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Hans Zulliger, Reinhard Fatke (Hrsg.): Heilende Kräfte im kindlichen Spiel

Rezensiert von Prof. Dr. Ulrich Heimlich, 28.03.2024

Cover Hans Zulliger, Reinhard Fatke (Hrsg.): Heilende Kräfte im kindlichen Spiel ISBN 978-3-8379-3296-6

Hans Zulliger, Reinhard Fatke (Hrsg.): Heilende Kräfte im kindlichen Spiel. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. 150 Seiten. ISBN 978-3-8379-3296-6. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Reihe: Psychoanalytische Pädagogik.

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Thema

Anhand zahlreicher Fallbeispiele aus der psychotherapeutischen und pädagogischen Praxis entwickelt Hans Zulliger eine psychoanalytische Spieltheorie, in der das Spiel zum Verständnis von Kindern mit gravierenden Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten eingesetzt wird. Auch zur Überraschung des Autors können durch freie Spieltätigkeiten von Kindern ohne tiefenpsychologische Deutung bereits gute Behandlungserfolge erzielt werden.

Autor:in

Hans Zulliger (1893-1965) war ein Schweizer Dorfschullehrer, der 47 Jahre lang in einer Schule in Ittingen (Kanton Bern) unterrichtete und zusätzlich als Erziehungsberater und Kinderpsychotherapeut sowie als Gutachter für Behörden tätig war. Außerdem war er in der Ausbildung von Kindertherapeut:innen mit psychoanalytischem Schwerpunkt tätig. Er hat zahlreiche Fachvorträge in In- und Ausland zur Kinderpsychotherapie gehalten und eine Reihe von Publikationen zur Kinderpsychotherapie vorgelegt, die besonders in der 1950er und 1960er Jahren entstanden sind und ihn zu einem vielgelesenen Autor seiner Zeit gemacht haben. Die Universitäten Bern und Heidelberg haben ihm die Ehrendoktorwürde erteilt.

Entstehungshintergrund

Das Buch „Heilende Kräfte im kindlichen Spiel“ ist erstmalig 1952 im Ernst Klett Verlag in Stuttgart erschienen und hat unzählige Auflage erfahren. Es wurde in fünf europäische Sprachen übersetzt. Der Herausgeber der vorliegenden Neuauflage, Reinhard Fatke, hat eine Neuedition im Rahmen der Buchreihe „Psychoanalytische Pädagogik“ (Hrsg. v. Bernd Ahrbeck, Wilfried Datler und Urte Finger-Trescher) als Band 58 betreut. Im Rahmen der neuen Werkedition sind auch weitere Schriften von Zulliger erschienen: „Das magische Denken des Kindes“, „Umgang mit dem kindlichen Gewissen“.

Aufbau

„Heilende Kräfte im kindlichen Spiel“ ist aus Gastvorlesungen entstanden, die Zulliger vom 16. bis zum 21. April 1951 auf der „Arbeitstagung der Abteilung für Psychosomatische Medizin“ der Universität Heidelberg gehalten hat. Nach einem Vorwort beschäftigt sich der Autor zunächst mit dem magischen Denken des Kindes (Kap. 1) und erweitert dies in Kap. 2 um Ausführungen zum „infantilen Totemismus“. Er berichtet in Kap. 3 sodann ausführlich über das Spiel „Sangoi-Land“, das eine Gruppe von drei Geschwistern über ein Jahr gespielt wird. In Kap. 4 nimmt der Autor eine Unterscheidung zwischen Erwachsenen- und Kinderpsychotherapie vor, die schließlich in Kap. 5 in ein eigenes Konzept der Kinderpsychotherapie ohne Deutung mündet. In Kap. 6 fasst der Autor seine Erfahrungen zur Indikation einer Kinderpsychotherapie zusammen. Eine Zusammenfassung und zusätzliche Erläuterungen zu den wichtigsten Begriffen beschließen den Band. Eingeleitet wird das Buch von einer Einführung durch den Herausgeber Reinhard Fatke, in der die Bedeutung des Konzeptes der Kinderpsychotherapie ohne Deutung über den Weg des freien Spiels und der Spielbeobachtung von Zulliger in den größeren Rahmen der psychoanalytischen Methode und des entsprechenden Theorieansatzes hineingestellt wird. Außerdem liefert Fatke am Schluss des Bandes einen detaillierten Editionsbericht zur Neuauflage, in dem insbesondere die sparsam vorgenommenen sprachlichen Änderungen eher formalen Charakters erläutert werden. Einige spezielle Ausdrücke, die aus dem Schweizer Sprachgebrauch der 1950er Jahre stammen und heute möglicherweise zu Missverständnissen führen können, sind im Text ergänzend erläutert worden.

Inhalt

Zulliger legt in seiner Schrift sehr viel Wert auf eine induktive Vorgehensweise. Auf der Basis von vorhandenen Fallbeschreibungen von Kinderspielen, die aus der eigenen pädagogischen und psychotherapeutischen Praxis stammen und ausführlich vorgestellt werden, entwickelt Zulliger zunächst mögliche Erklärungsansätze für Verhaltensweisen von Kindern. Da Kinder keinen Zugang zur klassischen psychoanalytischen Methode der freien sprachlichen Assoziation in der psychotherapeutischen Behandlung haben, wie sie von Sigmund Freud (1865-1939) praktiziert worden ist, greift Zulliger auf das Spiel als Zugang zu Kindern zurück. Er bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Vorarbeiten zur Kinderpsychotherapie bei Anna Freud (1895-1982) und Melanie Klein (1882-1960).

„Das Spiel ist die Sprache des Kindes“ (S. 7), so fasst Fatke die zentrale Aussage in Zulligers Werk zusammen. Es gilt, diese Sprache zu verstehen. Das ist insofern für Erwachsene ein Problem, weil Kinder gerade in der frühen Kindheit noch dem magischen Denken anhängen, das Erwachsene längst überwunden haben. Kinder sind im Spiel in der Lage, Objekten Leben einzuhauchen, einen Holzscheit für eine Puppe zu halten und darin ein lebendiges Kind zu sehen. Fantasie und Realität sind bei Kindern noch nicht getrennt. Deshalb benötigen sie das Spiel, um sich die umgebende Wirklichkeit zu eigen zu machen und sich einzuverleiben. Dabei kommt es auch nicht selten zu totemistischen Spielen, in denen die Kinder mit Talismanen und einer Geheimsprache einen Geheimbund bilden, der Erwachsenen nicht ohne weiteres zugänglich ist. Bevor hier pädagogisch gut gemeinte Spielverbote ausgesprochen werden, sollte nach Zulliger die Bedeutung dieser geheimen Spiele für Kinder erforscht werden. In der Regel wird sich dabei herausstellen, dass auch eine eigene Kinderwelt für die Entwicklung von Kindern große Relevanz besitzt. So geschieht es beispielsweise in dem Spiel „Sangoi-Land“, in dem sich drei Geschwister ein Fantasieland ausdenken, in dem all das besprochen und in der Fantasie erlebt werden kann, was im Familienalltag in Gegenwart der Eltern nicht möglich ist. Häufig steht hinter solchen Spielen auch das Bedürfnis, besonders belastende Erlebnisse zu bewältigen. In diesem Fall war ein längerer auswärtiger Aufenthalt des Vaters der Auslöser des Spiels.

Das Überraschende für Zulliger selbst war nun, dass bereits die freien und selbstgesteuerten Spiele der Kinder in seiner psychotherapeutischen Praxis dazu beitragen, dass Kinder ihre Lern- und Entwicklungsprobleme überwinden, auch wenn er ihnen im Gespräch über die Spiele keine tiefenpsychologischen Deutungen angeboten hat. So berichtete Zulliger erstmals im Jahre 1924 anlässlich eines Vortrags vor der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse über die Heilung eines Mädchens von einer Hunde-Phobie mithilfe einer deutungsfreien psychotherapeutischen Behandlung auf der Basis des Spiels. Hilfreich für eine solche Kinderspieltherapie sind insbesondere Materialien, die die Kinder umgestalten können (z.B. Naturmaterialien, Holz, Stoffreste, Lehm oder Plastilin). Aber auch Rollenspielmaterialien wie Puppen, Stofftiere und Kasperlefiguren sind hilfreich. Damit sind Therapeut:innen nun keineswegs überflüssig, weil nach wie vor die intensive Begleitung der Kinder und das Gespräch mit ihnen zur Basis der Behandlung zählen. Dabei kommt der Persönlichkeit der Therapeut:innen auch in der Kinderpsychotherapie eine zentrale Bedeutung zu. Zusätzlich weist Zulliger auf die Notwendigkeit des Gesprächs mit den Eltern und Lehrkräften im Rahmen von anamnestischen Erhebungen und auf geeignete Tests (z.B. Baum-Test, Rorschach-Test) hin. Nicht selten trägt die Umwelt des Kindes zu seinen Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten bei. So können „Erziehungsschwierigkeiten“ durchaus auch den Charakter von „Erzieher-Schwierigkeiten“ (S. 105) haben. Insofern kann es passieren, dass die Eltern in die psychotherapeutische Behandlung einbezogen werden müssen.

Diskussion

Möglicherweise wird man nicht jede psychoanalytische Deutung des Kinderspiels, die Zulliger dann doch in seiner Schrift im Nachhinein immer wieder liefert, nachvollziehen können, zumal wenn man nicht auf eine psychoanalytische Ausbildung als Hintergrund zurückgreifen kann. Insofern mag es zunächst den Anschein haben, dass hier ein psychotherapeutisches Konzept vorgestellt wird, das den Fachleuten überlassen bleiben sollte. Zulliger bietet jedoch anhand seiner Fallbeispiele und Spielbeschreibungen eine solche Fülle an vertieften Einblicken in die Wirklichkeit der Kinder, dass gerade auch für den pädagogischen Zusammenhang viele Anregungen gegeben werden. Eltern zeigen sich ebenfalls immer wieder überfordert, den Sinn kindlicher Spiele zu verstehen, die vom äußeren Anschein eher abstoßend erscheinen. Zulliger fordert stets dazu auf, hinter diesen äußeren Schein zu blicken, die kindliche Perspektive einzunehmen und so zu einer verständnisvollen Begleitung gerade von belasteten Kindern zu werden.

Fazit

Zulligers Schrift „Heilende Kräfte im kindlichen Spiel“ ist in der Tat ein Klassiker der Kinderpsychotherapie, der auch heute noch wichtige Anregungen zu einem vertieften Verständnis von Kindern mit gravierenden Lern- und Entwicklungsschwierigkeiten enthält. Darüber hinaus trägt es auch in der Gegenwart noch dazu bei, sich in das Kinderspiel hineinzufühlen, den Sinn von Spieltätigkeiten aus der Sicht von Kindern nachzuvollziehen und ihnen Freiräume für die so entwicklungsbedeutsamen selbsterfundenen und selbst entwickelten Spiele zu bieten.

Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Heimlich
Lehrstuhl Lernbehindertenpädagogik
Ludwig-Maximilians-Universität München
Seine "Einführung in die Spielpädagogik" ist seit über 30 Jahren auf dem Buchmarkt.
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Es gibt 2 Rezensionen von Ulrich Heimlich.

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Zitiervorschlag
Ulrich Heimlich. Rezension vom 28.03.2024 zu: Hans Zulliger, Reinhard Fatke (Hrsg.): Heilende Kräfte im kindlichen Spiel. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. ISBN 978-3-8379-3296-6. Reihe: Psychoanalytische Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/31134.php, Datum des Zugriffs 21.04.2024.


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