anfangsjahren der Integrationsforschung ein beliebtes Exkursionsziel aus Deutschland, weil im Zuge der Anti-Psychiatrie-Bewegung Ende der 70er-Jahre auch Sonderschulen abgeschafft wurden. Edith Brugger-Paggi schätzte den Austausch mit anderen Integrationsforschenden. Gleichzeitig war sie mit ihren italienischen Erfahrungen irritiert, dass die deutschen Forschenden immer wieder in Studien beweisen mussten, „dass Integration richtig ist […]“ (S. 140 f.). Sie hat zudem den Wunsch, dass die allgemeine Pädagogik und Grundschulpädagogik viel stärker in den Diskurs einbezogen werden.

Ewald Feyerer studierte in Österreich Sonderpädagogik und Soziologie und arbeitete auch als Lehrer in der Sonderschule und im Schulversuch. Viele Jahre war er in der wissenschaftlichen Begleitung von Schulversuchen und in der Lehrkräfteausbildung an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich tätig. Ewald Feyerer verstand sich als „kritischer Freund der Schulversuchslehrer:innen“ und Mittler zwischen den Interessen der Lehrkräfte, Eltern und Schulbehörde (S. 173). In internationalen Projekten arbeitete er bei der Entwicklung von Curricula für die inklusive Lehrer(innen)ausbildung mit. Er beschreibt in seinem Interview, wie es in Österreich gelang, durch das gemeinsame Wirken unterschiedlicher Akteure den Gemeinsamen Unterricht auch politisch und strukturell im Bildungssystem zu verankern. Da, wo Politik und Verwaltung hinter der Integration standen und auch öffentlich dafür warben, bewegte sich mehr in den Schulen (S. 178).

Gérard Bless war Grund- und Sonderschullehrer in der Schweiz und gelangte über eine Qualifikationsarbeit zur Integrationsforschung. Er konnte sich anfangs nicht vorstellen, dass das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung funktioniert und wollte das genauer untersuchen. In der Schweiz entstand die Integration eher aus pragmatischen und geografischen Gründen (geringe Bevölkerungsdichte, weite Wege zwischen Dörfern in bergigem Land) – im Gegensatz zu Österreich und Deutschland, wo es eine sehr aktive Elternbewegung gab. In seiner langjährigen Tätigkeit an der Universität war Gérard Bless an vielen Studien beteiligt. Schwerpunktmäßig waren es Wirksamkeitsuntersuchungen und bildungsstatistische Analysen, die wichtige empirische Daten lieferten. In seinem Interview legt er einen Fokus auf die Themen- und Methodenwahl bei Forschungsarbeiten und reflektiert vergangene und aktuellere Tendenzen in der Integrationsforschung kritisch.

Ines Boban und Andreas Hinz werden als Lebens- und Arbeitspaar gemeinsam interviewt. Es ist mit ca. 80 Seiten das längste Interview. Beide haben Sonderpädagogik (Lehramt) studiert. Während Ines Boban immer auch als Lehrerin in der integrativen Praxis tätig war, begleitete Andreas Hinz die Integration in Schulversuchen und forschend von der Universität aus. Schwerpunktmäßig waren sie in Hamburg und Halle (Sachsen-Anhalt) tätig, gleichzeitig aber immer viel unterwegs. Beide waren zusammen auf Tagungen in unterschiedlichen Teilen der Welt und in Wissenschafts- und Praxiscommunities auch außerhalb der Integrationsforschung, um nach neuen Anregungen und Synergien Ausschau zu halten. Ines Boban und Andreas Hinz brachten wichtige Impulse aus dem englischen und nordamerikanischen Diskurs zu den Integrationsforschenden, etwa zu „person-centered planning“ und „community inclusion“ (S. 291), dem Index für Inklusion und demokratischen Schulen (S. 294). Im Interview beschreiben sie den roten Faden ihres forschenden Weges als „[…] immer wieder irritiert sein, stolpern über Dinge, die bisher selbstverständlich sind […], wie man das eigentlich produktiv wenden kann […] angereichert mit theoretischen Rahmungen“ (S. 294). Dabei reflektieren sie die gesellschaftliche Kontextabhängigkeit des Inklusionsdiskurses (S. 304). Außerdem war es Ines Boban und Andreas Hinz ein Anliegen, die Welt im Kleinen für eine konkrete Person zu verändern und das Gelingen als Motor und Folie für eine Veränderung im Großen zu nehmen (S. 277). Neben den Einflüssen von verschiedenen Forschenden und Pragmatiker/​innen aus der ganzen Welt berichten sie, dass sie viel von und mit den Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern gelernt haben, die sie begleitet haben. Ein wichtiger Grundsatz für sie war und ist: „All means all“ (S. 310). Im Interview reflektieren sie ausführlich die Diskussionen innerhalb und außerhalb der Integrationsforschung zu verschiedenen Heterogenitätsdimensionen und den Begriffsdefinition von Integration und Inklusion.

Maria Kron studierte Psychologie sowie Sonder- und Heilpädagogik. Sie arbeitete mehrheitlich an der Universität, in der Schulversuchsbegleitung und in der Lehrkräfteausbildung, aber auch im Schulamt, schwerpunktmäßig in Hessen und Nordrhein-Westfalen. Ihren Hauptfokus richtete sie auf die entwicklungs- und gruppenpsychologische Perspektive, wie sich Mädchen und Jungen und ihre Beziehungen in integrativen Settings entwickeln, welches pädagogisches Verständnis und welche Gestaltung des Umfeldes erforderlich ist (S. 386). Inklusion bedeute nicht nur, das Dabei-Sein zu ermöglichen, sondern sich auch mit Fragen der Annäherung, Abgrenzung und Einigung der Kinder untereinander und zwischen Kindern und Erwachsenen auseinander zu setzen (S. 297 f.). Maria Kron plädiert dafür, dass die verschiedenen Fachrichtungen mehr kooperieren (inklusive Pädagogik, allgemeine Pädagogik, Sonderpädagogik, Disability Studies) und mehr Heterogenitätsdimensionen in der Forschung berücksichtigt werden (S. 408).

Monika Schumann studierte Heil- und Sonderpädagogik (Lehramt) sowie kritische Psychologie und war an der Universität und Fachhochschule tätig. In den Anfangsjahren arbeitete sie in einer Dokumentations- und Vernetzungsstelle für Integration an der Universität in Berlin und fand Zugang zu dem Bereich und den Akteuren. Nach weiteren Stationen in Reutlingen, Halle und Dortmund kehrte Monika Schumann zurück nach Berlin. Sie baute den Studiengang Heilpädagogik an einer Fachhochschule mit auf und richtete diesen inklusiv aus, wovon sie im Interview berichtet. Kritisch merkt sie an, dass sie die Integrationsforschenden als etwas zu sehr auf den Bereich Schule orientiert empfand (S. 441).

Ute Geiling ist die einzige Ostdeutsche in der gesamten Interviewreihe, womit weitere Aspekte in den Blick kommen. Sie absolvierte noch in der DDR ein allgemeines Lehramtsstudium und anschließend ein Forschungsstudium inklusive Promotion mit Schwerpunkt Pädagogische Psychologie. Sie beschreibt die Umbrüche und Turbulenzen in ihrer Biografie und ostdeutschen Fachwissenschaft nach der Wende 1989, wie sie sich beruflich und fachlich neu orientierte und zur Integrationsforschung kam. Sie arbeitete an einer Pädagogischen Hochschule und später an der Universität, überwiegend in Sachsen-Anhalt (neben kürzen Stationen in westdeutschen Bundesländern). Ute Geiling interessierte sich in der Integrationsforschung für die Analyse der Barrieren in der allgemeinen Schule, wenn Lehrkräfte ein Kind als nicht passend erlebten, und wie man diese Barrieren abbauen oder gar nicht erst entstehen lassen kann (S. 481). Hierbei sieht sie einen wichtigen Schlüssel in der Didaktischen Diagnostik, welche nicht zu Aussonderung führt. Jedes Kind sei auf seiner Stufe kompetent, was es zu entdecken gelte (S. 486). In ihrer Lehrtätigkeit sah sie sich mit der Herausforderung konfrontiert, als Professorin für Lernbehindertenpädagogik mit einer integrationspädagogischen Ausrichtung für die Ausbildung von Studierenden für Förderschulen zuständig zu sein und in einem Bundesland zu arbeiten, dass sehr wenig Integration praktizierte und wollte (S. 484).

Während in den Interviews immer sehr viele unterschiedliche Aspekte des Gemeinsamen Unterrichts und der Integrationsforschung angesprochen werden, kann man sich über die ausgewählten Fachartikel der Interviewten auch stärker systematisch-themenbezogen annähern:

  • mit dem Aufsatz von Ines Boban (2000) über den Traum von einer Schule für alle Kinder;
  • mit dem Artikel von Andreas Hinz (2002), in dem es um die Begriffe und Konzeptionen von Integration und Inklusion geht;
  • über den Aufsatz von Ewald Feyerer (2019), der beleuchtet, ob Integration in den segregativen Schulstrukturen (in Österreich) gelingen kann;
  • mit dem Text von Ute Geiling und Alfred Sander (2007) zum historischen Vergleich der Schulentwicklung in der DDR und BRD und den jeweiligen Umgang mit Heterogenität;
  • mit Hilfe der von Gérard Bless (2017) zusammengestellten Wissenskarten, was bezüglich der Wirksamkeit von schulischer Integration bereits erforscht wurde;
  • über den Aufsatz von Barbara Brokamp und Bruno Achermann (2017), die beschreiben, wie eine inklusive Organisationsentwicklung in Bildungseinrichtungen gestaltet werden kann;
  • mit dem Artikel von Maria Kron (2013), der die integrativen Prozesse der Einigung und Partizipation sowie deren Gefährdungen auf der Gruppenebene untersucht;
  • über den Text von Edith Brugger-Paggi (2017) zum Berufsbild der inklusiven Lehrperson;
  • mit dem Beitrag von Monika Schumann (2015) über inklusive Schulen im Sozialraum als möglichem Arbeitsfeld von Heilpädagoginnen und Heilpädagogen;
  • mit dem Artikel von Dietlind Gloystein und Ralf Reibert (2004) über den Zusammenhang von Gleichgewicht, Entwicklung, Lernen und Verhalten am Beispiel sogenannter zappeliger Kinder.

Die vollständigen Interviews und Fachtexte sowie vollständigen Literaturlisten finden sich auch auf der Internetseite: https://www.blickzurücknachvorn.net. Sie sollen im Sinne des Open-Access-Gedankens für forschendes Studieren und die Lehre frei genutzt werden.

Diskussion

Dieser dritte Band der Interviewreihe ist deutlich internationaler ausgerichtet als die beiden anderen Bände. Die unterschiedlichen Sichtweisen aus Italien, Österreich und der Schweiz bereichern den deutschen Blick auf die Entwicklung der Integrationsforschung und der Praxis im deutschsprachigen Raum. Die Interviewten verweisen und nehmen immer wieder Bezug zu den bereits Interviewten aus Band 1 und 2.

Die Interviews und Texte gewähren einen Einblick in zentrale Fachdiskussionen zu Begriffen, theoretischen Ansätzen sowie prägenden Bezugstheorien aus anderen Wissenschaftsdiskursen. Die Lesenden erfahren zudem nebenbei etwas über die verschiedenen Schulsysteme und Lehrkräfteausbildungswege in den jeweiligen Ländern. Durch die biografischen Bezüge gewinnt man Einblicke, welche unterschiedlichen, theoretischen Impulse zu einer Professionalisierung der Akteure beigetragen haben. Die Menschen hinter der Integrationsforschung und ihr persönliches Engagement zur Veränderung der vorhandenen, aussondernden Strukturen werden sichtbar. Sie zeigen, wie es häufig engagierte Personen zur richtigen Zeit am Ort brauchte, um etwas zu bewegen und zu verändern.

Neben den transkribierten und sprachlich etwas geglätteten Interviews finden sich am Rand Schlagworte, die einen inhaltlichen Schwerpunkt der jeweiligen Antworten widerspiegeln. Das macht es leichter, den umfangreichen und thematisch vielfältigen Interviews zu folgen.

Die Interviewten reflektieren zudem den gesellschaftlichen und politischen Kontext, unter denen die Entwicklungen des Gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung stattfanden. Integration/​Inklusion wird als Menschenrecht beschrieben, das unteilbar ist. Behinderung ist nur eine Heterogenitätsdimension von mehreren, weshalb Inklusion mehr umfasst als nur den Fokus auf das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung. Die Interviewten eint ihr Engagement für die Nicht-Aussonderung und Teilhabe von Menschen mit unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen, gegen soziale Ungleichheiten und eine chancengerechtere Schule.

Man kann mit diesem Buch sehr gut nachvollziehen, wo und wie sich die Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung insbesondere im Schulbereich entwickelt hat. Dieser Fokus auf den Schulbereich (und teilweise auf der Kita) liegt sicher an den Arbeitsschwerpunkten der Interviewten. Deutlich wird in mehreren Interviews, wie wichtig die Kooperation von engagierten Eltern, Lehrkräften und Forschenden mit der Politik und Verwaltung waren, um nachhaltige Veränderungen in den Schulen und bei den rechtlichen Rahmenbedingungen zu erreichen.

Interessant ist, dass erst mit dem Interview von Ute Geiling die politische Wende in Ostdeutschland 1989 und die deutsche Wiedervereinigung 1990 in den Blick kommen. Obwohl alle Interviewten dieses Buches über denselben Zeitraum berichten (die vergangenen 45 Jahre), spielen die mit der Wende verbundenen biografischen, fachlichen und strukturellen Umbrüche sowie die sich eröffnenden neuen Chancen und Felder bei den anderen Interviewten gar keine Rolle. Für die westdeutschen, italienischen und österreichischen Forschenden änderte sich 1989 scheinbar nichts, für die ostdeutschen alles. Ute Geiling hatte das Glück, auf interessierte und engagierte westdeutsche Kolleg/​innen zu treffen, die ihre Kompetenzen schätzten und sie unterstützten.

Die Interviewten des dritten Bandes gehören zum langjährigen Kreis der Integrations-/​Inklusionsforschenden, zählen aber nicht zu den sogenannten Pionieren der ersten Generation. Sie haben teilweise bei jenen Wissenschaftler/​innen studiert und später mit ihnen zusammen gearbeitet, die im Band 1 und 2 interviewt wurden. Sie sind Wegbereiter/​innen und gleichzeitig Repräsentant/​innen einer „Brückengeneration“ zwischen der ersten und weiteren, nachfolgenden Forschenden. Spannend wäre deshalb auch eine Fortsetzung dieser Interviewreihe mit der nächsten Generation der Forschenden, die auf ein (in gewisser Weise) vorbereitetes Feld in Praxis und Wissenschaft treffen. Diese Fortsetzung sollte dann auch die mittlerweile langjährigen Erfahrungen und Diskurse zur Inklusion im Arbeitsleben und Teilhabeforschung einbeziehen.

Dieses Buch ist ebenso wie seine beiden Vorgängerbände ein großer Schatz, der zur Bewahrung von Erfahrungen und Wissen der prägenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beiträgt. Es stellt eine wichtige Dokumentation der Entwicklung der Integrationsforschung dar. Als Zielgruppe kommen sowohl Studierende als auch Lehrende in Frage. Aber auch für in der Praxis tätige Lehrkräfte kann die Lektüre sehr inspirierend sein, die Reflexion der eigenen Praxis unterstützen und als Tankstelle für Visionen und Motivation dienen.

Fazit

Dieses Buch ist kein klassisches Lehrbuch, sondern es werden zehn weitere Wegbereiter/​innen der (schulischen) Inklusion in Interviews portraitiert und jeweils ein Fachartikel von ihnen präsentiert. Die Interviewten berichten von ihren Erfahrungen und den Herausforderungen bei der Umsetzung des Gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderung in Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz aus den vergangenen 45 Jahren sowie von unterschiedlichen Einflüssen, Sichtweisen, Fachdiskussionen, Schwerpunkten, Entwicklungen und Bezugstheorien, die relevant waren. Das Buch bietet so einen etwas anderen Zugang zur Integrationsforschung: persönlich, anekdotisch und gespickt mit vielen fachlichen Impulsen.

Rezension von
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Lehre und Forschung sowie als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin
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Es gibt 17 Rezensionen von Antje Ginnold.

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ISSN 2190-9245