Miriam Summers: Grenzerfahrung Frühgeburt
Rezensiert von Prof. Dr. Dorothea Tegethoff, 18.09.2025
Miriam Summers: Grenzerfahrung Frühgeburt. Eine Interview-Studie über das Erleben der Eltern.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2023.
660 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3284-3.
D: 69,90 EUR,
A: 71,90 EUR.
Reihe: Forschung psychosozial.
Thema der Publikation
Die Studie „Grenzerfahrung Frühgeburt“ beschäftigt sich mit dem Erleben der Eltern von extrem frühgeborenen Kindern, die bleibende Beeinträchtigungen davontragen. Die Interviewstudie legt den Fokus auf die Erzählungen der Eltern, in denen sie die Zeit rund um die Geburt ihres Kindes als Teil ihrer Biografie (re-)konstruieren.
Autor:in oder Herausgeber:in
Die Autorin ist Ärztin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie engagiert sich im Deutschen Netzwerk für narrative Medizin.
Entstehungshintergrund
Die Arbeit entstand in einem interdisziplinären Kontext mit Forschenden aus der Medizin und der Kulturanthropologie im Rahmen eines DFG Graduiertenkollegs zum Thema Life Sciences, Life Writing: Grenzerfahrungen menschlichen Lebens zwischen biomedizinischer Erklärung und lebensweltlicher Erfahrung an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
Aufbau und Inhalt
Ein Geleitwort von Agathe Israel, das wesentliche Inhalte der Arbeit zusammenfasst, und ein Vorwort der Autorin gehen der Arbeit voraus.
Das Buch besteht aus fünf Kapiteln und einer Zusammenfassung und ist ohne das Literaturverzeichnis und ein Glossar 540 Seiten stark. 564 Fußnoten ergänzen den Text.
Im ersten Kapitel wird ein Einblick ins Forschungsfeld gegeben: Definition, medizinische Umstände und Konsequenzen einer extremen Frühgeburt werden dargestellt. Es folgt ein Referat des Phasenmodells zum Übergang zur Elternschaft nach Gloger-Tippelt und dessen Anpassung an die Situation von Eltern nach einer Frühgeburt.
Das nächste Kapitel umfasst eine Übersicht über den Forschungsstand, die mit 51 Seiten sehr gründlich und ausführlich ist. Berücksichtigt werden hier Studien zu den Themen Trennung und Bindung, Frühgeburt als Trauma sowie elterliches Erleben einer Frühgeburt. Letzteres wird besonders umfangreich bearbeitet, Studien zu den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten und den unterschiedlichen Zeiträumen (Schwangerschaft, eigentliche Frühgeburt, Zeit auf der Intensivstation, Entlassung usw.) werden berücksichtigt.
Auch der Methodenteil ist mit 55 Seiten ausgesprochen ausführlich.
Die Autorin nutzt für ihre Studie teilbiografische narrative Interviews, die sie in Anlehnung an Lucius-Hoene und Deppermann analysiert. Ihr Sample umfasst 7 Familien, in denen jeweils Mutter und Vater interviewt werden (14 Interviews mit Feldnotizen und Follow-up-Telefonat). Es wurden Familien berücksichtigt, deren Kinder sich im 1. – 2., im 6. – 7. oder im 18. – 19 Lebensjahr befanden. Einschlusskriterium war zudem, dass bei den Kindern bleibende Beeinträchtigungen vorlagen. Das Vorgehen ist detailliert und nachvollziehbar beschrieben, eine Reflexion der Autorin hinsichtlich ihrer Rolle erfolgt.
Der Ergebnisteil gliedert sich in drei Hauptteile, in denen verschiedene Leerstellen für Eltern von kleinen Frühgeborenen dargestellt werden. 1. Die Abwesenheit von Sprache, 2. Die Abwesenheit von sozialen Rollen und Ritualen und 3. Die Abwesenheit eines Masternarrativs. Die drei Teile sind einerseits unabhängig voneinander zu lesen, andererseits bauen sie aufeinander auf und sind dramaturgisch sinnvoll hintereinander platziert.
Im ersten Abschnitt wird das Fehlen einer angemessenen Sprache für das Erlebte gezeigt. Die Eltern finden sich und ihre Wirklichkeit verstört und haben Mühe, Worte für das „Schlimme“ zu finden. Zeugen und Beweisgegenstände spielen eine große Rolle, um das Erzählte fassbar zu machen. Eine fundamentale Einsamkeit wird deutlich.
Im zweiten Abschnitt wird dieses Allein- und Verlassenheit anhand der fehlenden Rituale und sozialen Rollen durchdekliniert. Die Erzählenden sind Eltern geworden und sind es doch nicht, da ihr Kind zunächst auf der Intensivstation liegt und sie es nicht selbst versorgen können. Übliche Rituale bleiben aus (Glückwunschkarten…) und die Eltern fühlen, dass sie anders geworden sind und wahrgenommen werden. Der Übergang in die Elternschaft bleibt im Schwellenzustand hängen, ebenfalls ein Zustand des „Andersseins“.
Summers stellt im dritten Abschnitt dar, wie sich die Eltern an der gängigen Erzählung glücklicher Elternschaft (Masternarrativ der Heldenfahrt mit ruhmreicher Heimkehr nach schwierigen Prüfungen) abarbeiten, ohne zu einem befriedigenden Ende kommen zu können, da ihre Kinder den üblichen Normen nicht entsprechen, geschweige denn sie kompetitiv übertreffen. Überaus facettenreich interpretiert die Autorin ihr Material vor diesem Theoriehintergrund, was sich sehr gut liest. Sie diskutiert Gegen-Narrative. An Beispielen aus der Literatur und der Erzählung einer Mutter, die jenseits der üblichen Erwartungen von guter Mutterschaft oder einem gelungenen „Projekt Kind“ berichtet, wird deutlich, dass die Orientierung am Heldennarrativ vordergründig die Erzählung erleichtert, aber problematisch bleibt und Scheitern impliziert. Die Autorin kommt schließlich zum Begriff der epistemischen Ungerechtigkeit. Dieser zeigt, dass Erfahrungen, die nicht in Worte gefasst werden können (die wiederum allgemein verstanden werden), praktisch unsichtbar bleiben und die betroffenen Personen marginalisiert und ebenso unsichtbar gemacht werden – eine strukturelle Ungerechtigkeit.
Es folgt als Diskussion ein erneutes ausführliches Literaturreferat zum Zusammenhang zwischen elterlichem und kindlichem Wohlergehen sowie zu möglichen Unterstützungsangeboten im stationären und im häuslichen Bereich.
Um die Angehörigen der verschiedenen an dieser Arbeit interessierten Wissenschaftskulturen „mitzunehmen“, ergänzt die Autorin ein ausführliches Glossar.
Diskussion
Frau Summers Arbeit ist bemerkenswert gründlich. Das ist positiv und zugleich ein Problem dieses Buches. Es ist sehr umfangreich. Bis zum ersten Zitat aus einem der Interviews arbeitet sich die Leserin durch 175 Seiten Literaturreferat und Methode.
Die Rezensentin hätte sich gewünscht, mehr von den Stimmen der Eltern zu hören und sich ihrer Perspektive annähern zu können. Die zahlreichen Verweise auf nicht abgedruckte Transkripte sind eher frustrierend, da die Leserin keinen Zugriff darauf hat. In einigen Fällen werden einzelne Worte zitiert (S. 321, 323), die ohne des Zusammenhang schwer verständlich sind. Im dritten Abschnitt des Ergebnisteils zu den Narrativen erscheinen endlich längere Ausschnitte aus den Interviews.
Im Rahmen datenschutzrechtlicher Bestimmungen wären Fallbeschreibungen der Familien erfreulich gewesen. Die Kennzeichnung der Interviewausschnitte ist etwas missverständlich. Anhand der Kennzeichnung der Interviewausschnitte könnte man auf die Idee kommen, dass nur aus drei Familien berichtet wird, wobei wohl die drei Altersgruppen der Kinder gemeint sind. Erstmalig aufgeschlüsselt in einzelne Familien wird auf S. 439.
Frau S. zieht zahlreiche theoretische Anknüpfungspunkte für ihre Interpretation der Interviews heran. Allein im Kapitel VI.2 sind es sechs verschiedene Ansätze, anhand derer das fundamentale Alleinsein und die Orientierungslosigkeit der Eltern dargestellt wird. Dies geschieht jeweils gut verständlich und nachvollziehbar. Unter der Überschrift Abwesenheit eines Masternarrativs diskutiert die Autorin neben dem Narrativ von der Heldenfahrt sieben weitere Narrative. Nicht immer wird deutlich, wie der Theoriebezug zum besseren Verständnis der spezifischen Situation der Eltern kleinster Frühgeborener beiträgt, insbesondere bei den Narrativen von der guten Elternschaft oder im Hinblick auf Geschlechterrollen, die keineswegs spezifisch für diese Gruppe von Eltern sind. Dieses Vorgehen trägt zum enormen Umfang der Publikation bei. Summers selbst diskutiert diese Eigenheit ihrer Arbeit unter den Limitationen und Anknüpfungspunkten und erwägt die Alternative, ihr Material anhand weniger Literaturbezüge zu interpretieren.
Auch die grundsätzlich sehr begrüßenswerten sorgsamen Kapiteleinführungen und -zusammenfassungen auch bei Unterkapiteln verlängern den Text.
Fazit
Diese Publikation der offenbar sehr sorgfältigen Studie zum Erleben und Erzählen der Eltern extrem frühgeborener Kinder mit bleibender Beeinträchtigung hat ein Problem: sie ist zu lang. Mühelos hätten die drei Hauptkapitel des Ergebnisteils jeweils für ein eigenes Buch gereicht. Das fundamentale Verlassensein der Eltern kleinster Frühgeborener ist ein Problem, dass in der Gesundheitsversorgung der Kinder unbedingt in den Blick gehört. Es ist dem wichtigen Inhalt und der interessanten Studie zu wünschen, dass Frau Summers sie auch noch in etwas „verdaulicherer“ Form (wie sie selbst über Narrationen schreibt) publiziert.
Rezension von
Prof. Dr. Dorothea Tegethoff
Master of Health Administration, Diplom-Pädagogin, Hebamme
Universität Rostock
Lehrstuhl Hebammenwissenschaft
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