Mathias Hirsch: Kreativität und Schuld als Wurzeln der Kultur
Rezensiert von Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Ralf Demmel, 16.09.2025
Mathias Hirsch: Kreativität und Schuld als Wurzeln der Kultur. Mythologie, Literatur, Musik und Film im Spiegel der Psychoanalyse.
Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG
(Gießen) 2023.
220 Seiten.
ISBN 978-3-8379-3269-0.
D: 32,90 EUR,
A: 33,90 EUR.
Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
Autor
Mathias Hirsch ist ein deutscher Psychiater und Psychoanalytiker. Er ist Autor zahlreicher Publikationen und darüber hinaus als Dozent und Supervisor tätig. Seine Interessen sind breit gefächert: die Behandlung traumatisierter Patienten, Gewalt und Suizidalität, psychoanalytische Kulturanthropologie, die psychoanalytische Interpretation von Filmen, Mythen und Romanen.
Entstehungshintergrund
Im vorliegenden Band finden sich überwiegend Beiträge, die zwischen 1998 und 2017 in Fachzeitschriften und Sammelbänden veröffentlicht wurden (ein Aufsatz über Dostojewski basiert auf einem Vortrag aus dem Jahr 2022).
Aufbau
Die Aufsätze spiegeln das Interesse des Autors an Literatur, Film und Musik wider: Vampirismus in Mythologie und Literatur, Schuld und Gewissen in den Werken Dostojewskis, Alter und Sterblichkeit in Thomas Manns Tod in Venedig, die Seelenverwandtschaft von Heinrich Heine und Sigmund Freud. Drei Beiträge sind der Interpretation von Filmen und Filmmusik gewidmet. Der einleitende Text untersucht den Zusammenhang zwischen Traumatisierung und Kreativität, ein weiterer die Symbolik des Hauses. Der Band schließt mit einem sehr persönlichen (»Können Tränen meiner Wangen nichts erlangen …« – Formen der Identifikation beim Hören von Bachs Matthäus-Passion) und einem eher pessimistischen Beitrag (Töten, Opfern, Sich-Töten und Sich-Opfern aus psychoanalytischer Sicht).
Inhalt
Sigmund Freud verglich die psychoanalytische Methode mit einer archäologischen Ausgrabung (Freud & Breuer, 1895). Er verstand unter Psychoanalyse weitaus mehr als eine »Redekur« zur Behandlung psychischer Störungen. Sein Interesse an Mythologie, Kunst und Literatur fand ihren Niederschlag in einer umfangreichen Bibliothek, einer stetig wachsenden Sammlung antiker Artefakte (Armstrong, 2005) und zahlreichen Abhandlungen (z. B. Freud, 1910; zusammenfassend Kaye, 2018). Er begründete damit nicht nur ein Behandlungsverfahren, sondern darüber hinaus eine (Kultur-)anthropologie. Im Laufe seines Lebens gewann das Interesse an anthropologischen und kulturwissenschaftlichen Themen zunehmend an Bedeutung.
Die Beiträge im vorliegenden Band stehen in dieser Tradition. Therapeuten finden hier weder Empfehlungen zur Behandlung traumatisierter Patienten, noch eine Beschreibung therapeutischer Konzepte. Biographische Anmerkungen zur Persönlichkeit von Schriftstellern und deren Einfluss auf ihr Schaffen ersetzen Fallvignetten, etwa wenn die Auseinandersetzung mit Schuld und Tod im Werk Dostojewskis oder die Leitmotive in den Geschichten Edgar Allan Poes auf ein frühes Trauma – den Tod eines Elternteils – zurückgeführt wird. Der Autor bezieht sich häufig auf die Werke Sigmund Freuds, zitiert aber auch die Schriften des posthum rehabilitierten Dissidenten Sándor Ferenczi.
Diskussion
Es liegt in der Natur der Sache, dass eine Sammlung wiederveröffentlichter Aufsätze mitunter den Bezug zu aktuellen Entwicklungen und Veröffentlichungen vermissen lässt und der eine oder andere Beitrag – beispielsweise Zur Psychoanalyse des Hauses – »das Thema verfehlt«. Das mag weniger ins Gewicht fallen, wenn die großen Klassiker der Weltliteratur interpretiert werden, (wenn auch Neuübersetzungen dieser Romane oftmals einen neuen unverstellten Blick auf Werk und Autor ermöglichen). Ein Aufsatz über Vampirismus aus dem Jahr 2005 – der vielleicht stärkste Beitrag im vorliegenden Band – jedoch lässt auf eine Aktualisierung hoffen: Was hätte der Autor zur Neuverfilmung des amerikanischen Regisseurs Robert Eggers zu sagen (siehe hierzu die Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2. Januar 2025)? Oder zur fulminanten Verfilmung von Jim Jarmusch (Only lovers left alive): zwei Vampire halten sich durch die Jahrhunderte die Treue, wollen nicht mehr töten, um zu »überleben« und müssen schließlich doch mit ihrem Vorsatz brechen. Die bereits vor der ersten Veröffentlichung des Beitrags vorliegenden Vampire Lectures (1999) des Literaturwissenschaftlers und Psychologen Laurence Arthur Rickels hat der Autor in seinen klugen Ausführungen nicht berücksichtigt – gerne würde man einem Austausch beider Autoren lauschen.
Die Texte sind keine »leichte Kost«. Vertrautheit mit psychoanalytischer Terminologie und Theorienbildung wird vorausgesetzt. Der Leser begibt sich in die Echokammer psychoanalytischer Konzepte (ein Psychoanalytiker zitiert einen Psychoanalytiker, der einen Psychoanalytiker zitiert, der …). Die Interpretationen des Autors folgen einem an freudianischer Anthropologie geschulten Blick auf Kunst und Kultur – nichts anderes verspricht der Titel dieser Sammlung.
Fazit
Die Lektüre der vorliegenden Sammlung wiederveröffentlichter Aufsätze des Psychoanalytikers Mathias Hirsch setzt Interesse an Mythen, Kunst und Literatur sowie Kenntnis psychoanalytischer Konzepte voraus. Die Beiträge decken ein breites Spektrum an Kunstgattungen und Werken ab. Obwohl aktuelle Entwicklungen und Veröffentlichungen nicht berücksichtigt werden, sind die Texte aufgrund der beeindruckenden Expertise des Autors mit Gewinn zu lesen.
Literatur
Armstrong, R. H. (2005). A compulsion for antiquity: Freud and the ancient world. Ithaca, NY: Cornell University Press.
Freud, S. & Breuer, J. (1895) Studien über Hysterie. Leipzig: Franz Deuticke.
Freud, S. (1910). Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. Leipzig: Franz Deuticke.
Kaye, H. L. (2018). Freud as a social and cultural theorist: On human nature and the civilizing process. Abingdon: Routledge.
Rickels, L. A. (1999). Vampire Lectures. Minneapolis, MN: University of Minnesota Press.
Rezension von
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Ralf Demmel
Dipl.-Psych.
Psychologischer Psychotherapeut (VT), Supervisor (VT)
Leitender Therapeut (v. Bodelschwinghsche Stiftungen Bethel)
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