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Marlene Bock, Esther Weitzel-Polzer: Alte Jüdinnen und Juden in Deutschland

Cover Marlene Bock, Esther Weitzel-Polzer: Alte Jüdinnen und Juden in Deutschland. Ausschnitte aus der Geschichte ihres Erlebens und ihre Suche nach einem neuen Zuhause. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. 240 Seiten. ISBN 978-3-86585-308-0. 24,90 EUR.

ISSN 1612-2305.
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Erinnern ist spiegeln,

nämlich das Leben anderer Menschen in ihrer jeweiligen Schicksalhaftigkeit und seiner selbst. Dieser schwierige Spagat ist eigentlich der Schlüssel der qualitativen Sozialforschung, die "im beforschten Objekt zugleich etwas über sich als forschendes Subjekt erfahren will". Die beiden Wissenschaftlerinnen, Marlene Bock als Soziologin und Sozialtherapeutin, sowie Esther Weitzel-Polzer als Sozialarbeiterin und Diplom-Pädagogin, lehren an der Fachhochschule Erfurt, Fachbereich Sozialwesen. Ihre Forschungsfrage rührt an ein tiefes, durch die Schoah, aber auch die Unsicherheiten des Lebens von Menschen jüdischen Glaubens in der Diaspora davor und bis heute geprägtes Verständnis von der Zugehörigkeit zu einer religiösen und staatlichen Gemeinschaft. Der 1947 in Tel Aviv geborene, seit 1957 in Deutschland lebende Rafael Seligmann, Chefredakteur der "Jüdischen Zeitung" und erfolgreicher Schriftsteller, schreibt in einem Beitrag über jüdisches Leben im deutschen Alltag (Rheinischer Merkur 47/2003, S. 7), Israel habe 1948/49 seine Unabhängigkeit erstritten, Deutschlands Juden stehe der Unabhängigkeitskampf noch bevor. Und der israelische Botschafter Shimon Stein bemerkt in der gleichen Ausgabe zur Frage, ob Antisemitismus in Deutschland wieder salonfähig geworden sei, wobei er mit einem Umfrageergebnis konfrontiert wurde, dass rund 42 Prozent der Deutschen antisemitischen Äußerungen (Möllemanns und Hohmanns) zustimmten: "Das sind Leute, die nicht verstanden haben, was Antisemitismus ist und was er für Folgen haben kann. Ich glaube, der Umgang mit Juden war immer ein Barometer für die Toleranz und Akzeptanz einer Gesellschaft dafür, wie sie mit Andersdenkenden und Minoritäten umgeht". Der 1943 in Jerusalem geborene Historiker und Politologe Moshe Zimmermann, der Neuere und Neueste Geschichte an der Hebräischen Universität seiner Heimatstadt lehrt, weist darauf hin, dass die kollektive Erinnerung an den Holocaust auch heute noch die Identität der Juden überall in der Welt beeinflusst: "Amerikanische, australische, aber auch europäische Juden der Nachkriegszeit müssen die Geschichte und vor allem auch die Geschichte der Schoah mit einer inhaltlich anderen Erinnerung füllen (als etwa die in Israel lebenden Juden, JS), um ihre gegenwärtige Lebenssituation rechtfertigen zu können".

Es geht also um das Problem, das der deutsch-jüdische Publizist und unermüdliche Kämpfer für Menschlichkeit und Toleranz, Versöhnen aber nicht Vergessen, Ralf Giordano, als die größte Schwierigkeit für die Schoah-Überlebenden bezeichnet; dass nämlich die Erinnerungen mit jedem Jahr des Älterwerdens schlimmer werden und mehr weh tun; dass es auch immer schwieriger werden, seinen Mitmenschen zu erklären, weshalb er, als selbst die nationalsozialistischen Verbrechen Überlebender, nach Kriegsende in Deutschland blieb und nicht z. B. nach Israel oder in ein anderes Land auswanderte. Diese Schlüsselprobleme haben sicherlich viele ältere, den Holocaust überlebende und heute in der Bundesrepublik lebende Jüdinnen und Juden.

Die vorgelegte Untersuchung

Die beiden Wissenschaftlerinnen führten in den Jahren 2000 bis 2005 eine Studie durch mit der Forschungsfrage, welche Gründe Überlebende des Holocaust angeben, wieder in Deutschland, im Land der Mörder, zu leben. Die in den einzelnen Portraits aufgezeichneten Lebensberichte der in Deutschland lebenden, zum Kriegsende erwachsenen Schoah-Überlebenden und derjenigen ("child-survivor"), die damals 16 Jahre alt oder jünger waren, und für die vergleichende Interpretation der Ergebnisse heran gezogenen Interviews mit heute in Israel lebenden Holocaust-Opfer, lesen sich wie Offenbarungen von kaum zu beschreibenden Schicksalen. Die Forscherinnen gingen dabei behutsam und offen vor. Die Gesprächsthemen reichten von Erinnerungen über die Zeit bis 1933, die NS- und Besatzungszeit, Nachkriegszeit und Exilerfahrungen, dem Leben in Deutschland - danach, der Bedeutung des jüdischen Glaubens und der Traditionen für die Befragten, Aspekten wie der Frage nach "Heimat", Glückserwartungen, bis hin zu persönlichen Sorgen, Wünschen und Zukunftsvorstellungen. Die Probanden kommen aus den folgenden Herkunftsgruppen:

  1. Überlebende in Europa,
  2. Überleben im Exil in Südamerika,
  3. Überlebende von Konzentrationslagern,
  4. Überlebende als Versteckte.

Bei den teilweise wörtlich übernommenen Interviews und Gespräche, wie auch die wohltuend vorsichtig und sensibel im sozialwissenschaftlichen Sinn versuchten Interpretationen der Ergebnisse wird deutlich, dass es den Autorinnen "um Verstehen und verständlich Machen geht - um ein tieferes Verstehen, warum die Überlebenden der Shoa ihr Alter in Deutschland verbringen". Neben der Beantwortung einer Reihe von bisher im gesellschaftlichen Diskurs kaum wahr genommenen und beachteten Aspekten des Lebens von Holocaust-Überlebenden in Deutschland, dürfte für die sozialwissenschaftliche und mentalitätsgeschichtliche Forschung der Teil der Arbeit ein besonderes Interesse finden, der sich mit der aktuellen Situation der alten Jüdinnen und Juden in unserem Land beschäftigt und ihre Einstellungen und ihr Verhältnis zu den Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft; hier wäre falsch vom "Verhältnis zu den Deutschen" zu sprechen, denn die meisten Intervierwten sind natürlich Deutsche im Sinne des Staatsangehörigkeitsrechts. Dass sie sich trotzdem in einer Reihe von Beispielen nicht so richtig dazu gehörig fühlen, zeigt Probleme auf, die es zu überwinden gilt. Insofern ist die Studie nicht nur von historischer, sondern von gegenwartsbestimmter und zukunftsorientierter Bedeutung. "Uns wurde ... klar, dass wir möglichst wenig Zeit verlieren sollten, wenn wir mit Überlebenden der Shoa über ihre Lebensgeschichten reden wollten", so begründeten die beiden Forscherinnen ihre Absicht, diese Studie durchzuführen. Sie liegt nun vor, als ein wichtiger Baustein zu unserer Geschichte, die wir kennen und zu der wir uns bekennen müssen. Die noch lebenden Holocaust-Überlebenden in unserem Land, vielleicht sogar in unserer Umgebung, sind Zeitzeugen und Zukunftshelfer zugleich!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.10.2005 zu: Marlene Bock, Esther Weitzel-Polzer: Alte Jüdinnen und Juden in Deutschland. Ausschnitte aus der Geschichte ihres Erlebens und ihre Suche nach einem neuen Zuhause. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2005. ISBN 978-3-86585-308-0. ISSN 1612-2305. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/3113.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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