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Esra Mutlu, Mahmoud Said: Musiktherapie

Rezensiert von Dr. phil. Oliver Schöndube, 09.10.2024

Cover Esra Mutlu, Mahmoud Said: Musiktherapie ISBN 978-3-8379-3205-8

Esra Mutlu, Mahmoud Said: Musiktherapie für Menschen mit arabischer Migrationsgeschichte. Eine Einführung in die Praxis. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2023. 120 Seiten. ISBN 978-3-8379-3205-8. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.
Reihe: Therapie & Beratung.

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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit der Musiktherapie für Menschen mit arabischer Migrationsgeschichte. Es ermöglicht einen sehr praxisbezogenen Einblick und beleuchtet in umfassender Weise die vielfältigen Perspektiven, die Einfluss auf diese Arbeit haben. Dazu gehören sachliche und fachliche Informationen ebenso wie Anregungen zu Selbstreflexion und kultursensibles sowie musikalisches Wissen.

Autor:in oder Herausgeber:in

Die Autor:innen Esra Mutlu, in Deutschland aufgewachsen, und Mahmoud Said, 2010 nach Deutschland immigriert, kennen sich aus ihrem Musiktherapie-Masterstudium. Sie arbeiten heute als Musiktherapeut:innen und sind mit jeweils unterschiedlicher Herkunftsgeschichte, mit vielfältigen Erfahrungen in den Bereichen Migration und Transkulturalität ausgerüstet.

Entstehungshintergrund

Ausgehend von seiner Masterarbeit hat sich Mahmoud Said mit Esra Mutlu zusammengefunden, um das vorliegende Handbuch zu schreiben, das zum Ziel hat, mittels einer Auseinandersetzung mit transkulturellen Inhalten eine kultursensible Musiktherapie zu ermöglichen. Durch die vielfältigen praktischen Bezüge, soll eine bestmögliche Behandlung für die betreffenden Klient:innen unterstützt werden.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zehn wiederum aufgefächerte Kapitel, in die auch die jeweiligen Erfahrungen und Schwerpunkte der beiden Autor:innen einfließen. Diese beleuchten insbesondere die Bereiche Musik, Gesellschaft, Migration und Psyche, die in die Konzepte von Kultursensibilität und Transkulturalität eingeflochten werden. Einen weiteren Schwerpunkt stellen Hinweise für die praktische Umsetzung im therapeutischen Kontext dar sowie eine umfassende Repertoiresammlung am Ende.

Inhalt

Die Einführung nimmt die Leserschaft direkt mit in den umfassenden Komplex rund um die Thematik. So wird deutlich, dass Globalisierung, Migration und Teilhabe unterschiedliche Seiten einer Medaille sind, für die, um sie auch mehrperspektivisch zu verstehen, transkulturelles Wissen notwendig ist. Daraus resultiert die umfassende Struktur und der weite Gebrauchsrahmen. Basis der Herangehensweise sind Konzepte der humanistischen Psychologie, Psychoanalyse und Tiefenpsychologie. Allein die Beschäftigung mit dem Kulturbegriff ist umfassend und lässt die Leser:innen immer wieder über die eigene Haltung nachdenken. Als Weiterführung von Kultur bezieht sich die Transkulturalität, insbesondere auf die Übergänge zwischen inneren und äußeren kulturellen Konzepten, die sowohl individuell als kollektiv sind. Den persönlichen Hintergrund eines jeden Einzelnen ansprechend werden immer wieder konkrete Anregungen zu Reflexion und Sensibilisierung gegeben, um eventuellen eigenen (unbewussten) Vorurteilen oder auch kulturellen Gewohnheiten auf die Spur zu kommen und sowohl eigene Prozesse als auch therapeutische Prozesse zu begleiten.

Entsprechend dem Titel der Veröffentlichung wird auf die Frage eingegangen, was „arabisch sein“ bedeuten kann, wobei zugleich vermittelt wird, dass eine solche Beschreibung immer auch eine verkürzte Darstellung ist und sich dahinter, wie generell bei der Frage nach Identität, immer noch eine weitere Komplexität und Differenzierung auftut, die im Einzelfall genau und respektvoll zu betrachten ist.

Die Autor:innen breiten ein weites Panorama aus, das sowohl den eurozentrischen Blick auf arabische Regionen deutlich macht, als auch hilfreiche Informationen zum Islam gibt.

Im dritten und vierten Kapitel erfolgt eine Einordnung der Musik und des Musikbegriffes im Islam. Dafür werden historische, kulturelle und religiöse Perspektiven eingebracht, sodass die Leserschaft einen umfassenden Einblick bekommt. Dazu verhelfen weitreichende Hinweise zu Musik, Musikentwicklung und überhaupt zu Grundlagen von arabischer Musik, im gesamten Spektrum von traditioneller, klassischer bis hin zu aktueller populärer Musik und ein Wissen um eine Vielzahl von traditionellen Instrumenten, inklusive Abbildungen.

Ab dem fünften Kapitel wird schließlich der Bezug zu den Themen Gesellschaft, Psyche und Migration genommen. Es werden kulturelle Traditionen und Haltungen deutlich, die im therapeutischen Kontext wichtig und hilfreich sein können. Ergänzend erfolgen einige Erläuterungen von Herausforderungen, die Migration mit sich bringen. Diese Darstellungen münden im siebten Kapitel in Ausführungen und konzeptuelle Gedanken zu einer kultursensiblen (Psycho-)Therapie, die potentielle Konflikte sowie Möglichkeiten ins Feld bringt, um eine kultursensible therapeutische Haltung bei der Leserschaft zu fördern.

Das zentrale achte Kapitel bezieht sich anschließend auf die Umsetzungsmöglichkeiten und Gelingensbedingungen für die musiktherapeutische Praxis. Es wird deutlich gemacht, wie eine kultursensible Haltung gelingen kann und wie konkret arabische Musikelemente, wie Lieder und deren Inhalte, Instrumente, Skalen oder Rhythmen, zum Einsatz kommen können, selbst wenn Therapeut:innen nur wenige eigene Erfahrungen auf diesem Gebiet haben. Hier verhelfen kurze Fallvignetten zu einem besseren Verständnis und machen darüber hinaus deutlich, welche gegenseitigen Möglichkeiten in einer respektvollen musiktherapeutischen Begegnung liegen, selbst wenn es (noch) keine gemeinsame Sprache gibt.

Die Autor:innen plädieren mit ihren Ausführungen für eine inter- bzw. transkulturelle Öffnung des Gesundheitswesens in einer sich immer weiter wandelnden Gesellschaft, mit all ihren Herausforderungen und Chancen.

Was braucht es beispielsweise, um die Möglichkeiten weiter zu verbessern, gesellschaftlich und persönlich? Welche Aspekte beinhalten Integration und wie kann sie wertvoll für alle gelingen? Solche und ähnliche Fragen führen zu einem abschließenden Fazit des Buches, das sich für Sensibilisierung, Etablierung von Ressourcenorientierung und Teilhabe in der Gesellschaft und damit auch im Gesundheitswesen ausspricht.

Anhängend wird noch eine übersichtliche Repertoiresammlung vorgestellt, die mittels ergänzenden Internet-Links bzw. direkt zugänglichen QR-Codes sehr praxisnah zu gebrauchen ist, sowie ein Glossar mit vielen wichtigen Begriffen.

Diskussion

Entsprechend dem Titel handelt es sich um eine Einführung in die Thematik. Dies bringt zum einen wichtige Aspekte an die Leserschaft, zum anderen wird immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig die Selbstreflexion sei, was sicherlich stimmt, was jedoch auch schon grundsätzlich zu einer therapeutischen Ausbildung gehören sollte. Möglicherweise drückt sich darin auch der Wunsch aus, die Leserschaft möglichst umfänglich mit in die Thematik hineinzunehmen und möglichen Vorurteilen entgegenzuwirken. Das Vertrauen in die Analyse des Inhaltes, aber auch seiner selbst, darf man den Lesenden vielleicht auch bereits im Voraus schenken. Auf der anderen Seite ist es seitens der Autor:innen sicher nicht leicht vorauszusehen, welche Voraussetzung die Leserschaft mitbringt, wenn sie eine solche Einführung liest. Als Leser:in wird man immer wieder eingeladen, sich über die Thematik hinaus auch mit der eigenen Haltung auseinanderzusetzen. Die vielfältigen Perspektiven machen deutlich, wie umfassend die Thematik ist, dass auf einem für viele möglicherweise unbekannterem Terrain eine detaillierte Sensibilisierung hilfreich und gewinnbringend ist. Auch wenn eine Einführung nicht alles in die Tiefe bringen kann, so öffnet sie jedoch dafür den Leser:innen ein weites Feld, macht neugierig und lädt zu weiterer persönlicher Beschäftigung mit einzelnen Schwerpunkten ein. Vielfältige kleine Fallbeschreibungen, die manchmal von etwas genauerer Beschreibung profitieren könnten, ermöglichen den Lesenden in jedem Fall, sich direkt eine konkrete Vorstellung für den praktischen Einsatz zu machen und eigene Erfahrungen auf eine mögliche Übertragung abzuklopfen. Große Stärke ist der starke Praxisbezug und auch die über die rein (musik-)therapeutischen Inhalte hinausgehende Anregung und Unterstützung darin, sich mit der Musik und Musikkultur des arabischen Raums und darüber hinaus zu beschäftigen. Auch das eigene (musikwissenschaftliche) Wissen um die arabische Musikkultur ist hilfreiches Instrument für die Praxis. Der Ausblick auf gesellschaftlich notwendige und hilfreiche Veränderungen im Gesundheitswesen und darüber hinaus unterstützt die Leserschaft darin, sich an der Zeichnung eines sich wandelnden Bildes aktiv zu beteiligen und sich sicherer in neue therapeutische Begegnungen hineinbewegen zu können.

Fazit

Über den Titel hinaus bietet das Buch einen bisweilen tiefgreifenden Einblick in die vielfältigen Umstände, welche die musik- und überhaupt psychotherapeutische Arbeit mit Menschen mit Migrationsgeschichte beeinflussen. Es regt in achtsamer und respektvoller Weise vielfach zur Selbstreflexion an und macht die Bedeutung einer transkulturellen Haltung sehr deutlich. Als eine weitere Stärke hält es für unerfahrenere Leser:innen eine große Repertoiresammlung bereit, die digital direkt zugänglich ist. Ebenso ist das Glossar am Ende ein hilfreiches Instrument. Lesenswert, sowohl für therapeutisch tätige Menschen, als auch für solche, die sich einfach näher mit der arabischen Musik(kultur) beschäftigen möchten. Ein hilfreiches, um neues Wissen bereicherndes und anregendes Buch für die Praxis.

Rezension von
Dr. phil. Oliver Schöndube
Dipl.-Musiktherapeut (DMTG), Heilpraktiker für Psychotherapie
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Es gibt 4 Rezensionen von Oliver Schöndube.

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ISSN 2190-9245